51. Wer hätte gedacht, dass das noch zu übertreffen war… - TEIL 1
Was zuvor geschah…
Nachdem Jacob gemeinsam mit Jess den Cullens die Nachricht über die Auflösung des Vertrages überbracht hat, wollen diese die Nachricht nicht ohne weiteres hinnehmen. Edward, Emmet und Bella wagen sich auf das Gebiet der Wölfe, weil sie sich von Seth Antworten erhoffen – doch stattdessen werden sie gejagt und vertrieben. Jess nimmt die Verfolgung auf, um für Sam Informationen zu sammeln, doch Jacob befielt ihr, dem nicht nachzukommen. Zu groß ist seine Sorge, dass ihr etwas zustößt. Doch Jess will wissen, welchen Plan Jasper verfolgt und warum er bisher niemanden über ihre Vergangenheit in Kenntnis gesetzt hat. Zuvor erwartet sie jedoch erneut Besuch…
So geräuschlos wie möglich bewegte ich mich durch den Flur, und bereits nach wenigen Schritten ereilte mich eine ebenso unerfreuliche wie unglaubliche Erkenntnis. Ich war mir sicher, weil ich diesen Geruch nur zu gut kannte, der mich all die Jahre begleitet hatte. Süß und lieblich und inzwischen eine pure Folter für mein Geruchsempfinden.
Renesmee hatte zweifellos die dümmste wohl mögliche Entscheidung getroffen.
„Ich hatte mich schon gefragt, wie es wohl sein würde, dir gegenüberzutreten.", sagte Renesmee und bewegte sich scheinbar weiter auf sie zu. Meinem Gehör nach zu urteilen, hatte sie Jess kurz vor der Haustür abgefangen.
„Wie ist es so? Zu wissen, dass man jemandes Leben zerstört hat?"
Sie klang nicht nach ihr selbst, nicht wie das Mädchen, dass ich geliebt und doch weinend zurückgelassen hatte. Alles, was aus dieser Stimme sprach, war Wut. Und sie passte so gar nicht zu ihr.
„Nun sag schon!", drängte sie: „Bist du zufrieden? Macht es dich glücklich?" Hände trafen auf Stoff und aus einem Impuls heraus – wenn auch vielleicht viel zu früh - riss ich die Tür auf. Renesmee starrte mich an, Jess starrte Renesmee an. Wer von beiden wütender war, war kaum noch auszumachen. Jess' Zittern bestätigte mir jedoch, dass hier jemand auf ganz dünnes Eis geraten war.
„Was in aller Welt willst du hier?", fragte ich sie, wie es Jess bereits getan hatte. Es mischten sich mehr Gefühle hinein, als mir lieb war, aber meine Fassungslosigkeit war überwältigend.
Renesmee schüttelte nur den Kopf und es war beinahe so, als führten wir unser Gespräch nun genau dort weiter, wo es zuletzt aufgehört hatte. Im Haus der Cullens, zwischen Tür und Angel. Der Punkt, an dem sich mein Leben änderte aus Gründen, die ich erst viel später zu verstehen begann.
Mein Blick huschte immer wieder zu Jess, um zu prüfen, wie es ihr gerade ging.
„Ich habe euch wohl bei etwas unterbrochen.", stellte Renesmee trocken fest. Ihre Gefühle und Argumente schienen wie konserviert seit dem Moment, in welchem ich mich von ihr trennte. Sie waren so überschwänglich und schwach wie eh und je.
Wie jung sie war, das zeigte sich vor allem in ihrem Gesicht, aber nicht nur: ihre kleinen Hände ballten sich zu Fäusten und ihre hohe Stimme zitterte. Sie fuhr fort: „Du hast also nur noch aus dem Weg geräumt, was von uns übrig war, um sie haben zu können." Ich betrachtete sie eingehend und überlegte, ob es etwas gab, das ich sagen konnte, um diese Situation zu entschärfen. Oder ob sie das ganze Gegenteil dessen im Sinn hatte.
„Aber na ja, was habe ich auch erwartet. Schließlich hast du mich nie geliebt."
