38. Eleazars Offenbahrung – TEIL 2
Was zuvor geschah…
Der unerwartete Besuch entpuppte sich als harmlos: Eleazar, Carmen und Tanya hatten beschlossen, auf der Durchreise bei uns vorbeizuschauen. So sprachen wir über dieses und jenes, doch die beschädigte Front des Hauses war offensichtlich genug, ihre Aufmerksamkeit darauf zu lenken. Nach erster Ablehnung der Hilfe, die sie uns bei Problemen anbieten wollten, konnte ich Carlisle dazu überreden, sie doch in Anspruch zu nehmen. Ich hoffte darauf, dass Eleazar uns dank seiner Gabe genauere Hinweise auf die Fähigkeiten des Mädchens geben konnte, wenn wir sie ihm beschrieben. Doch er wusste noch wesentlich mehr darüber, als zu erahnen gewesen wäre…
Eleazar war anzusehen, dass er überlegte, oder zumindest machte es auf mich den Eindruck, als wäre es so. Vielleicht wusste ich aber auch nur nicht, wie seine Gabe funktionierte und ob er mit ihr lediglich spürte oder sie ihm tatsächlich zu kombinieren und zu begreifen half. Unvermittelt fühlte ich mich verpflichtet, etwas hinzuzufügen: „Möglicherweise ist es aber auch ganz anders und sie besiegt ihre Gegner, indem sie deren Gaben ausschaltet? Schließlich wurde Alice in ihren Visionen gestört und wir anderen ebenfalls, aber vielleicht hängt all das auch nicht zusammen –"
„Sie?", fragte Eleazar und nun starrte er mich direkt an. Es war, als hätte ich den entscheidenden Hinweis gegeben, indem ich gerade etwas sagte, das mit der eigentlichen Gabe ganz und gar nichts zu tun hatte.
„Augenscheinlich ein Stammesmitglied, ja, man nennt sie Jessica Lesotho."
Carlisle hatte seine Aussage kaum zum Ende geführt, da erkannte ich, wie sich nicht nur in Eleazars Verhalten etwas änderte. Carmens Hand spannte sich an, obwohl sie die ganze Zeit über reglos auf dem Unterarm ihres Gefährten gelegen hatte. Und ihre Augen sprachen eine ganz eigene Sprache. Plötzlich war ich mir sicher, dass Eleazar nicht das Geschlecht der Person hinterfragt hatte, um deren Gabe es ging, sondern dass er schon da eine Ahnung hatte, die nun bestätigt worden war.
„Ich…ich hätte nicht damit gerechnet, dass sie zurückkehren würde. Dass sie Aufmerksamkeit auf sich ziehen würde in dieser Art und Weise, nicht nachdem – die Kämpfe der Neugeborenen, das…ein Wunder! Wahrlich, ein Wunder. Aro wäre hocherfreut! Tatsächlich, Carlisle, ich kenne sie. Sie beide.", sagte Eleazar daraufhin in einer Tonlage, die mehr Begeisterung ausdrückte, als ich für angebracht gehalten hätte. Es erinnerte mich daran, wie Jasper von ihr sprach. Und es machte mir Sorgen. …nicht so sehr jedoch, wie –
„Du kennst sie?", echote Carlisle, woraufhin ich mir bewusst wurde, dass Edward ihm wohl berichtet hatte, dass sie eine Schwester besaß. Aber was noch viel wichtiger war: „Was hat Aro damit zu tun?"
„Jessica Lesotho, das Teufelsmädchen. So wurde sie bekannt, inmitten der Machtkämpfe um die Südstaaten. Es hieß, sie sei ausgewandert, zusammen mit ihrer Schwester Jennifer."
Jennifer also. Das gab der unbekannten Frau, die noch im Schatten all dieser Mysterien stand und ihrer Schwester vielleicht äußerlich vollkommen glich, einen Namen. Amerikanische Vornamen, ein jedoch eher ungewöhnlicher Nachname.
