Es war kalt und nass, der Boden glatt unter seiner Wange und doch steinhart, wie ein glattgeschliffener Edelstein. Seine Finger zuckten. Ugh. Noch am leben? Unerwartet. Ivren öffnete seine Augen. Um ihn herum war es dunkel, jedes Geräusch umso lauter, das kalte Gestein umso härter. Kein Eisen lag um seine Hände oder Füße, doch seine Magie, dieser vertraute Funken an Macht, antwortete nicht. Die Wände seines Kerkers fühlten sich kaum wie Fels an. Seine Finger strichen über sie bis er einen horizontalen Spalt fand, gerade noch unter seinen Fingerspitzen wenn er sich streckte.
Ein lautes Knirschen, Stein über Stein, rollend wie der Donner. Ein Lichtstrahl fiel auf sein Gesicht. Das Wesen war zurück. Es musste sein Angreifer sein, oder einer seiner Art. Sie teilten sich die selben unmenschlichen Züge, den Panzer, die Augen und den Schnabel. Irgendwie bekannt. Wo hatte er es nur gesehen? Es konnte nur in Aurora's Unterricht sein.
Die zweite Gestalt war ein Mensch, oder zumindest hatte sie das Gesicht eines Menschen, groß aber schlaksig und mit einer Brandnarbe im Gesicht. Diesen hatte er noch nie gesehen, da war er sich sicher.
"Komm her." orderte der Mensch. Als er nicht sofort gehorchte, fügte sie hinzu: "Freiwillig oder nicht – ich weiß was ich bevorzuge." Die Gestalt lächelte genussvoll.
Ivren stand auf. Er war wehrlos, egal ob in der Zelle oder außerhalb. Eine Leiter fiel an der Kante herab. "Kletter herauf." Ein Kopfneigen. "Hab keine dummen Ideen – oder habe sie. Bitte."
Was für ein – Ivren gehorchte. Seine Finger kribbelten. Sofort wurde er von dem Wesen gepackt. "Uff!"
Der Mensch starrte ihn an. "Gut trainiert, hm? Was hat deine Herrin dir wohl noch alles beigebracht? Kannst du betteln?"
Ivren könnte kotzten. Das war seine Mutter, verdammt nochmal! Am liebsten würde er ihm die Kehle herausreißen.
Sie führten ihn durch finstere Tunnel, genauso glatt wie seine Zelle. Ganz klar, hier war Magie am Werk. Eine Abbiegung, noch mehr Kerker, aber hinter gewöhnlichen Gittern, mit drei Gefangenen, allesamt leichenblass und kränklich. Kein Wunder. Wärme existierte hier nicht. Wann hatten sie zuletzt die Sonne gesehen oder eine zärtliche Berührung gespürt?
Es ging eine lange Wendeltreppe hinab. Seine Muskeln brannten. Ein großer Raum war in dem Fels gebohrt, ebenso Regale und Tische aus Stein, gefüllt mit Gläsern und Kisten. Merkwürdige tiefe Furchen durchschlugen den Boden. Es stank nach Blut. Knochen lagen am Rande, dort wo der Stein dem Himmel wich. Der Sternenhimmel grüßte ihn. Schade, kein normaler Ausgang. Er konnte sich ja schlecht den Berg hinab stürzten. Aber irgendwo musste ja der Mensch rein und rausgehen.
"Setzt dich." Der Mensch deutete auf eine blutverklebte Steinplatte. Folter? Ivren schluckte. Wundervoll. Wirklich wundervoll. Als er nicht reagierte, warf in das Wesen darauf. Die scharfen Kanten bohrten sich in seine Hände. Verdammt! Immer noch entwich ihm seine Magie. Waren wohl keine Amateure. Wie könnte er ohne sie entkommen? Kein Zauber, kein Schwert, keine Hilfe.
Verdammt.
Ivren schreckte aus dem Schlaf hervor, nassgeschwitzt und Herz rasend. Sein Hand strich über die Kette um seinen Hals. Er seufzte. Natürlich gab es für ihn keine Ruhe. Wenigstens war er nicht der einzige der keinen Schlaf fand. Nainar wachte über sie, schwarze Schuppen unsichtbar in der Nacht. Ivren setzte sich neben seinen Kopf hin und strich ihm über die Schuppen. Der Drache blinzelte ihn an. "Also – Der Kampf." er schluckte, "Nur wenn du es teilen willst, natürlich."
Im nächsten Moment wurde er in einen Strudel aus Erinnerungen gezogen. Asche und Gift, die brennenden Steppen unter ihm, rot und schwarz, nur kleine Funken verrieten die Lichter der Menschen. Hoch am Himmel kreiste er, unter ihm zwei Schatten im Wind, ein Geruch den er nie vergessen hatte. Wie ein Falke schoss er hinab, mit Feuer und Kralle auf sie hinauf, ein Biss, stinkendes ekelhaftes Blut. Schmerz. So viel Schmerz.
