III
"Verdammt, dieser Busch ist gemein"
M:"Krass." 'leicht schockiert und versucht die Situation richtig zu verstehen' "Meinst du, du hättest den Jungen Emilio tatsächlich getötet, wäre kein anderer dazwischen gegangen?"
C:'überlegt kurz und kehrt kurz in sich' "Hmm, schwer zu sagen, aber ich würde es nicht ausschließen. Emilio hatte mich so in Rage gebracht, da hatte ich wirklich nur Rot gesehen. Selbst Tifa hatte ich in diesem Moment nicht mehr wahrgenommen."
M:"Krass." 'noch immer schockiert über die ganze Situation die sich damals abspielte'
C:"Ich sag ja, Kinder können grausam sein. Und ab diesem Moment an wurde ich im Dorf noch mehr gemieden als zuvor."
M:"Ja klar, kann ich mir vorstellen. Hatte dich das sehr mitgenommen?"
C:"Hmm, ich sag mal so, ich war schon immer ein Einzelgänger. Das störte mich weniger. Aber dass sie tuschelten und auf mich zeigten, traf mich schon. Aber schlimmer fand ich es noch, dass sie meine Mutter damit angriffen." 'setzt eine finstere Miene auf und spannt sämtliche Muskeln an'
M:"Oh, haben die das? In wie fern?"
C:"Ja, sie hatten meine Mutter immer mehr ausgeschlossen. Und wenn sie auf dem Markt war, tuschelten alle hinter ihrem Rücken. Nur meinetwegen. Aber eine ließ sich von dem Getuschel nicht abhalten und war weiterhin nett und freundlich zu ihr."
M:"Ach wirklich? Wer?"
C:"Tifa's Mutter. Mit ihr hatte sie sich immer gut verstanden."
M:"Wie schön. Waren sie Freunde?"
C:'denkt kurz nach und versucht, sich an etwas zu erinnern' "Ob meine Mutter mit Tifa's Mutter befreundet war? Sie kamen recht gut miteinander aus und halfen sich gegenseitig. Ich würde nicht sagen, dass sie befreundet waren in dem Sinne. Sie schätzten die Stärke des jeweils anderen sehr. Ich würde behaupten, sie waren gute Bekannte. Aber Freunde? Was weiß ich schon. Ich hatte selber genug mit mir zu tun und konnte mir darum leider nicht viele Gedanken machen."
M:"Verstehe schon. Wie ging es weiter? Was war deine Strafe für dein Fehlverhalten?"
C:"Keine. Also nicht so richtig. Viele würden denken, ich hätte ein Verbot bekommen für irgendwas, aber nein, so war es nicht."
M:"Okay, erzähl."
Am Abend des Vorfalls stand meine Mutter in der Küche und bereitete das Essen zu. Ihre Wut und ihren Frust konnte ich ganz deutlich spüren. Die Art und Weise, wie sie das Gemüse behandelte, war nicht üblich. Sie murmelte und knurrte vor sich hin, während sie das Gemüse förmlich zu Tode schlachtete. Ich stellte mir vor, dass nicht das Gemüse so behandelt werden sollte, sondern ich. Während ich sie vom Tisch aus beobachtete, suchte ich nach passenden Worten, um ihr bestmöglich erklären zu können, was genau passiert war.
'Mama, es tut mir leid, aber er hatte angefangen.'
'Mama, er hatte Tifa geschubst und weh getan. Ich habe sie nur verteidigt!'
'Mama, ich weiß ich bin zu weit gegangen. Ich hasse mich selbst dafür! Es tut mir unendlich leid.
'Mama, bitte verzeih mir.'
Es wollte mir nichts richtiges einfallen, um meinem Fehlverhalten gerecht zu entschuldigen.
"Autsch, verdammter mist!", fluchte sie auf und schmiss das Messer quer in die Spüle.
'Toll, jetzt hat sie sich auch noch meinetwegen verletzt.'