Der Zug um Jaspers Mund wurde eisern, es war, als hielt er jede Regung unter Kontrolle. Im Gegensatz dazu musste Eleazars Entzückung Funken sprühen: „Ich lernte sie kennen, als ich Teil der Volturi war. Eine solch außergewöhnliche Begabung könnte nicht allzu lange ohne Aros Mitwissen und natürlich Interesse bestehen. Er wollte sie für sich, wie er auch nach so vielen anderen verlangte." Es war nicht in Worte zu fassen, was dieses junge, unscheinbare Mädchen bereits hinter sich hatte. Dass ihr Können durch die Siege der Armee, für die sie stand, bekannt wurde und Aro seine Aufmerksamkeit auf sie richtete, bedurfte keiner weiteren Hinterfragung. Er war machthungrig und gierte ständig nach neuen Errungenschaften. Aber wie hatte sie sich ihm verwehrt? Schließlich schafften wir dies nur durch die Sicherheit unseres Clans und die Unterstützung so vieler Vampire überall auf der Welt, die sich an unserer Seite gegen sie gestellt hatten.
„Wurde sie Teil der Volturi?", fragte Esme, und ich erinnerte mich daran, dass sie die Volturi bereits erwähnt hatte, als wir noch nicht einmal wussten, wen genau wir da vor uns sahen. Sie konnte es nicht geahnt haben, aber erst jetzt wurde mir bewusst, wie offensichtlich es doch auf der Hand lag. Eine starke Gabe weckte Interesse in Aro – nur was genau machte sie stark?
„Oh, nein. Sie hatte kein Interesse daran und war auch nicht leicht zu überzeugen. Chelsea brauchte lange Zeit, um über ihr Versagen hinwegzukommen, sie hatte es sonst wesentlich einfacher.", antwortete er und fügte erklärend hinzu: „Chelsea ist ein Teil der Leibwache und beeinflusst die emotionalen Bindungen aller. Sie kann sie ebenso festigen wie zerschlagen, und ihr zu widerstehen ist nahezu unmöglich." Das glaubte ich sofort. Irgendwann hatte ich schon einmal von Chelsea gehört, nur wusste ich nicht, wer es mir erzählt hatte. Sicherlich war es in Bezug auf die nahende Konfrontation nach Renesmees Geburt von Wichtigkeit gewesen. Denn ohne sie, da war ich sicher, würde von den Volturi nicht viel übrig bleiben.
„Und was – was ist es, das sie widerstehen ließ? Ihre Gabe, woraus genau besteht sie?", fragte nun Jasper mit einer Stimme, die seiner gewöhnlichen kaum mehr glich. Diese hier wirkte rau, fast so, als gäbe er all seine Beherrschung dafür, sie überhaupt in verständliche Worte formen zu können. Eleazar bemerkte es wohl nicht, denn er holte wesentlich weiter aus, als Jasper es zu ertragen können schien: „Sie ist sehr komplex und auch wieder nicht. Wir erfuhren anfangs nicht direkt davon. Es war ein einfacher Nomade, der zum Tode verurteilt worden war, nachdem er unsere Gesetzte missachtet hatte, der Aro den Hinweis auf ein großes Talent gab, das er in einer der Armeen entdeckt hätte. Er gedachte sich mit dieser wertvollen Information freizukaufen und damit, indem er uns verriet, wo genau er sie zuletzt gesehen hatte. Aber natürlich war Aro weder daran gelegen, ihn zu begnadigen, noch hielt er viel auf die Behauptungen eines untreuen Nomaden. Also ließ er ihn dennoch töten, nachdem er sich all seine Informationen angehört hatte. Erst, als sich die Gerüchte verdichteten, beauftragte er Demetri und Felix, das Mädchen aufzuspüren und sie zu ihm zu bringen – und das taten sie auch. Wie ihr euch sicher vorstellen könnt, war Aro sehr angetan von ihrem Können und entwickelte eine Art Besessenheit, wie er sie vielen begabten Vampiren zuteil werden lässt. Jedoch waren die Zwillinge, wie wohl zu erwarten ist, nicht einverstanden, sich ihnen anzuschließen. Als man sie jedoch nicht einfach wieder gehen lassen wollte, griffen sie mehrere hochbegabte Wachen an und erledigten sie. Selbst Caius erlitt schwere Verletzungen, weil sie sich in Wolfsgestalt bewegten. Es war auf sein ausdrückliches Verlangen hin, dass Aro sein Ziel vorerst aufgab, schließlich hatte Caius eine beinahige Niederlage erlitten und hegte dementsprechend einen ungeheuren Zorn. Ich bin einer der wenigen, die darum wissen, dass er sie niemals wirklich hat gehen lassen. Er behält sie im Auge, bis heute, da bin ich sicher. Und irgendwann wird er einen erneuten Versuch wagen, sie zu sich zu holen; dann, wenn er einen Weg gefunden hat, sie sich zu unterwerfen."
