II.
Das Opfer – Marguerite de Carrouges:
Der Priester tauchte erneut Daumen und Zeigefinger in den Flakon mit dem Salböl, das nach Myrrhe und Weihrauch duftete, und zeichnete zum dritten Mal ein Kreuz auf Marguerites Stirn, während er mit geübtem Pathos die heiligen Formeln des Sakramentes herunterleierte.
„Pax tecum – Frieden sei mit dir, mein Kind", sagte er schließlich, als er damit fertig war.
Marguerite schwieg, obwohl er sie erwartungsvoll ansah. Sie hätte eher ihre Zunge verschluckt, als ihm die rituelle Antwort („Et cum spiritu tuo – und mit deinem Geiste!") zu geben. Frieden war mit Abstand das letzte, was sie gerade empfand, und sie sah nicht ein, warum es dem Pater besser ergehen sollte als ihr.
Der Priester betrachtete die kreidebleiche verschlossene Miene der jungen Frau, die vor ihm auf einem Betschemel kniete, und seufzte auf.
Und jetzt hält er mich natürlich für eine verstockte Seele. Ich schwöre, wenn er es wagt, mir zu erzählen, dass ich mich damit versündige oder irgendeinen anderen Schwachsinn, dann werde ich ihn schlagen – mit aller Kraft! Ich werde ihm meine Faust mitten ins Gesicht schlagen und ihm die Nase brechen... Oder ich werde ihm einfach auf die Nase binden, dass ich durchaus vorhabe, mich nachher noch sehr viel mehr zu versündigen...
Sie umklammerte das goldene Kruzifix, das an einer feinen Kette um ihren Hals baumelte, so fest, dass ihre Fingerknöchel sich weiß unter der Haut abzeichneten. Doch der Kontakt mit diesem Symbol für die längst vergangenen Martern des Heilands war nicht einmal annähernd so tröstlich wie das Gefühl des kühlen harten Metalls, das sich zwischen ihre Brüste schmiegte, gut verborgen unter den drei Stofflagen ihres Kleides, dem eng geschnürten Mieder und dem langen Hemd, das sie darunter trug.
Es war nur ein kleines Federmesser, mit dem sie immer ihre Gänsekiele zuschnitt, bevor sie einen Brief schrieb, doch es war scharf genug für ihre Zwecke.
Aber ich werde schnell sein müssen – blitzschnell. Es muss vorbei sein, bevor sie merken, was ich tue...
Nun, es war ja nicht so, als würde es ihr an der nötigen Entschlossenheit fehlen. Sie würde tun, was zu tun war, wenn es so weit war, und sie würde es schnell tun. Blitzschnell!
Und danach... Gott kann einfach nicht so grausam sein, mich dafür zu verurteilen – er nicht. Egal, was die Pfaffen schwafeln...
Marguerite malte sich aus, was dieser Pfaffe schwafeln würde, wenn sie ihm tatsächlich anvertraute, was sie im Fall der Fälle zu tun gedachte.
Er wäre entsetzt. Er wäre einfach außer sich. Und er könnte nichts dagegen machen, absolut gar nichts. Er könnte es niemandem sagen, niemanden warnen, ohne das Beichtgeheimnis zu verletzen und damit sein eigenes Seelenheil aufs Spiel zu setzen. Er wäre völlig machtlos. Hilflos. Genau wie ich...
Der Gedanke bereitete ihr eine gewisse grimmige Genugtuung. Sie lächelte ein wenig. Es war ein ziemlich beunruhigendes Lächeln und der Priester war beunruhigt.
„Meine liebe Tochter...", begann er unsicher und stockte gleich wieder.
„Na, was?!", schnappte sie zurück und stand mit Schwung auf. „Sprecht Euch ruhig aus, Pater, ich bin ganz Ohr. Ich war schon immer gut im Zuhören."
Sie war groß für eine Frau, sogar einen guten Kopf größer als er selbst, denn er war von einer eher untersetzten Statur. Sie überragte ihn wie ein Schilfrohr einen Grashalm. Und da war ein eisiges Glitzern in diesen weit auseinander stehenden veilchenblauen Augen und eine plötzliche Härte um den geschwungenen Amorbogen ihres Mundes, die in einem krassen Gegensatz zu allem stand, was man dem Priester über die weiche nachgiebige willensschwache Natur dieses Teils der Menschheit beigebracht hatte.
Es war etwas Wildes an Marguerite de Carrouges, wie sie so da stand und auf ihn heruntersah und ihn anfunkelte, etwas Zügelloses, das ihn plötzlich an halb vergessene Legenden über ferne exotische Amazonenvölker denken ließ und an die unausgegorenen fantastischen Gerüchte über jene skandalöse aquitanische Herzogin, die vor rund zweihundert Jahren an der Seite ihrer rebellischen Söhne gegen ihren königlichen Gemahl auf der anderen Seite des Kanals in den Krieg geritten sein sollte, angeblich barhäuptig und mit einem Rosenkranz auf ihrem lose herabwallenden Haar wie ein Mädchen, aber in einem Kettenhemd wie ein Krieger und mit einem richtigen echten Schwert an ihrer Seite. Was auch immer es war, es alarmierte den braven Pater so sehr, dass er unwillkürlich einen Schritt zurücktrat.
„Ach Madame...", murmelte er betroffen.
„Jaaa?"
Das langgezogene katzenhafte Schnurren brachte ihn noch mehr aus der Fassung. Der Priester stellte mit einem Mal fest, dass ihm buchstäblich die Worte fehlten. Er wusste nicht, was er noch zu diesem Geschöpf sagen sollte, das auf den ersten Blick so zart und zerbrechlich wirkte wie eine blühende Akelei am Wegesrand und doch so hart und unbeugsam war wie Stahl.
Als er vor über einer Stunde die bescheidene Kammer im Gästetrakt der Abtei von Saint Martin betreten hatte, war er darauf vorbereitet gewesen, ein Beichtkind in Todesangst vorzufinden, eine völlig verzweifelte Frau, die sich in Tränen auflöste. Und er hatte sich vorgenommen, nach Erfüllung seiner eigentlichen Aufgabe alles zu tun, um diesem unglückseligen Wesen Trost zu spenden.
Aber Marguerite de Carrouges hatte nicht eine Träne vergossen, als er hereingekommen war und später auch nicht. Sie hatte einen seltsam starren, fast schon teilnahmslosen Eindruck gemacht. Nur während der Beichte war sie kurz aus ihrer Apathie erwacht – insbesondere als es um ihren Ehemann gegangen war.
Der Priester, der solche und ähnliche Vorwürfe schon aus vielen Mündern gehört hatte, hatte die junge Frau milde für ihre heftige Ausdrucksweise getadelt und sie ermahnt, sich in diesem Augenblick, der der Besinnung und der aufrichtigen Reue für ihre eigenen Vergehen dienen sollte, keine zusätzliche Schuld aufzubürden. Daraufhin war sie prompt wieder in trotzigem Schweigen versunken. Er war zu dem Schluss gekommen, dass Dame de Carrouges alles in allem ein halsstarriges und wahrscheinlich auch sonst schwieriges Frauenzimmer war, was ihre Eheprobleme durchaus erklärte. (Und alles andere auch!)
Doch jetzt war sie auch noch zornig auf ihn und er merkte zu seiner eigenen Bestürzung, dass er keine Ahnung hatte, wie er unter diesen Umständen mit dem Trostspenden anfangen sollte. Er hatte schon oft am Bettrand von sterbenskranken Menschen gesessen, aber er hatte noch nie zuvor eine andere Art von Todgeweihten auf ihren letzten Weg geleitet. Seine übliche Rede, ein sorgfältig zurechtgefeilter Sermon, der eine Menge passende Bibelzitate enthielt und ein ausreichend dosiertes Quantum an väterlichem Mitgefühl, funktionierte hier irgendwie nicht. Die so oft gebrauchten Worte, die er in seinem salbungsvollsten Tonfall herunterleierte, kamen sogar ihm banal vor, schienen nur noch reine Phrasendrescherei zu sein.
Er brabbelte etwas von Vergebung und göttlicher Gnade und Erlösung, während er besorgt Marguerite de Carrouges beobachtete. Ihre schlanken weißen Finger zupften zunehmend gereizt (oder vielleicht doch eher nervös?) an dem Kruzifix, dessen Quer- und Längsbalken mit Reihen aus kleinen dunkelroten Steinen verziert waren, was aussah wie zwei winzige Perlenschnüre aus Bluttropfen. Die Spannung in dem engen kleinen Raum wuchs, bis er sie fast körperlich spüren konnte, und mit ihr sein Unbehagen.
Er atmete auf, als sein ausgesprochen ungnädig aufgenommener Monolog von der aufspringenden Tür unterbrochen wurde. Ein vierschrötiger Ritter in einem reichlich verschrammten Harnisch marschierte herein, in seinem Schlepptau eine hagere alte Dame in einem dunkelblauen Kapuzenumhang mit einem abgewetzten Besatz aus Eichhörnchenfell.
„Margot", begann der Ritter schroff.
Er hielt inne, als er die Anwesenheit des Priesters registrierte, und runzelte die Stirn unter den schütteren, kurz gestutzten graublond melierten Fransen, die alles waren, was von seinem Haar zu sehen war. (Der Rest wurde von dem silbrig schimmernden Geflecht einer Kettenhaube verhüllt.)
„Pater...", brummte er. Mehr sagte er nicht, aber er ließ sich immerhin zu einem leutselig gemeinten Nicken hinreißen, das allerdings unübersehbar eine Verabschiedung enthielt.
Der Priester, erleichtert und beschämt zugleich, nutzte die günstige Gelegenheit sofort, um sich aus dem Staub zu machen. Er hatte sein Bestes getan – oder es jedenfalls versucht.
„Messire de Carrouges... Ich wollte gerade gehen. Adieu... Madame", fügte er hastig hinzu. Er flüchtete, bevor der kühle sardonische veilchenfarbene Blick, der ihm nachgeworfen wurde wie ein Speer, ihn zur Salzsäule erstarren ließ wie einst Lots Weib auf der Ebene von Sodom.
Schwachkopf! , dachte Marguerite. Sie war nicht in der Stimmung für Nachsicht und schon gar nicht für Vergebung. Das galt übrigens nicht nur für den Priester...
„Mein holder Gemahl", säuselte sie mit bewusstem Hohn. „Ihr beehrt mich heute tatsächlich mit Eurem Besuch? Nach all den Monaten? Womit habe ich das nur verdient?"
Sie hatte ihn seit Ende des Sommers nicht mehr gesehen. Nicht seit dem Tag der Herausforderung. Nicht seit dem Streit, in dem sie ihm alles an den Kopf geworfen hatte, war sie vorher nie auszusprechen gewagt hatte, was sie immer wieder heruntergeschluckt hatte, obwohl sie fast daran erstickt war. Danach hatte Jean sie natürlich gemieden, unfähig, ihr nochmal in die Augen zu sehen, und vielleicht auch außerstande, den Anblick ihres gewölbten Bauches länger zu ertragen. Dem Kind, das sie inzwischen geboren hatte, hatte er bis heute keinen Blick gegönnt und würde es wohl auch nie tun...
Sie dachte daran, wie sie an diesem trüben verregneten Oktobermorgen vor dem Taufbecken in der Kapelle von Vincennes gestanden hatte, einen schreienden Säugling im Arm und mutterseelenallein bis auf den Pfarrer und Dame Nicole, die mit steinerner Miene im Hintergrund gestanden hatte, regungslos wie eine Statue, steif vor Missbilligung.
Ich konnte es ihr nie Recht machen. Sie hat mich von Anfang an abgelehnt. Sie hat mir nie eine Chance gegeben – genau wie er.
Marguerite sah zu ihrer Schwiegermutter hinüber, die jetzt hinter der Schulter ihres Sohnes lauerte wie ein Wasserspeier an einem Dachfirst. Das magere, von feinen Runzeln durchzogene Gesicht unter der ausladenden Witwenhaube hatte das scharfe Profil eines Habichts und sein Ausdruck war so erbarmungslos wie Sankt Georg, der sich anschickte, seinen Drachen zu erschlagen. Es war nicht eine Spur von Mitgefühl oder auch nur Wärme darin zu lesen.
Ich wette, sie könnte dabei zusehen, wie ich mich im Feuer winde und mir die Lunge heraus schreie, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken.
Aber dazu würde es nicht kommen. Nicht wenn Marguerite es verhindern konnte. Und sie würde es verhindern. Sie würde nie wieder darauf vertrauen, dass irgendjemand sie vor irgendetwas rettete. Sie würde sich selbst retten. Sie war auf sich gestellt – so wie immer.
„Was wollt Ihr von mir, Jean? Warum seid Ihr hier? Um mir noch einen Abschiedskuss zu geben?"
Ihre Stimme klirrte vor Sarkasmus. Bei ihrer letzten Begegnung hatte er sie so heftig geohrfeigt, dass sie umgekippt war wie ein Kegel. Und als sie am Boden gelegen hatte, atemlos und etwas benommen, hatte er sie noch mit aller Kraft in die Seite getreten, bevor er hinaus gestapft war.
