39. Unnachgiebig – TEIL 2
Was zuvor geschah…
Eleazar kannte das Mädchen und seine Schwester Jennifer und und erklärte, dass sie unsere Fähigkeiten kopieren und durch Training in ähnlicher Weise wie wir einsetzen konnte. Jennifer hingegen konnte die Gaben anderer teilweise oder bis zur Gänze unterdrücken. Übereifrig erzählte er, dass sie einst Aros Aufmerksamkeit auf sich zogen, sich aber erfolgreich gegen ihn wehren konnten – nur suchte er noch immer nach einer Möglichkeit, sie sich zu Eigen zu machen. Nachdem sich Eleazar, Carmen und eher widerwillig auch Tanya verabschiedet hatten, nutzte ich die Gelegenheit, um Jasper zur Rede zu stellen; sein Verhalten war immer merkwürdiger geworden. Tatsächlich offenbarte er sich mir dann nach anfänglichem betretenem Schweigen: er sagte, das Mädchen hätte ihre Familie getötet und dass sie irgendeinen Plan verfolge. Doch nichts davon wirkte auf mich wirklich glaubwürdig, sondern eher, als sehe er nur Schlechtes in ihr. Schließlich erklärte er stolz, dass sie sich rächen wollen würde an ihm, ihrem Schöpfer, der sie zu dem machte, das sie nun sei. In einer Kurzschlussreaktion holte ich daraufhin aus und schlug ihm ins Gesicht.
Ich hatte kaum begriffen, dass er wieder auf den Beinen war, da griff er mich an. Seine Hände packten meine Schultern und drängten mich zurück, bis ich eine Wand in meinem Rücken spürte. Als sein Daumen sich in meinen Hals bohrte, glaubte ich zu Ersticken, obwohl ich nicht länger Luft zum Atmen brauchte. Ich überlegte fieberhaft, was zu tun war, da begegnete ich seinem Gesicht. Es war nicht weniger gräulich, beinahe aschfahl, und wirkte auf verwirrende Weise ausgezehrt. Sein Blick war schwarz und leer, seine Miene unverändert. Er war grausam und er hatte sie zu einer grausamen Person gemacht, das hatte er selbst zugegeben. Ich drückte meine Hände gegen sein Gesicht, um seinen Augen zu entgehen, und fuhr in seine Haare, um ihn daran zurückzureißen. Einen Moment ließ er mich los, und ich nutzte diesen Wimpernschlag, um zur Tür zu stürzen. Irgendjemand musste es wissen, musste ihn so sehen und begreifen, dass er uns alle verdammt hatte. Doch so weit kam es nicht; so weit kam ich nicht, bis er mich eingeholt hatte und mich am Arm zurückholte. Er schleuderte mich auf die andere Seite des Raumes und ich rutschte noch einige Meter über den Boden bis zur Wand. Auf Knien kauernd sah ich zu ihm auf, wartete und lauerte, dass er wiederkam. Mein Schutzschild vibrierte, meine Wut wuchs stetig. Er hatte es gewagt, meine Familie in Gefahr zu bringen und er würde es bereuen. Schreiend sprang ich ihm entgegen, riss ihn rücklings mit mir zu Boden und schlug auf ihn ein. Diesmal drückte er seine Finger in das Bein, das mir beinahe abhanden gekommen wäre. Ich stöhnte auf, weil das Gefühl, als Leah es mir herausgerissen hatte, urplötzlich und mit ungeahnter Heftigkeit zurückkehrte. Die Gedanken vernebelt, reagierte ich zu spät und er rollte uns herum, bis ich am Boden lag. Den Unterarm an meinen Hals gepresst schob er mein Kinn nach oben und beugte sich zu mir herab: „Sie hat mir Unrecht getan und Alice Leid zugefügt...das werde ich nicht dulden. Ich bin ihr Gebieter, sie kann sich mir nicht widersetzen." Wen wollte er damit belügen, mich oder sich selbst?
„Du hast Angst vor ihr.", flüsterte ich, woraufhin er knurrend weiter zudrückte. Dieser Jasper hatte nichts mehr gemein mit dem Mann, den ich kannte. Oder den Alice liebte. Wie war es nur so weit gekommen? Wie konnte er diese Persönlichkeit so lange vor uns verstecken?
„Sie hat Angst vor mir! Und ich werde es nutzen, ich werde sie zur Strecke bringen... Denn es wird Krieg geben. Und alle Wölfe werden mit ihr zugrunde gehen für diesen Verrat, für ihre Dummheit!"
