37. Zerrissen – TEIL 2


Was zuvor geschah…

Um mehr über Jacobs Entscheidung, den Vertrag aufzulösen, und die Verhältnisse innerhalb der Rudel sowie das Mädchen als potentielle Gefahr herauszufinden, brachen Emmet, Edward und ich auf, um Seth zur Rede zu stellen. Doch das Gespräch verlief in den falschen Bahnen, Leah – die ebenfalls da war – und Seth vertrauten uns nicht und reagierten umso aggressiver auf Edwards Behauptungen bezüglich des Mädchens, das nun so überraschend noch einen Zwilling hatte. Schließlich reizte er unser Glück zu sehr aus, sodass sich Seths und Leahs plötzlich abgrundtiefer Hass auf Vampire über uns entlud: sie verwandelten sich und verfolgten uns, währenddessen wir zu fliehen versuchten. Nicht weit von der Grenze entfernt holten sie uns jedoch ein, ich wurde überwältigt, verlor ein Bein und schließlich auch das Bewusstsein.


„Wo ist Edward?"

Meine Stimme war schwach. Genauso, wie ich mich fühlte. Nachdem man mich niedergerungen hatte, war alles so schnell gegangen. Ich war verwirrt, hätte nicht sagen können, was dort im Wald passiert war. Alles, was mich interessierte, war, ob Edward und Emmet es geschafft hatten. Aber Carlisles Antwort war selbsterklärend: „Nebenan." Ich lächelte, obwohl es mitnichten einen Grund dafür gab. Wir waren zurück, irgendwie hatte er mich zurückgebracht und somit auch Emmet. Ich konnte mir nicht erklären, wie er Seth und Leah unter Kontrolle hätte bringen können. Sie wirkten übermächtig, auch wenn sie in der Unterzahl waren.

Carlisle legte mir seine Hand auf und gab mir allein damit Sicherheit. Es wirkte sogar etwas beruhigend auf mich, obwohl es so vieles gab, das mich im Moment beunruhigen sollte. Ich seufzte, aber als ich versuchte mich aufzusetzen, wandelte es sich in ein Stöhnen. Irgendetwas stimmte nicht, nur bemerkte ich es erst, als ich seinen Blick einfing.

„Was ist passiert?"

Meine eigentliche Frage war, was mir passiert war. Aber ich schaffte es nicht, so direkt darauf einzugehen. Ich war nicht wichtig, mein Körper war nicht wichtig. Er war fest und unbeugsam, so hart wie Diamant, er hielt einiges aus. Und dennoch war ich nun verunsichert. Als ich mich weiter aufsetzen wollte, hielt Carlisle mich zurück und so sank ich wieder auf mein Bett. Erst jetzt bemerkte ich, dass wir im Schlafzimmer des kleinen Häuschens waren, das man Edward und mir geschenkt hatte, und dass niemand anderes hier war.

„Du solltest dich beruhigen, Bella, und dich noch etwas ausruhen. Es wird alles gut werden. Ihr hattet noch Glück, es hätte weitaus Schlimmeres passieren können. Edward und Emmet sind unverletzt.", erklärte er und ich filterte den Bestandteil heraus, der für mich wichtig war. Sie beide waren unverletzt, ich nicht. Die Erinnerung traf mich wie ein Schlag und ich sah vor meinem geistigen Auge, wie Bäume an mir vorbei flogen. Wir hatten flüchten müssen, weil Edward sein Verhältnis zu Seth überschätzt und ausgereizt hatte, und ich war irgendwo kurz vor der Grenze von Leah aufgehalten worden. Ich erinnerte mich daran, wie ich am Boden lag und mich verletzt gefühlt hatte, obwohl das nicht möglich war. Zumindest nicht in diesem Sinne. Mein Bein tauchte vor mir auf, abgerissen und zerbröckelt, Seths Worte über kalte und tote Körper kamen mir in den Sinn und mit schmerzlicher und erschreckender Erkenntnis fuhr ich nach oben. Meine Augen fanden meine Beine und ich hielt inne. Es war alles in Ordnung, alles wie vorher. Hatte ich geträumt? Ich hatte mir doch nicht alles eingebildet? Als ich etwas dazu sagen wollte, kam Carlisle mir zuvor: „Dein Bein wurde abgetrennt. Aber keine Sorge, es wird alles wieder wie vorher sein. Du kannst es normal benutzten, es bleiben keine Begleiterscheinungen zurück." Mein Bein war…abgetrennt worden. Allein der Gedanke daran und wie es passiert war, hinterließ einen bitteren Geschmack auf meiner Zunge. Leah hatte es mit einem einzigen Ruck von mir abgerissen, als wäre nichts dabei gewesen. Ich hatte ihre Stärke unterschätzt, wie ich anfangs die Stärke aller Werwölfe unterschätzt hatte. Das würde nicht noch einmal vorkommen.