Die schockierten Hofdamen der Königin waren um sie herumgeflattert wie aufgescheuchte Hühner nach einem Wieselangriff. Sie hatten Marguerite aufgehoben und in den Söller getragen, in dem sie alle zusammen hausten. Dort hatten sie sie zu Bett gebracht und sie dazu gezwungen, eine ganze Woche lang liegen zu bleiben, weil sie alle befürchtet hatten, dass sie sonst ihr Kind verlieren würde. Aber das Kind hatte überlebt.
Er wird alles überleben. Er ist ein Kämpfer, mein kleiner Robert...
Sie hatte ihn natürlich nach ihrem Vater benannt. Obwohl sie sehr in Versuchung gewesen war, ihn nach seinem Vater zu benennen. Aber das wäre zu auffällig gewesen...
… und eine zu große Provokation für meinen heißgeliebten Gatten!
Sie verzog spöttisch den Mund. Aber bevor sie dazu kam, besagten Gatten wider besseres Wissen wirklich noch mehr zu provozieren, hob er die Hand. Sie zuckte sofort zurück (ihre Reflexe waren schneller als ihr Verstand und ihr Mut nicht so groß, wie sie sich einzureden versuchte!), doch Jean schüttelte langsam den Kopf und zum ersten Mal seit sie ihn kannte, spiegelte sich so etwas wie Bedauern in seinen Augen wider, ja, fast so etwas wie Wehmut.
„Ich bin nicht gekommen, um wieder mit Euch zu zanken, Margot", sagte er. „Ich bin nur hier, um Euch zu beruhigen, um Euch zu versichern, dass Ihr keine Angst zu haben braucht. Was auch immer heute geschehen mag..." Er zauderte, dann fuhr er barsch fort: „Niemand wird Euch ein Leid zufügen, das verspreche ich Euch."
Du und deine Versprechungen! Wann hast du je Wort gehalten? Nicht ein einziges Mal in all den Jahren.
Sieerinnerte sich noch gut an seine fast jungenhafte Begeisterung, als er ihr von dem bevorstehenden Feldzug in Schottland erzählt hatte. Marguerite war absolut dagegen gewesen, dass er schon wieder wegging, dass er sie erneut alleine zurückließ, um irgendwo den Helden zu spielen, während sie zusehen konnte, wie sie mit der Verwaltung von Capomesnil klar kam. Dieser ewige Kampf gegen gähnend leere Vorratskammern, gegen das baufällige Gemäuer, dessen wackeliger Dachstuhl bei jedem Sturm über den Köpfen seiner Bewohner einzustürzen drohte, gegen die aufgehäuften Schulden, gegen den hartnäckigen Mangel an barer Münze, an Möglichkeiten, an Auswegen...
Dazu die ständigen Auseinandersetzungen mit mürrischen Leibeigenen, die immer widerspenstiger wurden und den Befehlen des Vogts nicht mehr gehorchen wollten – schon gar nicht, wenn er im Auftrag einer Frau kam und Fronarbeit, Nahrungsmittel, Brennholz und hundert andere Abgaben von ihnen verlangte. (Dass dem Vogt nichts Sinnvolleres einfiel, als jeden auszupeitschen und an den Pranger zu stellen, der eine freche Lippe riskierte, sorgte auch nicht unbedingt für bessere Beziehungen zwischen Schlossherrschaft und Dorf!)
Ja, in Abwesenheit des Hausherrn die Zügel in der Hand und Capomesnil mehr oder weniger am Laufen oder zumindest am Leben zu halten, war so anstrengend wie das Bergaufwälzen von Sisyphos' mythischem Felsbrocken und ungefähr genauso erfolglos. Und um Capomesnil wieder zum Aufblühen zu bringen, hätte man schon die Kraft von Herkules beim Ausmisten der Augias-Ställe einsetzen müssen. Eine neue Kampagne und das auch noch weit weg von zu Hause war Marguerites Ansicht nach also das Allerletzte, was sie jetzt brauchten.
Doch Jean de Carrouges sah das natürlich anders. Er träumte von Ruhm und vor allem von genug Plündergut, um die notorische Ebbe in seiner Börse wieder zu fluten...
„Ich werde ganze Karrenladungen mit Beute zurückbringen. Und ich werde uns irgendeinen Lord einfangen, für den wir ein saftiges Lösegeld verlangen können. Wir werden reich sein, Margot. Reich!"
Doch zuerst hatte er ihr letztes Tafelsilber (ein paar stark angelaufene zerkratzte Servierplatten und zwei leicht verbeulte Krüge) verkaufen müssen, um überhaupt seine Reise in das ferne schottische Grenzland zu finanzieren, von der dringend notwendigen Aufrüstung seiner nicht sehr begeisterten Fußsoldaten ganz zu schweigen.
Und am Ende hatte er bei seiner Rückkehr nichts anderes mitgebracht als ein paar frische hässlich gezackte Narben (er hatte bereits eine wenig ansehnliche Kollektion davon!) und den traurigen Rest seines Fähnleins. (Genau sieben Mann. Aufgebrochen war er mit vierundzwanzig. Obwohl man zugeben musste, dass die meisten von ihnen eher der Ruhr zum Opfer gefallen waren als den Engländern, die sich offenbar nur höchst ungern von ihren Lords und anderen wertvollen Besitztümern trennten. Manchmal hingen Sieg oder Niederlage im Krieg eben nicht von der Tapferkeit der beteiligten Kämpfer ab, sondern von einer Ladung verdorbener Salzheringe.)
Dass der nächste Fehlschlag in einer scheinbar endlosen Serie Jean gleichermaßen niedergeschmettert und aufgebracht hatte, konnte man ihm schon an der Nasenspitze ablesen, als er schließlich wieder nach Hause gekommen war. (Vermutlich hatte er auch deshalb an allem, was seine Frau in der Zwischenzeit geleistet hatte, nur herum genörgelt. Nicht dass ihm jemals irgendetwas an Marguerite gut genug gewesen wäre.)
Und weil ihre finanzielle Situation dank dieser Pechsträhne prekärer gewesen war als je zuvor, war er schon wenige Tage nach seiner Rückkehr wieder weg geritten. Zuerst nach Argentan, um Graf Pierre Bericht zu erstatten (und sich für seinen Misserfolg beschimpfen zu lassen und lächerlich gemacht zu werden, wie er später behauptet hatte!), und dann gleich weiter nach Paris, um dort von dem königlichen Kämmerer die Auszahlung seines mageren Solds einzufordern, der allenfalls seine Unkosten abdeckte.
Marguerite hatte ihm von dem Turmzimmer aus nachgesehen, als er mit einer Handvoll Gefährten aufgebrochen war, nicht mehr als ein paar vage Silhouetten im rieselnden Schnee. Sie hatte hinter den offenen Fensterläden verharrt, trotz ihres Mantels fröstelnd in der hereinströmenden Januarkälte. Und als die undeutlichen Formen von Reitern und Pferden im Schneegestöber verschwunden waren, hatte sie sich dabei ertappt, dass sie sich dasselbe wünschte, was sie sich in letzter Zeit schon des öfteren heimlich gewünscht hatte: Nämlich dass Jean einfach wegblieb, dass er gar nicht mehr zurückkam.
Streifzüge im Feindesland waren ausgesprochen gefährlich, sogar mitten in einer Armee. Und die Straßen zwischen der Normandie und Paris waren heutzutage fast genauso riskant, egal, wie viele bewaffnete Begleiter man bei sich hatte. Und so wie die Dinge nun einmal zwischen ihr und ihrem Gatten lagen, wäre Marguerite nicht gerade todunglücklich darüber gewesen, wenn das Schicksal auch aus ihr eine Witwe gemacht hätte. Sie hätte nichts dagegen gehabt, Capomesnil zu verlassen, es wieder gegen ihr eigenes Zuhause einzutauschen, ihr Elternhaus, das sie immer mehr und immer schmerzlicher vermisste. Sie wäre nur zu gerne zu ihrem Vater zurückgegangen. Robert de Thibouville hätte nach dem Ablauf einer angemessenen Trauerzeit garantiert eine neue Ehe für sie ausgehandelt – und dieses Mal vielleicht sogar eine halbwegs gute. Ganz bestimmt sogar, denn noch desolater als ihre gegenwärtige Ehe konnte es gar nicht kommen, oder?
Sie hatte sich nie Illusionen darüber gemacht, wie ihr Dasein als Ehefrau aussehen würde. Das Leben war nun einmal kein Liebesgedicht. Was die Troubadoure unter Lauten- und Harfenklängen sangen, war nur romantisch verbrämter Unsinn, der kaum etwas mit der Realität zu tun hatte. Marguerite hatte schon mit zwölf Jahren (nach einer ernsten Unterhaltung mit Großmama, nach dem ersten Gespräch von Frau zu Frau!) verstanden, dass Heiraten nur eine friedliche Art waren, Bündnisse zu schließen und Geschäfte zu machen und nebenher noch für Nachwuchs zu sorgen. Mehr konnte man davon nicht erwarten.
Man durfte nicht unbescheiden sein und überzogene Ansprüche stellen. Man hatte seine Pflicht zu erfüllen, zuerst gegenüber der eigenen Familie und dann gegenüber der Schwiegerfamilie. Man musste vernünftig sein und sich irgendwie mit dem Partner arrangieren, den andere für einen ausgewählt hatten. So etwas wie Zuneigung oder gar echte Liebe kam möglicherweise irgendwann nach der Hochzeit, entwickelte sich vielleicht im Lauf der Zeit zwischen den Eheleuten, wenn man Glück hatte. Marguerite de Carrouges, geborene de Thibouville, hatte kein Glück gehabt...
Sie dachte daran, wie sie damals vor dem Traualtar gewartet hatte wie ein Paket, das bestellt, geliefert, aber noch nicht abgeholt worden war. Sie hatte auf die leicht struppigen Kornblumen gestarrt, die die Bauernmädchen überall verstreut hatten, während sie mitangehört hatte, wie ihr künftiger Gemahl in der Sakristei herumtobte. Jean war nämlich erst beim Unterschreiben der neuen Besitzurkunden aufgefallen, dass ihm der beste Teil ihrer Mitgift bereits durch die Lappen gegangen war, und er hatte seinem Unmut über die vermeintliche Rosstäuscherei sehr laut Luft gemacht. Sie erinnerte sich noch gut an sein Geschrei, an das betretene Schweigen der versammelten Gäste, das schließlich durch ein vielsagendes Gewisper und Getuschel abgelöst worden war, und an das großäugige Mitleid ihrer beiden kleinen Cousinen, die als Brautjungfern fungiert und ihre Schleppe gehalten hatten.
Alle waren davon überzeugt gewesen, dass die Hochzeit geplatzt war, dass der empörte Bräutigam jeden Augenblick auf und davon stürmen und die Braut einfach stehen lassen würde. Es war ein unsagbar peinlicher Moment gewesen und Marguerite hatte diese Demütigung nie vergessen, obwohl sie nur der Beginn einer ganzen Kette von Erniedrigungen gewesen waren...
Sie war schon vorher nicht sehr angetan gewesen von Jean de Carrouges. Er war so viel älter als sie (sogar etwas älter als ihr eigener Vater!) und nicht gerade ein Beau, der Mädchenherzen höher schlagen ließ. Und seine Wortkargheit und seine ruppige Art machten ihn nicht unbedingt attraktiver oder liebenswerter. Trotzdem hatte sie sich am Tag ihrer Verlobung vorgenommen, dass sie ihm eine gute Frau sein würde, dass sie in allen Dingen immer ihr Bestes geben würde.
Aber diese Szene in der Kirche hatte ihre guten Vorsätze gleich wieder ins Wanken gebracht. Als er schließlich doch noch neben sie getreten war und nach ihrer Hand gegriffen hatte wie nach dem Zaumzeug eines bockigen Ponys, herrisch, besitzergreifend und ohne jede Zärtlichkeit, wäre sie am liebsten auf und davon gestürmt. Doch sie war geblieben, wo sie war, fügsam wie ein Opferlamm, und hatte alles über sich ergehen lassen – genau wie in ihrer Hochzeitsnacht ein paar Stunden später.
Jean, der seine schlechte Laune während des Festbanketts in viel zu viel Wein ertränkt hatte, war über sie hergefallen wie ein Soldat über eine Dirne, sobald die kichernden Mägde, die ihnen beim Umkleiden geholfen hatten, unter noch mehr anzüglichen Witzen wieder hinaus gelaufen waren. Er hatte Maguerite das feine, von ihren Cousinen so liebevoll bestickte Nachthemd herunter gerissen, sie auf das Bett geworfen und sie einfach genommen, rücksichtslos, beinahe brutal. Er hatte ihr wehgetan und es hatte ihn überhaupt nicht gekümmert. Als er endlich fertig gewesen war, hatte er ihr einen kleinen Klaps auf den Hintern gegeben und geknurrt, dass sie sich gefälligst nicht so anstellen sollte – ihr albernes Geflenne und Gewinsel würde ihn diese enttäuschende Heirat nur noch mehr bereuen lassen. Danach hatte er sich schwerfällig auf die Seite gewälzt und war sofort eingeschlafen.