Renesmee stand noch einige Meter von uns entfernt und gab sich alle Mühe, wie ein Vampir zu wirken – zum ersten Mal, seit ich sie kannte. Ihre Augen wanderten von mir zu Jess und betrachteten sie wie etwas, das abscheulicher nicht hätte sein können: „Oder hast du es ihm ins Ohr geflüstert? Hast du ihm diese Gedanken ins Hirn gepflanzt?" Sie kam einen Schritt näher und ihr beider Puls beschleunigte prompt.
„Es war einzig und allein seine Entscheidung.", erwiderte Jess leise und beherrscht. Sie standen sich gegenüber, als warteten sie nur darauf, wer zuerst einen Fehler machen würde. Renesmee lächelte: „Ich weiß, was du bist. Und ich weiß, wozu du fähig bist." Es sollte warnend klingen, aber es verfehlte seine Wirkung auf ganzer Linie.
Jess lächelte zurück, und es war teuflisch.
„Wenn du so viel weißt, wieso stellst du dich mir in den Weg? Warum bewegst du dich auf feindlichem Gebiet?"
Die beiden führten das Gespräch gerade weiter, als wäre ich nie hinzugekommen. Und die Richtung, die sie dabei einschlugen, war ebenso wenig erfreulich. Ich bewegte mich aus dem Türrahmen heraus, um auf mich aufmerksam zu machen, aber ich hätte genauso gut nichts tun können. Also sagte ich: „Renesmee, sie hat Recht. Du gibst uns hier gerade einen Grund, dich anzugreifen. Wenn du Glück hast, hat niemand sonst bemerkt, dass du hier bist. Also lass uns das beenden, bevor es zu spät ist."
„Du hast schon alles zu Ende gebracht! Oder erinnerst du dich nicht mehr daran?", fauchte sie, dann wandte sie sich wieder Jess zu: „Und du hast ihn von mir entfernt, Stück für Stück. Du hast ihn für dich und deine Sache eingenommen und ihn manipuliert und – und dann hast du dich ihm angeboten. Wer würde da schon nein sagen, oder?"
Renesmee war gerade erst dabei, sich in Rage zu reden, das erkannte ich jetzt. Und das einzige, was aus ihr sprach, war Schmerz.
Sie wollte etwas mit Jess klären, das nur mit uns beiden zu tun hatte – dafür hatte ich kein Verständnis.
„Wenn du die Wahrheit nicht ertragen kannst…"
Jess' Stimme hatte den Gefrierpunkt erreicht und stachelte Renesmee damit erst recht an. Ihre Gesichtszüge entglitten ihr und sie kam wieder ein paar Schritte näher, ohne sich dabei ganz sicher zu sein, was sie tat.
„Ich akzeptiere es nicht.", flüsterte sie, die Augen nun wieder auf mich gerichtet. Und dann noch einmal lauter: „Ich akzeptiere es nicht! …dass du all das wegwirfst, für eine Mörderin, für ein Monster!"
Renesmee wusste mehr, als ich vermutet hätte. Wahrscheinlich hatte man wie immer versucht, ihr alles vorzuenthalten, und sie ließ es sich dennoch nicht nehmen. Jess jedoch war davon nicht beeindruckt, sie schien sogar ruhiger als zuvor. Vermutlich aber war sie diese Bezeichnungen einfach zu sehr gewohnt…
„Ich habe es beendet, weil ich es wollte.", sagte ich, nun mit festerer Stimme. Renesmees Augen füllten sich mit Tränen und ihre Haut wurde fahl.
„Jake, bitte."
Sie kam nun zu mir und ich ließ es geschehen. Renesmee nahm meine Hand und hielt sie an ihre Wange. Ich fühlte ihre Tränen und wusste dennoch, dass ich ihr nichts mehr geben konnte.
„Jake.", murmelte sie und blinzelte mich an, eine stumme Bitte in ihren Augen. Aber ich schüttelte nur den Kopf, erst langsam, dann stärker. Schließlich sagte ich: „Nein."
Nur eine knappe Sekunde später stieß sie meine Hand von sich, schubste mich von sich weg und erwischte dabei hart meine verletzte Schulter. Ein stechender Schmerz bohrte sich in mein Fleisch und ich taumelte stöhnend gegen die Hauswand in meinem Rücken. Aber das war zu viel gewesen.
