38. Eleazars Offenbahrung – TEIL 1
Was zuvor geschah…
Nachdem der Versuch, über Seth an Informationen zu kommen und ihn auf unsere Seite zu ziehen, nach hinten los gegangen war und ich nur knapp ein Bein an Leahs scharfe Zähne verloren hätte, machte sich Edward schwere Vorwürfe. Ich versuchte, ihn zu beschwichtigen und ihm deutlich zu machen, dass Seth und Leah nicht unbedingt unsere Feinde sein mussten, sondern dass sie womöglich manipuliert wurden. Doch auch seine Wut sorgte dafür, dass er dem nicht ganz traute. Ich war sicher, dass das Mädchen die Quelle von so viel mehr war, als wir vermuteten. Doch bevor ich meine Gedanken mit Edward hätte teilen können, vernahm ich, dass sich draußen jemand näherte. Und ich konnte nur hoffen, dass es kein weiterer ungebetener Gast war.
Es hätte so viel schlimmer kommen können und innerlich verfluchte ich, dass mir die Gewissheit darüber noch so tief in den Knochen saß. Ich hatte einiges erwartet, alles, nur nicht diese drei bekannten Gesichter. Tanya, Carmen und Eleazar hatten sich kurz entschlossen dazu hinreißen lassen, auf der Durchreise bei uns vorbeizuschauen. Sie kamen aus den Südstaaten, weil sie dort Garretts Bekannte besuchten, und er und Kate waren vorerst bei ihr verblieben. Als wir zu den anderen stießen, die sich vor dem Haus versammelt hatten, begrüßten sie uns herzlich, und es tat gut, sie wiederzusehen. Besonders Carmen war versessen darauf, auch mit Renesmee zu sprechen, da Garrett ihr etwas für sie mitgegeben hatte. Vorerst jedoch würde ich sie vertrösten müssen. Ich war nicht sicher, ob Renesmee überhaupt noch mit irgendjemandem sprechen wollte und wenn, dann war jetzt ganz sicher nicht der richtige Zeitpunkt. Ihre Aufgewühltheit und Trauer würden zudem Aufschluss über Geschehnisse geben, von denen mir nicht klar war, ob wir sie ihnen so offen präsentieren sollten.
„Seid gegrüßt! Esme, Carlisle" – Eleazar gab ihnen beiden friedlich lächelnd die Hand und Carmen tat es ihm gleich – „Rosalie, Emmet…und Bella, die schöne Bella. Ich kann nur wiederholen, wie hervorragend dir die Unsterblichkeit steht." Rosalie, die auf die Begrüßung nichts erwidert hatte, warf mir undefinierbare Blicke zu. Ich war nicht sicher, inwiefern ihre allgemein schlechte Laune sich nun in meine Richtung orientierte. Vielleicht bildete ich es mir wirklich nur ein.
Nachdem ich auch Carmen und Tanya empfangen hatte, und Edward ihnen ebenfalls eher wortkarg begegnet war, beschlossen wir, nach drinnen zu gehen. Alice und Jasper erwarteten uns bereits, schienen jedoch in etwas vollkommen anderes vertieft gewesen zu sein. Sie verstummten, und begrüßten unseren Besuch betont freundlich.
„Es ist uns eine Freude, euch alle hier versammelt vorzufinden. Wir sind entzückt zu sehen, dass ihr euch diesen friedlichen Ort als Zuhause erhalten konntet, trotz aller Vorsicht, die das Vampirdasein in unmittelbarer Umgebung von Menschen erfordert."
Carlisle lächelte nur, was er in Anbetracht der Umstände herausragend hinbekam. Die Täuschung wirkte echt, und so bot er ihnen allen einen Platz auf dem Sofa an: „Wir heißen euch herzlich Willkommen, es ist uns eine Ehre, euren Besuch zu erwarten…wenn er auch recht überraschend kommt. Setzt euch doch! Ihr habt eine lange Reise hinter euch." Seine Wortwahl verriet mir, dass er ebenfalls etwas anderes erwartet hatte, oder besser: jemand anderen.
„Sie war weniger anstrengend, als man vermuten könnte.", sagte Carmen mit ihrer warmen Stimme: „Wir mussten einer Schlechtwetterfront ausweichen, doch das hat uns schon einmal auf die Bedingungen hier in Forks eingestimmt. Es ist sehr oft verregnet, nicht wahr?"
