36. Gegenstücke – TEIL 2
Was zuvor geschah…
Jasper weihte uns in sein Wissen über das Mädchen ein, das er als Jessica Lesotho kannte. Er hatte sie zu Zeiten der Neugeborenenkämpfe kennengelernt, sie trainiert und Interesse für ihr Können entwickelt. So fand er heraus, dass sie eine Gabe besaß, etwa einem Schutzschild ähnlich und mit gewissem Zugriff auf die Gaben anderer, und dass sie ein Mischwesen aus Vampir und Werwolf war – ein Hybrid. Folglich entstand eine hitzige Debatte darüber, wie weiter verfahren werden sollte und ob die Ursachen der Vertragsauflösung oder doch die Ergründung der von dem Mädchen ausgehenden Gefahr höhere Priorität besaßen. Als Jasper es für möglich hielt, dass das Mädchen womöglich sogar Blut trank, keimte in mir der Verdacht auf, dass sie hinter all den Morden steckte. Die einzige Möglichkeit, das herauszufinden, war durch ein persönlichen Gespräch mit einer Vertrauensperson. Und so brachen Emmet, Edward und ich auf, um Seth zur Rede zu stellen.
Als die Sonne ihren höchsten Punkt erreichte, überquerten wir in geschlossener Formation die Grenze zum Gebiet der Quileute. Die Umgebung war ruhig, niemand schien in der Nähe und unsere wohl einzige Möglichkeit, die Ursache all dessen weiter zu ergründen, war gekommen. Es hatte sich trotz aller Zweifel, trotz allen Überlegens und Zögerns keine weitere Lösung ergeben. Schweren Herzens hatte Carlisle unserem Vorhaben zustimmen müssen, wenn auch einen Tag später, als es vorgesehen war. Er hatte darauf bestanden, dass wir alle uns zuvor stärkten, und so hatten wir uns fernab jeglicher Zivilisation mit einigen wenigen mageren Rehen begnügen müssen, nur um sicher zu gehen. Außerdem hatte Carlisle mehrmals und deutlich betont, dass kein Risiko eingegangen werden durfte und dass er erwartete, dass wir flohen, statt zu kämpfen. Natürlich war das Letzte, was ich wollte, ein Kampf. Nicht nur, weil ich fürchtete, dass jemand von uns verletzt wurde, sondern auch, weil ich niemanden von ihnen verletzen wollte. Sie waren trotz allem nicht unsere Feinde. Deshalb zog ich es vor, es gar nicht erst bis zu einer Auseinandersetzung kommen zu lassen.
Den ganzen Weg von der Grenze bis zum Haus der Clearwaters begegneten wir niemandem, nicht einer Menschenseele. Ich hielt es für ungewöhnlich, dass kein Wolf auf Streife war oder wenigstens ein paar Stammesmitglieder im Wald zugegen waren, doch meine Einwände trafen bei Edward und Emmet auf sturen Widerstand. Edward meinte, es wäre nur zu unserem Vorteil, aber mir erschien es, als wäre das glatte Gegenteil der Fall. Wenn uns schon verboten wurde, ihr Land zu betreten, weil sich ein mordendes Etwas herumtrieb, dann bewachten sie es doch auch, oder nicht? Jedenfalls hätten sie es früher getan, als Sam die treibende Kraft und Anführer des Rudels gewesen war. …wahrscheinlich konnte ich mich auch deshalb nicht gegen das ungute Gefühl wehren, das sich zunehmend in mir ausbreitete, weil ich Jacob nicht für weniger engagiert hielt. Irgendetwas stimmte nicht. Und wenn ich damit recht behielt, dann waren wir alle zum Tode verurteilt. Aber daran durfte ich nicht denken.