Marguerite aber hatte die ganze Nacht über wach gelegen und versucht, nicht zu laut zu schluchzen, damit sie ihn nicht aufweckte. Sie hatte geweint, während er neben ihr geschnarcht hatte, betrunken wie ein Kesselflicker. Es war kein guter Start gewesen. Und es war auch nie viel besser geworden, obwohl sie sich wirklich bemüht hatte, immer ihr Bestes zu geben und eine gute Frau zu sein.
Dass sie ihrem Mann nur die Hälfte der sicheren Einkünfte eingebracht hatte, auf die er spekuliert hatte, warf von Anfang an einen Schatten auf ihre Beziehung, ein Schatten, der schnell zu einem Dorn in Jeans Auge und zu einem Stachel in Marguerites Fleisch wurde. Er konnte nicht damit aufhören, ihr das immer wieder vorzuwerfen. Es war, als hätte sie höchstpersönlich Aunou-le-Faucon verloren und es ihm bis zuletzt verschwiegen, um ihn „in die Fallgrube" zu locken, wie er es gerne bezeichnete. Und als es mit ihnen abwärts ging und ihre Geldsorgen immer erdrückender wurden, war sie dafür verantwortlich, sie allein. Mit dieser Rechtfertigung nahm er ihr nach und nach alles weg, was sie außer ihrem „bisschen Klimpergeld" mitgebracht hatte, und verschacherte es.
Marguerite befingerte das mit Granaten besetzte Kruzifix, das sie heute nur noch besaß, weil sie es vor Jean versteckt hatte. Sie hätte es nicht verwinden können, auch das noch hergeben zu müssen. Es bedeutete ihr viel, weil ihre Großmutter es ihr am Tag ihrer Erstkommunion geschenkt hatte.
Dieses Kreuz war inzwischen das einzige verbliebene Relikt ihrer Jugend, einer unbeschwerteren Zeit, in der andere für sie gesorgt hatten. (Damals war sie noch nicht dazu gezwungen gewesen, sich dauernd den Kopf darüber zu zerbrechen, wie viele der übrig gebliebenen Roggensäcke in der Tenne sie gerade noch mahlen lassen durfte, damit man Brot backen konnte, aber im Frühjahr immer noch genug Getreide für die Aussaat übrig hatte. Damals hatte sie nicht jeden Tag fürchten müssen, dass irgendein Wucherer auftauchen und ihr den Stuhl unter dem Hintern wegpfänden würde.)
Alle anderen Schmuckstücke waren fort. Fort war auch das Stundenbuch, das die Brautgabe ihrer Mutter gewesen war und das Marguerite von ihr geerbt hatte. Der kostbare kleine Band mit seinen kunstvoll beschriebenen, mit großen bunten Initialen verzierten und mit farbenprächtigen Miniaturen bemalten Pergamentseiten war ihr ganzer Stolz gewesen und die vier anderen Bücher, die sie aus ihrem Elternhaus mitgebracht hatte, ihr Herzblut: Der Roman de la Rose von Guillaume de Lorris, die zarte sentimentale Romanze Tristan et Isolde von Gottfried von Straßburg, das epische Chanson de Roland von einem unbekannten Autor und der in einer spinnenhaften, stark verblassten Handschrift geschriebene, in abgegriffenes Kalbsleder gebundene Kräuter-und-Heilkunde-Almanach irgendeiner ebenso namenlosen Urahnin – sie alle hatten Marguerite begleitet, seit sie denken konnte, seit sie unter dem Rohrstock von Bruder Abélard, dem Schreiber ihres Vaters, selber die ersten windschiefen Buchstaben auf eine Schiefertafel gekratzt hatte. Sie hatte ihre Bücher geliebt – bis Jean auch sie verhökert hatte.
„Wir brauchen ein junges kräftiges Ochsen-Gespann, um die Felder zu pflügen. Unsere Zugochsen waren schon bei der vorletzten Ernte reif für den Bratspieß. Jetzt taugen sie höchstens noch für den Suppenkessel, die zähen alten Biester... Und ich brauche mindestens ein halbes Dutzend neue Pferde. Meine Gäule sind so fertig, dass sie sogar unter Eurem Federgewicht im Sattel jederzeit zusammenbrechen könnten. Noch einen Feldzug stehen die nicht mehr durch. Herrje, es geht um unser nacktes Überleben, Margot! Euren versponnenen Firlefanz können wir uns einfach nicht leisten."
Ja, alles, was sie hatte oder begehrte, war nichts als versponnener Firlefanz für ihn. Und er konnte ziemlich rabiat werden, wenn sie sich über seinen Willen hinweg zu setzen versuchte und auf ihr Eigentumsrecht pochte. Er konnte sogar sehr rabiat werden, wenn sie aus weiblicher Dummheit seine letzten paar gottverdammten Sous verschwendete und sie aus eitler Putzsucht aus dem Fenster warf, wie er es ausdrückte.
Sie erinnerte sich mit Bitterkeit daran, wie er sie unter lautstarken Flüchen verprügelt hatte, als sie zum letzten Mal leichtsinnig genug gewesen war, sich ihm in einem hübschen neuen Kleid zu präsentieren und das voller unschuldiger Vorfreude und naiver Hoffnung auf ein Lob oder wenigstens etwas Wohlwollen von seiner Seite. Und als er ihr endlich geglaubt hatte, was sie unter Heulen, Schluchzen und Schniefen wieder und wieder beteuert hatte, nämlich dass die ziemlich eng geschnittene Houppelande aus scharlachrotem Samt, deren weite Flügelärmel mit teurem Goldbrokat ausgefüttert waren, nur ein abgelegtes Gewand von Cathérine de Lavalle war (ein gut gemeintes, aber doch ziemlich herablassend überreichtes Almosen für die ach so bedürftige Freundin – aber auch nur deshalb, weil die edle Spenderin inzwischen fast aus den Nähten platzte!), da hatte er sich nicht einmal bei ihr entschuldigt.
Übrigens hatte ihn dieser schreckliche Auftritt keineswegs davon abgehalten, nur eine knappe Woche danach bei den Crespins vor der ganzen Nachbarschaft mit seiner schönen und auserlesen elegant gekleideten jungen Frau anzugeben. Vielleicht hatte er mit dieser Prahlerei aber auch nur seine eigene schäbige Aufmachung wettmachen wollen.
Vielleicht wäre alles anders gelaufen, wenn ich ihm ein Kind geschenkt hätte, dachte Marguerite.
Doch auch das war ihnen nicht vergönnt gewesen und Jean hatte sie natürlich auch dafür verantwortlich gemacht. Es war Marguerites Schuld, dass ihr Bauch flach und glatt blieb wie der einer Jungfrau, so wie irgendwie grundsätzlich alles ihre Schuld war.
„Kalt wie ein Fisch und dann auch noch so unfruchtbar wie eine schwindsüchtige Färse!", hatte Jean gebrüllt, wann immer er sich über diesen wunden Punkt ereiferte – was ziemlich oft der Fall gewesen war.
Dass womöglich er selbst schlicht und einfach zeugungsunfähig sein könnte, war ihm nie in den Sinn gekommen. Schließlich hatte er seine Manneskraft schon unter Beweis gestellt, was er seiner zweiten Frau bei jeder Gelegenheit unter die Nase rieb, obwohl seine erste Ehe und der daraus entsprungene Ableger schon fast zwei Jahrzehnte zurücklagen. (Er war nicht so alt wie Methusalem – noch nicht ganz! –, aber man konnte sogar beim besten Willen nicht behaupten, dass Jean de Carrouges ein Ausbund an taufrischer Jugend war. Und man musste weder ein gelehrter Medicus noch eine erfahrene Hebamme sein, um daraus gewisse Schlussfolgerungen zu ziehen.)
Nun, Marguerite hatte keine Ahnung, ob sie tatsächlich kalt wie ein Fisch war. Mit Jean, der auf ihr lag wie ein Amboss und sie in die mit Stroh gefüllte Matratze hineinpresste, nass geschwitzt und schnaufend und röchelnd wie ein abgestochenes Wildschwein in seinen letzten Zuckungen, hatte sie jedenfalls niemals den sogenannten "kleinen Tod" erlebt, der angeblich die unverzichtbare Voraussetzung für eine Empfängnis war. Und der einzige andere Mann, der sie jemals in den Armen gehalten hatte, hatte sich keineswegs über sie oder ihre ausbleibenden Reaktionen beschwert – ganz im Gegenteil. Und die Vereinigung mit ihm hatte nicht nur gänzlich unbekannte und auch ziemlich überwältigende Gefühle (körperliche und geistige!) in Marguerite ausgelöst, sondern sogar Früchte getragen, wenn auch unerwünschte...
Es hatte also nie an ihr gelegen, dass sie so lange kinderlos geblieben waren, und Jean war sich inzwischen auch darüber im Klaren. Dass er mit dieser Erkenntnis nicht zurecht kam, hatte nur noch mehr Groll in ihm erzeugt – und in Marguerite auch! Jeans gegenwärtige Unterstellungen mochten im Gegensatz zu früheren Schuldzuweisungen gerechtfertigt sein, aber Marguerite hatte es endgültig satt, ständig den Sündenbock zu spielen. Oder die brave, allzeit gehorsame kleine Ehefrau...
„Oh, Ihr wollt mich also beruhigen… Wie nett von Euch. Ihr seid immer so großzügig, Jean – wenn es Euch nichts kostet."
„Ich wollte nur freundlich sein, mich sogar mit Euch aussöhnen. Und das ist in der Tat sehr großzügig von mir, wenn man bedenkt, was Ihr angerichtet habt."
„Was ICH angerichtet habe?!" Ihre Stimme, sonst samtig wie der Klang einer Altflöte, sprang um zwei Oktaven in die Höhe, wurde schrill.
„Ihr wisst genau, was ich meine."
„Ja, ich weiß genau, war für einen Fehler ich gemacht habe", erwiderte Marguerite scharf. „Es war so dumm von mir, es war unglaublich idiotisch von mir, mich ausgerechnet Euch auf Gnade und Ungnade auszuliefern. Ich hätte wissen müssen, dass Ihr nicht zu mir haltet. Ihr habt ja nie zu mir gehalten, nicht einmal in all der Zeit. Und ich hätte voraussehen müssen, dass das meinen Untergang bedeutet."
„Margot..."
„Schweigt! Jetzt rede ich! Ihr hättet mir helfen können, Jean. Ihr hättet mir helfen müssen, alles zu vertuschen. Aber Ihr musstet meine Schande ja unbedingt öffentlich machen, Ihr musstet einfach dafür sorgen, dass jeder davon erfährt. Und alles nur, weil Ihr einen neuen Prozess wolltet, weil Ihr gehofft habt, einmal gegen Jacques... gegen Messire Le Gris zu gewinnen und ihn ganz legal ausnehmen zu können wie eine Weihnachtsgans. Alles nur, weil Ihr so gierig wart, weil Ihr auf sein Geld und auf seinen Ruin versessen wart."
„Das ist nicht wahr! Und überhaupt... Treibt es nicht zu weit, Frau!"
„Ich soll es nicht zu weit treiben?! Wer hat denn sofort unsere ganze Familie, unsere sämtlichen Freunde und Nachbarn zusammengetrommelt und ihnen brühwarm erzählt, was geschehen ist? Wer hat denn alles ausposaunt wie ein Marktschreier? Das war nicht meine Idee. Und dieser Prozess schon gar nicht. Und mir wäre es nicht einmal im Traum eingefallen, es auch noch auf die Spitze zu treiben und Jacques... ihn aus purer Rachsucht zu diesem absurden Duell zu fordern."
„Rachsucht? Absurd?!", röhrte Carrouges. „Dieser Hurenbock reißt seit Jahren alles an sich, was von Rechts wegen mir zusteht. Ich bin so arm wie ein Bauerntölpel, ich lebe von der Hand in den Mund und weiß vor Sorgen nicht mehr ein und aus, während er blüht und wächst und gedeiht wie... wie gottverdammtes Unkraut, wie... wie eine Zecke und das von meinem Eigentum! Und dann geht er auch noch hin und vögelt... nimmt sich meine Frau. MEINE FRAU!
Aber dafür wird er heute endlich bezahlen und zwar mit seinem Leben. Dieses Mal kommt er nicht davon, weil ein undankbarer, ungerechter, duckmäuserischer Junge nie zu mir stehen kann und aus purer Feigheit den Günstling meines Feindes beschützt. Ein Feind, der schon so lange alles tut, um mir eins auszuwischen...
Nein, dieses Mal nicht! Wenn der König und Graf Pierre ihn nicht aufknüpfen wollen wie der gemeine Halunke, der er ist, wenn sie ihn nicht an den Galgen bringen wollen, dann erledige ich das eben selber. Gott, wenn irgendjemand den Tod verdient hat, dann Jacques Le Gris... Bei Christi Blut, ich bring den Bastard um!"