Ich fackelte nicht lange, rannte ins Bad und suchte nach Verbandszeug im Arzneischrank. Als ich in die Küche zurückkam, sah ich die Sauerei.
"Zeig her, Mama.", bat ich sie und griff nach ihrer Hand.
Sie drehte sich von mir weg und meinte, es sei nicht so schlimm. Doch ich ließ nicht locker und setzte mich auf die Arbeitsfläche und griff nun fordernd zu ihrer Hand.
"Ob es schlimm ist oder nicht, würde ich gern selbst beurteilen. Schließlich ist es meine Schuld.", entgegnete ich ihr. Sie erschrak an meinen Worten und sie ließ allmählich locker. Nun konnte ich mir in Ruhe ihre Wunde anschauen.
An einem sauberen Schnitt an ihrer Fingerkuppe quoll ihr dunkelrotes Blut hervor. Sie hatte sich ordentlich geschnitten.
"Ist nicht so schlimm, sagst du? Du hast dich ordentlich geschnitten. Aber das haben wir gleich.", sagte ich, während ich ihren Finger liebevoll behandelte und verband.
Ihre ganze Körperspannung lockerte sich und sie seufzte. Ihr war es sichtlich unangenehm, dass ich sie gerade verarzten musste und nicht umgekehrt.
"Dieses verfluchte Ding. Ich bin abgerutscht."
Ich lächelte sie an und strich sanft über ihre Hand. Sonst war sie immer diejenige, die mich so behandelte wie ich sie gerade.
"Du warst nur etwas ungeschickt, aber das wird wieder.", munterte ich sie wieder auf und ließ es mir nicht nehmen, ihr einen sanften Kuss auf ihren Handrücken zu drücken.
Intensiv beobachtete sie meine liebevolle Geste und ließ ihre harte Mimik weich werden. In dem Moment wusste sie, dass sie mir nicht länger böse sein konnte. Von ihren mütterlichen Gefühlen überwältigt, strich sie mit ihrer unverletzten Hand über meine Wange, an der Emilio mich getroffen hatte. Sicher war ihr nicht entgangen, dass sich meine Wange langsam von blaugrün bis dunkel lila färbte.
"Mein Schatz, was ist da draußen nur passiert?"
Ich zuckte unter ihrer Berührung zusammen, denn es schmerzte höllisch. Nun zögerte sie nicht lange und kramte aus dem Tiefkühlfach Eis hervor. Sie wickelte es in ein Tuch und legte es mir auf mein Gesicht. Traurigkeit lag in ihren Augen.
"Mama, es tut mir unendlich leid, denn ich habe die Fassung verloren. Aber ich konnte nicht anders. Er hatte mich so sehr provoziert. Ich weis dass ist kein Grund dafür so sehr die Fassung zu verlieren. Ich habe dich zu tiefst enttäuscht.", sprudelten meine Worte nur so aus mir heraus. Ich spürte, wie sich Tränen in meinen Augen füllten. Sie fühlte mein Unbehagen, nahm mich in den Arm und sprach sanft zu mir, dass es wichtig ist, dass ich den Anfang nicht getan habe.
"Nein, das habe ich nicht. Ich hätte es auch mit Worten geregelt. Er sollte einfach nur Still sein"
Sie nickte.
"Doch er meinte nur, dass er sich von einem 'Hund' nichts sagen lässt und schlug zu."
Wieder nickte sie, aber drückte mich noch fester in ihren Arm. Durch ihre liebevolle Umarmung war mein Knoten geplatzt. Ich erzählte ihr alles. Auch weshalb ich die Fassung so sehr verlor. Meine Tränen liefen nur so über meine Wangen. Ja, ich weinte. Ich weinte, weil ich selbst dafür hasste, nicht stark gewesen zu sein und uns beide in diese ungemütliche Lage gebracht hatte. Auch sie schien zu weinen.