„Edward und Emmet haben dich gerettet, auch wenn sie es wohl schwerer hatten als erwartet. Wir konnten dein Bein nahtlos wieder zusammensetzen."

Es hörte sich vollkommen verrückt an, doch so war es wohl. Wir alle hatten es überlebt, nur würden wir nicht immer so glimpflich davonkommen. Nicht, wenn sie so stark und wild entschlossen waren, uns zu töten. Auch das hätte ich nicht erwartet, hätte es nicht einmal annähernd für möglich gehalten. Ich fürchtete ihre Reaktion und ahnte, dass sie nicht gewaltfrei ausfallen würde, aber dieser abgrundtiefe Hass wäre mir nicht in den Sinn gekommen. Was war nur zwischen uns passiert? Was hatte dieses Mädchen nur getan?

„Ich werde dich noch ein wenig allein lassen. Du solltest eine Weile ruhen, nur um sicher zu gehen."

Als er sich erhob, hielt ich ihn mit meinen Worten zurück: „Wo ist Edward?" Er hatte meine anfängliche Frage eher beiläufig beantwortet.

„Er wartet zusammen mit den anderen nebenan, bis du dich etwas erholt hast. Aber er macht sich große Vorwürfe, dass du verletzt wurdest."

Genau das, was ich mir hätte denken können. Edward glaubte, es wäre seine Schuld, dass ich beinahe umgekommen wäre, und gewissermaßen trug er einen nicht geringen Anteil daran. Dennoch lag die Schuld höchstens bei mir, weil ich nicht schnell genug gewesen war oder zu dumm, dass ich mich nach unseren Verfolgern umdrehen musste. Seth und Leah wirkten wie verändert, ich war sicher, dass man sie auf eine mir unbekannte Art und Weise beeinflusst hatte. Manipuliert. Und es war nicht schwierig zu erraten, wer dahinterstecken konnte.

„Schick ihn zu mir.", forderte ich, und fügte dann etwas milder hinzu: „Bitte."


Edward erschien wie Schnee zu Beginn des Winters. Man rechnete mit ihm, und dennoch wurde man davon überrascht. Er war so leise und vorsichtig, wie er nur hätte sein können, als er das Zimmer betrat und sich mir näherte. Sofort war mir bewusst, dass er sich noch wesentlich schuldiger fühlte, als es von ihm zu erwarten gewesen wäre. Seine Hand fand meine und ich strich sanft darüber, doch diese Geste wagte es nicht, die tiefen Furchen auf seiner Stirn zu glätten. Er war auch wütend, und ich wusste, was er dann imstande war zu tun. Nicht jedoch, was er zu tun gedachte.

„Es tut mir leid.", sagte er, und wiederholte sich damit. Er erwähnte es noch einmal, bevor ich ihn endlich mit einem Kopfschütteln und dem seichten Heben meiner Mundwinkel davon abbringen konnte. Seine Miene blieb unverändert.

