39. Unnachgiebig – TEIL 1


Was zuvor geschah…

Der unerwartete Besuch entpuppte sich als harmlos: Eleazar, Carmen und Tanya hatten beschlossen, auf der Durchreise bei uns vorbeizuschauen. Sie boten uns Hilfe an, die wir nach einigem Zögern auch ergriffen. Und tatsächlich konnte uns Eleazar auch ohne Einsatz seiner Gabe weiterhelfen: denn er kannte das Mädchen und seine Schwester Jennifer und erklärte, dass sie unsere Fähigkeiten kopieren und durch Training in ähnlicher Weise wie wir einsetzen konnte. Übereifrig erzählte er, dass sie einst Aros Aufmerksamkeit auf sich zogen und er sie zu sich holen wollte – doch sie wehrten sich und konnten fliehen. Seither habe er nicht von ihnen gehört, ahnte aber, dass Aro nicht von ihnen ablassen würde und nach einer Gelegenheit suchte, sie sich zu unterwerfen. Dass Eleazar bei seinen Beschreibungen dann unter anderem dieselben Worte wählte, um das Mädchen zu beschreiben, wie es Jasper getan hatte, mochte ein Zufall sein. Doch Jasper wirkte nun merklich angespannter, und in seinen Augen blitzte eine ähnliche Gier auf, wie ich sie aus Aros kannte.


„Mir scheint, das ist nicht die erste außergewöhnliche Geschichte, die ihr von ihr zu hören bekommt."

Damit hatte Eleazar den Nagel auf den Kopf getroffen. Es gab praktisch nichts mehr, das uns überraschen sollte, und dennoch tat es das. Nun, sie war eben ein außergewöhnliches Mädchen. Aber ich fühlte mich dennoch, als hätte uns dieses Wissen keine leichtere Entscheidung ermöglicht. Je mehr wir erfuhren, desto weniger wussten wir.

„Wahre Worte, Eleazar, und ich danke dir. Wir alle danken dir.", sagte Carlisle: „Ich entschuldige mich, dass wir zögerten, dir Vertrauen zu schenken." Eleazar nickte nur verständnisvoll, währenddessen Tanya, die das alles wohl ebenfalls zum ersten Mal gehört hatte, weiterdachte.

„Und was gedenkt ihr nun zu tun? Für mich klingt das nicht, als wäre es eine einfache Sache."

Das war es auch nicht. Es klang nach Krieg und Kampf, und mir gefiel nicht, dass jeder hier das so zu sehen schien. Carmen, die die folgende kurze Stille richtig interpretierte, wies Tanya zurecht: „Wir haben sie bereits gedrängt, mit uns darüber zu sprechen. Mehr steht uns wirklich nicht zu." Tatsächlich hatten wir sie darum gebeten. Aber das spielte keine Rolle.

„Ihr wart uns eine große Hilfe. Und ich denke, wir alle wissen, was nun zu tun ist."

Es war das erste Mal seit längerer Zeit, dass Rosalie sprach. Sie schickte daraufhin einen Blick in die Runde, als erwartete sie, Zustimmung zu bekommen. Niemand ging darauf ein, nicht einmal Carlisle, obwohl sein Gesicht verriet, dass er damit nicht einverstanden war. Er und Esme schlugen zwar vor, dass unsere Gäste ja noch eine Weile bleiben könnten, wenn auch nicht allzu lange. Aber Carmen, Eleazar und eher widerwillig auch Tanya verneinten und setzten ihre Heimreise in den hohen Norden fort. Und obwohl uns somit weitere Zeit gegeben worden war, um ein eventuelles weiteres Vorgehen zu besprechen, verschob Carlisle die Diskussion auf den folgenden Tag.


„Wenn du es nicht schaffst, dich zusammen –"

Alice' Worte rissen abrupt ab, als ich den Raum betrat. Ich hatte genug gesehen und gehört, um festzustellen, dass irgendetwas nicht stimmte. Jasper und sie wussten mehr als wir anderen oder planten vielleicht sogar etwas. Und bei meinen Erinnerungen an Alice' Aktion, als es darum ging, Aro die Existenz von Halbvampiren zu beweisen, verhieß das nicht nur Gutes. Diesmal war es anders und deshalb würden sie mit mir sprechen müssen.

„Wir müssen reden.", erklärte ich deshalb kurzerhand, wenn auch Alice' Blick mir sagen sollte, dass es weder der richtige Zeitpunkt, noch allgemein eine gute Idee war. Ich brauchte Antworten. Obwohl Jasper mir den Rücken zugewendet hatte, hätte ich schwören können, dass er seine steinerne Miene aufgesetzt hatte. Er verhielt sich nicht wie es jemand tun würde, der unschuldig war.