"Ich bin stolz auf dich. Sehr stolz.", begann sie zu sagen, um mich zu trösten.
Fassungslos über diese Worte hörte ich auf zu weinen.
'Sie ist stolz auf mich? Warum? Was ich getan habe, darauf kann man doch nicht stolz sein.'
"Du wolltest Tifa verteidigen. Aber dennoch solltest du dich bei Emilio entschuldigen.", sagte sie und widmete sich wieder ihrem Gemüse.
Fassungslos schaute ich sie an.
'Hat sie das gerade ernst gemeint? Ich soll mich bei Emilio entschuldigen?'
Da sie nicht weiter darauf einging, versuchte ich ihre Aufmerksamkeit wieder auf mich zu lenken. Doch vergebens. Sie schien es ernst zu meinen.
"Mama, ist das dein Ernst? Ich soll mich bei ihm entschuldigen?!"
Sie lächelte.
"Ja, das ist mein Ernst."
'Tatsächlich, es war ihr voller Ernst. Warum nur. Ist das meine Strafe? Kannst sie mir nicht irgendwie ein Verbot aussprechen? Das wäre mir lieber, als dies zu tun. Warum quält sie mich so?'
Gequält und noch immer völlig fassungslos, ließ ich mich laut seufzend von der Arbeitsfläche runter rutschen, nahm das Eis Päckchen mit und hielt es weiterhin an meine Wange.
'Aua.'
"Sieh es als deine Strafe an Cloud. Du musst lernen Verantwortung zu übernehmen. Über jedes deiner Verhalten. Auch die Fehlerhaften. Keiner ist perfekt."
Sie hatte recht, also akzeptierte ich ihre Entscheidung.
'Ich muss lernen, Verantwortung für mein Verhalten zu übernehmen.'
Diese Worte wiederholte ich in meinem Kopf. Wieder und wieder, während ich sie weiter beobachtete, wie sie das restliche Gemüse zurecht schnitt. Ihre Wut war nun verflogen und sie arbeitete präzise wie immer. Ich überlegte kurz, wie und womit ich sie unterstützen könnte und dachte mir, ich könnte den Tisch decken. Also ging ich an den Hängeschrank, in dem sich Teller und Gläser befanden und schaute nach oben.
'Ich komm da ran. Ich schaffe es. Irgendwie…'
Ich stellte mich auf die Zehenspitzen und streckte die Arme aus. Es fehlte wirklich nicht mehr viel, um an den Schrank zu gelangen. Überprüfend schaute ich meiner Mutter kurz über die Schulter, um mich im nächsten Moment an der Arbeitsfläche hoch zu stemmen. Ich war in gewisser Weise froh, zu der Zeit ein recht schmächtiger Hungerhaken gewesen zu sein, da meine Arme zu dem Zeitpunkt nicht die stärksten waren. Also zog ich mein gesamtes Körpergewicht hoch, hockte mich auf die Arbeitsfläche, um letztendlich an mein gewolltes Ziel zu gelangen. Meine Mutter bemerkte mich und war nicht sehr erfreut, mich dort oben zu sehen. Sie rügte mich oft deswegen. Immer wieder sagte sie, ich solle mir einen Hocker holen, um ran zu kommen. Sie wollte halt nicht, dass ich stürze und mir irgendwas breche.
"Mama, es fehlt nicht mehr viel, dann komm ich da ganz ohne Hilfe ran.", verkündete ich stolz, um ihr zu zeigen, wie viel ich wieder gewachsen war. Doch als ich gerade nach den Tellern greifen wollte, durchzog ein schmerzvolles Stechen meinen Rippenbogen, was mich zusammenzucken ließ. Es war genau die Stelle, an der Emilio mich mehrmals getroffen hatte, während die anderen beiden mich fest hielten.
"Cloud, alles in Ordnung?", fragte meine Mutter mich besorgt, da sie mein Zucken bemerkte. Sie legte ihr Messer beiseite und widmete sich wieder ganz mir.