Marguerite hatte genug gehört. Sie hatte ganz generell von allem und jedem genug, aber vor allem von diesem Mann. Nein, von allen Männern...
„Na, dann geht doch und tut es endlich – falls Ihr wenigstens das hinbekommt", sagte sie frostig. „Glauben kann ich nämlich nicht daran. Wahrscheinlich versagt Ihr auch dabei, so wie Ihr immer versagt."
Jean schoss auf sie zu, seine Faust so fest um den Knauf seines Schwertes verkrampft, dass die Sehnen auf seinem knochigen Handrücken hervorsprangen wie Knoten an einer Angelschnur. Und für einen Moment sah es beinahe so aus, als wollte er seine Klinge ziehen und sie umbringen, Christi Blut hin oder her. Aber Marguerite wich nicht vor ihm zurück – dieses Mal nicht! Sie stand einfach da, den mit dicken rotgoldenen Zöpfen gekrönten Kopf hoch erhoben, ihr spitzes kleines Kinn kampflustig in die Luft gereckt, abgrundtiefe Verachtung in ihren lodernden Augen, die je nach Lichteinfall eine undefinierbare Schattierung irgendwo zwischen blau und violett zeigten.
Jean blieb abrupt stehen. Seine Faust lockerte sich wieder und sein Arm fiel herab, hing schlaff und kraftlos an seiner Seite. Er wirkte plötzlich seltsam gebeugt, fast geduckt, als wäre er unter ihrer unverhüllten Feindseligkeit zusammengeschrumpft wie ein Pilz nach einer zu langen Dürreperiode. Und als er regungslos vor ihr verharrte und sie einfach nur anstarrte, entdeckte Marguerite mit vagem Erstaunen einen verdächtig feuchten Glanz in seinen haselnussbraunen Augen, was noch nie vorgekommen war.
Doch Staunen war alles, was sie dabei empfand. Früher hätte sie dieses erste und wohl auch einmalige Anzeichen von Verwundbarkeit mit Sicherheit gerührt. Jetzt nicht mehr. Wenn es um diesen Mann ging (oder um jeden anderen Mann), war sie über alle zarteren Regungen längst hinweg.
„Ist das alles, was Ihr mir zu sagen habt?", fragte er schließlich nach einer Minute, die ihr wie die Ewigkeit vorkam. „Wollen wir wirklich so auseinandergehen?"
„Ihr habt damit angefangen und ich habe habe eben damit aufgehört", murmelte sie. „Ich wüsste nicht, was ich Euch sonst noch sagen soll. Was wollt Ihr denn von mir hören?"
„Ihr könntet mir wenigstens Glück wünschen. Es geht immerhin auch um Euer Leben."
„Danke für den Hinweis, Jean. Ich hätte beinahe vergessen, dass da draußen eine Menge Leute herumlaufen, die es kaum noch erwarten können, mich mit Pech einzupinseln und mich anzuzünden wie eine Osterkerze, sobald Ihr Euren letzten Atemzug gemacht habt."
„So weit wird es nicht kommen, das schwöre ich Euch bei allem, was mir heilig ist. Ihr könnt mir vertrauen."
Und als sie daraufhin nur kurz auflachte, ein brüchiges bitteres kleines Lachen, das ebenso viel Desillusionierung wie Geringschätzung enthielt, fuhr er beinahe flehend fort: „So war das nicht geplant. Ich wollte Euch nie in Gefahr bringen, Margot, das müsst Ihr mir einfach glauben. Wenn ich auch nur geahnt hätte, dass man Euch..."
„Nun ja, vielleicht hättet Ihr Euch eben nicht auf Eure Ahnungen verlassen sollen. Vielleicht hättet Ihr lieber einen richtigen Anwalt anwerben sollen, einen von Maître Le Coqs Format. Aber Ihr musstet ja unbedingt diesen aufgeplusterten Grünschnabel anheuern, diesen pickeligen kleinen Anfänger, der noch feucht hinter den Ohren war und dessen einziger Mandant bis dahin eine Katze war, die wegen Brandstiftung unter Mordanklage stand, weil sie aus Versehen ein Binsenlicht umgeworfen hat. Die arme Katze haben sie anschließend auch verbrannt – eine großartige Empfehlung für unseren Prozess! Aber immerhin war unser Möchtegern- Advokat willig und billig, das muss man ihm lassen. Vor allem billig..."
Jeans Schultern sackten noch mehr herab. „Wenn ich dazu in der Lage gewesen wäre, eine Berühmtheit wie Le Coq an Land zu ziehen, dann hätte ich es getan, Margot. Aber das konnte ich nicht."
„Natürlich nicht. Um Himmels willen, was könnt Ihr überhaupt, außer uns an den Bettelstab oder in Schwierigkeiten zu bringen? Gar nichts!"
Er biss die Zähne zusammen, bis sich seine Kiefermuskeln anspannten und sein Gesicht wieder diesen sturen, verbissenen Zug annahm, den sie so gut kannte und den sie zu hassen gelernt hatte.
„Wie ich sehe, hat es keinen Sinn, jetzt mit Euch zu reden. Wir verschieben das auf später."
Er drehte sich auf dem Absatz um, kehrte ihr abrupt den Rücken zu, wie er es schon so oft getan hatte, um ihr zu zeigen, dass die Diskussion beendet war. (Als ob sie jemals ernsthaft miteinander diskutiert hätten!)
„Es gibt kein Später für uns."
Es klang so unheilverkündend und zugleich endgültig wie der Orakelspruch einer Hellseherin. Und noch während sie es aussprach, begriff Marguerite die ultimative Wahrheit darin. Welches Drama auch immer sich nachher da draußen abspielen würde, es war das Ende ihrer Ehe. Sogar wenn sie beide diesen Tag überleben würden, war eine gemeinsame Zukunft undenkbar. Sie würde ihr Kind nehmen und einfach gehen. Ihr Vater würde entsetzt sein und der Rest der Welt empört, alle würden sich über Marguerite de Carrouges das Maul zerreißen (sogar noch mehr als jetzt!), aber das war ihr gleichgültig. Sie würde es einfach tun.
Das hätte ich schon früher tun sollen. Ich hätte schon gehen sollen, bevor Robert geboren wurde. Schon lange vorher...
Aber seltsamerweise hatte sie einen so tollkühnen (und Aufsehen erregenden!) Schritt bisher nur einmal in Erwägung gezogen, nur ganz kurz und das in einem Augenblick der Erregung, der überschäumenden Hoffnung, dass das Glück für sie doch noch erreichbar war, dass es zum Greifen nahe war, bevor die Ernüchterung des grauen Alltags sie wieder eingeholt hatten.
Sie hatte sich an diesem Januartag in Jacques' Arme geworfen, als er wieder gehen wollte, hatte sich an seine breite Brust geschmiegt wie ein Kätzchen in die Wärme seiner Mutter.
„Lass mich nicht hier zurück. Nimm mich mit!", hatte sie gebettelt.
Er hatte ihr eine zerzauste Locke aus der Stirn gestrichen, sehr behutsam, sehr sanft, mit derselben sinnlichen Zartheit, mit der er sie eben noch überall berührt und gestreichelt hatte. Umso grausamer hatten seine Worte sie getroffen.
„Das geht nicht, Margot."
„Warum nicht?" Und als er nicht sofort geantwortet hatte, flehend: „Ich brauche nicht mal ein eigenes Pferd. Ich kann doch hinter dir aufsitzen oder bei Adam aufsteigen. Du musst nur warten, bis ich mich angezogen habe. Und bis ich ein paar Sachen eingepackt habe... Nicht viel, nur das Allernotwendigste... Ich beeile mich. Gib mir nur ein bisschen Zeit. Dann können wir sofort von hier verschwinden. Und keiner kann uns aufhalten. Es ist niemand da."
Das war nicht ganz richtig. Aveline war noch da, das ungeschickte und ewig sauertöpfische Dorf-Trampel, das seit seiner unfreiwilligen Ankunft auf der Burg allen auf die Nerven ging, nicht nur Marguerite. (Man war sich in der Gesindestube längst darüber einig, dass Aveline so etwas wie ein Wechselbalg sein musste: Ein ausgesetztes Elfen- oder noch besser Zwergenkind, das wegen seiner allgemeinen Abscheulichkeit von seinen überirdischen Eltern gegen den makellosen Säugling einer menschlichen Wöchnerin ausgetauscht worden war, um es loszuwerden und überall so viel Unruhe zu stiften wie nur möglich.)
Aber Aveline zählte sowieso nicht. Sie war unten in der Küche und rührte abwechselnd in dem wässrigen Roggenmus und in der noch dünnflüssigeren Linsensuppe herum, die in ihren Töpfen auf einem Dreifuß über dem Herdfeuer vor sich hin simmerten. (Falls die alberne Göre nicht gerade etwas viel Erfreulicheres zu tun hatte oder das Essen aus purem Trotz anbrennen ließ.)
Die anderen Mägde waren noch unten am Fluss und spülten wahrscheinlich gerade mit schon blau angelaufenen Fingern einen Stapel aus zweimal gekochten und dreimal eingeseiften Laken in dem eiskalten Wasser aus.
Und die wenigen Knechte, die nicht mit Jean nach Schottland gezogen waren, waren mit Marguerites Schwiegermutter unterwegs nach Saint-Pierre-sur-Dives, wo sie versuchen wollte, mit dem ungeduldigsten Geldverleiher wenigstens einen etwas niedrigeren Zinssatz auszuhandeln. Ja, Dame Nicole hatte zu ihrer Verteidigung jeden noch halbwegs wehrfähigen Burschen mitgenommen, der im Notfall eine Mistgabel, eine Sense oder eine ähnlich geeignete Ersatz-Waffe schwingen konnte. (Wehrfähiger Bursche war hier übrigens ziemlich weit gefasst, wenn man bedachte, dass zu ihrer Eskorte der kleine Küchenjunge Noel gehörte, dessen spindeldürre Ärmchen nur mit Mühe einen Dreschflegel stemmen konnten, der länger war als er selbst, und der uralte Papa Perron, der sich kaum noch auf seinen armen mit Frostbeulen übersäten Plattfüßen halten konnte.)
Dass Nicole de Carrouges ihre Schwiegertochter damit praktisch schutzlos zurückließ, hatte sie angesichts der essenziellen Wichtigkeit ihrer Expedition ignoriert. Proteste waren zwecklos.
„Wie viel Schutz brauchst du denn noch, Kind? Du hast immerhin hohe Mauern um dich herum und eine feste Haustür mit soliden Riegeln. Das muss reichen."
(Es war buchstäblich nur die Haustür, denn das große Tor und das Fallgatter dahinter blieben der Bequemlichkeit halber einfach offen, wenn nicht gerade erhöhte Alarmstimmung in der näheren Umgebung herrschte, denn die zurückgebliebenen Burgbewohner wären rein kräftemäßig damit überfordert gewesen, die verrostete Winde und die schweren Torflügel und Sperrbalken mehrfach am Tag in Bewegung zu versetzen. Unter diesen Umständen konnte man nur hoffen und beten, dass ein bevorstehender Überall noch rechtzeitig genug bemerkt wurde – also mindestens eine gute Viertelstunde bevor die Übeltäter mitten im Burghof standen und jeden niedermetzelten, der nicht schnell genug wegrennen konnte.)
„Lass einfach niemanden rein, so lange ich weg bin!"
Und mit dieser überaus weisen Empfehlung war Dame Nicole auf ihr klappriges Maultier geklettert, das aussah wie ein zerraufter alter Reisigbesen auf Beinen, und hatte sich in einem gemächlichen Zockeltrab davon schaukeln lassen.
Doch Marguerite hatte jemanden hereingelassen oder genauer gesagt gleich zwei Leute: Adam Louval, der nur eine knappe Stunde später energisch an besagte Tür geklopft und um Asyl gebeten hatte. („Bitte, Madame, wir sind halb erfroren. Habt ein Herz und lasst uns eine Weile an Eurem Feuer sitzen.") Und in Adams Kielwasser seinen Herrn und Meister, Jacques le Gris, der nicht gerade den Eindruck gemacht hatte, als wäre er kurz vor dem Erfrieren. Er war mit einem selbstbewussten Hüftschwung hereingeschlendert, grinsend wie ein Honigkuchenpferd und mit einem geheimnisvoll verhüllten eckigen Gegenstand bewaffnet, der sich gleich darauf als Hackbrett entpuppt hatte, eine hübsch geschnitzte kleine Zither mit zwei zierlichen Klöppeln.
Marguerite, die Musik fast noch mehr entbehrte als ihre Bücher, war entzückt über das Instrument, das ihr mit einer lässigen Verbeugung und größter Selbstverständlichkeit überreicht wurde, als hätte sie irgendeinen Anspruch auf ein verspätetes Weihnachtsgeschenk ausgerechnet aus dieser Quelle. Und schon deshalb hatte sie die so plötzlich auf ihrer Schwelle erschienenen Gäste sehr viel herzlicher willkommen geheißen, als sie es zuerst beabsichtigt hatte – man musste schließlich höflich sein, oder nicht?