Obwohl ich fürchtete, dass er mich töten wollte, schlug ich ihn erneut. Ich provozierte ihn, hoffte und betete, dass man uns hören würde. Und als mein Schlag auf mich zurückfiel, er wieder und wieder ausholte, wuchs meine Wut weiter an. Ich schaffte es unerwarteter Weise, uns erneut herumzurollen, und formte meine Hand zur Faust, als jemand am Rande meines Sichtfeldes erschien. Unvermittelt hielt ich inne, blickte auf und erkannte Edward, dem das Entsetzen ins Gesicht geschrieben stand. Wie musste diese Situation auf ihn wirken? Sofort ließ ich von Jasper ab, erhob mich und ging auf Edward zu, doch dieser trat zurück: „Was ist das hier?" Ich wollte mich nicht umsehen, wollte nur noch gehen und niemals wieder in dieses hasserfüllte Gesicht blicken.
„Bella?"
Edward entzog sich mir, als ich ihn erreicht hatte. Glaubte er, das hier ging von mir aus? Das konnte er unmöglich annehmen! Ich wollte mich rechtfertigen, da umfasste er meinen Oberarm und zog mich mit sich, eine schlichte Entschuldigung an Jasper murmelnd.
Meine schlimmsten Vorstellungen schienen Gewissheit geworden zu sein.
„Bella, hast du den Verstand verloren?", brach es aus Edward heraus, nachdem er mich stillschweigend zu unserem Haus gebracht und sich die Haustüre mit einem Knall hinter uns geschlossen hatte. Er starrte mich an, als wäre ich eine Fremde.
„Nicht ich, er – Jasper hat mich angegriffen, er –"
Ich konnte nur stammeln, brachte keinen klaren Satz heraus bei all den Dingen, die in meinem Kopf herumschwirrten und dringend überdacht werden wollten.
„Jasper hat dich angegriffen. Wie…weshalb sollte er das tun?"
Ich hörte heraus, das er nicht wusste, ob er das glauben sollte. Einen Augenblick später änderte er kopfschüttelnd seine Wortwahl: „Moment, es…Bella, es tut mir leid. Geht es dir gut? Bist du verletzt? Ich verstehe nicht, was da gerade zwischen euch vorgegangen ist." Edward wusste genauso wenig, wie all dem begegnet werden musste, was hier vor sich ging, wie ich. Ich sollte es ihm nicht übelnehmen. Seufzend senkte ich den Kopf und schloss die Augen, um das Geschehene noch einmal zu visualisieren und Jaspers Worte abzuspeichern, sodass ich sichergehen konnte, dass sie genau das bedeuteten, was ich vermutete. Als Edward sacht die Arme um mich legte, war ich zuerst überrascht, dann erwiderte ich seine Umarmung. Jedoch löste er sich schneller wieder von mir, als mir lieb gewesen wäre: „Du musst mir erklären, was das eben war."
„Ich…Jasper war so – voller Hass, so wütend. Ich dachte zuerst, er wäre mitgenommen und vermutete, dass er etwas verheimlichte. Also stellte ich ihn zur Rede.", erzählte ich wahrheitsgemäß, doch dann fiel mir etwas ein: „Aber – aber hast du denn nicht seine Gedanken gehört? Du musst das alles doch bereits wissen." Wenn Edward nicht abgelenkt gewesen war – und das konnte er unmöglich die ganze Zeit über gewesen sein, schließlich hätte Jasper nicht gezielt jeden Gedanken daran verdrängen können –, dann musste er bereits die wahren Gründe all dieser Geschehnisse kennen.
„Natürlich hadert er mit sich, Bella. Du hast schon Recht, er steht etwas neben sich, aber er wirft sich vor, es nicht vorhergesehen zu haben. Er kennt sie und hätte wissen müssen, dass wir in Gefahr sind. Aber er kann nicht in ihren Kopf hineinsehen, das kann nicht einmal mehr ich…"
Edward hatte nicht die geringste Ahnung. Jasper hatte es wahrhaftig geschafft, seine Gedanken zu zügeln und zu verdrängen. Womöglich hatte er es sich aufgehoben für diese Momente, in denen er unseren Diskussionen entfloh, um mit Alice darüber zu sprechen. Das erklärte seine Gefühlslage, als ich ihn und Alice störte.
„Er hat es vor dir geheim gehalten, vor uns allen! Aber Alice weiß es und sie hilft ihm und wenn sie nicht mit uns zusammen waren, dann –"
„Alice? …Bella, wovon bitte sprichst du?", unterbrach er mich, weil es ihm völlig unrealistisch vorkommen musste, dass Alice ihm etwas vorenthielt. Dass sie jedoch vielleicht tiefer in dieser Angelegenheit steckte, als ich mir vorstellen mochte, ergab noch viel weniger Sinn.
