„Ich denke, wir sollten miteinander reden."

Hermine sah auf. Snape stand genau vor ihr. Sein Schatten fiel auf sie. Es war um 11 Uhr am Morgen – die Tour nach Meidum zur ersten Pyramide des Snofru war beendet. Sie hatte sich darauf gefreut, weil es hieß, dass man die Pyramide – nach langen Bauarbeiten – endlich wieder betreten konnte. Und dem war auch so gewesen. Robert neben sich wissend, war sie den anderen ins Innere dieses Jahrtausende alten Gemäuers gefolgt und wäre doch am liebsten allein gewesen. Denn so etwas muss man allein machen. Ruinen haben nämlich die Angewohnheit, ziemlich gesprächig zu sein. Man muss ihnen nur zuhören … Aber das kann man nur, wenn man die Zeit hat, sich auf sie einzulassen, fand Hermine und hatte ein wenig enttäuscht auf diese vom Einsturz bedrohte Pyramide gesehen. Es war ja nicht so, dass der Reiseleiter Mist erzählt hätte und auch Robert hatte sein Bestes getan, um sie an seinem aus Fachbüchern zusammen getragenen Wissen teilhaben zu lassen. Aber all das galt ihr nicht so viel, wie das Gemäuer selbst erspüren zu können – und sich mit ihm „zu unterhalten".

Dieses „Unterhalten" war natürlich absoluter Quatsch, aber manchmal beschlich Hermine wirklich das Gefühl, dass da mehr war als der bloße Stein … Ein Gefühl, eine Ahnung. Denn selbst als Magierin vermochte sie es nicht, jenseits dieser Welt zu blicken, aber sie spürte, dass da etwas war. Und deshalb liebte sie es, sich solchen Orten, wie eben dieser Pyramide, hingeben zu können, sich einen Platz in ihr zu suchen und, ja, das hätte sie früher nie für möglich gehalten, zu träumen …

Jetzt aber saß sie auf einem Stein, nahe der Pyramide – um genauer zu sein, hinter ihr. Sie hatte sich von den anderen abgesondert, wollte doch noch etwas von dieser altehrwürdigen Atmosphäre erschnuppern, während die anderen Ansichtskarten und Souvenirs erstanden. Es sollte in einer halben Stunde zurück zum Bus gehen, genügend Zeit, um den Blick schweifen zu lassen … So dachte sie und dann war plötzlich Snape vor ihr erschienen.

„Hermine?"

Sie lächelte ihn an. Ihr war klar gewesen, dass er früher oder später vor ihr stehen würde, nachdem er ihr im Swimmingpool schon so nahe gekommen war …

„Du hast dich verändert, Severus."

Er runzelte die Stirn.

„Ich darf dich doch so nennen? Severus?"

Er nickte, dann nahm er neben ihr Platz.

„Ich hoffe doch, dass ich mich zum Guten verändert habe", erwiderte er und lächelte nun seinerseits.

Sie wiegte mit dem Kopf, dann nickte sie.

„Na, dann hatte das Ganze ja vielleicht doch einen Sinn, denn da, wo ich war legt man höchsten Wert auf gutes Benehmen."

„So? Ich dachte, dass man dort vor allem das Küssen lernt …"

„Nicht unbedingt. Zum Glück", setzte er nach und sah Hermine in die Augen.

„Askaban ist auch nicht mehr das, was es mal war", erwiderte sie kopfschüttelnd.

Er zuckte nur mir den Schultern.

„Wenn du meinst?"

Es entstand eine Pause. Hermine nahm einen Schluck aus ihrer Wasserflasche.

„Darf ich auch einen Schluck haben? Ich hab meine im Bus vergessen …"

„Zauber dir doch Wasser", erwiderte sie, sah ihn ernst an, wartete sein erstauntes „Wie?" ab, dann grinste sie. „Hier, nimm."

Sie sah ihm dabei zu, wie er trank. Er nahm große Schlucke, hatte Durst. Immer wieder hüpfte sein Kehlkopf auf und ab. Dann wischte er sich den Mund mit dem Handrücken ab und reichte ihr die Flasche. Einen Moment lang zögerte sie, dann nahm auch sie noch einen Schluck. Er sah's und lächelte.

„Hermine, ich denke wirklich, dass wir reden sollten."

„So?"