Edward, der die Ruhe in Person war, klopfte dreimal kurz an die Tür und trat dann etwas zurück. Ich stand halb hinter ihm, Emmet war weiter auf Abstand gegangen, um auch die Umgebung im Blick zu haben. Vorsichtshalber fühlte ich nach meinem Schutzschild, doch es war da, und so legte ich es über uns drei, nur zur Sicherheit. Nur für den Notfall, der hoffentlich nicht eintreten würde. Ich wollte mich gerade umsehen, ob Emmet auch sicher innerhalb des geschützten Bereichs stand, da wurde die Tür geöffnet. Aufgerissen wäre jedoch die bessere Wortwahl gewesen.
„Hallo.", begrüßte Edward Seth, der zwar noch immer kleiner als er war, aber wohl dennoch einen außerordentlichen Wachstumsschub hinter sich hatte. Als ich ihn das letzte Mal sah, war er noch der kleine Seth gewesen, dem Jacob den Kopf tätschelte und der ihn für sein Leben gern aufzog. Doch im Gesicht dieses Mannes erkannte ich lediglich entfernt die Züge des jungen, kindischen Seth Clearwater. Seine vertrauten Augen spiegelten Überraschung wider, doch nur für einen kurzen Moment. Dann setzte er eine unbewegte Miene auf, während er mich und Emmet immer wieder mit flüchtigen Blicken bedachte. Unvermittelt fragte ich mich, was er wohl dachte, und was es bedeuten konnte, dass er so ruhig und verschlossen wirkte. Ob Edward seine Gedanken hörte?
„Wer ist da?", kam es von oben, noch bevor Edward etwas hätte sagen können: „Alles in Ordnung?" Ich zuckte merklich zusammen und verfluchte mich zugleich dafür. Diese Stimme kam mir bekannt vor, doch erst als Leah im Türrahmen hinter Seth auftauchte, war mir klar, dass sie zu ihr gehören musste. Beide hatten sich sehr verändert, waren so erwachsen geworden und mir gleichzeitig so fremd. Seths Antwort kam nicht, stattdessen starrten uns nun beide aus Augen an, die nicht mehr Misstrauen hätten ausstrahlen können.
„Seth, geh nach oben.", forderte Leah, doch er blieb, wo er war. Ihre Stimme verriet weniger, als ihre kaum ersichtlich zitternden Hände. Ob das von Aufregung oder Wut herrührte, ließ sich nicht beurteilen. Beide schienen ebenso wenig zu wissen, wie mit dieser Situation umzugehen war, wie wir.
„Ich sage es dir nur ein Mal."
Ihre Stimme war nun nicht mehr als ein Flüstern. Seth jedoch blieb, wo er war. Also drängte sie sich neben ihn, ohne die Tür auch nur einen Zentimeter weiter zu öffnen. Sie beide waren gleich groß, und im Licht wirkte Leah so viel schöner, als ich sie in Erinnerung hatte. Das einzige Wolfsmädchen, eine Außenseiterin unter all den anderen, hatte immer einen strengen Gesichtsausdruck bewahrt und wenige ihrer Gefühle preisgegeben. Nun war sie nicht länger allein und es schien ihr gut zu tun.
„Was wollt ihr?", fragte Seth mit einer Stimme, die mir noch fremder war als sein Aussehen. Wie war er nur in so kurzer Zeit so erwachsen geworden?
„Ich möchte mit dir sprechen, Seth, ganz in Ruhe."
Seths Blick streifte erneut mich und Emmet, Leahs Mundwinkel zuckte. Sie trauten uns nicht. Zugegebenermaßen gab es auch keinen triftigen Grund dafür, weshalb sie es tun sollten.
„Allein.", fügte Edward hinzu und nun wandte Seth leicht den Kopf. Leah verneinte seine stumme Bitte, doch er machte Anstalten, dennoch auf Edwards Anfrage einzugehen.
„Seth, nein."
