35. Jessica Lesotho – TEIL 1


Was zuvor geschah…

Ich kümmerte mich um Renesmee, um sie wenigstens etwas zu beruhigen, und fragte sie zugleich nach Jacobs Begleitung aus. Sie hatte einen starken Hass gegen sie entwickelt und vermutete sogar, dass Jacob sich in das Mädchen verliebt hatte. Er habe sich sehr verändert und treffe seine Entscheidungen womöglich nicht länger nur allein. Weil sie mir jedoch nichts davon wirklich versichern konnte und sie noch Zeit für sich brauchte, ließ ich sie mit dem Versprechen, Licht in dieses Dunkel zu bringen, allein und kehrte zu den anderen zurück. Carlisle hatte gefordert, dass sich jeder, der an den Vorfällen mit den Leichen beteiligt sei, dazu äußern sollte, doch niemand konnte das bejahen. Stattdessen machte Jasper eine ganz andere Ankündigung: er wollte, dass wir die Wahrheit über das Mädchen erfuhren.


Was hatte er da gerade gesagt? Ich versuchte, anhand der Reaktionen der anderen abzulesen, ob richtig war, was ich vernommen hatte. Doch niemand wagte, sich zu regen. Niemand konnte nachvollziehen, woher diese Behauptung gekommen war und wohin es uns führen würde. Ob es stimmen konnte. Ob es in irgendeiner Art und Weise mit all dem hier in Verbindung stand. Woher sollte er sie kennen? Und wenn, warum konnte er uns nicht warnen? Hatte er die Zeichen nicht erkannt oder sie nicht als die interpretiert, die sie waren? Wusste er womöglich mehr über die Umstände der Vertragsauflösung? Oder darüber, in welcher Verbindung Jacob und das Mädchen standen? Welche Verbindung hatte er selbst zu ihr? War er in irgendetwas verstrickt worden? War er vielleicht sogar in die Vorkommnisse, wie Jacob sie geschildert hatte, verwickelt? Kannte er deren Hintergründe? Oder war er möglicherweise der Ursprung all dessen?

Ich musste mich stoppen, bevor meine Gedanken Wege beschritten, die ich in diesem Leben nicht für existent geglaubt hätte. Und doch war es, als hätte ich erahnt, dass mehr hinter diesem Verhalten stecken musste. Hinter dieser undurchsichtigen Maske, der Verschwiegenheit und seiner Abwesenheit im vermeintlich wichtigsten Moment. Nur war wohl niemand hier der Ansicht, dass diese Situation vorhersehbar gewesen wäre. Rosalie und Emmet tauschten irritierte Blicke, Edward schien noch stärker in Gedanken versunken als ich, Esme hatte erneut vor Bestürzung die Hand vor den Mund geschlagen und selbst Carlisle schien für einen Moment die Worte abhanden gekommen zu sein. Nur Alice wirkte weniger verwundert oder sprachlos, vermutlich weil sie schon wesentlich länger darum wusste. Und wer sonst, wenn nicht sie, hätte ihm gut zu reden und ihn so dazu bewegen können, nun vor uns zu treten.

„Das kommt äußerst…überraschend, Jasper.", erklärte Carlisle in seinem üblichen geschäftlichen Ton, als käme diese Angelegenheit zwar unverhofft, wäre aber doch schnell und reibungslos zu klären. Je nachdem, welches Geständnis uns nun erwartete, glaubte ich jedoch nicht, dass es so sein konnte.

Jasper sah aus, als würde er es sich in Bälde anders überlegen und suchte nur noch nach der glaubwürdigsten Ausrede. Er wirkte unsicher und festgelegt zugleich, sah noch starrer und bleicher aus, als es bei einem Vampir sowieso schon der Fall war.

„Womöglich schon, ich – ", begann er, doch seine Stimme war brüchig und verlor sich irgendwo zwischen den trotz Härte verloren dreinblickenden Augen. Sie waren beinahe vollkommen schwarz und verhießen nicht nur deshalb nichts Gutes.

Nach einem stillen Austausch mit Alice, deren Enthusiasmus selbst einen Beinamputierten zum Gehen hätte bewegen können, fuhr er bestärkt fort: „Ich kenne sie. Ihr Name ist Jessica Lesotho."