„Es hält sich in Grenzen.", erwiderte Esme, doch sie schaffte es nicht, das Zittern ihrer Lippen zu unterdrücken. Es schien niemandem aufzufallen.
„Nun, wir konnten nicht umhin, deine junge Familie zu besuchen, Edward. Es interessiert uns brennend, was aus der begabten kleinen Renesmee geworden ist."
Eleazar reagierte auf die offensichtliche Wortkargheit aller, indem er es sich nicht anmerken ließ. Er suchte meinen Blick und ich fühlte mich zum Antworten gezwungen: „Oh, ja, natürlich. Sie ist sehr schnell erwachsen geworden, aber das war vorauszusehen." Ich lächelte müde, weil allein die Wahl meiner nächsten Worte all meine Anstrengung erforderte. Sollten wir ihnen eine heile Welt vorspielen? Sie hatten längst mitbekommen, dass irgendetwas nicht stimmte.
„Sicher ist sie auch sehr hübsch, das war sie schon immer."
Carmen verstand sich darin, Komplimente zu machen, doch es rief in mir nicht das angedachte Wohlgefühl hervor. Und ich glaubte, sie bemerkte es. Tanya lenkte mit ein: „Spielt sie denn auch Klavier? Hat sie bereits Zukunftspläne?"
„Eine Menge, ja. Sie spielte schon Klavier, da war sie kaum älter, als zu dem Zeitpunkt, als ihr sie kennenlerntet. Und wir wollen, dass die Welt ihr offen steht. Sie kann sich frei wählen, welchen Weg sie einzuschlagen gedenkt."
Langsam aber sicher entwickelte sich so etwas wie ein Kloß in meinem Hals, obwohl mir diese Art des Unwohlseins länger nicht untergekommen war. Ich fühlte mich mit jeder Sekunde unsicherer und es ging nicht nur mir so. Als eine weitere unangenehme Pause entstand, bemerkte ich zudem, wie steif Jasper und Alice wirkten. Sie saßen merkwürdig abgewandt voneinander.
„Es wäre unangebracht, uns euch aufzudrängen.", sagte Eleazar plötzlich, als antwortete er auf meine Gedanken: „Offensichtlich scheint unsere Anwesenheit weder besonders angebracht noch erwünscht. Auch wenn ich gehofft hatte, ihr würdet uns nicht vorenthalten, was mit der Front eures Hauses passiert ist." Er hatte es also definitiv bemerkt. Carlisle lenkte sofort dagegen: „Nein, es…wir sind sehr froh, euren Besuch zu erwarten, ganz sicher. Nur ist es nicht gerade in einer der ruhigeren Zeiten." Alle drei wechselten einen Blick.
„Was ist vorgefallen?", fragte Tanya direkt, wenn auch zu Eleazars deutlichem Missfallen. Die Runde wartete gebannt auf irgendjemandes Geständnis, obwohl ich das Gefühl hatte, dass Carlisle als Einziger eine definitive Entscheidung darüber treffen konnte. Weihten wir die Denalis ein, könnten wir von ihnen erfragen, ob ihnen bereits derartige Vorkommnisse – die Leichen im Wald – oder Wesen – Jacobs angsteinflößende Zwillingsschwestern – begegnet waren. Möglicherweise wussten sie darum oder halfen uns, diese ungewisse Situation zu handhaben. Schwiegen wir jedoch, blieb kein nennenswerter Vorteil erhalten. Vielleicht nahmen sie es uns sogar übel, auch wenn ich ihnen diese Kleinlichkeit nicht zutraute.
Carlisle zögerte länger, als ich vermutet hätte, dann sagte er: „Nun, es scheint, als käme uns das Vertrauen der Wölfe nicht mehr zuteil. Es ist noch fraglich, aus welchem Grunde genau, und auch, wie wir darauf reagieren werden." Der Denali Clan hatte nie viel von den Werwölfen gehalten, wie auch alle anderen Vampire, die mir bisher begegnet waren. Besonders zu Zeiten, in denen ich mir Renesmees und unser aller Leben nicht hatte sicher sein können, war dies immer wieder deutlich geworden. Wer konnte es ihnen verübeln? Sie waren natürlicher Feind der Vampire.
„Ist denn abzuwarten, dass daraus Probleme entstehen könnten?", fragte also Eleazar, der sich des Vorteils einer Kooperation oder gar Freundschaft mit den Wölfen eigentlich bewusst sein müsste. Viel darauf zu geben schien er folglich nicht.