"Hm geht schon wieder.", versuchte ich ihre Besorgnis abzuschlagen und schenkte ihr dabei ein Lächeln. Bedacht versuchte ich einzuatmen, ohne dass der Schmerz wieder auftaucht. Doch vergebens. Meine Mutter bemerkte es und ließ nicht locker. Also packte sie mein Shirt und zog es hoch. Was sie erblickte, stockte ihr der Atem.
"Von wegen geht schon wieder. Guckt dich doch mal an. Dein Brustkorb ist übersät mit blaugrünen, fast lila farbenen Flecken."
Sie war total geschockt und besorgt zugleich.
"Um Gottes willen, was hat der Junge dir angetan? Hatte er einen Besen oder Stock dabei?! Und was ist das?"
Während sie mich nun weiter begutachtete, bemerkte sie nebenbei Striehmen und weitere Flecke an meinen Oberarmen.
"...Er war nicht alleine, richtig?"
Ich neigte meinen Kopf und gab ihr zu verstehen, dass sie richtige Schlüsse zog.
'Ja Mama, du hast recht. Er war nicht allein.'
Zorn flackerte auf in ihren Augen und ihre Hände balte sie zu Fäusten.
"Von wegen, wer wohl seinen Sohn nicht im Griff hat. Blöde Gans.", knurrte sie und nahm mich ein weiteres Mal in den Arm. Sie entschuldigte sich bei mir für ihre Ausdrucksweise und gab mir zu verstehen, dass das Abendessen heute leider etwas spärlicher ausfällt. Sie habe durch den ganzen Tumult am Tag es nicht geschafft, etwas Vernünftiges zu besorgen.
"Macht doch nichts, Mama. Ein Salat ist auch lecker."
Sie knuddelte mich ganz fest und bedankte sich für mein Verständnis und bemerkte, dass mein Haar länger geworden ist.
"Oh man du wirst nicht nur größer mein Schatz, dein Haar wird auch wieder länger. Meinst du, ich soll es schneiden? Oder…", fragte sie und begann provisorisch meine Haare zu einem Zopf festzuhalten. Sie lächelte. Ihr schien mein Anblick mit dem Zopf zu gefallen.
"Was meinst du? Wenn es dir nicht gefallen sollte oder stören sollte, können wir sie immer noch kürzen."
"Okay.", stimmte ich ihrem Vorschlag zu.
Nur leider befand sich kein weiteres Haargummi im Haus, also mussten wir ein weiteres am nächsten Tag besorgen. Also machten wir uns gemeinsam auf den Weg zum Mischwaren-Laden. Meine Mutter hatte sowieso vor, dort vorbei zu schauen, da die 'Blöde Gans' neulich von ihrem Apfelwein so begeistert war und nach dem Rezept fragte. Doch sie ließ es sich nehmen und gab ihr eine für sie zum Nachteil überarbeitete Version.
"Einen schönen Guten Morgen wünsche ich."
Freudestrahlend begrüßte meine Mutter den Herren an der Bedientheke. Ich hatte von meiner Mutter den Auftrag bekommen, nach einem Haargummi für mich zu suchen, worauf ich schnell fündig wurde. Es war ein schlichtes blau-schwarzes Haargummi, für welches ich mich entschied.
"Ihnen auch einen Guten Morgen Miss Strife.", begrüßte der Herr meine Mutter und erblickte mich ebenfalls im Laden. Sein Blick war nicht sonderlich erfreut, mich zu sehen. Ich merkte, wie ich beobachtet wurde und nahm das Gummi und legte es dem Herrn auf die Theke.
"Entschuldigung, wenn ich frage, aber ist ihr Sohn Emilio zufällig zu sprechen? Cloud würde sich gerne bei ihm für das, was gestern passiert ist, entschuldigen."
