37. Zerrissen – TEIL 1


Was zuvor geschah…

Um mehr über Jacobs Entscheidung, den Vertrag aufzulösen, und die Verhältnisse innerhalb der Rudel sowie das Mädchen als potentielle Gefahr herauszufinden, brachen Emmet, Edward und ich auf, um Seth zur Rede zu stellen. Jedoch war Leah ebenfalls zugegen und hätte uns sogleich wieder fort geschickt, hätte Seth nicht stur dagegen gehalten. Seth betitelte den Vertrag als einen Fehler und erklärte, dass er inzwischen die Wahrheit über uns erkannt hätte. Als Edward versuchte, ihn zu überzeugen, dass er der falschen Person vertraute, erwiderte Seth nur, dass es genau richtig war, ihnen beiden zu vertrauen – dem Mädchen und seiner Schwester, ihrem Zwilling.


Als die Bedeutung von Edwards Worten endlich in meinem Verstand fruchtete, brauchte ich dennoch einen weiteren Moment, um nachzuvollziehen, was das bedeuten konnte. Denn stattdessen, dass es reichte, dass ein Wesen mit Kräften unbekannten Ausmaßes meine Freunde, Familie und beinahe alle Menschen bedrohte, die ich kannte und liebte, und noch dazu wesentlichen Anteil daran besaß, dass meine Tochter den schlimmsten Schmerz erleiden musste, den ein so junges liebendes Herz ertragen könnte… Stattdessen sorgte diese Nachricht wohl nur dafür, dass sich die Zahl der negativen Begleiterscheinungen all dieser Dinge exponentiell in schier unergründliche Weiten erhöhte.

Nein, so weit würde es nicht kommen. Ich verbot mir jeden weiteren Gedanken daran, denn all das machte es nicht besser. Ich durfte nicht daran verzweifeln, was noch in weiter Ferne oder vielleicht gar außerhalb des tatsächlich Möglichen tag, sondern musste die Wahrheit ergründen, wie sie war. Das Mädchen, das laut Jasper so viel mehr Macht besaß, als ein gewöhnlicher Vampir oder Werwolf, hatte eine Schwester. Mehr noch, einen Zwilling. Es war naheliegend, dass beide einander weitgehend glichen, sei es nur äußerlich oder gar in Bezug auf ihre Fähigkeiten. Das galt es zu ergründen und auch, ob diese Tatsache sie zu unseren Feinden oder doch Freunden machen konnte.

„Ihr wisst gar nichts.", spie Leah mit einem überlegenen Grinsen, das mehr Abfälligkeit ausdrückte, als ohnehin schon ihr Auftreten. Edward schien wieder zu sich zu kommen, oder war gerade dadurch wachgerüttelt worden: „Und was ist damit, was sie tut? Ist das egal?" Er hatte wohl eine neue Strategie entwickelt, um Seth auf seine Seite zu ziehen. Wollte er den Verdacht gezielt auf das Mädchen lenken, ohne zu wissen, ob sie etwas damit zu tun hatte?

„Ihr behauptet zu wissen, wer sie ist. Aber diese Vorfälle, diese Morde, haben nichts mit uns zu tun. Und so viele weitere Möglichkeiten gibt es da nicht."

Seth machte ein Gesicht, als wäre ihm noch nicht bewusst, was Edward damit sagen wollte, doch Leah schien sehr wohl zu verstehen: „Elender Lügner!" Ein tiefes Knurren, das ihrer zarten Gestalt ganz und gar nicht entsprach, entkam ihrer Kehle und sie machte eine ruckartige Bewegung nach vorn. Ich war bereits auf dem Sprung, um Edward zurückzuziehen, und griff gleichzeitig nach meinem Schutzschild. Selbst Emmet, der einige Meter entfernt stand, näherte sich spürbar. Doch da hielt Seth sie mit dem Arm zurück. Er wirkte gefasst, doch auch seine Hände zitterten inzwischen.

