Snape!
Mit ihm hatte sie am allerwenigsten gerechnet. Ihn nach all den Jahren wiederzusehen.
Sie warf sich im Bett herum – Gott sei Dank hatte sie eine Einzelkabine – und gestand es sich ein: Sie würde diese Nacht nicht schlafen können. Zu viel ging ihr durch den Kopf.
Er hatte sie heute Früh in der Schlange nur kurz angesehen, aber nichts gesagt. Auch sie hatte geschwiegen, hatte den Blickkontakt kaum gehalten.
Niemand hätte ahnen können, dass sie sich kannten. Und sie bezweifelte auch, dass er seiner Freundin gesagt hatte, dass sich an Bord eine seiner ehemaligen Schülerinnen befand.
Hermine holte tief Luft. Der erste Tag an Bord war geschafft und sie hatte es auch vermieden, ihm über den Weg zu laufen. Ihm und seiner Freundin! Das Schiff war groß und jeder konnte seiner Wege gehen, wenn er es nicht darauf anlegte, den anderen irgendwo abzupassen. Und im Speisesaal vorhin, da hatte sie ihn schon gleich gar nicht gesehen. Sie hatte sich zu einem Mann namens Robert gesetzt und mit ihm ein Gespräch begonnen und herausgehört, dass er auch einmal Ägyptologie angefangen hatte zu studieren. Na, das war doch schön. Das passte. Alles ganz interessant. Und Hermine vermied es, sich umzusehen. Denn eines stand für sie fest: Sie wollte sich den Urlaub, den sie sich teils zusammengespart, teils von ihren Eltern geschenkt bekommen hatte, durch Snapes Anwesenheit und die Gedanken an die Vergangenheit nicht vermiesen lassen. Sie wollte ihre Freiheit genießen und die Altertümer besuchen.
Ganz besonders freute sie sich auf die Felsengräber von Deir el-Medineh, einer Beamtensiedlung. Denn in denen gab es, das wusste sie durch ihr Studium, noch so einiges zu entdecken. Und am liebsten zog sie alleine los, um alles zu erkunden.
Hermine lag auf dem Rücken, wischte sich den Schweiß von der Stirn, denn es war heiß in ihrer Kabine.
Wer war diese Frau an Snapes Seite? Als er damals von Hogwarts hatte gehen müssen, war er solo gewesen. Aber das war ja nun auch schon über 9 Jahre her. Da hatte sich wohl viel getan in der Zwischenzeit. Und verdammt, was machte sie sich hier eigentlich für Gedanken? Sie hatte mit dieser Sache abgeschlossen, war ihren Weg allein gegangen und lag nun hier, um zwei Wochen Nilkreuzfahrt entgegen zu sehen … Gab es etwas Schöneres?
„Ägypten, ich komme …"
Heute waren sie noch einmal an den drei großen Gizah-Pyramiden vorbei gefahren. Und auch am Sphinx. Nach den zwei Wochen würde sie ihn täglich sehen. Ihn und diese drei Pyramiden. Und darauf freute sie sich schon sehr. Das war doch was …
Am nächsten Morgen stand noch nichts auf dem Programm, sodass Hermine nach dem Frühstück einen Moment lang überlegte, ob sie es wagen könne, zum Swimming-Pool hinauf zu gehen. Sie entschied sich dafür – schon deswegen, weil es heiß war und sie sich abkühlen musste. Und außerdem wollte sie vom Deck aus die Landschaft betrachten. Also zog sie sich ihren Bikini an, schnappte sich ihre Badesachen – die Sonnencrème war auch dabei.
Oben an Deck war noch nicht viel los. Nur einige Kinder tobten bereits herum, aber deren Eltern konnten sich wohl nicht auskäsen. Sie grinste in sich hinein. Wenn nicht auf dem Programm stand, wollte sie es fortan immer so halten und gleich nach dem Frühstück hinaufkommen, um sich das schönste Plätzchen unterm Sonnenschirm ganz nah am Pool zu sichern. Sie breitete ihr Handtuch aus und ließ sich nieder. Die Sonnenbrille auf der Nase, begann sie in ihrem Buch zu lesen und bald war sie so vertieft ins Geschehen, dass sie die Außenwelt vollkommen vergaß.