„Jasper führt etwas im Schilde. Er hetzt uns gegen die Wölfe auf, er will, dass wir sie angreifen.", platzte ich heraus und erkannte erst in diesem Moment, dass es tatsächlich so sein musste. Er schürte unseren Hass, um sie zu treffen. Um das Mädchen zu zerstören und ihre neu gefundene Familie mit ihr.
„Er hetzt uns auf, was – Bella, ist alles in Ordnung mit dir? Die Werwölfe haben uns den Vertrag gekündigt. Gut, das hätte ich vielleicht akzeptiert. Aber dann haben sie dich beinahe getötet und das will und werde ich nicht hinnehmen. Natürlich werden wir dafür Rache üben!", grollte er und mit Schrecken erkannte ich, dass Jaspers Plan bereits aufgegangen war. Er musste all das eingefädelt haben. Er hatte Jacobs Verkündung vielleicht nicht erahnt, aber es sofort für einen Gegenschlag genutzt. Er hatte uns trotz aller Gefahren geraten, ins Gebiet der Wölfe vorzudringen und somit einen Angriff provoziert. Jasper wollte, dass wir uns gegen sie wandten. Und wir spielten ihm in die Hände. Panik stieg in mir auf: „Das ist genau das, was er will! Er hasst sie und er hasst die Wölfe und…und benutzt uns, um sie zu zerstören. Sie haben nichts getan, du… Du hast ihn nicht reden hören. Er ist besessen von dem Gedanken, dass dieses Mädchen all das geplant hat und nun an ihm Rache nehmen will. Aber das glaube ich nicht, ich glaube, sie möchte ein Leben in Frieden führen, wie wir alle."
„Wenn sie das will, sollte sie uns nicht den Krieg erklären.", erwiderte er stur. Ich versuchte, es ihm nicht vorzuwerfen, obwohl es mich beinahe aus der Fassung brachte.
„Aber das haben sie doch gar nicht getan?"
Verzweifelt suchte ich in seinen so schönen, goldenen Augen ein Anzeichen dafür, dass er mir doch irgendwo Glauben schenkte. Vergebens. Er nahm meine Hände: „Du wirst dich beruhigen, Bella. Ich weiß, es ist keine einfache Situation und ich bin auch nicht glücklich darüber. Aber ich dulde nicht, dass meine Familie verletzt wird." Er küsste mich auf die Stirn, obwohl sein Ausdruck verriet, dass es eher widerstrebend war. Womöglich hoffte er, ich würde zur Besinnung kommen. Nur war das schon längst passiert.
„Renesmee ist oben auf ihrem Zimmer, sie sagte vorhin, sie möchte erst einmal keinen weiteren Besuch. Aber vielleicht kannst du ihr etwas Gesellschaft leisten?"
Das war kein Vorschlag, sondern eine Aufforderung. Und er machte deutlich, dass es ihm nicht gefallen würde, wenn ich widersprach.
Als in meiner Kehle ein Widerstand aufwallte, drehte er sich wortlos um und ging. Und es brauchte mehrere Sekunden, vielleicht auch Minuten, bis ich mich regen konnte. Ich blickte mich um und wusste, dass ich keine Ruhe finden würde. Nicht, nachdem mir Jaspers Blick in Mark und Bein übergegangen war. Nicht, solange ich annehmen musste, dass er es geschafft hatte, einen sinnlosen wie vernichtenden Krieg anzuzetteln. Es war mir egal, wer in vergangenen Zeiten wen belogen oder verletzt oder auch getötet hatte. Es interessierte mich nicht, mit welchen Mitteln er sich dieses Mädchen zurecht bog und ob das dazu führte, dass sie nun womöglich wirklich hinter den Mordfällen steckte. Nur zu welchem Zweck? Wollte sie diesen Krieg ebenso sehr, wie Jasper? Weil sie wusste, dass er im Falle des Falls chancenlos war? Er jedoch glaubte an das komplette Gegenteil. Er zog uns ohne Rücksicht auf Verluste mit in diese Streiterei hinein und brachte uns alle in Gefahr. Und sie glaubten ihm auch noch, sie würden…sie würden mit ihm und für ihn kämpfen und – nein, ich wollte nicht glauben, dass sie sterben würden. Ich wollte nicht, dass auch nur irgendwer verletzt wurde! Und ich würde nicht dabei zusehen, wie Jasper mit diesem dreisten Plan durchkam.
Fest entschlossen, dass Renesmees Anblick mich beruhigen und trösten würde, suchte ich sie in ihrem Zimmer auf. Und starrte entgeistert auf ein leeres Bett.
