Liebe, Lüge, Wahrheit

Kapitel 86 – Sturm auf Bastille

14 Juli 1789, kurz vor dem Morgengrauen.

Wir reden später...", hatte Oscar gestern gesagt und auch getan. Victor ließ die Ereignisse des vergangenen Tages und Abends Revue passieren, während er die Kellerräume verließ und die wütenden Stimmen von Oscar, André und den Zwillingen immer entfernter klangen...

Warum missachtet ihr meine Befehle? Ein Soldat tut so etwas nicht!", hatte Oscar ihre Söhne gestern Abend getadelt und jetzt benutzte sie dieselben Worte – allerdings zu ihm, Victor de Girodel. Dank ihm und seiner Unterstützung hatten Oscar und ihre überlebende Kompanie ohne weitere Verluste die Barrikaden noch vor Einbruch der Dunkelheit erreicht. Bernard und seine Bürger hatten auf sie schon gewartet und sobald sie ankamen, wurde über die Lage, die Verluste, die Todesopfer und die weitere Vorgehensweise gesprochen. In der Nacht waren die Kämpfe von beiden Seiten eingestellt, die Wachposten aufgestellt und die gefallenen Soldaten und Bürger zu ihrer letzten Ruhe in einer nahegelegene Kirche gebracht worden. „Ihr geht auf der Stelle zu Rosalie und kümmert euch um eure Schwester und den kleinen Philippe!" hatte Oscar ihren Söhnen angeordnet und stieß natürlich auf Proteste.

Das werden wir nicht tun.", hatte Augustin leicht gekränkt gekontert. Victor konnte ihn verstehen. Anstelle von einem kleinen Dankeschön für die Unterstützung und Verstärkung, wurden er und François stattdessen getadelt. „Wir sind keine kleinen Kinder mehr und haben das Recht mitzukämpfen!"

Seine Beine fühlten sich schwer wie Blei an, als Victor die Treppe in den ersten Stockwerk nahm und den Schlüssel von der Kellertür fest in seiner Hand drückte. Oscar hatte ihre Söhne nicht weiter angehört und sie mit Alain und André zu der Wache an den errichteten Barrikaden geschickt. Dann war er an der Reihe.

Wie konntet Ihr, Girodel? Zuerst verschweigt Ihr mir (über) die Existenz meines zweiten Sohnes und dann lasst Ihr zu, dass meine Söhne mitkämpfen! Ich hatte Euch schon immer als Freund und treuen Untergebenen geschätzt und geachtet! Wie kann ich Euch jemals wieder vertrauen?", hatte sie ihn zur Rede gestellt, sobald ihre Söhne mit André und Alain aus der Hör- und Sichtweite waren.

Victor spürte noch immer deutlich, wie enttäuscht sie war und das tat ihm aufrichtig leid. „Verzeiht mir, Oscar, dass ich Euch getäuscht habe, aber ich tat es, um Euch zu schützen..." Er hatte ihr alles erzählt: Also darüber was er damals bei der Geburt der Zwillinge gesehen hatte, dann wie der General den Jungen in dem Dorf fand und wie es zu dem ganzen Lügenspiel kam...

Oscar hatte jedes einzelnen Wort aufmerksam gehört und dann schweren Herzens geseufzt: „Mein Vater hatte ihn benutzt ..."

Victor war sich nicht sicher, ob sie noch etwas dazu sagen wollte. Auf jeden Fall kam sie nicht mehr dazu. Das Geschehene war nicht mehr rückgängig zu machen und sie sollten lieber nach vorn schauen. Sie beide vernahmen nahende Schritte, die immer schneller wurden. Das war Soldat Alain und er sah ernst aus. Oscar wurde sogleich stutzig. „Was ist passiert? Wurden etwa feindliche Spione gesichtet?"

Nein, Oberst. Was das angeht, ist noch alles ruhig." Alain schüttelte mit seinem Kopf, seine Gesichtszüge verhärteten sich und er klärte Oscar im rauen Ton auf: „Ich bin hier, um Euch mitzuteilen, dass Bernard eine Versammlung in seiner Wohnung einberufen hat und wünscht, dass Ihr dabei seid."

