Liebe, Lüge, Wahrheit
Kapitel 91 – Die Geiseln
„Endlich kann ich an Euch meine Rache nehmen, Graf, und glaubt mir, das wird mir ein großes Vergnügen bereiten!", geisterte es immer und immer wieder im Kopf von Clement, während er im Galopp zu dem Palast de Tuilerien ritt. Diese Worte hatte Armand oft als Drohung wiederholt, als er ihn im schäbigen Haus in der Nähe von Paris gefoltert hatte. Die Wunden an seinem geschundenen Körper, die die alte Hebamme der Zwillinge fürsorglich gepflegt und verbunden hatte, wurden wiederholt mit einem Messer aufgeschnitten, bis das Blut in einem Rinnsal auf seiner Haut floss. Er war zu schwach und machtlos, um sich gegen die Folter von Armand zu wehren. Zumal dessen vier Kumpanen ihn immer festgehalten hatten... Clement schauderte es am ganzen Körper, als er sich an die Schläge mit einer Rute, an das glühende Eisen an den verwundenden Stellen seiner Haut und an das kalte Metall des Messers erinnerte. Nun waren die Zwillinge in den Händen dieses Abschaums und Clement vermochte nicht daran zu denken, was Armand mit ihnen anstellte. François und Augustin waren gerade mal vierzehn Jahre alt und deren jugendlicher Körper würden nicht lange den grausamen Foltermethoden von Armand standhalten. Er durfte keine Zeit verlieren, aber auf eigene Faust wäre es leichtsinnig zu handeln und deshalb brauchte er dringend Unterstützung.
Clement sah die hohen Mauern vom Palast de Tuilerien von weitem und auch den Umzug der königlichen Familie sah er, als er seinem Ziel immer näher kam. Außerhalb der großen Menge verlangsamte er sein Pferd und bewog es in unmittelbarer Nähe zum stehen. Dabei wurde der Zug von Nationalgardisten begleitet, die den Wagen mit Brot und Mehl eskortierten. Auf ihren Bajonetten steckten Brotlaibe. Alain führte den Zug auf einem Pferd und General de Jarjayes begleitete den Wagen mit der königlichen Familie ebenfalls auf einem Pferd. Er ritt an der Seite, wo der König kauerte. Neben ihm fand die Königin und ihre Kinder Platz. Madame de Jarjayes und eine Kinderfrau der Königskinder saßen zusammengerückt im hinteren Teil des Wagens. Clement zögerte weiter zu reiten und ließ die Menschenmasse an ihm vorbei passieren. Seine Einmischung würde jetzt niemanden etwas bringen und höchstwahrscheinlich Unmut bei den begleitenden Bürgern verursachen. Das wollte er vermeiden und wartete auf eine passende Gelegenheit.
Die Soldaten des Palastes, sowie auch hunderte Mitglieder der Nationalversammlung schlossen sich dem Umzug der königlichen Familie an. Obwohl es geregnet hatte und der Untergrund schlammig war, zeigte sich die Menge bester Laune und sang: „Wir bringen den Bäcker, die Frau des Bäckers und den Sohn des Bäckers nach Paris!" Die mit Flinten und Piken bewaffneten Marktfrauen waren sich sicher, dass die Lebensmittelkrise durch die Rückkehr des Königs nach Paris nun ihr Ende fand.
Clement dachte kurz an die Zeit, als er noch im königlichen Garderegiment gedient hatte, zurück. Von General de Jarjayes wusste er, dass ihm sein Rang und sein Titel genommen wurden. Nun war er ein einfacher Mann, der bei dem Sturm auf die Bastille gefallen war. Dabei schweiften seine Gedanken unwillkürlich an das Gespräch mit Marie. Eigentlich sollte er an die Zwillinge denken und wie schnell er sie aus der Gefangenschaft von Armand befreien konnte. Aber nein, sein Kopf schien ein eigenständiges Leben zu führen und produzierte immer wieder die Frage, die Marie ihm bezüglich Lady Oscar gestellt hatte... Liebte er sie noch immer?