Er drehte um, weg hier! Unten das Blutbad der Menschen, oben das seine. Eine Jagd über den Himmel aber er war der Gejagte, nicht der Jäger. Mehr Flammen, mehr Blut, mehr Schmerz. Eines stürzte hinab, Flügel ausgerissen. Das andere fauchte und sprang seinem Brutpartner hinterher, Reiter auf seinem Rücken.
Nainar flog immer höher hinauf, bis er die Wolkendecke durchbrach. Er ließ sich vom Wind treiben. Die Wunden brannten, der Wahnsinn entfachte. Seine Flügel trugen ihn nicht mehr. Mit letzter Kraft glitt er hinab, versteckte sich im Wald und hoffte das sein Bruder ihn fand.
Ra'zac . . Nach so vielen Jahren brannte der Hass genauso lichterloh wie am ersten Tag. Sie hatten ihm die letzte Unschuld geraubt. Sie hatten ihm die Sterblichkeit genommen. Sie hatten ihm das letzte Licht ausgebrannt und mit Rachegelüsten ersetzt. Als das verblasste jedoch gegenüber ihren schlimmsten Tat: Fast hatten sie ihm Nainar genommen, erneut.
Er erinnerte sich an das Blut, sein eigenes und heißes Drachenblut, welches über seinen Körper triefte. Nainar's Schrei, geistig und körperlich. Für immer verankert in seinem Inneren. Der Mensch Ivren war an jenem Tag gestorben, zum zweiten Mal, doch dieses Mal kehrte kein Mensch zurück.
Ivren atmete einmal tief ein. Später, später konnte er sich in seinen Träumen verlieren. Jetzt musste er sie erstmal töten. Seine Magie wand sich unter seiner Haut. Aufgestaute Energie. Mit Eous' Eldunari dazu waren sie gut versorgt.
Kaum tauchten die ersten Sonnenstrahlen den Horizont in goldenes Licht, weckte er auch schon Eragon. Vögel zwitscherten und suchten den Bach zum trinken und baden auf, ebenso wie sie. Ivren tauchte seine Hände ins Wasser und wischte sich den Schweiß der Nacht ab. Im fahlen Morgenlicht waren die Narben kaum zu sehen. Hoffentlich kamen heute keine dazu.
Eragon hatte das Lager bereits zusammengepackt. Saphira's Schwanz peitschte unruhig hin und her.
„Also, Nainar hat einen Lethrblaka ordentlich erwischt, wahrscheinlich tot or zumindest raus aus dem Kampf. Ein Lethrblaka, ein oder zwei Ra'zac," erklärte Ivren, "Unser Plan – Erstmal Schutzzauber. Die Ra'zac müssten sich irgendwo verkrochen haben, wenn der zweite Lethrblaka noch lebt, dann sind sie dort. Trotz allem haben sie eine starke Bindung zueinander, als Brutpaar. Wenn sie nicht dort sind – Vielleicht können wir sie herauslocken." Er atmete tief ein. „Suche sie mit der Traumsicht. Ich weiß nicht ob Galbatorix sie geschützt hat oder nicht, aber . . "
Eragon nickte. „Ein Versuch ist es wert."
Prompt schnappte er sich die Schale von ihrem Mahl und füllte sie im Bach. Ivren starrte über seine Schulter ihre Spiegelbilder entgegen. „Draumr kopa!" Das Wasser krauselte sich unter ihrem Atem, doch es blieb leer.
„Wäre auch zu schön."
Saphira trug sie hoch hinauf in den klaren Himmel, nicht ein Wolkenfetzten zusehen. Der Horizont leuchtete im Sonnenschein, die fernen Berge entfacht mit Licht. Soweit oben wirkte alles unberührt, wie eins seiner Bilder, grüne Wälder, weiße Bergspitzen und blaue Seen, doch wusste er, dort unten herrschte Krieg. Sie rasten über den Himmel bis schwarzer Rauch sie grüßte, das Schlachtfeld wieder nah. Saphira kreiste über dem verbrannten Torf, die gleiche Stelle wie am Tag zuvor.
Eragon tippte sein Bein an und deute in die Ferne. Ivren starrte in den Himmel, doch er sah nichts. Er lehnte sich vor und sprach in sein Ohr. „Was ist? Du hast die besseren Augen."
So gut es ging drehte sich Eragon im Sattel um. „Da fliegt etwas. Es könnte auch nur ein Vogel sein."