Und während Adam Louval es sich in der Küche gemütlich gemacht hatte (wo er Aveline ganz offensichtlich den Kopf verdrehte, um sie und ihre penetrante Neugier für eine Weile in Schach zu halten!), hatte sie Junker Le Gris in ihre Kemenate geführt, weil es nur dort einigermaßen erträglich war. (In der verräucherten, rußgeschwärzten Halle, wo Besucher normalerweise abgefertigt wurden, war es zu dieser unwirtlichen Jahreszeit so kalt, dass man seinen eigenen Atem sehen konnte wie eine Wolke direkt vor dem Mund und am besten sogar Handschuhe trug, wenn man nicht gerade beim Essen saß.)
Was sich danach in der anheimelnd intimen Atmosphäre des viel kleineren Gemachs vor dem behaglich prasselnden Kamin und zwischen ein paar Bechern stark gewürztem Glühwein abgespielt hatte, konnte Marguerite später selbst nicht mehr so ganz nachvollziehen. Fest stand nur, dass Jacques ihr sofort den Hof gemacht und sie dabei nach allen Regeln der Kunst umgarnt hatte. Er hatte sie mit abenteuerlichen Geschichten beeindruckt und mit witzigen Anekdoten zum Lachen gebracht, er hatte sie mit Komplimenten eingedeckt und mit Schmeicheleien bezirzt, er hatte sie bezaubert.
Und Marguerite, einsam, unglücklich und völlig ausgehungert nach ein bisschen Freundlichkeit, nach ein wenig Zuwendung, hatte sich nur zu gerne bezaubern lassen. Sie hatte sich ihm geöffnet wie ein Blütenkelch der aufgehenden Sonne. Und irgendwie und irgendwann war sie auf den muffigen Wolfspelzen gelandet, die unter ihrer Bettdecke für zusätzliche Wärme sorgen sollten, halb beschwipst von Avelines mit Honig, Zimt und Nelken aufgepepptem Gebräu, halb berauscht von anderen Dingen. Und in sehr angenehmer Gesellschaft...
Es war wirklich ein bisschen wie ein Traum gewesen (was Graf Pierre, dieser arrogante Fatzke, ihr mehrfach unterstellt hatte, als Jean sie zuerst nach Argentan geschleift hatte, um Le Gris dort anzuzeigen!), ein wunderschöner Traum, was das Aufwachen in der trostlosen Realität umso schlimmer gemacht hatte. In diesem Moment, nur scheinbar geborgen in Jacques le Gris' Umarmung, konnte Marguerite beinahe fühlen, wie die winzige rosafarbene Mandelbaum-Knospe, die in ihrem müden abgestumpften Geist aufgeblüht war, bereit, sich in einen mit neuem Leben erfüllten Frühling zu verwandeln, wieder verwelkte und abstarb, einfach so.
Vielleicht konnte er in ihren Augen lesen, was er ihr mit dieser Weigerung gerade angetan hatte, denn er umfasste prompt ihre Schultern, fest, aber immer noch liebevoll und sagte fast hilflos: „Margot... meine süße kleine Margot... Ich würde dich ja gerne mitnehmen, aber das ist unmöglich. Das musst du doch einsehen."
Doch sie sah gar nichts ein. Sie hatte sich zu lange und zu oft einsichtig gezeigt. Und was hatte ihr das gebracht?
„Nichts...", wisperte sie vor sich hin. Und dann lauter: „Ich meine, nichts ist unmöglich. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Aber du willst mich ja gar nicht. Nicht wirklich. Warum nicht?"
„Weil ich verheiratet bin. Und du auch."
„Na und? Jean hasst dich sowieso und mich kann er auch nicht ausstehen. Vielleicht ist er sogar ganz froh, wenn ich weg bin."
„Das glaubst du doch selbst nicht. So wie er sich bei den Crespins gespreizt hat, als er dich vorgeführt hat wie eine preisgekrönte Ziege, liegt ihm eine ganze Menge an dir, auch wenn er sich lieber die Zunge abbeißen würde, als das zuzugeben."
„Ach was! Er hat nur so getan als ob." Und dann in dem Verlangen, ihren jetzt schon treulosen Geliebten irgendwo zu treffen, ihm wenigstens einen kleinen Nadelstich zu verpassen: „Bei dir hat er auch nur so getan als ob. Oder hast du ihm sein freundliches Getue damals wirklich abgekauft? Das war reine Heuchelei. Er hat sich nur am Riemen gerissen, weil Eloise und Joffrey de Crespin ihn darum gebeten haben, friedlich zu bleiben. Er hatte einfach Angst, dass sie uns nie wieder einladen, wenn er dir in ihrem Haus eine Szene macht und sie damit vor den anderen Gästen in Verlegenheit bringt. Das ist alles."
„Und ich hatte so gehofft, dass er sich endlich beruhigt hat, dass er wieder zu Verstand gekommen ist", murmelte Jacques. „Der Mann ist so was von nachtragend. Kein Wunder, dass er vorgestern herumgekeift hat wie ein Fischweib auf dem Markt. Ich dachte schon, er geht mit seiner abgenagten Hühnerkeule auf mich los. Oder auf Graf Pierre."
Das war das erste, was Marguerite von der Auseinandersetzung hörte, die erst zwei Tage zuvor bei einem Abendessen am Hof von Argentan stattgefunden hatte. Und sofort überkam sie der Verdacht, dass dieses hitzige Wortgefecht der eigentliche Grund für Le Gris' Besuch bei ihr war. Dass er ganz genau gewusst hatte, dass Jean inzwischen auf dem Weg nach Paris war. Und dass er daraus ganz richtig geschlossen hatte, dass Jeans Frau alleine zu Hause sein würde – oder jedenfalls so gut wie alleine. Er hatte diesen Umstand offensichtlich ausgenutzt, um bei ihr zu erscheinen und sie mit seinen honigsüßen Worten und seinem Geschenk zu verführen. Und nun, gleich nachdem sie ihm auf den Leim gegangen war, schüttelte er sie wieder ab wie eine lästige Bürde, die keinen Platz in seinem Dasein hatte. Zumindest keinen dauerhaften Platz...
Aber Marguerite war noch nicht dazu bereit sich damit abfinden; sie wollte diese eine Chance auf Freiheit, die das Schicksal so verlockend direkt vor ihrer Nase baumeln ließ wie eine reife saftige goldene Aprikose, festhalten. Und sie würde diese Chance mit Zähnen und Klauen festhalten, wenn es sein musste...
„Immer muss er Streit vom Zaun brechen", murrte Le Gris. „Er muss sich mit jedem anlegen. Ich denke manchmal fast, dass er irgendwie von Sinnen ist. Ja, das erklärt einiges – der Kerl ist einfach verrückt! Vielleicht ist er sogar besessen."
„Er ist besessen – von dir, Jacques! Und von Geld und von hundert anderen Dingen, die er unbedingt haben will, aber nicht haben kann. Und deshalb will ich auch weg von ihm. Heute noch!"
Und das war der Punkt, an dem ihre Entschlossenheit, ihre Hartnäckigkeit ihn sichtlich zu beunruhigen begann.
„Was genau meinst du mit 'heute noch'?"
„Na... jetzt gleich – was denn sonst?" Und als er nicht darauf reagierte, alarmiert: „Jacques, vorhin hast du noch gesagt, dass du mich liebst. Haben diese Worte dir etwa gar nichts bedeutet? War das nur leeres Gerede, um mich herumzukriegen?"
„Nein!"
„Und trotzdem willst du mich jetzt einfach sitzen lassen." Und dann sprach sie es aus, ganz ruhig, aber todernst: „Du weißt nicht, wie es hier für mich ist. Ich halte das einfach nicht mehr aus. Ich sterbe, wenn ich nicht bald hier rauskomme."
„Sag so etwas nicht – nicht einmal im Scherz!"
„Das ist kein Scherz."
„Margot..."
„Wenn das so weiter geht, springe ich irgendwann von dem verdammten Turm runter."
„... wir können nicht ganz offen als ehebrecherisches Liebespaar zusammen sein, verstehst du das nicht? Wenn du deinen Mann verlässt, wenn ich dich irgendwo auf meinem eigenen Grund und Boden einfach bei mir behalte oder dich sogar als meine Mätresse nach Argentan bringe, dann werden wir alle gegen uns haben. Alle! Unsere eigenen Familien werden nur der Anfang sein. Niemand wird es dulden, dass wir einfach so miteinander leben – auch nicht Graf Pierre, obwohl er mein bester Freund ist. Aber so etwas kann er nicht hinnehmen."
„Ich hätte nicht gedacht, dass er so prüde ist. Er ist ja auch nicht gerade ein Kind von Traurigkeit, wenn man dem Klatsch glauben will. Es soll in seinem Schlafgemach ganz schön munter zugehen."
„Was er hinter verschlossenen Türen treibt, ist seine Sache, Klatsch hin oder her. Aber es wäre etwas ganz anderes, wenn eines seiner Flitt... äh... eine von seinen Gespielinnen ganz offiziell als seine Konkubine auftreten würde. Das könnte nicht einmal er durchziehen."
„Ach, was kümmert mich das... Jacques, wenn wir hier nicht in Frieden zusammen leben können, dann lass uns doch einfach ganz weggehen, weit fort. Warum sollten wir überhaupt in Frankreich bleiben?"
„Weil es unsere Heimat ist. Weil wir Krieg haben. Weil..."
Sie fiel ihm einfach ins Wort. „Heimat ist dort, wo das Herz ist. Und was geht uns dieser unselige Krieg an? Haben wir ihn gewollt? Nein! Haben wir irgendwas davon? Nein! Warum sollten wir also immer wieder für irgendeinen König den Kopf hinhalten? Noch dazu für diesen König, der sich seit seiner Krönung nicht aus Paris heraus getraut hat. Er ist dort in Sicherheit. Er sitzt nur herum und legt die Hände in den Schoß, während wir hier jeden Morgen damit rechnen müssen, dass wir noch vor dem Sonnenuntergang von irgendeiner Bande von Halsabschneidern abgemurkst werden.
Ich meine, was soll das alles? Charles hat noch nie einen Finger für uns gerührt. Ich wette, er kennt nicht einmal unsere Namen. Und wenn ihm irgendjemand jemals von uns erzählt, dann hat er es bestimmt schon eine Woche später wieder vergessen. So läuft das immer mit Königen. Sie erinnern sich nie an so unwichtige Leute wie uns."
(Schon aus diesem Grund hielt Marguerite nicht besonders viel von blinder Vasallentreue. In diesem Punkt war sie ganz und gar die Tochter ihres eher pragmatisch veranlagten Vaters. Und Robert de Thibouville war nicht der einzige, der sich fragte, warum die Normandie heute noch dafür büßen sollte, dass die Valois' sich vor knapp sechzig Jahren die französische Krone unter den Nagel gerissen hatten, indem sie das längst veraltete Salische Gesetz aus den verstaubten Schriftrollen der Merowinger-Ära ausgegraben und Edward III. von England unter eher luftigen Vorwänden von der Thronfolge ausgeschlossen hatten.
Edward, der den rastlosen Ehrgeiz seiner Plantagenet-Vorfahren in sich trug, hatte sich als direkter Nachfahre der ausgestorbenen Kapetinger schon auf eine doppelte Königswürde gefreut. Und er hatte es gar nicht gut aufgenommen, als man ihn, den letzten überlebenden Enkel von Philippe dem Schönen, einfach überging und stattdessen die Krone einem Vetter aus einer Seitenlinie in den Schoß warf, der prompt vergnügt eine neue Herrscher-Dynastie gegründet hatte.
Seither segelten die Engländer in unregelmäßigen Abständen über den Kanal, fielen in die Normandie und in die unmittelbare Nachbarschaft ein und machten so viel Ärger, wie sie nur konnten.
Der ungelöste Konflikt schwelte vor sich hin, flammte von Zeit zu Zeit zu einem neuen Fanal gegenseitiger Gewalttätigkeit auf, sackte gelegentlich ein bisschen in sich zusammen, wenn die widerstreitenden Parteien vorübergehend erschöpft waren, erlosch aber niemals ganz und verzehrte nebenbei sämtliche Ressourcen von zwei Königreichen. Es war gar nicht abzusehen, wie lange er sich noch hinziehen würde. Wahrscheinlich Jahrzehnte. Und Marguerite hatte nicht die geringste Lust, so lange darauf zu warten.)
„Nein, es gibt wirklich keinen Grund, hier zu bleiben. Wir könnten überall hingehen. Vielleicht nach Italien. Florenz soll wunderschön sein... Oder Venedig... Die Sonne, das Meer und unsere Liebe... Venedig, Jacques! Und wenn wir davon genug hätten, könnten wir einfach ein Schiff nehmen und in die weite Welt hinaus fahren wie Kaufleute. Wir könnten nach China reisen, auf den Spuren von Marco Polo. Oder in den Orient. Wir könnten sogar nach Jerusalem gehen."
