IX

"Ich brauche keine Verbündeten"

C:"Ich muss sagen, ich fühlte mich mit dem Soldaten auch ganz gut. Man verstand sich sofort."

M:"Kuchen von Mutti hat das Eis gebrochen." 'lacht etwas'

C:"Ja auch, aber er war neutral. Keine Vorurteile oder sonst dergleichen. Er hatte sich mit mir auf Augenhöhe unterhalten. Die anfängliche Nervosität war damit fast verflogen."

M:"Hattest du vorher noch nie die Gelegenheit gehabt, mit jemandem so zu reden?"

C:"Nein, wie denn? Im Dorf war ich bei allen ein rotes Tuch. Und wenn mal jemand Neues ins Dorf zog, was sehr selten war, wurden die schon meistens vor mir und leider auch vor meiner Mutter gewarnt. Auch sie hatte nie die Möglichkeit, irgendwem eine Bindung aufzubauen."

M:"Wie gemein. Aber okay, erzähl bitte weiter."

Die Fahrt von von Nibelheim nach Midgar zog sich fast zwei Tage. In Junon hatten wir einen Zwischenstopp eingelegt und sind in der Kaserne dort untergetaucht. Dort hatten Tarek und ich schon etwas Luft geschnuppert, wie es nachher in Midgar abgeht. Etagenbetten auf engsten Raum mit 15 Männern. Aber da die Männer die uns abholten hier nicht fest Stationiert waren und nur übergangsweise dort nächtigten, bekamen sie und auch wir ein Gästezimmer. Aber auch dies war nicht sonderlich groß. Das Zimmer war mit vier Etagenbetten ausgestattet. Also hieß es mit allen zusammen in einem Zimmer schlafen.

'Na, das kann ja was werden. Hoffentlich schnarcht keiner. Aber okay, ich werde mich daran gewöhnen müssen.'

"So Jungs, haut euch aufs Ohr. Morgen früh geht es weiter. Holt euch eine Mütze voll Schlaf, den werdet ihr auf jeden fall brauchen."

"Wenn die zwei denn schlafen können, bei deinem Geschnarche."

"Ey, wer hier wohl schnarcht."

Die zwei Soldaten neckten sich noch etwas weiter bis sie sich auf ihre Betten schmissen und die Augen schließen. Ich saß auf meinem Bett und umklammerte meinen Rucksack ganz fest und vergrub mein Gesicht darin.

"Hey Cloud, kannst du auch nicht schlafen?", fragte Tarek, der mir gegenüber genau so da saß.

Ich blickte ihn stumm an und zuckte nur mit den Schultern.

"Ich war noch nie von zu Hause weg. Irgendwie ist es ein komisches Gefühl, denn ich vermisse meine Eltern und meinen kleinen nervigen Bruder jetzt schon."

Versuchte Tarek gerade ernsthaft sich mit mir zu Unterhalten? Wieder schaute ich ihn nur stumm an.

Tarek war offensichtlich etwas angepisst, dass ich wie eh und je stumm blieb und beschwerte sich.

'Sonst hatte dich das auch nie gekümmert. Warum also willst du ausgerechnet jetzt dich mit mir unterhalten?'

"Junge, leg dich schlafen. Unterhalten könnt ihr euch morgen noch lang genug.", rügte der dunkelhaarige Tarek zurecht. Auch ich legte mich nun hin und versuchte, etwas Schlaf zu finden. Doch es blieb anfänglich nur bei einem Versuch, denn es rasten sämtliche Gedanken durch meinen Kopf.

'War es wirklich eine gute Idee zu gehen? Was wird meine Mutter nun machen ohne mich? Wird sie mich vermissen? Wird man mich überhaupt vermissen? Wird Tifa mich vermissen?'

Ich schloss meine Augen, zog meine Knie an und dachte ganz fest an sie. Mein Herz raste wie wild, als ich mich an die letzten schönen Dinge mit ihr erinnere. Das Gefühl ihrer zarten, weichen Lippen auf meinen. Ihr Geruch, wie gebackener Zucker, der sie umgab. Ich spürte, wie sich ein Lächeln auf mein Gesicht legte.