„Wir hatten Glück.", redete ich ihm gut zu, wie Carlisle es mit mir getan hatte. Auch, wenn ich darin nicht so erfolgreich war wie er, hatte ich mir zumindest mehr davon erhofft, als ich letztendlich erreichte. Edward schnaubte und entzog sich mir.

„Diese Bastarde hätten dich in Stücke gerissen. Ohne auch nur mit der Wimper zu zucken."

Seine Stimme war so bedrohlich, dass ich zögerte, bevor ich betont positiv darauf einging: „Das haben sie, und doch bin ich hier. Sie waren wütend und ganz sicher nicht sie selbst."

„Oh, doch, das waren sie! Und trotzdem war es ihnen egal, ob du stirbst."

Er wandte sich von mir ab und ging zum Fenster. Seine reglose Gestalt wirkte ruhelos.

„Du hast sehr eindringlich auf sie eingeredet. Aber sie hatten ihre Befehle. Es war umsonst, nun, nicht ganz vielleicht."

Meine Worte verfehlten ihre Wirkung auf ganzer Linie: „Stimmt, jetzt wissen wir, dass es zwei Bestien gibt, die unsere Familie bedrohen, großartig! Das ist ein wahrer Gewinn." Ich zog die Augenbrauen zusammen, dann stemmte ich mich nach oben und wimmelte jeden Einspruch dagegen seitens Edward ab. Carlisle hatte ganze Arbeit geleistet, mein Bein bewegte sich ebenso wie eh und je. Ich nahm Edwards schönes, ebenmäßiges Gesicht in meine Hände, um klarzustellen, dass sein Aufruhr nichts brachte, sondern ihn nur zu unüberlegten Aktionen verleitete.

„Wir wissen mehr, als wir zuvor wussten. Und sicher wissen wir auch, dass Seth und Leah nicht unsere Feinde sind. Sie mögen nicht auf unserer Seite stehen, aber immerhin glauben sie auch, wir hätten Mitglieder ihres Stammes getötet. Wie würdest du reagieren?", erklärte ich es ruhig, obwohl ich es gerade eben erst selbst verstanden hatte: „Sie versuchen, sich zu schützen. Wir können es ihnen nicht verübeln. Stattdessen sollten wir uns auf die wahre Gefahr und ihren Ursprung konzentrieren." Ich war nie gut mit Beschwichtigungen gewesen, trotzdem wirkte es diesmal. Sichtbar widerwillig atmete Edward einige Male tief durch und senkte dann den Blick. Er nahm meine Handgelenke und führte sie zwischen uns.

„Ich lasse nicht zu, dass sie dir wehtun. Was auch immer du sagst, für wie gut du sie auch immer hältst. Sie haben versucht, dich zu töten, und das werde ich nicht vergessen."

Einsicht hörte sich sicherlich anders an: „Sie haben versucht, jeden von uns zu töten. Oder sie hatten lediglich vor, uns festzuhalten. Es spielt keine Rolle." Er wollte protestieren, doch ich küsste ihn. Es fühlte sich verwirrend an, all diese Dinge zwischen uns zu haben, und ich ertrug es nur schwer.

„Sag mir, was du in Seths Gedanken gehört hast.", fiel mir ein, was ich schon die ganze Zeit über wissen wollte. Edward schien überrascht, aber nur für einen Augenblick.

„Er war feindselig."

„Das habe ich gemerkt."

Edward schüttelte den Kopf: „Nein, du verstehst das nicht. Er war es wirklich, er war es in jedem seiner Gedanken. Ich hörte alles, nur kein Wort von dem Seth, den ich zu kennen glaubte. Er war…verändert, vollkommen. Von innen nach außen gestülpt." Nun war es an mir, den Kopf zu schütteln. Ich erkannte Renesmees Wortwahl in Bezug auf Jacob wieder.