Erst als das Geschrei der Kinder um sie her zu laut wurde und ihr von irgendwoher Zigarettenqualm in die Nase stieg, hob sie den Kopf. Und wen sah sie da in nicht allzu großer Entfernung unter einem knallroten Sonnenschirm sitzen? Natürlich Snape mit seiner Tuss. Sie sah in ihrem viel zu knappen Badekostüm recht lächerlich aus, fand Hermine, zwang sich aber, sie nicht weiter anzustarren. Zwar hatte Snape die Augen geschlossen, doch seine Tuss saß mit leicht angewinkelten dicken kurzen Beinchen auf ihrer Pritsche und las ein Schmierblatt, das sie sich wohl extra aus England mitgebracht hatte. Da bestand schon eher die Gefahr, dass sie mal unverhofft aufsah und etwas bemerkte. Rasch wandte sich Hermine ab und entschloss sich, jetzt doch ins Wasser zu gehen. Der Pool war ziemlich groß – vorn war der Nichtschwimmerbereich für die Kinder, die sich schon reichlich im Wasser tummelten, hinten aber ließen sich einige Bahnen ziehen. Sie sah ihren Tischnachbarn wieder und grüßte ihn. Er grinste sie an.
„Heiß, nicht wahr?"
Sie nickte, glitt neben ihm ins Wasser und los gings. Sie war keine gute Schwimmerin, aber da Robert sowieso die ganze Zeit über sein Lieblingsthema, die Pyramiden, sprach, kamen sie beiden nur langsam voran und Hermine konnte mithalten.
„Wusstest du, dass man in Dahschur ein Rampensystem an den Pyramiden gefunden hat?", fragte er sie.
„Ja …"
„Na, das belegt doch, wie die Pyramiden gebaut wurden, oder?"
Hermine grinste. Damit hatte sie sich nie beschäftigt. Sie interessierte sich eher für die Menschen hinter Pharao. Die Beamten und die einfachen Menschen.
Sie paddelten beide eher nebeneinander her und Hermine hatte das Gefühl, dass sich Robert freute, sich mit ihr unterhalten zu können. Und auch sie genoss dieses gemeinsame Plantschen, denn als mehr wollte und konnte sie das nicht bezeichnen. Vor allem im Vergleich zu dem Schwimmer, der plötzlich neben ihnen seine Bahnen zog. Hermine registrierte ihn erst, als er sie durch seine Kraulbewegungen Wasser schlucken ließ.
„Hallo?", raunzte sie, dann erkannte sie den schwarzgrauen Schopf.
„Ganz schön schnell", bemerkte Robert. „Der war sicher mal Leistungssportler."
„Nein", wollte Hermine schon erwidern: „Das ist mein ehemaliger Lehrer", unterließ das dann aber, um sich keine unnötigen Fragen anhören zu müssen.
Sollte doch Snape neben ihnen seine Bahnen ziehen und seine Tuss derweil … Hermine warf einen raschen Blick in Richtung roten Sonnenschirm. Ja, wo war die eigentlich? Jedenfalls nicht mehr auf ihrem Platz.
„Severus", tönte es aus dem Kinderbereich. „Severus, guck mal."
Hermine hätte einen Willen aus Diamant haben müssen, um sich nicht wenigstens einmal umzudrehen. Da lag dieses dicke Mensch im Wasser – umringt von kleinen Kindern – und tat so, als schwimme sie.
Snape tat nicht dergleichen. Wie auch? Der war mit seinen Bahnen beschäftigt.
„Severus!"
„Severus? Komischer Name", ließ sich Robert vernehmen und grinste Hermine an.
„Hmmm, schon ulkig …"
Sie standen beide am Beckenrand und beobachteten das Treiben – und vor allem, als die Tuss plötzlich zu winken begann und dabei beinahe untergegangen wäre, musste Hermine grinsen. Aber gerade in dem Moment tauchte Snape unmittelbar vor ihr auf und sah ihr direkt in die Augen, ehe er die Wende machte, sich kräftig abstieß und weiterschwamm.
„Der powert sich ja richtig aus", kommentierte Robert das Geschehen. Und auch andere Leute hatten sich am Beckenrand versammelt, um Snape zuzusehen.
„Will der einen Rekord aufstellen?"
„Severuuuuus …", tönte es aus dem Kinderbecken. „Nun guck doch mal!"
Aber Snape guckte nicht, der schwamm. 25m hin und 25m zurück. Wieder kam er in ruhigen Zügen angekrault.