Natürlich stimmte Oscar dem zu und machte sich unverzüglich auf den Weg. Girodel und Alain folgten ihr wortlos. Die Wohnung von Rosalie und Bernard befand sich zum Glück noch in dem gesicherten Bereich, in der Nähe der Kirche. Sie kamen noch rechtzeitig an. Viele Menschen standen eng gedrängt um einen Tisch und warteten, bis Bernard mit seiner Rede begann. Oscar entdeckte neben dem ehemaligen schwarzen Ritter Rosalie mit Marguerite und Philippe, André und ihre Zwillingssöhne. Beisammen standen sie am Tisch und wechselten miteinander einige Worte. Oscar verstand zwar nichts von ihrem Platz, aber die leuchtenden Augen ihrer Söhne und die kampfbereite Haltung stieß sie sauer auf. Sie ahnte, dass die Zwillinge ihre Befehle höchstwahrscheinlich missachten werden würden und sich euphorisch auf den morgigen Kampf vorbereiteten. Das gefiel ihr ganz und gar nicht. „Girodel, wenn Ihr mir Eure Treue beweisen und mein Vertrauen wieder gewinnen wollt, dann sorgt dafür, dass François und Augustin morgen nicht an den Kämpfen teilnehmen!", hat sie ihren einstigen Untergebenen auf dem Weg zu dem Tisch gebeten. Die Menschen traten zur Seite und machten ihr und ihren zwei Begleitern den Weg frei.

Das werde ich tun, Lady Oscar.", hatte er ihr selbstverständlich versprochen und erreichte den Tisch im Zentrum des großen Raumes. In seinem Kopf entstanden dabei einige Gedanken, wie er die Bitte von Oscar durchführen sollte.

Irgendwie zweifle ich, dass Eure Zwillinge alles brav befolgen werden.", erwähnte Alain skeptisch.

Oscar musste ihm in dieser Sache zustimmen. „Dann fesselt sie und sperrt sie irgendwo im Keller ein, aber Hauptsache sie werden an keinem Kampf mehr teilnehmen!" Das war eine schwere Entscheidung, wusste Victor, aber Oscar hatte keine andere Wahl, um ihre widerspenstigen Söhne aufhalten zu können. Der Apfel fällt bekanntlich nicht weit vom Stamm, dachte Girodel und ihn beschlich ein mulmiges Gefühl. Wenn es nach ihm ginge, sollte Oscar auch nicht an den Kämpfen teilnehmen. Denn wenn sie ums Leben kommt würde, würde er sich das nicht verzeihen. Und was würde dann aus ihren Kindern werden? Das war ein ähnliches Gefühl der Sorge wie damals vor vielen Jahren, als Oscar sich mit dem Herzog de Germain duelliert hatte... Nun, die Zeiten hatten sich geändert und es ging nicht um ein Duell, sondern um einen Krieg oder besser gesagt, eine Revolution. Er musste sich unbedingt etwas einfallen lassen, um auch seine ehemalige Vorgesetzte von dem Kampf fernzuhalten!

Bernard sah sie, nickte ihr zu und begann entschlossen zu reden. „Bürger, meine Brüder und Schwestern! Morgen wird ein entscheidender Tag für uns alle sein, denn wir werden die Bastille stürmen! Jemand hat beobachtet, wie Schießpulver und Kanonen in das Gefängnis transportiert wurden. Vermutlich bereiten sie den entscheidenden Schlag gegen uns vor. Das heißt, dass sie vorhaben, auf uns, die Bürger von Paris zu schießen und das werden wir nicht zulassen! Der König hat uns den Krieg erklärt und wir müssen uns deshalb so schnell wie möglich mit allen, die auf unserer Seite stehen, zusammenschließen! Uns bleibt nur noch ein Weg, aus dieser Sache raus zukommen! Wir müssen die Bastille stürmen!"

Meine Männer und ich werden euch selbstverständlich bei der Sache unterstützen.", sagte Oscar und reichte Bernard die Hand. „Aber bevor ich meine Männer anführe, möchte ich, dass jeder von uns die restliche Zeit mit seiner Familie verbringt."

Ihr habt Recht, Oscar.", Bernard fasste die Hand von Oscar und besiegelte mit einem Handdruck die Zusammenarbeit und gegenseitiges Einverständnis.

Die Versammlung löste sich sogleich auf. Soldaten aus Oscars und Girodels Kompanie gingen auf ihren Posten an den Barrikaden zurück. Die Bürger suchten ihre Familienangehörigen auf und verblieben mit ihnen die restliche Nacht. Die Männer von Bernard blieben allerdings noch in der Wohnung, um genaue Vorgehensweisen beim Sturm auf die Bastille zu besprechen. Rosalie nahm Marguerite und Philippe bei der Hand und wünschte allen Anwesenden eine gute Nacht. Sie würde morgen an den Kämpfen beim Sturm auf die Bastille nicht teilnehmen, sondern bei den beiden Kindern bleiben und auf sie aufpassen. André, Oscar und die Zwillingsbrüder ließen sich von Marguerite umarmen und einen Kuss auf die Wange geben. Auch Philippe tat es ihr gleich und dann ging er mit Marguerite und Rosalie in ihr Schlafzimmer. Das war eine rührende Szene.