„Wenn du ihn aus dieser Ferne siehst . . Nachschauen tut ja nicht weh."
Unter ihnen wurde brennende Erde wieder zu grünen Wiesen und dann zu schroffen Felsen. Ein Schatten huschte über den Himmel, verschwand hinter den Steinbrocken und Saphira wandte ab, flog wieder in die Höhe und drehte am Himmel.
„Ein Vogel der sich versteckt. Gut gesehen." lobte Ivren. „Schwerter bereit!"
Saphira schwebte in der Luft, ihre Augen auf den Boden gerichtet. Sie schnaufte. Sein Nacken kribbelte. Ivren blickte über seine Schulter und kniff die Augen zusammen. Immer noch nichts. War er blind oder waren diese Ra'zac nur gut im Versteckspielen?
"Haben sie uns gefunden?" rief Eragon ihm über den Wind hinzu.
„Nein – ah!" Plötzlich drehte Saphira um, schoss in die Tiefe und scharf auf Berghänge zu.
"Ja! Sie hat sie gesehen."
Die Felsen blitzten ihnen entgegen. Ivren müsste nur seinen Arm ausstrecken um sie zu berühren. Saphira schoss den Hang hinauf. Wild schaute er umher, doch ihre Feinden blieben seinem Blick fern. "Wo sind sie?"
"Dort!" Eragon deutete auf eine ferne Felswand, aber Ivren sah nur graues Gestein und schwarze Splitter. Aber Saphira schien sie zu sehen. Sie wandte sich durch die engsten Spalten und schärfsten Kurven, ihrer Beute auf den Fersen. Ein donnerndes Krachen ertönte. Ein Felsbrocken löste sich – oder vielmehr, wurde gelöst, fiel auf sie herab und doch, Saphira wich ihm aus. Splitter und Staub prasselten auf sie nieder. Ivren nieste.
Durch den Steinregen stürzte sich ihr Feind auf sie herab. Endlich! Ivren zog sein Schwert, hielt es aber noch flach. Eine falsche Bewegung und er würde am Ende noch seine Freunde verletzten. Es waren zwei, ein Lethrblaka und Ra'zac Paar. Hatten sie den Verletzten hierher getragen?
Saphira's Brüllen spürte er am ganzen Körper. Er lehnte sich zur Seite, schlug nach dem Ra'zac, doch dieser lachte, keckernd und entwich ihm. Als der Staub sich legte, blutete Saphira und kein Ra'zac war in Sicht.
„Seithr Öl?"
„Nein."
Erleichtert sackte er zusammen. Das hätte ihnen noch gefehlt. Saphira flog weiter, die nächste enge Abbiegung schon in Sicht. Sie mussten kaum Worte austauschen, Waffen blankgezogen und Zähne gefletscht. Seine Muskeln brannte vor Anspannung, Augen auf die gefährlich losen Steine an der Oberkante der Schlucht gerichtet.
Doch ihr Feind blieb fern. Ivren lehnte sich zur Seite und sprach einen Heilzauber über Saphira's Wunde. Plötzlich zerrte ein Luftstoß an Ivren und riss ihm fast sein Schwert aus der Hand als Saphira stoppte und mit kräftigen Flügelschlägen in der Luft schwebte. Ivren packte den Knauf fester und zog sich wieder richtig in den Sattel. Wo waren die Lethrblaka?
"Saphira, schnapp sie!" rief Eragon. „Hört auf euch zu verstecken!"
Ein Schemen huschte zwischen den Felsen umher, duckte heraus um nach Saphira zu beißen und verschwand im nächsten Augenblick. Immer weiter zog sie der Lethrblaka in die Schlucht hinein. Auf einmal hielt er an und sprang Saphira entgegen. Sie verbissen und verkrallten sich ineinander.
Mit gewaltigen Getöse, Brüllen und Fauchen stürzten Drache und Bestie gemeinsam zu Boden. Flügel, Schuppen und Schwänze krachten gegen Felswand. Steine rieselten herab. Eine falsche Bewegung und Saphira könnte sie zerquetschen Ivren schluckte und blickte hinab. Nicht all zu weit.
„Springen?"
„Springen."
Ivren zerrte an den Schnallen die ihn am Sattel festhielten, löste sie bis nur noch eine ihn festhielt und gerade als er nach ihr griff zwang der Lethrblaka Saphira zur einen wilden Drehung. Ivren rutschte aus dem Sattel und hing kopfüber in der Luft. Der Gurt um sein Bein zog sich umso enger zusammen. Er musste raus! Ivren stemmte sich mit einer Hand am Sattel hoch, Schwert immer noch gezogen. Fluchend drehte er sich bis er an den Gurt kam ohne sich ins Bein zu schneiden und befreite sich. Nun hielt ihn nur seine Hand auf Saphira.