'Ob Tifa im Augenblick das gleiche fühlt, wenn sie an mich denkt? Wenn sie es überhaupt tut.'

Ein Gefühl von Glück und Zufriedenheit durchfuhr mich, als ich an sie dachte. Ein seltsames Gefühl, was ich bisher nur zu meiner Mutter kannte. Aber dennoch etwas anders. In diesem Moment musste ich mir selbst eingestehen, dass Tifa mein Herz erobert hatte. Ja, ich empfand Liebe zu ihr. Ich wünschte mir in diesem Moment nichts sehnlicher, als mit ihr Arm in Arm im Bett zu liegen. In dieser Nacht träumte ich viel von ihr.

"ALLE MANN AUFSTEHEN!", schrie einer der Soldaten und weckte die komplette Mannschaft im Zimmer nebenan. Auch wir im Gästezimmer wurden dadurch unsanft geweckt. Kerzengerade vor Schreck, saßen Tarek und ich im Bett und schauten uns an. Der dunkelhaarige Soldat, dessen Name John war, stand lachend im Zimmer. Er war schon fertig angezogen und in Aufbruchstimmung. Auch die anderen seiner Kameraden waren schon fertig.

"Kommt Jungs, wird Zeit, dass wir los kommen. Wir haben noch ein bisschen was vor uns.", sprach John zu uns und signalisierte uns aufzustehen.

"Ihr könnt zur Not im Transporter noch die Augen zu machen."

Tarek und ich sprangen aus unseren Betten und salutierten.

"Jawohl, Sir.", sagten wir beide synchron.

Alle im Raum anwesenden Männer fingen herzlich an zu lachen. Sie schienen sich alle an ihre Anfänge zurück zu erinnern.

Kaum im Transporter auf dem Weg nach Midgar, überkam mir meine Reisekrankheit. Ich war es wirklich nicht gewohnt, so zu reisen. Leider mussten wir meinetwegen öfters rasten. Doch nach einigen Stunden, als wir Midgar erreichten, fühlte ich mich vom Anblick der Großstadt komplett erschlagen.

"Boah, wahnsinn…", staunte Tarek. Auch er schien etwas überfordert.

Klar, wir beide waren Landeier und haben Nibelheim nie verlassen.

"Na Jungs, beeindruckend, oder? Das ist Midgar.", sagte Dave stolz und schaute hoch zum Hauptgebäude, das mächtig in den Himmel ragte. Dave war der blonde Kamerad von John, der den Transporter fuhr.

"Das SHINRA Hauptquartier?", fragte ich leise und schaute ebenfalls hinauf.

"Genau, gut erkannt, Kleiner."

"Mein Name ist Cloud.", zischte ich. Mir gefiel es einfach nicht "Kleiner" genannt zu werden.

Dave war überrascht auf meine Reaktion und meinte, sich etwas darüber lustig zu machen.

"Oh, hat da jemand nicht gut geschlafen?"

John war emphatischer und versuchte die Stimmung, die gerade aufkam, etwas zu schlichten. Er verstand mich einfach und erinnerte Dave daran, dass selbst die beiden es nicht mochten, so genannt zu werden.

"Stimmt, er scheint dir etwas zu ähneln. Du warst genau so. Aber er kann froh sein, dass ich es bin und es so locker sehe. Wir hatten damals richtig Gegenwind bekommen."

John wirkte kurz abwesend, da er sich vermutlich zurück erinnert. Er stimmte Dave zu und meinte, diese Zurückweisung und Konsequenzen würden wir noch früh genug erfahren. Dass es dort kein Zuckerschlecken wird, war mir durchaus bewusst. Also führten die Männer uns zum SHINRA Hauptquartier, wo vor dem Eingang schon ein großes Anreihen von Menschen meines Alters stattfand. Sowohl Mädchen als auch Jungen warteten darauf, aufgenommen zu werden.