Das solltet ihr auch tun.", meinte Oscar zu ihren Söhnen und bevor sie zum Protest ansetzten, fügte sie noch mit einer List hinzu: „Um den morgigen Kampf bestreiten zu können, solltet ihr ausgeruht sein."

Also gut...", seufzte Augustin. Diesmal willigten Zwillinge ohne Protest ein und gingen ins Zimmer, wo ihre Schwester und der kleine Philippe schliefen. Dabei unterhielten sie sich eifrig über den morgigen Kampf.

Bernard, gibt es bei euch im Haus sichere Kellerräume?", hatte Oscar den ehemaligen schwarzen Ritter leise gefragt und Victor somit auf eine Idee gebracht, die er selbstverständlich für sich behielt.

Ich gehe zu meinen Kameraden und bereite sie schon mal für morgen vor.", hatte sich Alain empfohlen, salutiert und hatte die Wohnung verlassen.

Wenn Ihr gestattet, würde ich gerne bei Euch bleiben, Lady Oscar.", Victor hatte die Situation derweilen ausgenutzt und für sich eine Entscheidung getroffen.

Bernard nahm eine Kerze und war ihnen vorausgegangen. Er hatte ihnen den Keller im Haus gezeigt und Oscar hatte die massiven Holztüren mit einem eisernen Riegel und Schloss sorgfältig in Augenschein genommen und für gut befunden. Zusammen mit André nahm sie die erste Tür vom Eingang aus und erkundete das Innere kurz mit der dem schwachen Lichtschein der Öllampe, die sie auf dem Weg hierher genommen hatte. Das war ein kleiner, leerer Raum mit einer kleiner Nische und oben, fast an der Decke, ein viereckiges Gitterfenster, wo nicht ein mal ein kleines Kind durch passte. Höchstwahrscheinlich diente dieser Keller nicht um Vorräte zu lagern, sondern als Sammelstelle für das Flutwasser von der Seine oder dem Regen.

Danke Bernard, wir sehen uns morgen.", hatte Oscar sich von dem Mann von Rosalie verabschiedet und sich dann an Victor gewandt: „Girodel, bringt mir bitte François und Augustin hierher. Ich will ihnen noch etwas sagen. Das ist eine Familienangelegenheit."

Natürlich, Lady Oscar." Die Worte glichen einem Abschied, aber das waren nicht seine letzten Worte. Er verließ den Keller mit Bernard und kam zurück mit den Zwillingen. Deren Eltern standen noch immer an der Türschwelle zu diesem auserwählten Kellerraum und flüsterten miteinander. Die Brüder hatten nicht die geringste Ahnung, was ihnen bevorstand. Dafür hatte Girodel schon gesorgt. Als er sie bei Rosalie aufsuchte, waren sie noch vollkommen angezogen und unterhielten sich zwar leise, aber euphorisch über die Bastille, während die anderen im Zimmer schliefen. Victor hatte ihnen nur mitgeteilt, dass ihre Eltern etwas Familiäres mit ihnen besprechen wollten, bevor sie in den Kampf zogen und ihnen dann den Weg in den Keller gezeigt. Zu seinem Glück fragten weder François noch Augustin über Details nach. Sobald sie ankamen, verstummte das Geflüster zwischen Oscar und André. Beide zeigten sogar ein Lächeln und meinten, schön, dass sie da waren. André ging mit einer Öllampe in das Innere, seine Söhne folgten ihm und Oscar flüsterte an der Türschwelle zu Girodel: „Wir warten, bis sie an der Nische angekommen sind und machen dann die Tür zu."

Wollt Ihr nicht auf André warten?", fragte Victor scheinbar überrascht. Jedoch innerlich hatte er sie bereits durchschaut und sie bestätigte seine Vermutung auch noch mit folgenden Worten: „Ich hatte André schon einmal fast verloren und will nicht, dass es noch einmal passiert."

Ich verstehe..." Das war ein Signal für Victor und eine günstige Gelegenheit, um sein eigenes Vorhaben durchführen zu können. „Bitte vergebt mir, Lady Oscar, aber nur ich werde die Tür zu machen." Noch während er diese Worte aussprach, stieß er Oscar mit dem freien Arm nach vorn und schloss die Tür. Schnell schob er den Riegel vor und drehte den Schlüssel im Schloss herum.