„Gleich!" rief Eragon. Ivren steckte sein Schwert weg und es wurde heiß als die Schlucht mit Flammen loderte. Saphira drehte sich von der Wand weg, glitt weiter zu Boden und sie sprangen ab.
Ivren rollte sich ab. Seine Schutzzauber zogen an seiner Energie. Ein Tropfen heißes Blut fiel auf den Grund. Über ihnen tobte der Kampf wieder. Er zog sein Schwert und trat gemeinsam mit Eragon unter dem Schatten von Saphira hervor.
„Komm her! Komm schon!"
„Sei kein Feigling!"
„Habt ihr Angst?"
Ihr Verhöhnen wurde mit Klingen beantwortet. Eragon fing den Angriff ohne Probleme ab und stürzte sich mit Hunger auf ihren Feind. Ivren lächelte. Der Ra'zac konnte ihnen beiden nicht entkommen. Sie trieben ihn eine Ecke, das Wesen fauchend und spottend.
„Nimm seinen Namen nicht in den Mund!" rief Eragon.
„Ihr werdet sterben!" zischte der Ra'zac, „Genauso wie er."
Ivren ignorierte ihre Worte. In seinem Augenwinkel glitzerte Metall. Blitzschnell Ivren sein Schwert herum. Mit einem lauten Klirren prallten ihre Klingen aufeinander. Der Ra'zac hisste und warf sich erneut gegen sein Schwert. Ein Schritt nach dem anderen zwang Ivren den Ra'zac zurück, fast schon zu einfach, bis er endlich weit genug weg von Eragon war.
Garjzla!
Ein gezielter Lichtstrahl traf den Ra'zac. Es hisste ihn an, stolperte zurück und schüttelte seinen Kopf. Mit einem ekelerregenden Knacken und Schmatzen durchdrang sein Schwert den Chitinpanzer. Sein Feind wandte sich auf der Klinge und sprang zurück. Ivren verzog das Gesicht. „Stirb endlich." knurrte er. „Vöndr brisingr!"
Der Feuerstoß glit harmlos an den Ra'zac vorbei, doch Ivren brauchte nur eine Ablenkung. Er hob sein Schwert und konnte sich schon vorstellen wie er ihn erstechen würde – Er prallte mit voller Wucht auf den Boden. Sein Schwert fiel aus seiner Hand. Ivren fluchte. Natürlich konnte es nicht einmal einfach sein! Der Lethrblaka zerrte an seinen Mantel bevor er losließ und fauchte. Ivren rollte zur Seite, sah Klauen niederfahren und griff nach dem Schwert. Doch der Ra'zac kam ihm zuvor und kickte seine Waffe zur Seite, fröhlich keckernd.
Ivren blockte den scharfen Schnabel mit seinem Arm. Für den Moment hielten die Schutzzauber. Erneut schnappte der Lethrblaka nach ihm, erstaunlich langsam. Ein lautes Krachen ertönte, doch Ivren konnte sich keine Ablenkung erlauben. Der Lethrblaka taumelte für einen Moment. Ivren sprang auf, stolperte zurück und spürte wie sein Schutzzauber an ihm zerrte. Er musste es jetzt beenden.
„Garjzla." sprach er und lies viel seiner Magie hineinfließen. Hinter seinen Augenlider brannte Licht. Eragon rief seinen Namen, besorgt und frustriert zugleich. Viel wichtiger aber war das laute Kreischen von Lethrblaka und Ra'zac. Schnell griff Ivren sein Schwert, beschwor erneut Licht und erstach den betäubten Ra'zac. Danach enthauptete er ihn auch gleich noch. Sicher ist sicher.
Der Lethrblaka hatte sich wieder aufrappelt, schwankte aber immer noch. Ivren stach nach den verletzten Flanke und zugleich griff auch Eragon an. Gemeinsam war es leicht den Lethrblaka zu töten.
Ivren keuchte und nickte Eragon zu. Dieser kniete neben den Lethrblaka nieder und inspizierte die Wunde. „Nainar hatte ihn ordentlich erwischt."
Saphira landete neben ihnen. Schrammen überzogen ihre Schuppen und Schwingen, doch wenige waren tief. Ein, zweimal hatte ihr Lethrblaka sie mit dem Schnabel erwischt und Eragon heilte sie sofort. Ivren half ihm.
„Wir sollten hier weg." sagte Eragon. „Diesen Lärm konnte man weit hören."
Ivren begutachtete die vier Leichen noch einmal und versicherte sich das sie wirklich tot waren.
„Musst du alles enthaupten?"
„Ja."
Eragon lachte. „Auf zu Nainar, Saphira!"