„Wow, der hat ne Sechseratmung", flüsterte ihr Robert zu und trat Snape in den Weg. „Hey, Mann, wohl Profi, wie?"
„Nein", kams lakonisch von Snape, der sich nun, wie Hermine bemerkte, neben Robert an den Beckenrand gestellt hatte und sich die Augen rieb.
„Okay, aber deine Freundin will trotzdem was von dir", lachte Robert und deutete hinüber zum Kinderbecken. Snape folgte seinem Blick.
„Ach Usch!" Er winkte ihr. „Bleib dort, ich hol dich!"
Schon ließ er sich ins Wasser gleiten und tauchte in kräftigen Zügen fast bis zum Kinderbecken durch.
„Komischer Vogel", wandte sich Robert an Hermine, die unwillkürlich grinsen musste.
Und als Snape seine Usch dann auch noch ins tiefere Wasser führte und ihr zeigte, wie sie richtig zu schwimmen hatte, wurde es Hermine schlagartig klar: Dieser Mann da drüben ähnelte ihrem ehemaligen Lehrer zwar bis aufs Haar, konnte es jedoch unmöglich sein. – Severus und Usch Snape. Hermine konnte es nicht verhindern, erneut zu grinsen.
Doch dieses Grinsen verging ihr für einen kurzen Moment, als sie am Abend nichts ahnend den Speisesaal betrat und gleich darauf Robert winken sah.
Sie gab ihm ebenfalls ein Zeichen, näherte sich ihm und wen sah sie da ihm gegenüber sitzen – in trauter Zweisamkeit?
„Ich hab gedacht …", begann Robert. „Da wir uns ja nun schon kennen …"
„Guten Abend", unterbrach ihn Snape. Ihrer beider Blicke kreuzten sich kurz und es entstand eine Stille.
„Ach, wir sollten uns erst einmal vorstellen. Ich bin die Usch, na ja, eigentlich heiße ich Ursula, aber alle nennen mich nur Usch!"
Hermine nickte ihr lächelnd zu.
„Ich denke, dass wir uns alle duzen sollten, oder?", fuhr Usch fort.
Ein „Hmmm, okay …", folgte.
„Na ja, ich dachte, weil wir uns doch nun schon kennen. Und da ist es doch viel netter ..."
„Hermine", sagte Hermine.
„Und ich bin Robert."
„Severus."
„Na, dann prost", kicherte Usch, erhob ihr Glas und küsste Snape auf die Wange.
Es folgte das allgemeine Klingklang mit dem obligatorischen Blick in aller Augen, dann der Schluck.
„Und, Robert, was machst du so?", wollte Usch wissen
„Ich? Ich habe mal Ägyptologie studiert …"
„Oh", machte Usch und patschte sich an die Wange.
„Na ja, angefangen …", ergänzte Robert. „Jetzt bin ich …"
„Nein, nein", winkte Usch ab. „Was sagst du denn zu den Pyramiden?"
Den Rest des Gesprächs bekam Hermine nur noch bruchstückhaft mit, weil sie einfach abschaltete. Sie wollte sich nicht an den Fragen zur Pyramidenbauforschung beteiligen. Und als Usch dann auch noch die These äußerste, dass die Pyramiden ja vielleicht auch von Außerirdischen erbaut worden sein könnten und das ja wohl Erich von Dänicken bewiesen hätte, nahm Snape Uschs Hand: „Na, na, mein Schatz, nun ist aber gut!"
„Und du, Usch, was machst du?"
„Ich?", lachte Usch „Ach, das ist eine lange Geschichte, aber keine Angst, ich fasse mich ganz kurz: Ganz früher war ich mal Englischlehrerin und dann bin ich krank geworden und musste meinen Beruf aufgeben. Dann bin ich lange arbeitslos gewesen, bis ich dann Severus kennenlernte. Und der half mir wieder auf die Beine zu kommen. Und das, obwohl es dir …"
Sie wandte sich an Snape und legte ihre Hand auf seine. „ … damals auch so gar nicht gut ging. Nicht wahr? Und da haben wir uns beide gegenseitig am Kragen aus dem Dreck gezogen. Das Seltsame: Severus war auch mal Lehrer."
„Jetzt hast du aber unsere ganze Geschichte gleich am ersten Abend erzählt!"
Snapes Nasenflügel blehten sich, doch er erwiderte den Kuss, den Usch ihm gab.