„Er hat Leah zurückgehalten, zumindest für kurz. Er wollte uns die Chance geben, zu gehen, aber wir haben sie nicht genutzt. Ich glaube nicht, dass er uns tatsächlich etwas antun wollte." Bei Leah hingegen war ich mir da nicht so sicher. Sie hatte mich noch nie gemocht, und umgekehrt war sie mir niemals vertrauenswürdig genug vorgekommen oder auch nur annähernd daran interessiert, dass wir einige wenige nette Worte wechselten.

„Ich dachte mir, dass du das nicht verstehen willst.", erwiderte er nur, ohne mich anzusehen. Und weil es mich ärgerte, dass er mich für so dumm und stur hielt, schwieg daraufhin auch ich.

„…er dachte auch an das Mädchen und ihre Schwester. Er dachte von ihnen wie von Freunden, dass wir ihnen Unrecht täten und nicht sie uns. Seth ist davon überzeugt, dass sie dem Stamm Gutes getan haben, indem sie ihm die Augen öffneten. Er glaubt, dass wir die Toten verursacht haben." Kurzum: er glaubte jedes Wort, das die unbekannte Fremde von sich gab. Seth folgte Jacob, weil sie einander vertrauten. Er vertraute ihm und das kam nicht von ungefähr, sie hatten genügend füreinander getan. Aber wie kam er dazu, auch ihr zu vertrauen? Und das nach so kurzer Zeit?

„Seth war nicht überzeugt davon, fast so, als gäbe es keine komplett wasserdichten Beweise, aber er musste annehmen, dass wir tatsächlich Schuld tragen."

Das war der Strohhalm, auf den ich gehofft hatte, um klammerte mich deshalb auch direkt daran: „Er war nicht überzeugt? Da hast du es. Man hat es ihm eingeredet, Edward, man hat ihn glauben machen, es wäre so." Nun musste ich ihn mit meiner Vermutung konfrontieren. Als er die sonst so klare Stirn noch mehr kraus zog, fuhr ich mit sicherer Stimme fort.

„Er wurde beeinflusst, sei es nur mit Worten oder gar mit Taten. Irgendwie hat man ihn manipuliert."

„Manipuliert? Du sprichst von einer Gabe?"

Und nicht von irgendeiner. Wenn dieses Mädchen so außergewöhnlich war, wieso nicht auch ihre Gabe? Wir konnten nicht genau sagen, woraus sie bestand, und doch war es naheliegend, dass sie komplexer war, als es zuerst den Anschein hatte.

„Möglich, aber nicht zwingend. Ich bin sicher, sie kann auch so sehr überzeugend sein.", sagte ich und wurde mir einmal mehr bewusst, welchen Einfluss sie allein äußerlich auf andere nehmen konnte. Wenn sie Jacob tatsächlich dazu gebracht haben sollte, dass er sich von Renesmee trennte – obwohl ich seine selbstlosen Absichten für wahrscheinlicher hielt oder eher eine plötzliche Laune, die er eben an den Tag gelegt hatte -, und auch Jasper von einer Art dunkler Faszination umgeben war, wenn er über sie sprach…ich hatte selbst kaum die Augen abwenden können, ich konnte es nicht leugnen. Da erreichte mich noch eine weitere Erkenntnis, eine Erinnerung an Alice' Worte, nur dass sie da noch keine Beachtung gefunden hatten. Die Frau ist die Quelle. Vielleicht war sie das auf viele Arten und Weisen, viel mehr als wir vermuteten. Ich wollte Edward darauf aufmerksam machen, da hielt er inne und bedeutete mir, still zu sein. Und noch bevor mir ein ungutes Gefühl hätte kommen können oder er sagen musste, was er soeben aus den Gedanken anderer vernommen hatte, realisierte ich selbst, dass etwas vor sich ging. Und nicht irgendetwas: ich hörte Stimmen, Schritte, Laute. Allesamt fremd und in der Mehrzahl. Es kam jemand und ich konnte nur hoffen, dass es kein weiterer ungebetener Gast war.