Alice lächelte entschuldigend: „Bella, ich weiß, dass es eine ziemlich nervenaufreibende Angelegenheit ist. Das ist es für uns alle. Ich bin gern für dich da, aber könnten wir das auf später verschieben?"

„Oh, ich…eigentlich wollte ich mit Jasper sprechen."

Ich tat so, als wäre ich unabsichtlich in diese Situation gestolpert, weil es meine eigentlichen Absichten verdeckte. Ich war mir sogar ziemlich sicher, dass Alice nicht wusste, was ich wusste…oder was ich vorgab zu wissen. Jasper vielleicht schon, doch er wirkte nicht, als wäre er in der Verfassung, Einspruch zu erheben. Die Geschehnisse hatten ihm zugesetzt und mich interessierte über alle Maßen, warum das so war.

Er und Alice sahen einander an, dann legte sie ihm die Hand auf die Schulter. Als sie erneut widersprechen wollte, fügte ich ein ernstgemeintes ‚Bitte' hinzu. Erst nach einigem Zögern und zu Jaspers deutlichem Missfallen – er musste wohl versucht haben, sie mit seinen Blicken festzuhalten und wortlos darüber zu kommunizieren, was sie entweder nicht richtig deutete oder ignorierte – wandte sie sich zum Gehen hin. Ich wartete ab, bis sich ihre Schritte entfernt hatten und mehrere Türen zwischen uns geschlossen worden waren.

„Jasper, geht es dir gut?"

Das war eine rhetorische Frage. Ich erwartete keine Antwort, weil ich mir einbildete, sie bereits zu kennen. Aber ich wollte etwas von ihm und konnte ihn damit nicht überrennen, obwohl meine Neugierde es vielleicht gern getan hätte. Hier ging es nicht nur um reines Interesse, sondern darum, inwiefern es mir half, dieses Durcheinander zu deuten und darauf zu reagieren.

Als er nicht antwortete und sich noch immer nicht vom Fleck gerührt hatte, fuhr ich fort: „Ich habe gesehen, wie es dich mitgenommen hat. Das alles. Und da frage ich mich…ich frage mich, was du uns verschwiegen hast." Stille. Bald hatte ich den Eindruck, sein Rücken hätte die Fähigkeit entwickelt, mit blanken und wütenden Augen zurückzustarren. Also kam ich näher, viel näher, bis nur noch wenige Schritte zwischen uns waren. Von der Seite wirkte sein Gesicht gräulich, beinahe aschfahl. Er stierte in Richtung der weißen Wand, als gäbe es mich gar nicht. Sein Verhalten sprach für sich.

„Wie kann es sein, dass du so lange Zeit mit ihr verbracht hast, und dennoch nicht erkannt hast, was ihre Gabe ist? Wenn du sie doch trainiert hast, erforscht hast, wieso ist es dir nie in den Sinn gekommen?"

Ich hätte genauso gut zur Wand selbst sprechen können: „Oder hast du es gewusst und verheimlicht und wir hätten es nie erfahren, wenn Eleazar nicht zufällig hier vorbeigekommen wäre?" Mit einem Rück drehte er den Kopf und sah mich an, den Mund zu einem Strich zusammengepresst, als könnte er mich damit einschüchtern.

„Du weißt gar nichts.", flüsterte er. In gewisser Weise machte mir die Art, wie er plötzlich reagierte, Angst. Vielleicht war es aber auch seine besondere Fähigkeit, die er einsetzte, um mich zum Gehen zu bewegen. Das Gefühl war nicht stark genug. Ich erwiderte seinen Blick mit derselben Intensität.

„Dann sag, was ich nicht weiß. Denn ich glaube, es wäre besser, wenn ich es wüsste. Wenn wir alle es wüssten."

Er schnaubte: „Ich werde nichts weiter dazu sagen." Als er den Anschein machte, mich tatsächlich ohne wenigstens irgendeine Antwort stehen zu lassen, hielt ich ihn auf. Er zuckte bei meinem Griff an seinem Arm zusammen, als hätte ich ihn unter Strom gesetzt.