Vorerst geschah nichts. Bestimmt war Oscar noch zu überrascht und musste realisieren, was überhaupt geschehen war. Dann aber entstanden Rascheln und Poltern hinter der Tür. Die ersten Fausthiebe donnerten gegen die massiven Holzbretter, gefolgt von der fassungslosen und wütenden Stimme von Oscar. „Girodel, was soll das! Macht sofort die Tür auf!"

Nein, meine liebe Oscar, das geht nicht. Ich will nicht, dass Ihr morgen in den Kampf zieht. Ihr solltet Euch um Eure Kinder kümmern, sie brauchen Euch und ich werde an Eurer Stelle die Männer anführen.", flüsterte Girodel, ungeachtet auf die wütenden Schreie hinter der massiven Holztür. Er lehnte sich dagegen mit dem Rücken an, spürte die Vibration des rauen Holzes bei jedem Faustschlag und vernahm, wie zu der wütenden Stimme von Oscar, auch die Stimmen von Augustin und François sich vermischten. Auch die Schläge und das Poltern an der Tür wurden mehr und kräftiger. André kam Victor in den Sinn. Bestimmt versuchte er Oscar behilflich zu sein und die Tür mit all seiner Kraft aufzubrechen. Jedoch würde keiner von ihnen ausbrechen können. Er hatte ja den Schlüssel...

Girodel riss sich von der Wand, erklomm mit schwerem Herzen die Treppe und nahm den direkten Weg in die Wohnung von Rosalie. Bernard verabschiedete sich gerade von ihr und den beiden Kindern. Victor störte dabei nicht und wartete in unmittelbarer Nähe. Auch Alain war wieder da und sobald er ihn sah, kam er zu ihm. „Wo sind André und unser Oberst?"

Seine Stimme bewog auch Bernard mit Rosalie und den Kindern die Aufmerksamkeit auf ihn zu richten. Victor ließ sich nicht aus der Ruhe bringen und zeigte sogar ein kleines Lächeln. „Sie sind noch bei ihren Söhnen im Keller und kommen nach, sobald sie die Zwillinge gebändigt haben. Alain, Oscar ließ dir ausrichten, du sollst deine Kameraden schon mal ohne sie anführen. Auch du Bernard, und deine Bürger, sollt nicht auf sie warten.", erklärte Victor und bewegte seine Füße auf die Kinder zu, ohne den beiden Männern weitere Beachtung zu schenken. Bernard machte sich nichts daraus und Alain war zwar etwas misstrauisch, aber verließ mit ihm die Wohnung von Rosalie. Victor hatte nur darauf gewartet und beugte ein Knie vor den Kindern. Er reichte Philippe den Kellerschlüssel. „Du bist ein guter, tapferer Junge und deswegen vertraue ich dir diesen Schlüssel an. Behalte ihn bei dir, bis ich zurückkomme."

Philippe sah ihm tief in die Augen, als wollte er dort etwas ergründen. „Und wenn nicht?", fragte er ihn vorsichtig und nahm den Schlüssel zögernd an sich.

Er hatte Angst, die er nicht zeigte, verstand Victor. Bestimmt erinnerte er sich an die Revolte im letzten Sommer, bei der sein Vater getötet wurde. Victor erhob sich und legte ihm die Hand auf den Kopf. „Dann gibst du ihn Alain oder Bernard." Er wollte ihm Trost spenden, aber konnte nicht.

Philippe nickte, sein Kinn zitterte leicht, seine Haltung war jedoch gerade wie eines Soldaten. Irgendwie hatte Victor diesen Jungen liebgewonnen und musste an dessen Mutter denken. Marie hieß sie und es tat ihm irgendwie leid, dass er sie womöglich nie wieder sehen würde. Aber was waren das für Gedanken? Früher hatte er sie kaum beachtet, als er auf dem Anwesen de Jarjayes Oscar oder ihren Vater oder ihre Söhne besucht hatte...

Marguerite trat hervor, zupfte leicht am Ärmel seiner alten Uniform und unterbrach ihn somit bei seinen Gedanken. „Wo sind meine Eltern und Brüder?"

Auch ihr schenkte Victor ein Lächeln und kehrte schnell aus seiner Gedankenwelt in die Wirklichkeit zurück. „Sie werden bald bei dir sein." Sein Blick schweifte sogleich von dem Mädchen auf Rosalie, die bereits hinter den beiden Kindern stand. „Wenn ich nicht zurückkomme, wird dieser Schlüssel dich zu ihnen führen."