„Es wird niemals wieder so sein wie früher.", sagte er leise, warnend: „Ihr habt unser Vertrauen nicht verdient, und somit auch nicht unsere Freundschaft. Und so macht ihr es nicht besser. Geht jetzt, ihr seid hier nicht willkommen." Sein Blick war eisern, während in Leahs Augen ein Feuer loderte, das jeden Moment auszubrechen drohte, um alles in Staub und Asche zu verwandeln. Ich hatte nicht vor, hier und heute über irgendjemandes Leiche zu steigen, und ich wollte auch nicht so leichtsinnig riskieren, dass es überhaupt in diese Richtung hin ausartete. Unser Versuch war gescheitert. Seth war nicht mehr der, der er gewesen war, und er würde uns nicht unterstützen. Wir konnten ihn nicht erreichen. Nur Edward schien das nicht aufzugehen: „Seth, ich will dir helfen! Das hier bist nicht du. Du hast dich verändert…vielleicht tust du all das auch nur, weil es dir so befohlen wurde. Aber du weißt, dass ich dich schätze, das habe ich immer getan. Ich würde dich nicht belügen. Und ich werde dafür sorgen, dass du wieder zu dem guten Freund wirst, der du für mich warst." Das war übertrieben und es war vermutlich sogar dumm, so weiterzumachen. Edward schien nicht zu merken, dass wir keine Chance bei ihm hatten, zumindest nicht auf diese Art und Weise. Oder aber er hatte etwas in Seths Kopf gehört, das ihn glauben ließ, er wäre uns weniger abgeneigt, als er verlauten ließ.

„Komm auf unsere Seite, Seth. Komm mit uns in Sicherheit, und ich verspreche dir, wir finden eine Lösung für das hier."

Ich bedachte Edward mit einem Seitenblick, der mir einerseits verraten sollte, was genau er vorhatte, und andererseits dazu diente, ihm verständlich zu machen, dass er hiermit womöglich eine Grenze überschritt. Seth schüttelte den Kopf und Leah schnaubte, doch diesmal war es anders. Ihr Ausdruck war undefinierbar und schüchterte mich dennoch, oder gerade deswegen, ein. Als Seth daraufhin sprach, schwang in seiner Stimme eine kaum unterdrückte Wut mit: „In Sicherheit? Du sprichst mit mir wie mit einem dummen, kleinen Jungen, der keine Ahnung von gar nichts hat. Aber da irrst du dich. Ich weiß, was ich tue, und ich weiß, dass es das Richtige ist. Nicht, weil es Jacob sagt oder irgendwer anders, sondern weil ich es fühle." Ich war mir ziemlich sicher, dass dieses Gefühl nichts weiter war, als die Gehirnwäsche eines wahrhaft außergewöhnlichen Mädchens. Seth erhob die Hand, und ich machte mich für einen Angriff bereit, doch er legte sie auf seine Brust.

„Gefühle, Edward. Das ist etwas, wovon ihr Blutsauger nichts versteht. Weil ihr kalte, tote Steinkörper habt und euch deshalb scheißegal ist, was auf dieser Welt und mit uns Lebenden geschieht. Ihr schert euch einen Dreck darum, ihr benutzt uns und ihr tötet uns. Aber das lassen wir nicht zu, nicht mehr.", mit jedem Wort schien er lauter und sicherer zu werden in dem, was er sagte: „Sie hatten recht mit allem, das sehe ich jetzt. Ich habe daran gezweifelt und das war falsch von mir, aber ich kann es wieder gut machen. Ich werde mein Rudel und meinen Alpha stolz machen, indem ich euch hier und jetzt vernichte." Ich hatte kaum begriffen, was er sagte, und dass es zu spät war für weitere Überredungsversuche oder Strategien, da ließen sie dieser Drohung Taten folgen. Ich wollte laufen, rennen, und keinen einzigen Blick mehr zurückwerfen, doch als ich mich wegzudrehen versuchte, packte Leah mein Handgelenk mit einem Griff aus Stahl und riss mich hart zurück. Mir entwich ein überraschtes und hilfloses Keuchen, doch Edward konnte mich gerade noch auffangen und verhinderte damit, dass ich zu Boden stürzte. Er legte eine Hand in meinen Rücken, wollte mich zum Gehen bewegen, doch ich war wie benebelt und nicht schnell genug. Als ich erneut stolperte und fiel, geriet ich beinahe zischen Leahs messerscharfe Zähne. Sie hatte sich bereits verwandelt, und ich riss erschrocken die Augen auf, als sich ihr gewaltiges Gebiss nur Zentimeter vor meinem Gesicht wie der Schlund eines Urzeitmonsters auftat. Edward fasste meine eine Hand, Emmet meine andere und so schafften wir es, wenigstens das kurze Stück bis zum Waldrand zu überbrücken. Zwischen den Bäumen trennten wir uns, schlugen den schnellsten Weg in Richtung Grenze ein und liefen wortwörtlich um unser Leben. Verfolgt vom immer währenden Aufstampfen schwerer, fester Pfoten versuchte ich, mein Tempo wenigstens zu halten, wenn ich es schon nicht erhöhen konnte. Doch Schnelligkeit war keine meiner Stärken, und als erneut ein tiefes Grollen nur knapp hinter mir erklang und von allen Seiten widerzuhallen schien, konnte ich nicht anders als einen Blick zurück zu werden. Leah war direkt hinter mir und ich erinnerte mich, dass Jacob einmal gesagt hatte, sie wäre sie Schnellste unter allen Wölfen. Es war der falsche Zeitpunkt, um darüber nachzudenken, aber das musste ich auch gar nicht. Denn sie war tatsächlich schnell, schneller als ich es mir je hätte ausmalen können. Mein Kopf flog nach vorn und die Grenze, der Fluss, tat sich vor meinen Augen auf. Vor Freude, beinahe in Sicherheit zu sein, musste ich wohl vergessen haben, dass bis dorthin noch eine gewisse Strecke zu überbrücken war. Zu viel, wie sich herausstellte, denn als ich mich erneut umsehen wollte, verhedderte sich mein Bein und ich knallte mit dem Kopf zu Boden. Die Hände auf weiches Moos gestemmt und den Blick auf Edward und Emmet geheftet, die in diesem Moment den Fluss übersprangen, bemerkte ich, dass ich nicht von selbst gefallen war: etwas hatte mich nach hinten gerissen und mich ruckartig abgebremst. Alles drehte sich und mir wurde schwindlig, als wäre ich in Mitleidenschaft gezogen worden, da erkannte ich, dass Leah ihre Reißzähne in meine Haut gebohrt hatte. Wo es sonst bei Sonneneinstrahlung diamantartig schimmerte, klaffte nun eine trockene und zerfurchte Wunde, die mehr einer Felsklippe ähnelte als jeder menschlichen Gliedmaße. Und einige Meter weiter, neben Leah, die bei ihrem Manöver wohl ebenfalls gefallen war, lag der Rest meines ehemals makellosen Beins. Leblos, bleich und gebröckelt wie spröder Stein. Meine einstudierten Atemzüge blieben aus, meine Gedanken überschlugen sich. Ich wusste schlichtweg nicht, was zu tun war.