Überrascht schaute der Herr zu mir rüber und zog erstaunter Weise seine Augenbrauen hoch. Dieser Bitte konnte er meiner Mutter nicht abschlagen und rief Emilio augenblicklich zu uns. Während wir auf ihn warteten, bezahlte meine Mutter das Haargummi für mich und gab den Herren das Rezept für seine Gattin. Auch ich nutzte die Gelegenheit und band mir meine Haare mit meinem neuen Haargummi zusammen. Im Glas der Theke begutachtete ich mein Spiegelbild.
'Hm ungewohnt, aber Mama gefällt es. Ich werde mich daran gewöhnen.'
Meine Mutter lächelte mir zu, denn ihr schien es wirklich zu gefallen. Kurz darauf kam auch Emilio, leicht angenervt hinter der Theke hervor.
"Hier hat jemand Anstand und möchte sich bei dir entschuldigen.", erklärte ihm sein Vater und deutete auf mich.
'Ja, ich habe wenigstens Anstand und bin gut erzogen.'
Als ich sein blau-grünes Gesicht hinter der Theke erblickte, fühlte ich Stolz. Ich alleine hatte es geschafft, ihn so zu zurichten. Doch einen weiteren Blick weiter runter an seinem Hals, sah ich das Ergebnis meines Fehlverhaltens. Dies stimmte mich weniger freudig.
'Okay Cloud, reiß dich zusammen und geh auf ihn zu. Tu Mama den Gefallen und zieh es durch.'
Ich atmete einmal tief ein, wagte den Schritt auf Emilio und streckte ihm meine Hand entgegen.
"Tut mir leid, was gestern passiert war."
Emilio schaute mich nur ernst an und balte seine Hände zu Fäusten.
"Du Hund wagst es, hier unter meine Augen zu treten und wie ein Heuchler um Verzeihung zu bitten? Deine Entschuldigung kannst du dir sonst wo hinstecken!", brüllte er mir entgegen und schlug meine Hand mit seiner Faust beiseite, bevor er wieder im hinteren Teil des Ladens verschwand.
Erschrocken über seine Reaktion versuchte sein Vater, ihm hinterher zu rufen, doch Emilio war schon weit verschwunden.
"Verzeiht den Ausraster von Emilio, aber es hat ihn gestern übel mitgenommen.", entschuldigte sich sein Vater bei uns. Aber er sprach mir großen Respekt aus, dass ich mich traute hierher zu kommen um mich persönlich zu entschuldigen.
"Lass ein bisschen Gras drüber wachsen und versuch es dann einfach nochmal.", schlug er vor und lächelte freundlich.
Fragend schaute ich meine Mutter an und hoffte, sie würde mir beistehen und sagen, dass dies ausreichen würde.
"Ich finde, Cloud hat Anstand genug bewiesen, um sich zu entschuldigen. Aber wenn Emilio so stur ist und auch noch beleidigend wird, hat Cloud keinen Grund, es ein weiteres Mal zu versuchen."
Meine Mutter lächelte mir ein weiteres Mal zu, bevor sie sich freundlich beim Herren verabschiedete und mich an die Hand nahm, um den Laden zu verlassen. Auch ich blieb nett dem Herren gegenüber und wünschte ihm einen guten Tag.
Draußen beobachtete ich das morgendliche Treiben des Dorfes. Einige jüngere Kinder spielten und tobten herum, während die Frau unseres Nachbarn frisch gewaschene Bettlaken in ihrem Hinterhof auf die Leinen hängt. Doch dann vernahm ich sanfte Melodien aus dem Haus der Lockharts. Es klang nach feinen Klängen eines Klaviers.
"Oh, die kleine Tifa scheint wieder fleißig am Klavier zu üben.", bemerkte sogar meine Mutter.
"Klingt toll.", entgegnete ich begeistert und machte mich direkt auf den Weg zum Wasserturm hinauf. Von dort konnte ich ihr nicht nur super zuhören, ich hatte auch einen perfekten Ausblick, um ihr beim Spielen zuzuschauen.