In den vierzehn Jahren, seit der Geburt der Zwillinge, hatte er gelernt, seine Gefühle ihr gegenüber zu bändigen und sich mehr auf das Spiel der Täuschung von General de Jarjayes zu konzentriert. Spätestens als er sie, ihre Söhne und André im Keller eingesperrt und an ihrer statt den Sturm auf die Bastille beigewohnt hatte, sagte er sich von der Liebe los. Jetzt erwartete Lady Oscar erneut ein Kind von André und im Vergleich zu damals, als er in Nizza von ihrer ersten Schwangerschaft erfahren hatte, verspürte er in diesem Moment nichts. Also liebte er sie nicht mehr – zumindest nicht auf die Weise wie früher. Es war mehr eine Bindung zu ihr, die Aufgrund seiner langjährigen Dienste an ihrer Seite beruhte und natürlich die Zwillinge. François war sein Patenkind und Augustin sein Schutzbefohlener seit er ihn auf Befehl von General de Jarjayes bei sich aufgenommen und erzogen hatte.
Ganz beiläufig beobachtete Clement, wie die königliche Familie, umringt von Nationalgardisten, von dem Wagen gestiegen und durch das Tor vom Palast de Tuilerien geleitet wurden. Alain de Soisson selbst blieb draußen bei dem leeren Wagen und nicht weit von General de Jarjayes beobachtete er das Geschehene hoch zu Pferd. Nur die Kinderfrau der Königskinder durfte mit der königlichen Familie in das Palast gehen. Für General de Jarjayes und seiner Frau gab es jedoch keinen Zutritt mehr und ihre Aufgabe wurde als erledigt bezeichnet. Sie bräuchten sich nicht mehr länger in der Nähe der königlichen Familie aufhalten – diese Aufgabe übernahmen nun die Mitglieder der Nationalversammlung. Bernard Chatelet tauchte auch noch von irgendwo auf und mit ihm zwei Frauen. In einer von ihnen erkannte Clement Rosalie. Zwar verstand er nicht viel, was sie Alain schluchzend sagte, aber es fielen die Namen von Jules, Anna, Diane, François und Augustin. Bei Madame de Jarjayes weiteten sich vor Schreck die Augen und ihre zittrige Hand bedeckte ihr leicht geöffneten Mund. Was sie flüsterte, verstand Clement nicht, aber er beobachtete eine plötzliche Veränderung in General de Jarjayes. Aus seinem Mund fiel der Name von Armand und er wendete rasch sein Pferd. Auch Alain de Soisson schloss sich unverzüglich dem General an. Beide gaben ihren Pferden die Sporen und da preschte Clement ihnen entgegen. „General de Jarjayes, folgt mir! Ich weiß wo Armand ist!" Nur ganz kurz bekam er noch mit, wie dieser Bernard und Rosalie sich um Madame de Jarjayes kümmerten, wendete sein Pferd und führte General de Jarjayes und Alain de Soisson zu seinem Haus zurück.
André stand am Fenster und sah die drei Männer in den Hof des Hauses einreiten. Mit finsteren Gesichtern stiegen sie von ihren Pferden und eilten in das Innere des Gebäudes - vorneweg ein wutentbrannter Alain. André drehte sich um und schaute beinahe mitleidig in die Ecke zu seiner linken Seite. Louis war noch einmal wach geworden und André hatte ihn an die Wand in die Ecke gesetzt. Clement hatte zwar gesagt, er sollte Louis wieder bewusstlos schlagen, aber André tat es nicht. Statt ihn bewusstlos zu schlagen, hatte er noch einiges von ihm in Erfahrung gebracht. Zum Beispiel, wie Augustin und François gefangen wurden, was sie mit der Schwester und der Tochter von Alain genau vorhatten und dass Armand die alte Hebamme Melisende getötet hatte, weil sie Graf de Girodel zur Flucht verholfen hatte... André war fassungslos von so viel Groll gegenüber seiner Familie, dass er nichts mehr weiter hören wollte und Louis den Rücken zugekehrt hatte. Nun sah er sich wieder seinen ehemaligen Kameraden an und obwohl Louis sich mit Armand verschworen hatte, empfand er so etwas wie Mitleid mit ihm. „Alain ist hier.", sagte er und hörte schon die hastigen Schritte hinter der Tür.