Jess…Jessica. Jacob hatte sie bei ihrem Spitznamen genannt; der Zusammenhang war unbestreitbar. Ich wusste nicht, was ich erwartet hatte. Wahrscheinlich hatte ich für einen kurzen Augenblick gehofft, dass er sich irrte. Ihr Nachname war mir vollkommen unbekannt, doch er hatte etwas Klangvolles und war hörbar indianischer Herkunft. Es schien zu stimmen, dass sie eine von ihnen war, eine Gestaltwandlerin, ein Werwolf.

Jasper ballte die Hände zu Fäusten, doch als seine Stimme erneut erklang, hatte sie im Gegensatz dazu ganz und gar nichts Hartes, Gezwungenes, sondern war so leise und sanft, wie sie nur hätte sein können: „Es ist sehr lange her, dass ich sie das erste Mal traf. Zu schätzen, wie alt sie ist, wäre zu ungenau. Aber ich erinnere mich daran, als wäre es gestern gewesen…


Der Krieg unter uns Vampiren hatte längst begonnen und es war kaum mehr als ein Jahr vergangen, seitdem ich in Marias Armee eingetreten war. Ich muss euch nicht darüber berichten, was dort vor sich ging und wie all das für mich war. Ich brauche euch nicht von all den Gräueltaten unseresgleichen und vor allem von mir selbst zu erzählen, denn ihr wisst darum. …jedenfalls war es zu genau dieser Zeit. Der Kampf lief zum ersten Mal seit Beginn mehr als nur schlecht, wir hatten ein oder zweimal verloren und Maria war wütend. Sie ließ mich jeden Tag wissen, dass es so war, und an was es uns fehlte. Sie arbeitete schon länger an einer anderen Strategie, doch bisher verliefen ihre Gedanken und Vorstellungen gänzlich im Sand.

Aus Frust und Erfolglosigkeit erwartete sie, dass ich die Neulinge härter trainierte, doch dieses unerbittliche Kämpfen trieb uns nur weiter in den Ruin. Denn so starben allein beim Training mehr als die Hälfte unserer Krieger. Und auch ich ging in dieser Zeit mehrmals in meine Grenzen und darüber hinaus. Ich versuchte, Maria zu besänftigen und ihr vor Augen zu führen, welch große Verluste wir erlitten und dass falsche Anordnungen uns auf lange Sicht jede Chance versagen würden. Doch wie ihr wisst, war Maria sehr stolz, zu stolz um zu sehen, wie ernst es um ihre Existenz stand. Also bestand sie darauf, wie bisher vorzugehen.

Es starben noch weitere, unzählige Neugeborene; schneller, als wir hätten Neue heranschaffen können. Die Zahl stieg rapide an und kurz darauf beschloss Maria, auf die Jagd in fernere Gebiete zu gehen und neue Vampire zu erschaffen, die sich uns anschließen und den steigenden Bedarf decken würden. Dabei wollte sie besonders auf erlesene, starke Menschen setzen, die uns nicht nur im körperlichen Kampf von Nutzen wären. Noch bevor sie ging, wies sie mich an, die von nun an neu zu uns stoßenden Vampire noch besser und häufiger zu trainieren. Sie hatte Erzählungen gehört und wollte nun in Erfahrung bringen, ob diese der Wahrheit entsprächen. Denn aufgrund dessen hätte sie eine Theorie entwickeln können, mit der es uns möglich sein würde, den in Kürze anstehenden nächsten Kampf ebenso überlegen zu gewinnen, wie sie es eigentlich gewohnt war.

…ihr wisst ebenfalls, dass ich alles daran gesetzt hätte, Marias Erwartungen zu erfüllen und, soweit es mir möglich war, sie sogar zu übertreffen. Doch sie weihte mich nicht, wie üblich, in ihre Überlegungen ein, und reiste ohne weiteres ab. Ihre Rückkehr jedoch ließ länger auf sich warten, als sonst, und auch keine Neulinge erreichten uns…bis Maria eines nachts dann erschien. In ihrer Begleitung war keine Armee, kein Dutzend an starken Nachkömmlingen ihrer Linie. Es waren lediglich einige wenige, die man an zwei Händen abzählen konnte. …und da war ein Mädchen etwa meines Alters: dieses Mädchen.