"Cloud, lass dich nicht erwischen. Und wenn du nachher Zeit findest und Lust hast, würdest du angeln gehen?", rief meine Mutter zu mir hoch. Ich hielt ihr einfach den Daumen nach oben, um ihrem Vorschlag zuzustimmen. Daraufhin konnte ich mich voll und ganz auf Tifa's spielen konzentrieren und ließ mich von ihren Klängen mitreißen. Genau wie die Klänge in den Wäldern beruhigten mich ihre Melodien und stimmten mich zufrieden.
"Hey, Cloud, komm runter und spiel mit uns.", rissen mich Stimmen aus meinen Tagträumen. Erschrocken schaute ich zu Tifa's Fenster und bemerkte, dass sie schon lange nicht mehr dort saß und nicht mehr spielte. Etwas enttäuscht darüber begab ich mich wieder nach unten. Die jüngeren Kinder, die eben nach mir riefen, freuten sich und waren beeindruckt, wie leicht ich mich am Geländer der Treppe runter gleiten ließ.
"Hey, spielst du mit uns?", fragte einer erneut nach und hopste mir freudig hinterher.
Ich reagierte nicht groß auf die Kinder und ging einfach weiter, um meine Angel und Eimer zu holen.
"Hey, stimmt es wirklich, dass du Emilio gestern fast erwürgt hast? Meine Mama sagte schon, wir sollten dir lieber aus dem Weg gehen."
'Super, nun erzählten sie schon Horror Geschichten über mich.'
Ich blieb stehen, rollte meine Augen und seufzte schwer.
"Fragt bitte nicht, ich bin nicht stolz darauf…", entgegnete ich scharf und schnappte meine Angel mit Eimer und Kescher. Die Kinder zuckten zusammen, da ich es ihnen deutlich machte, nicht drüber reden zu wollen. Kurz darauf flüchteten sie ängstlich und suchten schon das Weite.
Während ich durch den Wald schlenderte, hörte ich Tifa schon aus der Ferne nach ihrem mal wieder entlaufenen Kater rufen. Ich schmunzelte bei dem Gedanken, dass der Kleine einfach viel lieber draußen herum streunert, als gemütlich daheim auf dem Sofa zu schlafen. Als ich an meiner gewohnten Angelstelle am Fluss ankam, schmiss ich die Rute der Angel weit aus. Nun hieß es warten und Geduld haben, bis was anbiss. In der Zwischenzeit legte ich mich ins Gras und schaute hoch in den Himmel. Unbewusst fing ich an die Melodie, die Tifa zuvor spielte, nach zu pfeifen. Es beruhigte mich einfach immer wieder. Zusammen mit dem Plätschern des Flusses, das rascheln der Blätter in den Bäumen, wenn der Spätsommer Wind durch ihnen blies, und dazu das leise Zwitschern der Vögel. All dies erdete mich.
'Moment, da ist jemand.'
Ruckartig stellte ich mich auf und durchsuchte sämtliche Büsche um mich herum. Adrenaline schoss durch meine Adern und ließ meine Sicht wieder Rot färben. Mein Herz raste wie wild und meine Atmung ging stoßweise. Ich war auf alles gefasst.
'Wer oder was ist hier? Emilio und die Jungs? Ein wildes Tier oder gar ein Monster?'
Mir blieb nichts anderes übrig, als wachsam zu bleiben und nach dem Unbekannten zu rufen.
"Hör auf dich zu verstecken, ich weiß das du da bist. Wer immer du oder was du auch bist, zeig dich Feigling!"
Ein knacksen und rascheln der Äste erklang und ich nahm eine Art Kampfhaltung an. Ich war wirklich auf alles vorbereitet. Meine Hand Knöchel knacken, als ich meine Hände zu Fäusten ballte.
"Na los komm raus!", brüllte ich ein letztes Mal, bis ein dunkelbrauner Haarschopf aus einem der Büsche hervorkam. Es war Tifa. Sofort löste sich meine Anspannung und ich atmete erleichtert auf.