„Das bleibt abzuwarten. Ihr wisst jedoch, wir schätzten sie stets als friedliche Nachbarn und konnten auf ihre tatkräftige Unterstützung bauen."
Rosalie schnaubte laut genug, dass es nicht nur Aufsehen erregte, sondern auch stutzig machte. Ich glaubte fast, sie beließe es nicht dabei, doch das tat sie.
„Solltet ihr Hilfe benötigen, müsst ihr wissen, dass wir zu euch stehen.", erwiderte Carmen mit dem bestätigenden Kopfnicken der beiden anderen. Ich verstand das aber mehr als eine Frage nach den genauen Umständen, als ein Hilfsangebot. Denn ihrer Loyalität konnten wir uns immer sicher sein.
„Ich hoffe doch nicht, dass das nötig sein wird.", erklärte Carlisle mit einem seichten Lächeln und ich atmete tonlos auf: „Womöglich handelt es sich um ein simples Missverständnis."
So sprachen die Denalis noch eine ganze Weile davon, dass das Wetter im hohen Norden schärfer und kühler geworden war, und dass dadurch ihre Jagdgründe immer mehr in Gefahr gerieten. Tanya erzählte hinter vorgehaltener Hand von den inoffiziellen Heiratsplänen ihrer Schwester. Und wie schon so oft gerieten mit Eleazar auch die Volturi kurz in den Mittelpunkt des Gesprächs, schließlich hatte er einige Zeit bei ihnen verbracht und beobachtete heute noch fortlaufend ihre Handlungen und Vorhaben. Währenddessen es mir lieber war, ihnen und ihren Taten fern zu bleiben, glaubte er wohl, auf diese Weise Dinge verhindern oder jemanden warnen zu können, der aufgrund seiner besonderen Gabe in Aros Hände zu fallen drohte. Vielleicht beruhigte es ihn.
Es dauerte eine geschlagene Stunde, bis Carlisle endlich zu bemerken schien, dass ich daran interessiert war, mit ihm zu persönlich zu sprechen. Ich hatte genug der schöngeistigen Erzählungen gehört, um dem überdrüssig zu werden, und seitdem das Gerede wieder in Richtung Renesmee abdriftete, suchte ich einen Weg, das zu verhindern. Währenddessen Esme unseren Gästen eine Auswahl an Getränken anbot, nutzten Carlisle und ich die Gelegenheit, um uns zu entfernen.
„Was ist los?", fragte er mich, als wüsste er nicht ganz genau, worum es ging.
„Carlisle, wir müssen mit ihnen darüber reden. Wir müssen es ihnen erklären. Vielleicht können sie helfen? Glaubst du nicht, sie würden uns unterstützen wollen?"
Er machte ein undefinierbares Gesicht, dann lächelte er. Kurz überlegte ich, ob ich noch einige weitere Argumente parat hatte, die seine Meinung ändern würden, doch er kam mir zuvor: „Helfen wobei? Ich habe nicht das Gefühl, dass uns irgendjemand von ihnen sagen könnte, wie wir mit einer uns unbekannten und möglicherweise potentiellen Gefahr umzugehen haben. Sie können diese Entscheidung nicht für uns treffen. Und da sie den Vertrag nicht genau kennen –"
„Wen interessiert der Vertrag? Ich sehe da einen ganz anderen Nutzen. Wenn wir nichts unternehmen, gewinnen wir dadurch auch nichts. Wenn wir jedoch Eleazar davon berichten könnten, welche Erfahrungen wir gemacht haben, vielleicht könnte er uns mehr über diese Gabe erzählen? Vielleicht kann er dadurch vermuten, woraus sie bestehen könnte?"
Wenn ich auch nicht sonderlich gut darin war, überzeugend zu sein, so hatte ich doch einen gewissen Nerv getroffen. Carlisle wirkte unentschlossen, was so gar nicht zu ihm passte. Vielleicht war er selbst doch der Meinung, dass es uns helfen könnte, und hatte es lediglich deshalb nicht getan, weil er vermutete, dass es zu einer weiteren Diskussion ausarten könnte. Sollte sich Rosalie nicht gefasst haben, war das sogar sehr wahrscheinlich.
„Ich sprach nicht von dem Mädchen, als ich sagte, es gäbe vielleicht eine Gefahr."