„Du hast noch nicht einmal etwas gesagt!", fuhr ich ihn so leise wie nur möglich und zugleich nachdrücklich an: „Und ich werde dich so lange danach fragen, bis ich eine Antwort bekomme! Meine Familie ist in Gefahr, mein Mann und meine Tochter und alle, die ich liebe. Wahrscheinlich ist auch Jacob in Gefahr. Oder irre ich mich? Die Volturi könnten etwas planen. Was, wenn das Mädchen gar nichts dafür kann? Wenn sie ebenso eine Gejagte ist, wie wir alle." Ich glaubte, ein Funkeln in seinen Augen zu erkennen. Dann erreichte seine Aufgebrachtheit die nächste Stufe.

„Sie ist kein Mädchen, sie ist nicht wie Renesmee! Kein kleines, formbares und zartes Wesen, dem man etwas einreden könnte."

Dass das eine Beleidigung war, schien ihm gar nicht aufzugehen. Er fuhr fort, bevor ich etwas hätte darauf erwidern können, wenngleich ich froh war, ihn überhaupt zum Reden gebracht zu haben: „Was glaubst du, warum sie mit Black hier her gekommen ist? Sie hat kein Wort gesagt. Sie war nicht nur irgendein Accessoire, sondern eine Machtdemonstration, eine Drohung."

„Wovon sprichst du?"

„Hast du nicht zugehört, als Eleazar sagte, sie hätte nun all unsere Gaben in sich aufgenommen und könnte sie unbegrenzt nutzen? Deshalb war sie hier, um sich Macht zu erschleichen. Um mir zu drohen, indem sie Alice Schmerz zufügt. Und Jacob hat ihr das Ticket besorgt, mit dem es möglich war."

Das konnte nicht der eigentliche Grund sein, weswegen sie hier waren. Zumal ich nicht verstand, weswegen sie Alice hätte wehtun sollen – zu welchem Zweck überhaupt? Ich hatte viel Schlechtes über sie gehört, aber auch Dinge, die mein Mitleid erregten. Hinsichtlich ihrer Motive konnte ich nicht sicher sein, aber von Jacob erhoffte ich mir, dass er uns nicht hintergehen würde. Also widersprach ich ihm: „Du hältst Jacobs Erzählungen für einen Vorwand. Die Leichen, Charlie und diese Untersuchungen sollen eine Lüge sein? Das würde er nicht tun."

„Und was er alles für sie tun würde!", spie er mir entgegen, riss noch einmal an meinem Griff, doch ich hielt dagegen. Wenn er wollte, könnte er mich sicherlich überwältigen und gehen. Vielleicht war er aber auch schwächer, als es nun den Anschein machte.

„Du kennst sie vielleicht etwas besser als ich. Oder du kanntest sie vor vielen, vielen Jahren. Aber Jacob kennst du nicht. …und was, wenn sie sich verändert hat? Ich kann absolut nachvollziehen, dass sie unser Vertrauen anzweifeln, wenn alles, aber auch alles an diesen Morden auf uns hindeutet."

„Es scheint auf uns hinzudeuten. Sie hat es eingefädelt, alles davon. Sie hat es aussehen lassen, als könnte nur ein Vampir dafür verantwortlich sein…oder ein Hybrid. Aber dieser dumme Hund vertraut ihr, er würde es ihr niemals zutrauen. Da zweifelt er lieber uns an, kündigt den Vertrag und erklärt uns für vogelfrei."

Es traf mich wie ein Schlag, für wie schlecht er sie tatsächlich hielt. Sicherlich waren ihr viele Dinge zugestoßen in diesem Leben und einiges davon hatte sie geformt…selbst wenn auch nur irgendetwas davon stimmte, wie hatte sie es Jacob glauben machen? Ich erinnerte mich an das Gespräch mit Renesmee und erhielt unvermittelt meine Antwort: Sie hat ihn eingenommen. Sie kann ihn steuern.

„Glaubst du das oder weißt du es? Kannst du es beweisen? Was…was meinst du, wenn du sagst, sie hat Alice das angetan?", fragte ich zögerlich, und er unterdrückte halb ein nervöses Lachen: „Hast du sie mal angesehen? Hast du dir vorgestellt, wie es ist, so aufzuwachsen? Du kennst die Geschichten vom Krieg, und jetzt kennst du auch ihre Fähigkeiten. Wenn du imstande wärst, all das zu tun, was würde dich dann davon abhalten, es umzusetzen?" Das war einfach.

„Mein Gewissen. Reue, Schuld. Gefühle."

„Oh, ja. Ein Mischwesen der beiden gefährlichsten übernatürlichen Kreaturen, die auf dieser Erde wandeln, hat natürlich Gefühle, die es davon abhalten, all das zu tun was es will."