„Jerusalem?! Meine arme kleine Traumtänzerin… Du weißt nicht, wie es da draußen in der weiten Welt zugeht. Jerusalem! Wir würden wahrscheinlich nicht mal lebend dort ankommen. Stürme... Seeräuber... Sklavenhändler... und überall genug Sarazenen, die uns allein dafür aufschlitzen würden, dass wir Ungläubige sind – also in ihren Augen ungläubig."
Marguerite schob eigensinnig die Unterlippe vor, was ziemlich niedlich aussah und daher früher so manchen Widerstand dahin geschmolzen und das eine oder andere Hindernis für sie aus dem Weg geräumt hatte. Früher!
„Dann also Italien", beharrte sie.
„Und wovon sollen wir dort leben?", fragte Jacques nüchtern. „Von unserer Liebe? Von der Sonne und dem Meer?"
Sie konnte es nicht fassen, dass ausgerechnet er Geldnöte als Argument anbrachte. Drohende Armut schien sie wirklich zu verfolgen, sie klebte Marguerite immer an den Fersen, egal, in welche Richtung sie zu entkommen versuchte.
„Ich dachte, du bist steinreich. Jean erzählt immer, dass du Geld hast wie Heu."
„Ja. Aber genau wie Heu wächst mein Geld sozusagen direkt auf den Wiesen meiner Ländereien. Und es steckt zum größten Teil in diesen Wiesen fest – so wie bei jedem anderen Grundbesitzer auch."
„Dann verkauf dein Land doch einfach. Oder wenigstens einen Teil davon."
„So wie dein Vater damals Aunou-le-Faucon?"
„Natürlich. Aber wenn du es wieder verkaufst, dann darfst du es auf keinen Fall an Pierre d'Alencon zurückgeben. Mein Vater denkt, dass dein nobler Graf ihn damals über den Tisch gezogen hat. Er sagt, er hätte für das Gut mindestens 10.000 Livres oder sogar noch mehr bekommen können, wenn er nur genug Zeit gehabt hätte, es einem Lombarden anzubieten."
Marguerite war ein bisschen stolz auf sich, als sie diesen Krümel an angelernter Geschäftstüchtigkeit zum Besten gab. Welche andere Frau ihres Standes wusste schon Bescheid über lombardische Bankiers? Welche andere Frau ihres Standes wusste überhaupt irgendetwas über Geld? Man hatte es einfach oder man hatte es eben nicht – das war ungefähr der Wissensstand der Durchschnitts-Edelfrau dieser Epoche. (Und das war garantiert alles, was jemand wie Cathérine de Lavalle davon wusste – Glückspilz Cathérine, die von ihrem zuvorkommenden Gatten, der den Boden unter ihren Füßen anbetete, nach Strich und Faden verwöhnt wurde!)
Sie sandte ihrem Geliebten unter gesenkten Wimpern einen Blick zu, den ihr ebenfalls anbetender Vater pfiffig, ihre fast ebenso nachsichtige Großmutter kokett und ihre viel resolutere Amme frech genannt hätte.
„Geld sollte nun wirklich kein Problem sein – nicht für dich, mein Chevalier", gurrte sie. „Also… was hält uns eigentlich noch hier?"
„Was für Ideen du hast! Ich kann mein Land doch nicht einfach so aufgeben. Nicht einmal einen Teil davon – und schon gar nicht kann ich es an irgendwelche italienischen Pfeffersäcke verschachern, die sich überall breit gemacht haben und heutzutage so dicht aufeinander hocken wie Rebläuse auf einem Weinstock! Mein Land sind nur Lehen, die eigentlich Graf Pierre gehören. Ich müsste ihn erst mal um Erlaubnis fragen, ob ich sie überhaupt veräußern darf. Und selbst wenn..."
„Na, dann hol dir doch seine Erlaubnis. Ist er dein bester Freund oder nicht?"
„... und selbst WENN er Ja sagen würde, könnte ich so etwas nie über mich bringen. Ich habe Verpflichtungen, Margot... Ich habe Kinder! Das kann ich doch nicht einfach alles abschütteln und mit dir durchbrennen wie ein liebeskranker Bengel, den der Hafer sticht."
Und da war sie wieder, die Zurückweisung, die Ablehnung. Wie oft noch?
Die ganze Süßholzraspelei... alles Lügen. Er hat mir nur etwas vorgemacht. Er hat mich nur benutzt – so wie mich jeder immer benutzt. Und weil er mich jetzt nicht mehr braucht, weil er mich nicht mehr will, wirft er mich weg... Wirft mich einfach weg wie einen angebissenen Apfel, der zu sauer schmeckt...
Ein intensives weißglühendes Etwas – nackte unverhüllte Rage! – schwappte irgendwo tief in Marguerite hoch wie eine heiße Welle.
„Ach so ist das... Als du hier aufgekreuzt bist – uneingeladen, wohlgemerkt! – und in mein Bett gehüpft bist, da waren deine Gedanken überall, aber ganz bestimmt nicht bei deinen Kindern und deinen Verpflichtungen. Und jetzt kommst du mir damit – aber erst nachdem du auf mich gehüpft bist", zischte sie.
„Margot..."
„Das war's dann also schon mit uns. Du hast mich einmal gehabt und das reicht dir."
„Hör mir doch mal zu!"
„Ich war nur ein Techtelmechtel für dich, ein nettes kleines Abenteuer, weil du gerade nichts Besseres zu tun jetzt willst du nur noch so schnell wie möglich in dein eigenes behagliches Nest zurück, zu deinem Freund, zu deinen Kindern und zu deiner Frau, weil du genug von mir hast. Und ich? Was soll aus mir werden? Du elender Bast..."
„Ich werde nie genug von dir haben, Margot. Ich will dich wirklich wiedersehen – so oft ich nur kann."
„Oooh! Also so hast du dir das vorgestellt: Du kommst bei mir reingeschneit, wann immer du gerade mal zufällig in der Gegend bist oder wenn dich der Hafer sticht. Und ich soll hier schön brav darauf warten, dass du dich dazu herablässt, dein allzeit bereites Betthäschen wieder mal zu beglücken – falls sich eine günstige Gelegenheit dazu ergibt. Und in der Zwischenzeit lebst du einfach weiter dein ach so wichtiges und von Pflichten erfülltes Männerleben. Und deine süüüße Margot kann sehen, wo sie bleibt. Ist das so, ja?"
„Nein! Du hast mich missverstanden."
„Ich missverstehe niemanden – schon lange nicht mehr. Was für Drecksäcke ihr Kerle doch alle seid... Verschwinde jetzt lieber, bevor ich mir einen Besen hole und dich aus meinem Haus raus fege wie einen Hundehaufen!"
Sie wollte sich aus seinem Griff losreißen, aber Jacques Le Gris hielt sie eisern fest. (Ein paar Wochen später würde Marguerite die von Dame Nicoles argusäugiger Zofe noch am selben Tag entdeckten, aber glücklicherweise nicht weiter kommentierten blauen Flecken an ihren Schultern und Oberarmen dazu nutzen, um ihre Version der Ereignisse glaubwürdig zu untermauern.)
Sie erwog gerade, sich mit einem kräftigen Tritt in den empfindlichsten Teil der männlichen Anatomie aus seiner Umklammerung zu befreien, als er sehr viel weicher sagte: „Es gibt noch einen anderen Weg für uns, Margot."
Sie war nicht dieser Meinung. „Ach ja?"
„Ja! Als Hofdame könntest du in allen Ehren nach Argentan kommen und wir könnten uns dort fast jeden Tag sehen – wenn wir vorsichtig sind. Ich werde Graf Pierre noch heute darum bitten, nach dir zu schicken. Und wenn Gräfin Marie damit einverstanden ist..."
„Also Jean wird nicht damit einverstanden sein! Auf gar keinen Fall. Er verabscheut die Alencons inzwischen fast ebenso sehr wie dich... Ja, alle beide! Wenn einer sein Feind ist, ist es für ihn immer gleich die ganze Sippe. Er macht da keine Unterschiede", erwiderte Marguerite. „Und er würde mich lieber eigenhändig einmauern wie eine Klausnerin, bevor er mich eine Hofdame werden lässt."
„Tja, wenn das so ist... Mehr fällt mir im Moment auch nicht ein. Leider. Vielleicht ergibt sich ja später noch eine andere Lösung für uns."
Und damit hatte Jacques sie aufgegeben. Vorläufig. Oder endgültig, wie sich bald darauf herausstellen sollte...
Und als er sich endlich nach ein paar lauen Worten (die nicht so beschwichtigend auf die Verlassene wirkten, wie er offensichtlich gehofft hatte!) getrollt hatte, war Marguerite alleine zurückgeblieben, außer sich vor Zorn und Verzweiflung.
Zumindest hatte sie geglaubt, dass sie verzweifelt war. Was echte Verzweiflung bedeutete, war ihr nämlich erst klar geworden, als der nächste Vollmond am Himmel stand und ihre Monatsblutung ausblieb – was noch nie vorgekommen war, seit sie zur Frau geworden war. Sie hatte an ihrem Fenster gestanden, zu der leuchtenden silbernen Scheibe in der samtigen Schwärze der Nacht hinauf gestarrt und sich gefragt, wie um Gottes willen sie Jean dem Jähzornigen, der seine Gemahlin seit über einem Jahr nicht mehr angefasst hatte (oder vielmehr sein Bett nicht mehr mit ihr geteilt hatte!), diese Schwangerschaft beibringen sollte. Ein Fall von unbefleckter Empfängnis dank einer spontanen göttlichen Intervention schied hier ja wohl eindeutig aus...
„Was soll das heißen von wegen 'Es gibt kein Später für uns?'", polterte Jean. „Was meint Ihr damit?"
Marguerite, abrupt aus ihren Reminiszenzen herausgerissen, kehrte nur äußerst ungern in die Gegenwart zurück.
„Genau das, was ich gesagt habe."
Aber das verstand Jean einfach nicht – er hatte sie ja noch nie verstanden.
„Ihr habt doch nicht etwa vor, in ein Kloster zu gehen – oder doch?"
Sie wollte seinen Einwurf gerade als typisch männlichen Einfall (also als Schnapsidee) verwerfen, als ihr plötzlich gleich zwei bemerkenswerte Dinge aufgingen: Man musste nicht unbedingt gleich in ein Kloster eintreten, man musste keine Nonne werden, um einem Ehemann zu entwischen. Es gab überall Beginen-Häuser, eine Art Laien-Konvente, in denen man sich niederlassen konnte, um mit gleichgesinnten Frauen (oder Leidensgenossinnen) von Stiftungen zu leben und sich sogar seinen eigenen Unterhalt zu verdienen, zum Beispiel mit Stickereien oder Weben oder ähnlichen Handarbeiten. Und das gänzlich unabhängig von der rigiden Gesellschaftsordnung und Angehörigen, die als Preis für ihre finanzielle Unterstützung eventuell unerfüllbare Bedingungen stellten. Die Beginen waren also durchaus eine Option, an die Marguerite noch gar nicht gedacht hatte...
Aber was ihr hier und jetzt vor allem auffiel, war der Tonfall, indem Jean sich nach ihren Plänen erkundigt hatte. Er hatte gar nicht verärgert oder ablehnend geklungen, sondern eher... neugierig. Fast schon begierig.
Sie kniff die Augen zusammen und musterte ihn mit Argwohn. War er ihrer Ehe möglicherweise genau so überdrüssig wie sie? Träumte auch er davon, sich von den Ketten zu befreien, die sie aneinander fesselten? Wollte er sie loswerden? Falls Marguerite tatsächlich den Schleier nehmen sollte, wäre die Ehe der Carrouges' aufgelöst.
Bis dass der Tod uns scheidet. Oder Gott...
So etwas kam gelegentlich vor. Manche Leute verspürten eben erst im vorgerückten Alter eine späte, aber dringende Berufung zu einem spirituelleren Leben in der Abgeschiedenheit einer benachbarten Abtei. Abgesehen von diesen frommen Zeitgenossen und ihrer glühenden Hingabe an höhere und hehrere Pfade wählten ab und zu auch etwas weltlicher gesonnene Paare diesen Weg, weil er die einzige akzeptable Möglichkeit für eine offizielle Trennung war. (Das geschah für gewöhnlich dann, wenn Eheleute sich so sehr hassten, dass sie es überhaupt nicht miteinander aushielten, aber keine triftigen Gründe für eine kirchliche Annullierung vorbringen konnten. Schloss einer der Partner sich einem Orden an, so waren beide von ihrem lästigen Ehegespons für immer befreit.) Aber in jedem Fall galt der oder die Verlassene als ledig und lose und war frei für einen Neuanfang.
Will Jean neu anfangen? Ich glaube, er hat mich wirklich satt. Das mit dem Kind muss ihn sogar noch mehr getroffen haben, als ich befürchtet habe...