Doch jemand anderes nahm mir jede Entscheidungsgewalt, denn beinahe gleichzeitig stürzten sich sowohl Seth, als auch Edward auf mich. Sie kollidierten, rangen miteinander und mehrmals drohte Edward, zwischen Seths gewaltigem Kiefer zu verschwinden. Ich versuchte, etwas weiter zu kriechen und mich so aus der Gefahrenzone zu bugsieren, da tauchte Emmet in meinem Sichtfeld auf und kniete sich neben mich. Er fasste meine Arme und zog mich nach oben, aber das war ein Fehler. Leah war bereits wieder zur Stelle und fing mit ihrer riesigen Pranke nach ihm. Ich duckte mich darunter hinweg, Emmet jedoch wurde mitgerissen und schlug in den nächsten Baum ein wie eine abgefeuerte Gewehrkugel. Der Stamm ächzte, stürzte ein und begrub ihn unter sich. Ich war schutzlos, schon wieder. Als sich Leah über mir aufbaute, und in ihren Augen nichts als blanke Wut zu lesen war, war da nichts, das ich hätte tun können. Sie schlug mit den Zähnen nach mir, ich rollte mich zu Seite, da stoppte sie mich mit ihren Krallen in meinem Arm. Als sie erneut zubeißen wollte, erwischte sie etwas am Kopf, doch es reichte nicht aus. Emmets Gegenschlag, der von Edward, dessen Stimme wie von ganz weit weg zu kommen schien, knapp und eher missbilligend kommentiert wurde, sorgte nur dafür, dass Leah zur Seite taumelte und mich unter ihrem massigen Wolfskörper begrub. Ich wurde in den Waldboden gedrückt, konnte nicht sagen wo oben und unten war oder wo ihr mausgraues, dichtes Fell aufhörte und ich anfing, aber ich war vollkommen bewegungsunfähig. Einen Menschen hätte sie zweifellos zerquetscht, doch ich war zäh genug, um sogar zu versuchen, sie von mir wegzustemmen. Unter normalen Umständen hätte ich das vielleicht sogar geschafft, nur schickten mir die Dunkelheit um mich herum und ein wildes Durcheinander von dumpfen Stimmen widersprüchliche Signale. Ich wusste nicht, wo ich ziehen, drücken oder schieben sollte. Also schrie ich, fauchte und versuchte, sie ebenfalls zu beißen, doch was ich erwischte waren nur Fell und Tannennadeln. Einen kurzen Moment wurde es hell um mich herum, dann erwischte mich ein plötzlicher Schlag, scharfe Krallen streiften mich und ich versank erneut in Schwärze. Ich fühlte mich benommen, obwohl das gar nicht möglich war, und mein Verstand begriff nur langsam, was das hier für mich bedeuten könnte.

„Edward…", krächzte ich, da ertönte ein ohrenbetäubendes Krachen.