"Meine Güte, schon wieder so viele, die sich beworben haben?"

"Klar, Rekruten können wir immer gebrauchen. Hoffentlich mal was brauchbares dabei."

John und Dave unterhielten sich noch eine ganze Zeit lang darüber, und sind immer wieder erstaunt, wie viele junge Menschen sich hier wieder gesammelt haben.

"Schauen wir mal, wie gut sich die Neuzugänge anpassen und durchhalten können.", sagte John und schaute mich dabei über seine Schulter an. Ganz klar hatte er mich mit dem Anpassen gemeint.

'Hm, doch nicht so neutral wie ich dachte. Oder hatte Tarek gequatscht? Egal. Ich brauche keinen Verbündeten. Ich habe es bisher immer allein geschafft.'

Ich presste meinen Rucksack fest an mich, in der Hoffnung, an ihm halt zu finden. Ein Gefühl von Unruhe keimte in mir auf, denn ich war es nicht gewohnt, so viele Menschen um mich herum zu haben.

"Von wo die wohl alle herkommen?", fragte ich leise eher zu mir selbst, als ob ich eine Antwort erwartet hätte.

"Von überall, Blondie"

Ich schreckte vor der Stimme, die mir dann doch eine Antwort gab. Neben mir stand ein rotblonder, schlaksiger Junger Mann, etwa in meinem Alter, der meine Frage wohl wahrgenommen hatte. Überrascht schaute ich ihn an und nahm um mich herum einen kurzen Moment nicht wahr.

'Hat der mich grad Blondie genannt? Was war sein Problem?'

Als mir dies noch einmal klar wurde, schenkte ich ihm nur einen abwertenden finsteren Blick.

"Pass auf Blondie, du bist dran.", sagte er und deutete auf den nun vor mir freien Tresen der Anmeldung.

'Noch einmal und es knallt, Karotte!'

Plötzlich wurde ich von hinten leicht geschubst, sodass ich fast über den Tresen stolperte.

"Nun mach schon, oder doch Angst, Baby?", pöbelte die Person, die mich schubste, hinter mir. Auch dieser Person würdigte ich nur einen finsteren Blick.

'Sag mal, gehts noch? Was für ein Problem haben die alle hier?'

Lautes Gelächter ertönte, während ich schockiert in das Gesicht der jungen Dame hinter dem Tresen schaute und mich bei ihr entschuldigte. Durch das Anrempeln des Bastards hinter mir hatte ich ihre Tasse Kaffee quer über ihre helle Bluse verschüttet. Ihr war es sichtlich unangenehm, denn sie schenkte dadurch allen jungen Männern ringsherum einen netten Anblick.

Wieder blickte ich finster über meine Schulter den Bastard an.

'Arschloch, sieh dir an, was du der jungen Frau damit antust!'

Wieder widmete ich mich der Dame zu, die sich zwischenzeitlich kurz trocken wischte und sich ein Halstuch umlegte.

"Tut mir echt leid…"

"Schon gut. Ist nicht das erste mal.", sagte sie und lächelte freundlich.

Sie gab mir ein Klemmbrett mit Unterlagen, die ich ausfüllen musste. Es war ein einfacher Personalbogen.

NAME: Strife

VORNAME: Cloud

GEBURTSDATUM: 11.08.86

HERKUNFT: Nibelheim

BLUTGRUPPE: AB

Und so weiter und so fort. Ich füllte alles soweit ich wusste aus, setzte mein Kürzel darunter und gab es der Dame zurück.

"Vielen Dank, äh… Cloud Strife. Und schön das du den Weg zu uns gefunden hast. Dann darfst du nun mit diesen Papieren hier weiter ins nächste Stockwerk, und dich im Labor zur Musterung anmelden."

Sie lächelte leicht verlegen freundlich. Ich nahm die Papiere entgegen, nickte ihr mit einem leichten Lächeln zu und folgte ihrer Anweisung.