Sie fasste ihn am Unterarm, wie um ihn zurückzuhalten, als könnten allein ihre Worte nicht genügend an Autorität ausdrücken. Sie traute uns keinen Zentimeter über den Weg, aber wer konnte es ihr auch verübeln? Wenn ich von mir ausging, dann galt für sie genau das gleiche. Und obwohl Seth ebenso abgeneigt wirkte, rebellierte er gegen seine Schwester und ging darauf ein: „Eine Minute. Hier. Du kannst vor uns beiden sprechen." Leah wirkte einen Moment überrascht, dann ließ sie ihn los. Edward nickte. Carlisles Bedingung, sofort aufzubrechen, wenn Leah ebenfalls da war, schien niemanden mehr zu interessieren. Es wäre unklug, sich diese Gelegenheit entgehen zu lassen.
„Warum habt ihr den Vertrag aufgelöst?"
Es war die direkteste Frage, die er nur hätte stellen können. Leah schnaubte verächtlich, und Seth sah aus, als wollte er lächeln: „Weil es ein Fehler war."
„Ein Fehler?", echote Edward, und schüttelte widerstrebend den Kopf: „Wir sind Verbündete, Freunde. Familie. Es war die beste Entscheidung, unsere Seiten zu einen. Das war auch immer dein Wunsch, oder nicht?"
„Ich war jung und naiv, ich habe die Wahrheit nicht erkennen wollen."
Die Wahrheit? Welche Wahrheit? Glaubten sie tatsächlich, dass wir Menschen töteten, unschuldige Menschen, Quileute, und das auch noch auf ihrem Gebiet?
„Es ist nicht die Wahrheit, Seth. Das darfst du nicht glauben. Wir haben uns keinem dieser Vorfälle schuldig gemacht.", beteuerte Edward, aber seine ehrlichen Worte prallten an Seths und Leahs Fassade ab.
„Irgendwie war mir klar, dass ihr das behaupten würdet…was habe ich auch erwartet. Früher habe ich euch blind vertraut, aber jetzt nicht mehr. Es gibt Beweise, und deshalb spielt es überhaupt keine Rolle, was du jetzt hier sagen willst. Es war eine gemeinsame Entscheidung, und selbst wenn ich etwas dagegen hätte – was ich, und ich bin stolz, das sagen zu können, nicht habe -, dann wäre das egal. Ich befolge Befehle, die von vertrauenswürdigen Personen kommen und die auf tatsächlichen Wahrheiten beruhen."
Er sprach, als würde er all das irgendwo von einer Leinwand ablesen, die sich zwischen den Bäumen hinter uns befand. Wenn er es auch mit eigenen Worten sagte, wirkte all das doch merkwürdig einstudiert. Und mir war auch recht schnell ein Gedanke gekommen, wer so vertrauenswürdig war und Wahrheiten streute.
„Es sind die falschen Befehle.", beharrte Edward: „Du kannst ihr nicht vertrauen, Seth, und du kannst auch Jacob nicht länger vertrauen. Du weißt nicht, wer das ist." Ein kurzes, hysterisches Lachen erklang neben Seth und ließ uns alle innehalten. Leah verschränkte die Arme vor der Brust und trat näher: „Oh, wir wissen ziemlich genau, wer sie ist." Währenddessen ich noch überlegte, was daran auch nur annähernd amüsant war, sprach Seth für sie weiter.
„Sie ist unsere Schwester, sie beide sind das. Und ihr seid eine Horde verdammter Blutsauger. Sag mir, wem würdest du eher trauen?"
Mein Schutzschild entglitt mir, nur wegen eines einzigen Wimpernschlages der Unaufmerksamkeit. Ich versuchte, mich erneut darauf zu konzentrieren, schaffte es jedoch nicht, währenddessen ich seine Aussage abwog. Wovon sprach er da? Redeten wir über ein und dieselbe Person?
„Von wem sprichst du?", drängte ich, weil Edward schwieg. Er schien seine Antwort bereits erhalten zu haben, doch fand keine Worte dafür. Ich berührte Edwards Hand, sah ihn an, in der Hoffnung, etwas aus seinen Zügen lesen zu können. Doch alles, was daraus sprach, waren Unglauben und Schrecken. Bevor ich jedoch erneut zu ihm sprechen konnte, offenbarte er sich mir: „Sie hat eine Schwester. Es sind…Zwillinge."