Louis schloss die Augen und lehnte seinen Hinterkopf gegen die Wand. „Vielleicht schlägst du mich doch bewusstlos, André?" Alains Zorn fürchtete er anscheinend mehr, als die Schläge von Clement oder die Befragung von André.
André schüttelte ablehnend den Kopf und da ging die Tür auf. Clement marschierte den beiden Männern voraus und zeigte auf Louis. „Du bist von Verrätern umgeben, Alain de Soisson und es gibt mehrere davon!" Er hatte auf dem Weg hierher dem General de Jarjayes und dem Freund von André grob erzählt, was Armand getan hatte und dabei seine wahre Identität offenbart.
Alain war es vollkommen gleichgültig, dass dieser Clement der totgeglaubte Graf de Girodel war. Er wollte nur noch seine Schwester und seine Tochter zurück! Blind vor Zorn und außer sich vor Wut, erreichte er Louis, packte ihn und zog ihn an der Wand hoch. „Wo sind meine Mädchen?!", spie er verächtlich und donnerte Louis seine Faust in die Magengrube. Louis schnappte heftig nach Luft und die nächsten Fausthiebe von Alain prasselten mit Wucht auf ihn ein. Nicht einmal sein Gesicht wurde von der mächtigen Faust von Alain verschont. Sein Nasenbein und sein Kiefer wurden ihm dabei gebrochen. Ein dünnes Rinnsal von Blut sickerte ihm aus dem Mund, als Alain ihm vor Wut einen Zahn ausschlug.
Obwohl Clement bei dieser Szene eine gewisse Genugtuung verspürte, durfte dieser verräterische Soldat Louis nicht sterben. „Genug!", befahl er Alain und warf einen Blick auf André. „Wir brauchen den Mann lebend!"
André verstand. Alain war mehr sein Freund und deswegen hielt sich Clement mit dem Eingreifen zurück. „Halte ein, Alain!" André musste seine ganze Kraft aufbringen, um seinen Freund von Louis zu trennen. „Ich verstehe deine Wut, denn Armand hat auch meine Söhne, aber wenn du Louis jetzt tot prügelst, wird er nichts mehr sagen können!"
„Ich bringe diese Bastarde um!" Alain schnaufte, seine Fäuste schmerzten vor Anspannung und seine dunkelbraunen Augen schleuderten Blitze der Vergeltung ins demolierte Gesicht von Louis. Sein verräterischer Kamerad röchelte und anstelle von Worten, spuckte er Blut. Der rote Schleier des Zorns verblasste langsam vor seinen Augen. Alain sah es ein, dass André recht hatte und lockerte widerwillig seinen Griff. Er ließ sich von André einen Schritt zurückführen und Louis glitt benommen an der Wand wieder in die Ecke zurück.
„Wir müssen geschickt vorgehen und uns beraten.", hörten die beiden Männer Clement sagen und der neue Anflug von Rage kroch in Alain wieder hoch. Sein Blut kochte, er wirbelte um die eigene Achse herum und erdolchte Clement mit seinen Blicken. „Beraten?", spie er wutentbrannt und sah danach aus, als würde er sich auf den totgeglaubten Offizier stürzen wollen. Aber das tat Alain nicht und beherrschte sich krampfhaft. „Was ist mit Diane und Anna?! Bis wir uns beratet haben, kann Armand noch sonst was mit ihnen anstellen! Ihr sagtet, Ihr wisst wo er ist, dann sagt es mir und ich gehe alleine hin!"