„Vielleicht", sagte Marguerite ausweichend. Es war noch viel zu früh, um sich festzulegen. Erstmal musste sie diesen furchtbaren Tag irgendwie überleben. Falls sie ihn überlebte...
Doch ihre vage Antwort wurde übel aufgenommen.
„Wenn das so ist, dann kann ich ja wieder gehen. Wie ich sehe, legt Ihr nicht den allergeringsten Wert auf meine Gesellschaft", bellte Jean zurück.
„Ja", sagte sie schlicht. Bei diesem Mann konnte sie es sich inzwischen leisten, alles auszusprechen, was ihr durch den Kopf ging. Was ihn betraf, so hatte sie nichts mehr zu verlieren. Absolut nichts...
Sein Gesicht verfärbte sich, bis er purpurrot angelaufen war.
„Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich nicht gekommen. Ihr seid es gar nicht wert, dass ich mich um Euch kümmere. Verfluchtes Weib! Der Teufel soll Euch holen!", brüllte er.
Und damit wirbelte er herum und stampfte wütend und eisenklirrend hinaus. Die schwere rundbogige Eichenholztür flog mit einem sonoren Knall hinter ihm zu und das so wuchtig, dass sie in ihren Angeln erzitterte.
Doch Marguerite lächelte dasselbe Lächeln, das zuvor den kleinen Priester so erschreckt hatte. Jean de Carrouges konnte sie nicht mehr treffen. Er konnte ihr nicht mehr wehtun, weder mit Worten noch mit Schlägen. Kein Mann würde je wieder so viel Macht über sie haben...
„Du kannst einfach nicht den Mund halten, nicht wahr?", sagte eine lakonische Stimme aus der schattigen Ecke neben dem Kamin.
Marguerite war ganz verdutzt. Die Anwesenheit ihrer Schwiegermutter hatte sie im Eifer des Gefechts völlig vergessen, was auch daran lag, dass die Frau sich sozusagen unsichtbar gemacht hatte. Dank ihrem mitternachtsblauen Mantel war Dame Nicole in dem dunklen Winkel wirklich kaum zu erkennen, sie war nicht mehr als ein Schemen.
Doch jetzt trat sie aus der dämmerigen Nische heraus, in die sie sich zwischenzeitlich zurückgezogen hatte, um näher an der belebenden Wärme der Feuerstelle zu stehen, und kam langsam auf Marguerite zu. Sie bewegte sich so lautlos wie ein Geist, obwohl ihr Rock und ihr bodenlanger Umhang über die abgetretenen Granitplatten schleiften. Sie sah auch aus wie ein Gespenst: Ihr Antlitz, voller Knitterfalten wie eine Maske aus altem Pergament, war so weiß wie Elfenbein, schien völlig blutleer zu sein, und ihre fahlen graublauen Augen waren tot, bar jeder Emotion.
„Und? Bist du jetzt zufrieden?", fragte sie trocken.
„Wie könnte ich zufrieden sein?", fauchte Marguerite.
„Du törichtes Kind!"
„Ich..."
„Du hättest ihm wenigstens Mut zusprechen können, statt ihn zehn Minuten vor seinem Duell mit Worten zu entmannen. Jetzt ist er wie ein handzahmer Kapaun, der gegen einen Kampfhahn antreten muss. Dieser Schuft wird meinen armen Sohn in Stücke reißen – und alles nur wegen dir!"
„Natürlich wegen mir. Ihr seid genau wie Jean – immer müsst Ihr mir die Schuld in die Schuhe schieben. Es hätte mich auch gewundert, wenn es einmal anders laufen würde... Aber egal, was Ihr denkt, Euer Sohn hat sich das alles selber zuzuschreiben."
„Das hat er nicht, du Närrin!", schrie Dame Nicole. Doch ihr Temperament sprühte nur kurz Funken. Sie war wie ein Haufen schwelender Asche, deren Glut durch einen Windstoß neu entfacht wurde, ein Strohfeuer, das aber gleich wieder in sich zusammenfiel und sein Leben endgültig aushauchte. Sehr viel gedämpfter fuhr sie fort: „Jean ist auch ein Narr. Ich habe das gewusst, seit er aus den Windeln heraus war, und ich habe immer versucht, ihn vor seinem eigenen Hitzkopf zu beschützen. Ich wollte ihm sogar diesen Unfug ausreden. Aber welcher Mann hört schon auf seine Mutter?"
„Er hört auf niemanden."
„Du auch nicht, Marguerite! Ich habe dir damals ausdrücklich verboten, es ihm zu erzählen. Ich habe dir gesagt, dass du das nicht tun darfst, weil uns das alle ins Unglück stürzen würde. Ich habe dich gewarnt...
Aber du musstest ja in Selbstmitleid versinken und dich als Opferlamm aufspielen. Du musstest ihm unbedingt alles gestehen und herumjammern, statt es einfach hinzunehmen und alleine damit fertig zu werden, wie eine starke Frau es tun würde. Glaubst du vielleicht, du bist die Einzige, die gegen ihren Willen genommen worden ist, der Gewalt angetan worden ist? Nein, bist du nicht. So etwas geschieht jeden Tag. Überall. Es ist nichts Besonderes. So ist das Leben eben...
Und wir Frauen müssen alleine damit fertig werden, weil unsere Männer uns in so einem Fall keine Hilfe sind, auch wenn sie das nicht wahrhaben wollen. Aber wenn wir Schwäche zeigen, dann bricht alles zusammen. Deshalb müssen wir stark sein. Und wir sind stark – viel stärker als die Männer, auch wenn sie das niemals zugeben würden."
Marguerite konnte ihrer Schwiegermutter nicht in die Augen sehen. Sie hatte Angst, dass Dame Nicole die Lüge in ihren eigenen erkennen könnte.
„Ich musste es ihm einfach sagen. Ich hatte keine andere Wahl. Nicht nachdem..."
„Unsinn! Eine kluge Frau kann ihrem Gemahl alles vormachen." Und dann so sachlich wie eine abgebrühte Kupplerin: „Ich weiß, dass Jean deine Kammer gemieden hat wie der Teufel das Weihwasser. Aber du hättest ihn leicht und gerade noch rechtzeitig wieder in dein Bett lotsen können, wenn du dir nur einmal die Mühe gemacht hättest, ihm schöne Augen zu machen. Nur ein einziges Mal, Marguerite!
Männer sind ja so naiv – er wäre dir lammfromm gefolgt. Und nach einer gemeinsamen Nacht hätte er dir ohne Weiteres abgekauft, dass der Kleine von ihm ist. Er hätte es geglaubt, weil er es glauben wollte. Und ich hätte dir dabei geholfen, falls er doch noch misstrauisch geworden wäre. Ich hätte ihn schon davon überzeugt, dass ein Kind, das einen guten Monat zu früh geboren worden ist, ein genau so kräftiger Wonneproppen sein kann wie jeder andere Säugling auch."
„Ich hätte ihm ein Kuckucksei unterschieben sollen?! Und Ihr hättet mich dabei unterstützt?", fragte Marguerite ungläubig.
„Warum nicht? Ein bisschen frisches Blut von außen hat einem alten Stammbaum noch nie geschadet. Ganz im Gegenteil – das kann ihn sogar veredeln. Wie bei der Hundezucht, wenn man einen Rüden aus einer robusteren Linie einkreuzt... Oder wie beim Gärtnern, wenn man einem Rosenstrauch eine bessere Sorte mit größeren Blüten aufpfropft...
Und Jean wäre nicht der Erste gewesen, der den Sohn eines anderen aufzieht, ohne es zu ahnen. Ich hätte nichts dagegen gehabt, wenn es ihn nur glücklich gemacht hätte. Er wünscht sich schon so lange einen Jungen... Ach was, so wie die Dinge liegen, wäre er wahrscheinlich sogar mit einem Mädchen zufrieden gewesen...
Und was mich betrifft: Ich hätte alles getan, um endlich wieder ein lebendiges gesundes Enkelkind im Arm halten zu können. Dafür wäre ich über Leichen gegangen. Dafür hätte ich sogar diesen Le Gris eigenhändig getötet, wenn es hätte sein müssen. Nun ja, wenigstens hätte ich ihn entmannt und das mit der stumpfsten und rostigsten Klinge, die ich hätte auftreiben können...
Ja, ich hätte dir geholfen, Marguerite, und alles hätte seinen Lauf genommen. Wir hätten einfach zufrieden weiter leben können – oder jedenfalls so gut wie zufrieden. Aber du musstest ja gleich zu Jean rennen, als er aus Paris zurückkam, und ihm die Ohren vollheulen und ihn damit endgültig auf die Barrikaden treiben. Du musstest dich wichtig machen und damit jedem von uns den Dolch in den Rücken stoßen. Und wir alle müssen jetzt die Folgen tragen." Ein gefährliches Funkeln kam in Dame Nicoles Augen.
„Ich werde heute nur meinen Sohn verlieren, denn ganz ehrlich: Was aus dir wird, Marguerite, kümmert mich nicht – nicht im Geringsten! Aber dein Sohn wird alles verlieren: Seine Eltern, seinen Namen, sein Heim, seine Zukunft...
Wenn Jean stirbt, fällt unser Lehen an Graf Pierre zurück, der es prompt als Schadensersatz an deinen Le Gris weiterreichen wird. Und der wird uns natürlich sofort in hohem Bogen rauswerfen. Er wird sich das Bisschen schnappen, was uns noch geblieben ist, und uns einfach auf die Straße setzen. Ich werde mit dem Kleinen zu meinen eigenen Verwandten zurückgehen müssen, zu den Buchards, und wir werden auf ihre Gnade angewiesen sein, völlig von ihnen abhängig sein.
Ich werde bis zum Ende meiner Tage nur ein geduldeter Gast im Haus meines Großneffen sein, eine mittellose alte Witwe, die ihm auf der Tasche liegt. Und der kleine Robert wird eine unerwünschte arme Waise sein, ein Maul mehr, das er zu stopfen hat. Mein Enkel wird für jeden Brosamen, den die Buchards von ihrem Tisch fallen lassen, katzbuckeln müssen. Und er wird sich alles, was er jemals besitzen wird, selber erkämpfen müssen – wenn sie ihn nicht vorher in ein Kloster abschieben, weil sie keine Lust haben, ihn so lange durchzufüttern, bis er auf eigenen Füßen steht.
Und das alles nur, weil du nicht den Mund halten konntest! Weil du nicht den Mut hattest, das zu tun, was ich und jede andere Frau an deiner Stelle getan hätte. Weil du schwach warst!", zischte sie.
Doch wenn sie sich eingebildet hatte, dass ihre Schwiegertochter unter dieser geballten Ladung verbalem Gift, die ihr gerade entgegen gespritzt worden war, einknicken würde, dann hatte sie sich geirrt. Marguerite schlug mit denselben Waffen zurück und sie tat es gerne. Was zu viel war, war zu viel...
„Mein Sohn wird alles haben, was er braucht, so lange er es braucht – dafür wird sein Großvater sorgen, nicht Ihr oder irgendeiner Eurer Neffen. Euch und Eure Sippe braucht er überhaupt nicht, Madame.
Und wenn Robert alt genug dafür ist, wird er sich einfach nehmen, was er will. Denn er wird stark sein, viel stärker als sein Erzeuger oder diese traurige Witzfigur, die Ihr Euren Sohn nennt. Robert wird sich selber einen Namen machen, einen neuen Namen, einen guten Namen. Er wird sein eigenes Heim haben und dort seine eigene Familie gründen. Und sein neuer Stammbaum wird blühen, wenn die Überreste der Carrouges und der Buchards schon längst vermodert und vergessen sind.
Es kümmert mich auch nicht, was aus Jean wird – nicht im Geringsten! Und was Euch angeht, Madame: Von mir aus könnt Ihr im nächstbesten Straßengraben verrotten. Ihr hättet es verdient."
„Du undankbarer kleiner Mistkäfer! Wenn wir dich nicht damals aufgelesen hätten..."
„Undankbar? Ich? Ihr verwechselt da wohl etwas, Madame. Ihr hättet mir Dank geschuldet. All die Jahre, in denen nur mein Geld dafür gesorgt hat, dass Ihr nicht schon längst in hohem Bogen rausgeworfen worden seid... Ich habe Euch alles gegeben, was ich hatte, und habe dafür nie auch nur ein gutes Wort zurückbekommen, weder von Euch noch von diesem Kretin. Egal, wie sehr ich mich bemüht habe, Ihr habt mich beide immer nur mit meiner Vorgängerin verglichen. Ein unfairer Vergleich, denn eine tote Rivalin ist eine überlegene Rivalin. Wie soll man dagegen ankommen?"
„Aliénor war ein liebes Kind..."
„Ach, seid doch still! Ich kann es einfach nicht mehr hören. Die liebe, die wundervolle, die unvergleichliche Aliénor... Also wirklich, die Frau muss eine wahre Heilige gewesen sein, um Euch beide ertragen zu können. Zu schade, dass sie nicht stark genug war, um mit der Pest fertig zu werden. Dann wäre uns allen viel erspart geblieben..."