Sie betrachtete ihn. Er trug seinen Schlapphut, ein weißes Hemd und eine unter Ausgräbern und Touristen sehr beliebte Dreiviertelhose, die sich vor allem durch eines auszeichnete: ihre Vielzahl an Taschen, in die man alles Mögliche und Unmögliche stopfen konnte. Und Hermine ahnte es nicht nur, nein sie wusste, dass er in einer dieser Taschen auch seinen Zauberstab verbarg. Wieder musste sie lächeln: Hatte er seiner Usch die ganze Wahrheit über sich erzählt? Und wenn ja, wie hatte sie darauf reagiert? Oder scheute er sich davor, ihr zu sagen, dass er ein Zauberer war? Denn dass Usch keine Magierin war, erkannte selbst ein Blinder mit Krückstock.

„Ja, ich finde, dass wir miteinander reden sollten … Ich möchte dir sagen, dass ich zutiefst bereue, was damals geschehen ist. Ich war dein Lehrer und hätte mich niemals so verhalten dürfen. Da du damals der gleichen Meinung wie ich warst … – nun ja, Dumbledore sagte es mir – gehe ich davon aus, dass ich dir sehr wehgetan haben muss. Das tut mir sehr Leid. Aber du sollst wissen, dass ich dafür gebüßt habe …"

„Ohne geküsst zu werden?"

Sie grinste ihn an. Er blieb ernst und schwieg.

„Aber du hattest mir nicht wehgetan", fuhr sie fort. „Und ich kann auch nicht sagen, dass mich der Sex mit dir traumatisierte. Ja, ich war deine Schülerin. Na und? Ich war im Übrigen schon damals der Ansicht, dass Sex zwischen einem Lehrer und einer Schülerin an sich nichts Verwerfliches ist. Man muss sich nur etwaiger Konsequenzen bewusst sein, wenn man es tut …"

„Aber", unterbrach er sie. „Warum hast du dann …"

Er hielt inne und betrachtete sie mit leicht verengten Augen. „Warum?", wiederholte er.

Sie zuckte mit den Schultern, schwieg.

„Hermine, weißt du, was du da eben gesagt hast?"

„Ich war verwirrt …", entgegnete sie und Snape sah sie mit leicht geöffnetem Mund an.

„Verwirrt?", stieß er dann hervor.

„Ja, nur verwirrt. Versetz dich doch mal in meine Lage: Ich war ein kleines Mädchen, hatte Sex mit einem umso viele Jahre älteren Mann, meinem Lehrer … Welches Mädchen würde das nicht verwirren? Nenn mir ein Mädchen aus meiner Altersgruppe, das nicht so reagiert hätte. Selbst Lavender oder Parvati hätten auf Dumbledores Frage mit ‚Ja' geantwortet."

Snape schnappte hörbar nach Luft.

„Hätten sie das?"

„Ja, ich denke schon", lächelte Hermine und sah Snape genau in die Augen, doch der wandte sich ab.

Wieder entstand eine Pause, in der beide ins Land blickten. Hermine nahm einen Schluck aus ihrer Flasche.

„Eines verstehe ich noch nicht …", setzte Snape wieder an. „Was sollte dein Geständnis? Auch Verwirrtheit?"

„Welches Geständnis?"

Hermine wischte sich den Mund ab. Beider Blicke trafen sich.

„Das, was du mir gabst, als … Nun ja … du weißt, dass du in mich …", fuhr Snape fort.

„Severus, was würde Usch sagen, wenn sie das jetzt hören würde?"

Sie schüttelte den Kopf und fuhr dann fort.

„Aber ich kann dich beruhigen: Das war kein Geständnis … Das war …"

Sie biss sich auf die Unterlippe. „Weißt du, im Grunde wollte ich nur, dass du aufhörst, weil es in diesem Moment doch etwas wehtat …"
Sie unterbrach sich und grinste ihn an. „Und weil ich nicht wusste, wie ich dich sonst von mir runter bekommen sollte. Ich war ja so schwach und du lagst auf mir drauf … Aber müssen wir diese alten Geschichten wirklich aufwärmen?"

Snape sah sie einen Moment lang wortlos an, dann öffnete er seinen Mund: „Mir scheint … Miss Granger … das Spiel ist noch nicht zu Ende …"

Mit diesen Worten erhob er sich und ging. Hermine blieb zurück und sah ihm nach, bis er hinter der Pyramide verschwunden war.