„Dann beraten wir uns eben schnell!" Clement konnte den Mann verstehen, denn auch in ihm brodelte dieselbe Wut und Zorn – schon alleine wegen Augustin und François. Dennoch durften sie nicht unüberlegt handeln und mussten einen kühlen Kopf bewahren.
Dieser Ansicht war auch der General de Jarjayes, der das Geschehene mit halb gekniffenen Augen die ganze Zeit beobachtet und analysiert hatte. Er hatte in seinem Kopf einen Plan ausgearbeitet und zeigte nun auf den gefesselten Soldaten mit seinem Kinn. „Wir sollten den da zu Armand vorschicken und ihn damit überraschen."
Clement verstand den Hintergedanken des Generals und ein rachsüchtiger Funke glomm in seinen türkisblauen Augen. „Ein Überraschungsangriff klingt gut.", sagte er und schaute zu Alain mit einem boshaften Lächeln. „Jetzt können wir aufbrechen und diesen Hurensohn Armand für sein Vergehen bezahlen lassen!"
Draußen begann es zu dämmern. Der Tag ging zu Ende und der Abend brach an. In dem verkommenen Häuschen außerhalb von Paris wurden Kerzen angezündet – wie im Untergeschoss, so auch im Dachgeschoss. Armand rieb sich die Hände, als Jules und Pierre den beiden Mädchen die Hände am Rücken fesselten und sie die schmale Treppe zum Dachgeschoss vor sich schoben. „Jetzt dürft ihr die Zwillinge sehen." Armand lächelte hinterlistig, stieß die Tür auf und ließ seine beiden Gefangenen in den großen Raum vom Dachgeschoss herein. Lassalle wurde gleich nach der Ankunft von Armand und Jules nach oben geschickt, um alles für den Empfang der beiden Mädchen vorzubereiten. Er hatte den Tisch in die hinterste Ecke weggerückt, eine Strohmatte herbeigeschafft und sie im Zentrum des großen Raumes gelegt. Mit anderen Worten, er hatte alles gemacht, was Armand ihm aufgetragen hatte, während die beiden Mädchen im unteren Geschoss von Jules und Pierre gefesselt wurden. Nun stand er zwischen zwei kleinen Kammern und schaute mitleidig von Diane auf Anna, die bis zu der Strohmatte von Jules und Pierre geschoben wurden. Die beiden Mädchen blieben kerzengerade stehen und versuchten tapfer zu wirken, aber Lassalle konnte dennoch Furcht in ihren Augen sehen. „Pierre, Lassalle, holt François aus der Kammer und bindet ihn dort an den Pfosten!", befahl er und zeigte auf den großen Balken, der sich gegenüber der Strohmatte befand und das Dach in der Mitte des Raums stützte. Jules blieb weiterhin bei Diane stehen, während Pierre mit Lassalle in eine der Kammern verschwanden. Armand packte Anna am Oberarm und zog sie näher zu sich. „Weißt du, dein Jean, zusammen mit seinem Bruder, darf heute unser Trauzeuge sein."
Anna biss die Zähne zusammen und ihr Herz beschleunigte seinen Schlag. Sie hätte das nicht tun sollen, aber Jean bedeutete ihr zu viel, als dass sie das Angebot von Jules am Platz vor dem Rathaus ablehnen konnte. Jules hatte ihr und Diane gesagt, er müsste sie kurz sprechen und ihnen dabei die Degen von Augustin und François gezeigt. Rosalie und Constance hatten anscheinend nichts von dieser Unterhaltung bemerkt und Jules wollte das ausnutzen. Er hatte die beiden Mädchen zur Eile gedrängt und sie aus der Menschenmenge geradewegs zu Armand geführt. Anna bereute es nicht, als sie mit Diane Jules gefolgt war... Sie bereute nur, dass sie nicht mit François ihrem Vater nach Versailles gefolgt war. So hätte sie mit ihm die Entführung von Augustin, auch die von Francois, sowie ihre eigene und auch die von Diane verhindern können... Diane selbst blieb nichts anderes übrig, als mitzukommen, denn sie wollte weder ihre Nichte noch die Zwillinge im Stich lassen.