Es gab so viele Dinge daran, die mich gleichermaßen beruhigten wie sie mich beunruhigten. Vor allem, dass da noch so viel mehr war, das wir nicht wussten. Dass ihre Geschichte weitaus umfassender war, als man angenommen hätte. Es ergriff mich, dass sie ebenso wie Alice und Edward nichts weiter für Aro war als eine Trophäe, die er sich zu holen gedachte. Dass sie in Gefahr war, wie einige von uns auch, und dass sie nur hoffen durfte, dass der Tag, an welchem Aro eine Waffe gegen sie gefunden hatte, niemals kommen würde. Andererseits verwunderte mich, dass gerade sie womöglich diejenige war, die Caius' Hass gegen die Werwölfe noch mehr geschürt oder gar erst verursacht hatte. Es fühlte sich an wie die Geschichte aus einer anderen Zeit, einer Vergangenheit, die lange vor unser aller Leben passiert war und erst dafür sorgte, dass unsere Zukunft auf diese Weise vor sich ging.
Beinahe vergaß ich über all diese verwirrenden Gedanken, dass es noch eine ganz andere Sache zu klären galt.
„Das wird ihm niemals gelingen.", flüsterte Jasper, nur wusste ich nicht, worauf er ansprach. Eleazar hingegen schon, weshalb er antwortete: „Ich möchte hoffen, dass es ihm nicht gelingt. Und ich glaube auch nicht, dass es das wird, zumindest nicht ohne die Unterstützung unzähliger Anderer – oder die eines einzelnen, wer mag das so genau zu sagen. Jedenfalls ist mir persönlich noch keine größere Waffe in Form eines übernatürlichen Wesens begegnet. Denn ihre Gabe ermöglicht es ihr, unsere Fähigkeiten – vollkommen unabhängig von deren Art – zu kopieren. Damit ist sie theoretisch in der Lage, alles zu tun, was ihr ebenfalls tun könnt. Da sie hier war, wird sie nun nicht nur Gedanken lesen und Visionen ihresgleichen sehen können, sondern auch Gefühle spüren und zu beeinflussen wissen. Ganz zu schweigen von einem überaus mächtigen Schutzschild natürlich. …zumindest solange sie diese erworbenen Gaben trainiert und ausweitet, denn nur dann kann sie sie auch in demselben Maße nutzen, wie jeder von euch. Praktisch jedoch, sind ihr keinerlei Grenzen gesetzt. Falls ihr nun annehmen solltet, dass das ein hervorragendes Angriffstalent sei, kann ich dem nicht ganz zustimmen. Sicherlich ist sie trainiert, durch den offenen Kampf in der Armee zu damaligen Zeiten, und wird ihr Können auch für den Angriff nutzen. Aber im Grunde ist es eine gezielte Verteidigung. Sie schlägt ihre Gegner mit ihren eigenen Waffen. Egal, wie stark die jeweilige Gabe ist, sie wird mit ausreichend Übung in der Lage sein, jegliche Attacken zu übernehmen. Die von bekannten und geliebten Personen womöglich schneller, als die anderer." Ich musste unwillkürlich schlucken und wurde unangenehm an den Kloß in meinem Hals erinnert. Es hatte eine Zeit gegeben, in der ich gedacht hatte, Vampire wären unfehlbar. Dass sie unsterblich wie übermächtig waren und man sie auf der ganzen Welt fürchtete. Doch dieser Glaube musste fortan der Vergangenheit angehören. Er war eine Lüge.
Dass Eleazar bei seinen Beschreibungen dann unter anderem dieselben Worte wählte, um das Mädchen zu beschreiben, wie es Jasper getan hatte, musste ein Zufall sein, aber es war dennoch Misstrauen erweckend. Mir war nicht klar, ob Jasper es bemerkt hatte, doch seiner kaum merklichen Reaktion nach zu urteilen hatte er das. Er wirkte sichtlich angespannt, noch mehr als zuvor, und in seinen Augen leuchtete eine ähnliche Gier, wie ich sie aus Aros kannte.