Seine Stimme glich einem Reibeisen. Wenn er sich damit nicht über mich lustig machte, dann sicher über das Mädchen, das er ja ach so gut zu kennen glaubte. Auf Alice war er jedoch nicht eingegangen. Ich forderte ihn heraus: „Du glaubst, sie hat keine Gefühle? Du glaubst, sie ist in keiner Hinsicht menschlich? Sie wurde geboren, wie jeder von uns. Sie wuchs auf, sie nennt die Quileute offensichtlich ihre Familie. Jacob schenkt ihr sein Vertrauen und du schenktest ihr auch deines, wenn auch vor langer Zeit." Er schüttelte den Kopf, als wäre all das ohne Gewicht. Als träfe es keine Aussage, die ihn vom Gegenteil überzeugen könnte. Warum ich das so plötzlich wollte, konnte ich mir nicht einmal selbst erklären.

„Sie hätte Edward töten können, aber sie hat es nicht getan. Jacob zuliebe. Was ist damit? Für mich klingt das sehr danach, als würde er ihr etwas bedeuten."

Ich bemerkte, dass meine Worte dieselbe Stärke und Wut angenommen hatten, wie sie Jaspers Blick verkörperte. Gegen jede Vernunft versuchte ich, seine Worte abzulehnen. Ich wollte nicht glauben, dass es stimmte, oder dass tatsächlich alle, die mir etwas bedeuteten, durch ein Gespenst aus Jaspers Vergangenheit in Gefahr geraten waren.

„Sie ist nicht dumm. Natürlich tut sie alles, um sicherzustellen, dass sie Jacobs uneingeschränkte Loyalität hat. Das ist Teil des Plans.", sagte er schlicht, als gäbe es auf alles diese eine Antwort.

Teil des Plans? Welcher Plan soll das deiner Meinung nach sein? Was will sie hier?", fragte ich, wütend, weil er mich auf die Folter spannte. Ich hätte schon unzählige Schritte weiter sein können, wenn er mich nicht länger damit aufhalten würde, erst einmal herauszufinden, woher all das rührte und worauf es letztlich hinauslief. Jasper formte ein misslungenes Lächeln, bis seine Mundwinkel zuckend kapitulierten.

„Die Familie, die sie niemals hatte, weil sie sie getötet hat. Und dann wird sie Rache nehmen."

Er sagte das, als würde er am Telefon eine Bestellung für den Pizzaservice aufgeben. Seine Stimme war so monoton, dass ich beinahe nicht realisiert hätte, was diese Aussage bedeutete. Ich wusste nicht, ob ich mich fürchten sollte ob der Tatsache, dass sie ihre Familie umgebracht hatte – zumal ich nicht feststellen konnte, ob das nun der Wahrheit entsprach oder Jaspers verrückter Fantasie; irgendwann hatte ich aufgehört, auch nur ein einziges seiner Worte für bare Münze zu nehmen -, oder dass sie sich wirklich unsere Gaben geholt hatte, um uns alle auszulöschen. Ich konnte nun nicht über all das nachdenken, ich konnte überhaupt nicht mehr auch nur irgendeinen halbwegs klaren Gedanken fassen. Als ich dennoch zu etwas ansetzte, schmerzte meine Kehle wie nach wochenlanger Blutabstinenz: „Wofür sollte sie sich rächen wollen? Ich habe ihr nichts getan, niemand hier hat ihr etwas getan." Es ergab keinen Sinn. Für ihn jedoch schien es nichts Einleuchtenderes zu geben, und nun verriet er mir auch endlich, weshalb das so war.

„Weil ich sie zu dem gemacht habe, was sie ist. Weil ich ihr das Kämpfen beibrachte, das Töten, das Hassen. Weil sie für mich gekämpft, getötet und gehasst hat. Und weil sie in diesem Leben nichts anderes kennt und auch nie etwas anderes tun wird. Sie verdankt mir ihr Können.", erklärte er mit stolzem, anschwellenden Unterton und dem überheblichsten Gesichtsausdruck, den ich ihn je hatte tragen sehen: „Sie verdankt mir ihr Leben. Ich bin ihr Schöpfer…und sie ist meine Schöpfung." In einer Kurzschlussreaktion, die übereilt und sicher auch dumm war, holte ich aus und schlug ihm mit der Faust ins Gesicht. Er taumelte zurück, sei es vor Überraschung oder der Härte meines Schlages. Es spielte keine Rolle. Er verdiente es.