"Aua, verdammt der Busch ist gemein. Cloud , kannst du mir bitte helfen?"
Sie schien sich mit ihrem Kleid in den Dornen des Busches verheddert zu haben und steckte fest. Den hilflosen Blick, den sie mir zuwarf, war einfach unglaublich niedlich. Ich rollte meine Augen, lächelte ihr zu und ging dann auf sie zu.
"Was machst du hier Tifa?", fragte ich sie neckisch, während ich half, aus ihrer misslichen Lage zu entkommen. Sie steckte tief in einem Brombeerbusch, was ich nebenbei bemerkte. Der hat wirklich viele Dornen. Vorsichtig drückte ich einen der Äste beiseite, sodass sie nur hinüber steigen musste. Sie griff nach meiner freien Hand und stolperte hinaus. Ein Kichern konnte ich mir nicht verkneifen. Sie wirkte sowas von fehl am Platz mit ihrem gelben Kleid.
"Lach nicht. Das ist nicht nett.", schmollte sie und plusterte ihre Wangen auf. Wenn sie dies tat, war sie immer so niedlich. Man konnte sie schlecht Ernst nehmen.
"Was denn, ich lach doch gar nicht.", widersprach ich ihr und versuchte mein Grinsen zu unterdrücken, während ich ihr zwei Äste aus den Haaren pulte.
"Ich vermute mal stark, dass du deinen Kater dort drinnen nicht gefunden hast?", neckte ich sie. Es gefiel ihr nicht besonders, dass ich mich über sie amüsierte. Das zeigte sie mir deutlich mit ihrer zickigen und leicht arroganten Art.
"Nein, wie du siehst.", antwortete sie schorf und stapfte an mir vorbei, als meine Angel, Kescher und Eimer sah. Ihre schlechte Laune war schnell verflogen, denn sie war sehr interessiert daran, was ich dort tat.
"Stört es dich, wenn ich dir ein wenig Gesellschaft leiste?", fragte sie mich und setzte sich neben meine Angel.
"Nein, bleib ruhig.", versicherte ich ihr und setzte mich zu ihr.
Nun saßen wir zwei dort am Fluss und schwiegen uns an. Wir wussten beide nicht so recht, was wir uns erzählen sollten.
"Mein Papa war früher auch mal angeln. Aber ich schien ihm zu gesprächig dafür. Daher geht er nun lieber alleine.", fing Tifa an zu erzählen. Es stimmte, sie war sehr gesprächig. Ich nickte ihr zu und gab ihr zu verstehen, dass ich ihr zuhöre, aber hielt meinen Zeigefinger an meinen Mund, um ihr damit deutlich zu machen, still zu sein.
"Oh verstehe, ich bin leise.", sagte sie und schaute in den Himmel. Sie schloss ihre Augen und lauschte den Klängen der Natur. Ich beobachtete sie aufmerksam von der Seite.
'Sie ist so…. süß.'
Nervosittät machte sich in mir breit und ich merkte das mein Herz wie verrückt schlug. Wann hatte Tifa jemals so ruhig neben mir gesessen. Ich fing an, sie regelrecht zu mustern. Ihr Haar fiel fließend wie dunkle Seide über ihre Schulter. Und ihr ganzer Körper schien sich langsam zu verändern. Sie bekam langsam aber sicher eine weiblichere Figur.
Plötzlich öffnete sie ihre Augen und bemerkte, dass ich sie intensiv musterte. Ich erschrak, wusste in dem Moment nicht, wo ich hinsehen sollte und merkte, wie mir warm wurde. Sicher war mein Gesicht rot wie eine Tomate. Da begann meine Angelrute zu zucken.