Dame Nicole war so aufgebracht, dass die losen Hautfalten unter ihrem Kinn zitterten vor nur mühsam kontrollierter Empörung. Marguerite beobachtete es mit Triumph. Sie hatte kein boshaftes Naturell, aber es tat so gut, sich endlich zur Wehr zu setzen. Sie wunderte sich darüber, warum es so lange gedauert hatte, bis sie sich dazu durchgerungen hatte, kein Fußabtreter mehr zu sein. Widerstand war eigentlich ganz einfach – aber nur, wenn man keine Rücksicht mehr nehmen musste, wenn man es sich leisten konnte, alle Brücken hinter sich abzubrechen, alle Schiffe zu versenken...
„Das höre ich mir nicht länger an. Ich gehe!", verkündete Nicole de Carrouges mit so viel Würde, wie sie noch aufbringen konnte.
„Ich werde Euch bestimmt nicht zurückhalten..."
Und als Nicole ihren Worten sofort Taten folgen ließ und davon stolzierte, rief Marguerite ihr nach: „Einen schönen Tag noch, Madame! Ich hoffe, Ihr unterhaltet Euch gut bei dem Schauspiel, das Euch gleich geboten wird."
Doch dieser Anflug von Galgenhumor verließ sie gleich wieder, als sie die mit goldenen Lilien bestickten blauen Waffenröcke draußen auf dem Gang sah. Denn kaum war das Schwiegermonster um die nächste Ecke gebogen und außer Sichtweite, stakste einer davon zu ihr herein. Es war der Hauptmann, der die kleine Schar von königlichen Gardesoldaten kommandierte, die seit gestern vor ihrer Tür Wache standen, obwohl er kaum alt genug für diesen verantwortungsvollen Posten zu sein schien. Er war ein schlaksiger Jüngling mit einem olivfarbenen Teint, feurigen dunklen Augen und einem der vielsilbigen, klangvollen, aber fast unaussprechlichen Namen aus dem Languedoc (Péguillin de Irgendwas von Irgendwo!) und er war sichtlich verlegen.
Es ist also wirklich wahr: Die kleinen Sünden straft der Herr sofort... Oh nein! Bitte nicht... Nicht jetzt schon...
Doch ihre Stunde war gekommen, denn der junge Hauptmann sagte betont sanft: „Ich soll Euch holen, Dame Marguerite."
Er bot ihr galant seinen Arm an, was auch gut so war. Hätte er sie nicht gestützt, Marguerite wäre nicht einmal durch die Tür gekommen, so sehr schlotterten plötzlich ihre Knie.
Die Wachen starrten ihr neugierig entgegen, als sie herausgebracht wurde, und in dem einen oder anderen strubbelbärtigen oder unrasierten Oval unter dem typischen flachen Eisenhut, der zu der Grundausstattung von einfachen Fußsoldaten gehörte, entdeckte Marguerite mehr Mitleid als ihr von den Menschen zuteil geworden war, die ihr am nächsten standen. Doch das änderte auch nichts daran, dass die Soldaten das Objekt ihrer Wachsamkeit sofort einkreisten wie Jagdgehilfen eine in die Enge getriebene Hirschkuh, als sie abgeführt wurde.
Mitleid hin oder her, diese Männer würden ihre Befehle befolgen und ihre Schutzbefohlene genau dort abliefern, wo auch immer sie abgeliefert werden musste – auch auf dem Richtplatz von Montfaucon, wenn es dazu kommen sollte. Im Zweifelsfall würde keiner von ihnen den Retter spielen und Marguerite zur Flucht verhelfen, nicht einmal der junge Péguillin. (Obwohl er zweifellos eine ausgesprochen romantische Ader hatte, wie er am Vorabend durch den Vortrag eines langatmigen, schwärmerischen und angeblich sogar selbst gedichteten Sonetts bewiesen hatte, nachdem die Schachpartie, mit der er seinem Schützling die Zeit ursprünglich hatte vertreiben wollen, aufgrund von mangelnder weiblicher Konzentrationsfähigkeit schon nach vier strategisch ungeschickten Spielzügen mit einem kläglichen Schäfermatt geendet hatte.)
Letzteres wusste Marguerite, weil sie vorsichtshalber bereits die Probe aufs Exempel gemacht hatte, um die Anfälligkeit ihrer Wächter zu testen, und das zu ihrem Leidwesen völlig umsonst: Sie war sowohl mit rührenden kleinen Seufzern und hilflosem Wimperngeklimper als auch mit diskreten Bestechungsversuchen bei verschiedenen Anwärtern gescheitert.
Sie tastete erneut verstohlen nach dem Federmesser unter ihrem Mieder. Das Metall hatte inzwischen die Wärme ihrer Haut angenommen, so dass sie es gar nicht mehr gespürt und schon fast befürchtet hatte, es könnte herunter gerutscht und verloren gegangen sein. Doch es war immer noch da – genau da, wo es sein sollte.
Und wenn sie mich vorher fesseln? Was mache ich dann?
Sie verdrängte die Panik, die in ihr aufflackern wollte, mit aller Macht.
Das werden sie nicht. Ganz sicher nicht. Nicht bevor sie mich aus der Arena schleifen...
Aber ganz sicher war sie nicht. Nicht bis Péguillin neben ihr etwas davon plapperte, dass sie auf der Haupttribüne sitzen sollte, direkt unter den Hofdamen der Königin.
Marguerite atmete auf. Ein paar verängstigte Hofdamen würden kein Hindernis darstellen. Jedenfalls kein ernst zu nehmendes Hindernis...
Die Dezemberkälte traf sie wie ein Hammerschlag, als sie mit ihrem kleinen Gefolge auf den Hof der Abtei hinaus trat.
„Mein Mantel... Ich habe meinen Mantel vergessen!" Wie DUMM von mir, fügte sie in Gedanken ärgerlich hinzu.
Es war eben alles viel zu schnell gegangen. Sie hatten sie überrumpelt.
So etwas darf nicht noch mal passieren. Ich muss wirklich besser aufpassen. Niemand darf mich nachher überrumpeln!
Sie war so verstört über ihre Unaufmerksamkeit, so abgelenkt, dass sie unwillkürlich einen spitzen kleinen Schrei ausstieß, als plötzlich etwas Weiches, Schweres über ihre Schultern fiel.
Péguillin, der in einem Anfall von ritterlicher Selbstlosigkeit prompt seinen eigenen Umhang abgelegt und ihn seiner Begleiterin übergeworfen hatte, flüsterte ihr beschwichtigend zu: „Ist ja gut, ist ja gut...", als müsste er ein Kind trösten, das aus einem Alptraum aufgeschreckt war.
Die Güte, ja, die schiere Menschlichkeit seiner Geste überwältigte Marguerite so sehr, dass sie fast zusammenbrach. Ein Sturzbach von so lange und so mühsam mit eiserner Willensstärke und Selbstbeherrschung unterdrückten Tränen wollte mit aller Gewalt aus ihr herausfluten, aber das konnte und wollte sie nicht dulden. Sie würde sich nicht gehen lassen. Sie war immer noch Marguerite de Carrouges... nein!... Marguerite de Thibouville. Und egal, was Dame Nicole von ihrer Schwiegertochter halten mochte, sie würde keine Schwäche zeigen. Niemals!
„Danke, Sire Péguillin. Das ist sehr freundlich von Euch", sagte sie mit einer reservierten Selbstsicherheit, die den jungen Hauptmann sichtlich gleichzeitig verwirrte und beeindruckte.
Und damit ging Marguerite einfach weiter, als hätte sie das Kommando, als wäre sie diejenige, die das Ziel und die Geschwindigkeit, mit der sie dort eintreffen sollte, zu bestimmen hatte.
Nach ein paar Sekunden allgemeiner Konfusion eilten Péguillin und seine Soldaten ihr nach, rahmten sie wieder ein und schoben sich mit ihr durch das Gedränge von unzähligen Menschen, die vor den Toren von Saint-Martin-de-Champs hin und her wogten wie Weizenhalme im Wind.
„Weg da! Macht Platz für die Garde des Königs!", trompete Péguillin und wedelte mit den Armen als müsste er eine Schafherde verscheuchen.
Die Menge teilte sich so zähflüssig wie Honig, der von einem Löffel tropfte, und bildete höchst widerwillig eine schmale Gasse für Marguerite und ihre Eskorte.
So viele... Sind sie wirklich gekommen, um die Gerechtigkeit siegen zu sehen? Oder wollen sie uns einfach nur sterben sehen?
Nun, die vorherrschende Stimmung war zumindest zweideutig. Als die Leute erfassten, wer die von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidete junge Frau war, die gerade durch ihre Mitte in Richtung Turnierplatz geleitet wurde, erhob sich ringsum ein Raunen, das sich schnell in Zurufe verwandelte. Und nicht alle Kommentare zeugten von Sympathie.
„Da ist sie ja... das ist die Frau, um die sie gleich kämpfen!"
„Wie jung sie ist... und so schön. Schade um sie."
„Ja, ganz hübsch... vor allem die Titten. Die würde ich nicht von meiner Bettkante schubsen."
„Nee, die würde ich mir auch schnappen. Wer kann es dem Kerl verdenken? Schade um ihn."
„Wie die mich anglotzt! Schamloses Ding..."
„So wie die aussieht, hat's ihr wahrscheinlich auch noch Spaß gemacht. Schlampe!"
Diese weder neutrale noch objektive Meinungsäußerung zog einen ganzen Schwall aus unflätigen Bemerkungen und rohem Gelächter nach sich.
Aber zwischendrin, spärlich verteilt unter der johlenden Meute, gab es auch noch ein paar schweigsame Bürger, die einfach nur bekümmert wirkten, und am Rand der Menschenmauer sogar eine ausgesprochen mütterlich aussehende Frau in mittleren Jahren, die Marguerite mit einem ehrlich gemeinten „Gott schütze Euch, Madame!" ein Sträußchen zuwarf, das sich als ein Gebinde aus zwei frischen Rosmarinzweigen und ein paar getrockneten Lavendelstängeln erwies.
Marguerite sah auf die zarten winzigen blassvioletten Rosmarinblüten hinunter, die sicher aus einem gut gehüteten Küchen-Blumentopf stammten, und presste sie zusammen mit den spröden Lavendel-Büscheln, die vermutlich aus einer Wäschetruhe entführt worden waren, gegen ihre Nase. Die Kombination aus zwei balsamischen Düften ließ sie an das große, von Bienen umsummte Kräuterbeet denken, das ihre Mutter im Garten von Aunou-le-Faucon angelegt hatte, und an so manchen Frühlingstag in ihrer Kindheit, als sie barfuß über Teppiche aus Glockenblumen und Buschwindröschen gerannt war, trunken von dem Sonnenschein, von all dem Licht nach dem langen dunklen Winter...
Sie blendete das gehässige Gejohle ringsum aus (das alles ging sie nichts an, es betraf sie gar nicht – nicht wirklich!) und starrte in den ganz und gar sonnenlosen Dezemberhimmel hinauf. Zwischen den bleigrauen Wolken blitzte ein langgezogener blendend heller Streifen auf – ein Schwarm von schneeweißen Tauben, die zielstrebig auf die Türme von Saint-Martin zu flatterten.
Es passte irgendwie, wie sie fand, denn Tauben standen doch für Frieden, oder nicht? Und Marguerite fühlte sich trotz allem jetzt endlich seltsam friedlich – oder auch nur sehr distanziert von dem Gelärme und Getue ihrer Umwelt. Wie auch immer, sie dachte, dass es am Ende gar nicht so schlimm sein würde zu sterben, wenn es ihr nur gelang, auf die richtige Weise zu sterben, also so schmerzlos wie möglich.
Vielleicht würde es sogar so sein, wie der alte Bruder Aymer (der sehr viel nettere Vorgänger von Bruder Abélard!) es ihr geschildert hatte, als sie als kleines Mädchen auf seinen Knien gesessen hatte, gebannt von seinen märchenhaften Bibel-Geschichten und dem zahnlosen Schmunzeln auf seinem runden gutmütigen rosaroten Gesicht unter der ausgefransten Tonsur. Vielleicht würde ihre Seele tatsächlich jubilierend aus dem zerbrochenen Gefäß ihres irdischen Leibes heraus schweben und einfach auf und davon fliegen... genau wie diese Tauben... frei und ungebunden, bis sie vor den berühmten Perlentoren des Paradieses landete, die sich für sie öffnen würden...
Und Marguerite de Carrouges... nein, de Thibouville!... lächelte vor sich hin, ein echtes, selbstvergessenes, verträumtes Lächeln. Und sie hörte nicht auf zu lächeln...
Nicht einmal, als sie endlich auf der Tribüne ankam, und in einem gebührenden Abstand von Königin Isabeau auf eine mit Kissen bedeckte, aber trotzdem steinharte Holzbank sank...
Fortsetzung folgt...
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