„Wo ist Jean und sein Bruder?!", wollte Anna von Armand wissen, als sie mit Jules bei den Pferden angekommen waren.
Armand hatte höhnisch gelacht und ihr seine Hand gereicht. „Steig auf und ich zeige es dir! Wenn du dich weigerst, dann wird er zusammen mit seinem Bruder sterben!"
Anna hatte vorerst gezögert. „Woher weiß ich, dass du uns nicht belügst?"
Ein leiser Schreckenslaut von Diane hatte Anna dazu bewogen, sich umzudrehen. Sie hatte gesehen, wie Jules Diane mit dem Messer bedrohte. „Steig endlich auf und tu, was wir dir sagen!"
Anna hatte widerwillig die Hand von Armand gegriffen und dieser hatte sie vor sich gehievt. „So ist es brav, mein Täubchen."
„Keine Sorge, Augustin und François sind noch wohlauf." Jules hatte Diane auf sein Pferd geholfen und ließ es sich nicht nehmen, ihren Hintern fest anzufassen. Dann war er selber hinter ihr in den Sattel gestiegen und mit Armand zu seiner Hütte geritten. Jetzt hielt er sie wie einen Schraubstock am Ellenbogen fest und malte schon in seinem Geiste aus, was er mit seiner Belohnung so alles anstellen würde.
Diane verkniff sich einen Schmerzenslaut und flüsterte stattdessen erstickt: „Du weißt, Jules, dass mein Bruder euch verstümmelt, bevor er euch umbringt, oder?"
„Schweig.", murmelte Jules und bohrte seine Finger tiefer in ihr Fleisch. „Mir ist es egal, was Alain machen wird. Ich begehre dich schon seit langem und jetzt kann ich endlich meinen Durst stillen."
Diane wollte ihm eine grässliche Bemerkung an den Kopf werfen, als die Tür in der Kammer aufging und Pierre mit Lassalle François von beiden Seiten bis zu dem großen Balken schleppten. Sein Mund war mit seinem eigenen Schal geknebelt und seine Hände, so ähnlich wie bei ihr, am Rücken gefesselt. Ihre Blicke trafen sich. François machte Anstalten, sich loszureißen, aber Armand war schon bei ihm und schlug ihm in die Magengrube. François wimmerte und ging in die Knie. „Erspare dir die Mühe.", sagte Armand grobschlächtig, packte ihn am Hals und drückte seinen Körper gegen den massiven Holzbalken. „Du bist jetzt meine Geisel, genauso wie dein Bruder und die zwei Täubchen da drüben." Er zeigte mit dem Daumen in Richtung von Diane und Anna. Pierre und Lassalle schoben derweilen ein langes Hanfseil unter seinen gefesselten Händen und befestigten ihn auf dieser Weise an den Balken, als wäre er ein Hund an der Kette. Armand ließ von ihm ab und befahl Pierre und Lassalle, Augustin zu holen.