Rosalies Augen weiteten sich, ihre Finger bedeckten erschrocken den Mund und bevor sie ein Wort von sich gab, sprach Victor weiter: „Du willst doch auch nicht, dass die Kinder ihre Eltern verlieren und aus diesem Grund wirst du deine Wohnung nicht verlassen, bis der Kampf um die Bastille vorbei ist." Zur Bestätigung hörten sie die lauten und grollenden Stimmen der Menschen von draußen: „Wir stürmen die Bastille! Auf zur Bastille!", riefen sie kampfbereit auf den Straßen und marschierten zu Tausenden zu der Festung! Aus allen Seitenstraßen und Gassen schlossen sich ihnen noch mehr Menschen an. Girodel verließ die Wohnung von Rosalie, suchte seine Männer bei der kleinen Kirche auf und befahl ihnen, ihm zu folgen.

Die Bastille. Eine Festung, die als Staatsgefängnis diente. Zurzeit befanden sich dort jedoch wenige Gefangene und etwa an die 100 Mann an Besatzung, wusste Girodel. Was sollten sie schon gegen tausende, wütende Menschen aus dem niederen Volk ausrichten können?

Zuerst fanden die Verhandlungen statt und dann wurde das Feuer seitens der Besatzung eröffnet. Womöglich diente das als Abschreckung, aber das machte die Bürger von Paris umso wütender. Wie ein Schwall von Heuschrecken stürmten die Menschen, unter Anführung von Bernard, die Bastille. Schon bald wurden die ersten Kanonen erbeutet. Alain und Victor postierten ihre Soldaten an den Kanonen und befehligten sie getrennt voneinander. Ohne Unterlass donnerten die Kanonenkugeln gegen die Steinmauer der Bastille. Die gegnerische Besatzung hatte kaum Möglichkeit, das Feuer zu erwidern. Beißender Geruch nach Schießpulver, Metall, Blut und Schweiß vermischte sich mit lauten Stimmen und entsetzlichen Schreien der Getroffenen. Immer wieder donnerten die Kanonen, immer wieder krachte es an den hohen Mauern der Festung und massive Steinblöcke purzelten nach unten. Und die bis aufs Äußerste entschlossene Masse von Menschen strömten nur so auf die Festung zu.

Bis zum Nachmittag hörten der Kanonendonner nicht auf und dann war die weiße Flagge gehisst und die gegnerische Besatzung von dem wütenden Volk niedergemetzelt. Die Bastille war gefallen, die Menschen stürmten triumphierend herein, befreiten die Gefangenen und nahmen sich die Besatzung vor.

Girodel beteiligte sich nicht darin. Wozu? Er stand noch immer vor den Kanonen und sah zu, wie seine Soldaten zusammen mit denen aus Oscars Kompanie und den Bürgern von Paris die gefallene Festung stürmten. Sein Versprechen gegenüber Oscar war erfüllt. Für sie hatte er auf die Seite des Volkes gewechselt, sie und ihre Söhne womöglich vor dem Tod bewahrt und konnte getrost zu ihr zurückkehren und sie aus dem Keller freilassen. Sicherlich würde sie nie wieder mit ihm sprechen, sein Handeln als Vertrauensbruch ansehen und ihn verwünschen, aber für ihn war ihr Leben das alles wert. Victor atmete tief ein und aus, wollte dem ganzen Sturm auf Bastille den Rücken kehren, als plötzlich ein brennender und schneidender Schmerz seinen Rücken durchzog. Er schnappte nach Luft, sein Herz raste, alles begann sich vor seinen Augen zu drehen und seine Beine gaben nach. Jedoch fiel er nicht um. Ein starker Arm fasste ihn von hinten um seinen Oberkörper und zog ihn nach hinten. Der schneidende Schmerz auf der rechten Seite seines Rückens verstärkte sich dadurch. Jemand hat ihn hinterhältig von hinten mit einem Messer erstochen, hielt ihn fest an der breiten Brust gezogen und bevor er das Bewusstsein verlor, hörte er eine hämische Stimme eines Mannes an seinem Ohr: „Endlich kann ich an Euch meine Rache nehmen, Graf, und glaubt mir, das wird mir ein großes Vergnügen bereiten!"

So fühlte sich also der Tod an... Aber lieber sein Leben als das von Oscar... Sie war in Sicherheit... Sie und die Zwillinge...