Es gehörte immer zu meinen Aufgaben, unsere Strategie voranzubringen und Maria in dieser Hinsicht zu beraten, doch ihre weiteren Pläne ergaben sich ohne mein Zutun und auch ohne, dass sie meinen Rat gewollt hätte. Denn sie war der Ansicht, dass es nichts weiter außer diesem Mädchen bräuchte, und dass von nun an jeder Sieg der unsere wäre. Es gab keine Beweise für ihren Glauben, sie weihte mich jedenfalls in keinerlei ein, und viele begannen, sie angesichts dessen für verrückt zu erklären. Niemand kannte das Mädchen, und niemand wusste, woher sie kam oder was sie war. Es schien offensichtlich, dass sie sich grundlegend von all unseren anderen neugeborenen Kämpfern unterschied. Sie war sehr wohl jung und unerfahren und ich sollte sie ebenso im Kampf unterrichten, wie alle anderen. Doch sie hatte keine blutroten Augen, war nicht bleich oder kalt, und hatte, wie sich auch für mich bald herausstellte, für ihre Jugend einen schneidend scharfen Verstand.

Maria verlangte, dass ich Einzelstunden mit ihr nahm, um alles aus ihr herauszuholen, denn sie würde uns schließlich den Erfolg bringen. Aber ich betrachtete dieses Mädchen mit Misstrauen und Argwohn, nicht zuletzt, weil sie ab sofort Marias höchste Aufmerksamkeit genoss. Ich konnte nicht glauben, dass dies die außergewöhnliche Theorie war, die uns zum Erfolg und zur Herrschaft über die gesamten Südstaaten führen sollte. Wenigstens folgte sie meinem Drängen, wenn auch widerwillig, und brachte mir weiterhin Scharen an Neugeborenen. Es verschaffte mir mehr Arbeit, doch es sicherte womöglich auch das Fortbestehen der Armee, wenn Marias so ungewöhnlicher Plan nicht aufgehen sollte.

Unterdessen entwickelte sich eine Missgunst gegen das Mädchen, eine Abneigung, die wohl jeder spürte, doch nicht wirklich erklären konnte. Weil sie merklich anders war, anders handelte und weil ohne erkennbaren Grund Marias ganze Hoffnung auf ihr ruhte. Sie war ihr Liebling, und hatte mir diesen Rang binnen weniger Tage abgelaufen. Gewiss, sie machte schnell Fortschritte, war beherzt bei der Sache und erlernte Kampftechniken beinahe schneller, als ich sie sie lehren konnte. Ihre strategischen Fähigkeiten waren nicht weniger beeindruckend. Und doch hatte sie sich durch Aberglaube und aufgrund ihres plötzlichen Auftauchens den Spitznamen ‚Teufelsmädchen' verdient. Während jedoch alle sie verabscheuen und ignorieren konnten, war ich gezwungen, mit ihr auszukommen. Ihre Begabung und mit welcher Perfektion sie die Dinge in Angriff nahm, beeindruckten mich ebenso, wie ich sie dafür hasste, weil ich sie beneidete. Ihre Trefferquote überbot all meine anderen Schüler, sie hatte kaum Verletzungen zu verzeichnen oder grobe Fehler. Sie schlug mich in immer mehr Kämpfen, und bald wandelte sich meine Abneigung in Neugierde. Ich versuchte, ihre Herkunft zu erfragen und wie sie solch enorme Kräfte erhalten hatte, denn ich konnte mir diese Ausnahme zwischen all den unzähligen Anderen nicht erklären. Aber nie schaffte ich es, sie zum Sprechen zu bringen. Vielleicht, weil sie ahnte, dass es mich nach ebensolchen Kräften dürstete und ich sie mir auf dieselbe Weise beschaffen könnte. Vielleicht behielt sie ihre Geschichte des eigenen Wohls zuliebe geheim…so zumindest vermutete ich damals. Also begnügte ich mich vorüberhegend damit, sie noch unfehlbarer zu machen, als sie es sowieso schon war. Sie war meine Schülerin und ich genoss, dass mir der Ruf des kundigen Lehrers vorauseilte.

Denn von da an gewannen wir jede Schlacht, genauso wie Maria es vorausgesagt hatte, und stiegen so binnen weniger Monate zur gefürchtetsten Streitmacht von allen auf. Nach außen hin schienen wir ein normales Heer wie jedes andere zu sein, was uns den Vorteil einbrachte, dass wir häufig unterschätzt wurden. Auch unsere strategische Vorgehensweise hatte sich im Wesentlichen nicht geändert. Nur für den Fall, dass ein starker Gegner zu erwarten war und Maria fürchtete, dass sich unsere Zahl spürbar dezimieren könnte, setzte sie ihre mächtigste Waffe ein. Eine Waffe, die uns jedes Mal, ausnahmslos, den Sieg brachte."