Ich schüttelte den Kopf, weil er so ganz anders dachte, als ich vermutet hätte: „Genau darum geht es doch. Ich kann auch nicht sicher sagen, ob sie das ist, aber so haben wir wenigstens eine größere Chance, es herauszufinden." Und damit hatte ich ihn überredet.
Edwards Hand fand meine, als ich mich wieder zu ihm setzte. Er bedachte mich mit wissenden Blicken, nur konnte ich daraus nicht lesen, ob er für gut befand, was ich ins Rollen gebracht hatte. Das würde sich wohl aus dem folgenden Gespräch ergeben.
„Vielleicht…benötigen wir doch eure Hilfe.", begann Carlisle, woraufhin ich Rosalies Blick förmlich auf mir spüren konnte. Ich ignorierte sie, wusste jedoch, dass ich ihr damit auch ein wenig in die Hände gespielt hatte. Sie glaubte sicherlich, dass wir jede Unterstützung – besonders militärischer Art – gebrauchten konnten.
„Ist das so?", erwiderte Tanya missbilligend, währenddessen Eleazar bereits so etwas geahnt zu haben schien. Jaspers Mund verhärtete sich, als Carlisle daraufhin zur Sache kam: „Sicher erinnert ihr euch an Jacob Black. Er ist derjenige, dessen Besuch wir kürzlich…erwarten durften."
„War es nicht er, der sich auf die kleine Renesmee prägte?", fragte Carmen unvermittelt, und Tanya sagte kurz darauf: „Ist die demolierte Mauer ihm zuzuschreiben?" Dass letztere Frage unverschämt war, brauchte nicht erwähnt zu werden. Dennoch brachte sie Edward dazu, beschämt den Blick zu senken. Wäre diese Situation weniger ernst gewesen, hätte es den ein oder anderen sicher zum Lachen gebracht, allen voran Rosalie und Emmet. Wenn es nach ihnen ging, konnte Jacob auch noch weitere Mauern unseres Hauses zum Einstürzen bringen, wenn er in sie hineingeschleudert wurde.
„Genau der.", sagte ich trotz allem freundlich an Carmen gewandt. Carlisle, der weder das eine, noch das andere erwartet hatte, fuhr ungerührt fort: „Er kam, um uns den Vertrag aufzukündigen, war dabei jedoch nicht allein. Und es käme uns sehr gelegen, wenn ihr an dieser Stelle helfen könntet, möglicherweise du, Eleazar, deren Gabe zu identifizieren, wenn wir sie euch beschreiben." In diesem Moment fragte ich mich, ob es nicht vielleicht doch besser gewesen wäre, mit Eleazar allein darüber zu sprechen. Die anderen beiden konnten dazu wohl kaum etwas beitragen und wurden schlussendlich nur dadurch verunsichert – denn genau das war es, was ihre darauffolgende wortlose Kommunikation aussagte. Ich erwartete nicht, dass die beiden Frauen zustimmten, aber Eleazar reagierte unabhängig von ihnen auf unsere Bitte.
„Wenn ich euch damit helfen kann, dann gern. Nur kann ich nicht versichern, aus geschilderten Eigenschaften einer Gabe auch konkrete und korrekte Rückschlüsse auf diese zu ziehen. Ihr werdet mit einer Vermutung vorlieb nehmen müssen, die letztlich vielleicht auch nicht mehr ist als das – eine Vermutung, eine Annahme."
Eleazar hatte sicherlich lange genug auf Erden gewandelt und seine Gabe auf alle möglichen Vampire angewendet, dass ihn auch Beschreibungen zu recht genauen Schlussfolgerungen führten. Natürlich wäre es einfacher gewesen, sie ihm zu zeigen – Renesmee hätte dafür herhalten müssen, und das würde ich nicht zulassen, selbst wenn sie in diesem Moment dabei gewesen wäre -, aber ich glaubte, dass es auch so ausreichte.
„Von welchen Fähigkeiten sprechen wir?", fragte er also und Carlisle nickte Jasper zu, woraufhin dieser für ihn fortfuhr, weil er schlicht mehr Erfahrung damit hatte: „Veränderliche. Solche, die sich an jeden Gegner anpassen, an seine individuellen Gewohnheiten und Kampftechniken."
„Auch an seine Gabe, sollte er eine besitzen?"
„Auch daran, ja. Eine Fähigkeit, die sich immer wieder anders ausprägt, abgängig von seinem Gegenüber. Dadurch ist schwer festzulegen, woraus genau sie besteht."