"Angebissen.", freute ich mich, sprang auf und nahm meine Angel wieder in die Hand. Auch Tifa war gespannt und sprang freudig auf, um mir gut zuzusprechen, meine Beute schnell rauszuziehen. Ich fackelte nicht lange und zog kräftig an der Rute, um die Leine wieder einzuholen.
'Das muss ein Brocken sein. Da wird sich Mama nachher aber freuen.'
Ich musste mein gesamtes Körpergewicht gegen stemmen, um dem kräftigen Zug des unbekannten Fisches standzuhalten. Tifa bemerkte, dass ich leicht zu kämpfen hatte und zog mit an der Angel.
"Warte Tifa, nicht so doll, sonst bricht die Angel. Hol bitte den Eimer mit Wasser.", bat ich sie und ließ der Leine kurz wieder Spiel um im nächsten Moment wieder kräftig daran zu ziehen. Sie lief los, befüllte meinen Eimer mit Wasser und kam wieder zurück. In der Zwischenzeit war es mir gelungen, den Fisch aus dem Wasser zu ziehen.
"Wow, Cloud, du hast ihn.", jubelte Tifa mir zu, als sie den Fisch am Haken zappeln sah.
Ich nahm den Fisch, löste ihn vom Haken und legte ihn auf einen Felsen ab. Er zappelte und japste nach Wasser. Er quälte sich. Auch Tifa beobachtete den Fisch wie er um sein Leben rang und bedauerte ihn.
"Lässt du ihn wieder ins Wasser, Cloud? Er quält sich so.", sprach sie fast flüstern zu mir.
Ich ging nicht weiter auf ihre Bitte ein, griff nach einem größeren Stein und holte kräftig aus und ließ den Stein auf den Kopf des Fisches fallen.
'Bitte lass mich ihn gleich richtig treffen, damit er nicht lange leiden muss.'
Tifa schaute schockiert zu, was ich tat.
"Der ist heute unser Mittagessen. Wenn du es nicht sehen magst, schau doch einfach weg, Tifa.", sprach ich zu ihr, da ich bemerkte das es ihr nicht gut dabei ging.
Leider hatte der erste Treffer nicht ganz gesessen, denn der Fisch zappelte noch etwas. Also schlug ich den Stein ein weiteres Mal kräftig auf das Tier, bis er letztlich kein Lebenszeichen mehr von sich gab.
'Tut mir leid, kleiner Fisch, aber Mama hat sich Fisch heute zum Mittag gewünscht.'
Ich legte den Fisch in den Eimer, nahm meine Angel und Kescher und machte mich wieder auf den Weg nach Hause.
"Du hast das nicht zum ersten Mal gemacht, oder?", fragte Tifa mich traurig, während sie mir nach lief. Ich wollte ihr nicht groß darauf antworten, also schüttelte ich nur leicht meinen Kopf.
"Dachte ich mir. Du hast es so mit Leichtigkeit gemacht, dem Fisch das Leben zu nehmen."
'Tifa, glaube mir, auch mir fällt es nicht leicht, dies zu tun. Ich fühle mich jedes Mal schlecht dabei.'
"Tifa, es ist nur ein Fisch.", entgegnete ich ihr und wünschte mir, sie würde nicht weiter auf dieses Thema rumreiten.
"Ja, ein Fisch, der nur Leben wollte.", zischte sie mich an.
Finster schaute ich zu ihr rüber und blieb kurz stehen. Es war nicht fair, dass sie mich gerade so angriff, also ging ich wortlos einfach weiter. Sie schien gespürt zu haben, dass ich mich angegriffen gefühlt habe und entschuldigte sich gleich direkt wieder dafür. Doch ich ignorierte sie einfach und suchte schnellstmöglich den Weg nach Hause.
'Tifa, ich verstehe dich, dass du erschrocken bist, wie einfach es für dich aussah, zumal ich gestern fast das gleiche auch Emilio angetan hatte. Sicher hattest du Angst, denn du hast gesehen, zu was ich fähig bin, wenn ich es nur gewollt hätte.'