François hustete und holte tief Luft, um wieder atmen zu können. Er hätte lieber auf seinen Vater hören und bei Diane und Anna bleiben sollen... Aber nein, stattdessen wollte er auch bei der Frauenbewegung dabei sein. Ebenso wollte er Augustin und seine Mutter wiedersehen. Dazu hatte er genauso ein Recht wie sein Vater. Sobald Alain mit den Soldaten aus der Nationalgarde mit der Frauenbewegung nach Versailles losmarschierte, hatte er sie verfolgt. Constance mit Diane und Anna und der Rest der Bürger blieben mit Rosalie und Bernard am Rathaus. François schloss kurz die Augen und rief diese Szene in seinem Geist wieder auf: Am Tor von Versailles hatte er die Stimme seines Bruders gehört und wie er mit Alain verhandelte. Nicht lange und das große Eisentor wurde geöffnet. Die Frauen wurden durchgelassen und dann sah er endlich Augustin und war wie erstarrt stehengeblieben. Sein Bruder unterhielt sich mit Armand und das war keine nette Unterhaltung! Er zwang seine Füße in Bewegung, aber bis er die beiden erreichte, waren sie schon fort. Dann kam die Königin auf den Balkon heraus und senkte ihr Haupt vor dem Volk. François sah seine Mutter an ihrer Seite stehen und traf eine Entscheidung. Er lief zum Eingang des Schlosses, weil er dachte, dass Augustin auch dorthin gegangen war, um höchstwahrscheinlich seinen Großvater, seine Eltern und auch Alain über Armand zu informieren. Dann hatte er heftige Schmerzen an den Seiten gespürt und wusste sofort, dass Augustin in Gefahr war. Er war auf die Knie gefallen und hatte sich gekrümmt. Es war eine ähnliche Situation wie damals, vor vielen Jahren, in Paris. Nur dass diesmal nicht er, sondern sein Bruder die Schläge abbekam. Mühsam hatte er sich wieder auf die Beine hochgerappelt und ging weiter, wo er glaubte Augustin das letzte Mal gesehen zu haben. „Hilf mir, dich zu finden, Bruder...", hatte er immer wieder vor sich hin geflüstert und irgendwann mit Armand zusammengestoßen. Noch bevor er fliehen oder überhaupt was machen konnte, wurde er bewusstlos geschlagen und jetzt zahlte er den Preis dafür...
„Du willst sicherlich wissen, was hier passiert.", sprach Armand weiter und stieß ihm mit der Fußspitze gegen sein Bein, sodass François zu ihm aufsehen musste. „Heute Nacht wird eine Hochzeit gefeiert. Du und Augustin dürft die Trauzeugen sein und Jules mit seinen Freunden werden sich derweilen mit Diane beschäftigen..."
François wimmerte unverständliches Zeug durch seinen Knebel und erdolchte Armand mit seinem wutentbrannten Blick. Die Tür zur anderen Kammer ging auf und Armand grinste wohlwollend übers ganze Gesicht. Pierre und Lassalle schleppten Augustin bis zum Balken und genauso François zuvor, zwang ihn Armand mit einem Fausthieb in die Knie. Trotz des Schmerzes zwang sich Augustin in die Höhe und stieß Armand mit seinem Kopf. Armand taumelte zwei Schritte zurück, aber behielt sein Gleichgewicht. Pierre und Lassalle zwangen Augustin mit Mühe wieder in die Knie zurück und Armand verpasste seinem Widersacher einen heftigen Faustschlag ins Gesicht. „Du, Missgeburt, du hast sowieso verloren! Ich habe in Versailles deine Mutter erstochen und nachdem ich mit Anna fertig bin, werde ich das gleiche mit deinem Bruder tun!"
Augustin hielt inne und zusammen mit seinem Bruder starrte er Armand verdattert an. Noch mehr Wut, vermischt mit Schmerz und Unglaube, zeichnete sich auf seinem anschwellenden Gesicht. Armand lachte, kehrte ihm den Rücken zu und marschierte zu Anna zurück. Jules stand zwischen den beiden Mädchen und hielt sie am Arm fest. So sah auch er nicht, wie Pierre und Lassalle derweilen ein langes Hanfseil unter den gefesselten Händen von Augustin schoben und ihn, ähnlich wie François zuvor, auf dieser Weise lose, an den Balken und als wäre er ein Hund an der Kette, befestigten.