Jess' nervöses Zucken ging nahtlos in weißes Fell und scharfe Zähne über, dann schlug ihre Pranke nach der kleinen Renesmee. Sie hatte es nicht kommen sehen und wurde prompt einige Meter weit geschleudert, bis sie, eine tiefe Furche in den weichen Boden pflügend, aufschlug.
Jess' Wolfsgestalt baute sich vor mir auf und gab ein Grollen von sich, das so manchem Donner Konkurrenz gemacht hätte.
Renesmee stützte sich zögerlich auf ihre Knie und starrte ungläubig in unsere Richtung. Sie wusste einiges, aber nicht alles – oder sie konnte nicht glauben, was sie dort sah. Jess' schnelle Reaktion hatte sie völlig überrumpelt.
„Jess.", flüsterte ich leise im Versuch, sie wenigstens etwas beruhigen zu können. Solange es hierbei blieb, war das für mich in Ordnung. Aber ich würde es nicht dulden, wenn sie noch einen Schritt weiter ging. Es sollte niemand zu Schaden kommen und ganz besonders nicht Renesmee.
„Du bist vollkommen verrückt, Jacob!", schrie sie in unsere Richtung und kam zurück auf die Beine: „Siehst du denn nicht, womit du dich eingelassen hast?" Sich den Dreck von der Kleidung klopfend betrat Renesmee wieder das Spielfeld.
„Lass es einfach, bitte. Wir können unter vier Augen miteinander reden, wenn es für dich noch etwas zu klären geben sollte. Aber nicht so."
Meine Hoffnung, dass dieser sachliche Appell an sie herankommen und die Situation entschärfen würde, war umsonst. Vielleicht wollte sie noch etwas sagen, aber sie wollte ebenso sehr Jess dafür eins auswischen.
„Hast du ihr schon die Zunge in den Hals gesteckt?", fragte Renesmee mit einem spöttischen Grinsen und bewies nur erneut, dass sie nicht reif genug für eine Beziehung war. Egal ob es darum ging, sie zu führen oder zu beenden. Dass sie aber weniger auf mich als auf Jess abzielte, bemerkte ich wenige Augenblicke später.
„Oder vielleicht doch mehr? Wie hat Jasper es doch gleich formuliert…"
Jess stürzte sich erneut auf sie, noch bevor irgendjemand hätte reagieren können. Sie war komplett außer Kontrolle, schlug auf Renesmee ein, die sich erst wegduckte und dann doch getroffen wurde. Einmal, zweimal, und bevor ich darüber nachdachte, formte sich mein Körper ebenfalls in eine Wolfsgestalt. Meine Schulter fühlte sich an, als würde sie zerbersten, und das Laufen war schwerer als gedacht.
Jess.
Ich zwang sie, mir zuzuhören, währenddessen ich mich auf sie zubewegte.
Jess, hör auf!
Als Renesmee eine kurze Pause nutzte, um einige Meter weit weg zu kommen, schaffte ich es, mich zwischen die beiden zu stellen. Erst dann hielt Jess inne – weil sie bemerkte, dass ich mich verwandelt hatte. Gegen ihren Rat und gegen jede Vernunft. Und weil sie Mitschuld daran hatte.
Es reicht!, forderte ich noch einmal und knurrte, aber der Schmerz ließ nicht zu, dass ich mich lange konzentrieren konnte. Ich sah in Jess' goldgelbe Augen und konnte buchstäblich verfolgen, wie die Gedanken durch ihren Kopf rauschten. Sie schnaubte fest, zögerte fast schon einen Moment zu lange, doch dann wandte sie sich ab und trabte davon. Ihre schneeweiße Gestalt verschwand zwischen den Bäumen und ich hoffte nur, dass sie heute wieder nach Hause kommen würde.
Langsam drehte ich mich um, aber Renesmee hatte sich keinen Zentimeter bewegt. Ob sie erkannte, dass ich mir gerade nichts Gutes damit getan hatte, wusste ich nicht. Aber wir schafften es, uns auf ein Gespräch zu einigen.
