Erst als sie wieder in der Luft waren realisierte Ivren wie weit fort der Lethrblaka sie gelockt hatte. Neben ihnen erstreckte sich die sturmgraue See der Westküste, glitzernd im Sonnenlicht und befahren von hunderten Fischern und Händlern, selbst die größten Schiffe kaum sichtbare Flecken auf dem Wasser. Er könnte genauso gut zuhause, über dem Ostmeer, sein.

Soweit oben konnte sie ihre geistigen Schutzmauern endlich lockern. Galbatorix würde wohl kaum seine Magier hierher senden, wenn Eragon und Saphira eigentlich in Surda gehörten. Sie sollten zurückkehren, doch Ivren blieb still. Dieser Kampf war persönlich gewesen. Brom, Oromis' anderer Schüler, Eragon's Lehrer. Tot für nichtmal ein halbes Jahr. Ivren kannte dieses Gefühl, diesen Schmerz nicht, wollte es nicht kennen. Aurora war das Gestein aus dem seine Geschichte gemeißelt war, seine Moral und seine Mentorin.

"Sollen wir die Nacht abwarten?"

Ivren schreckte aus seinen Gedanken hervor. Er blickte zur Sonne. Es lag noch viel Tageslicht vor ihnen. Die Berge würden ein gutes Versteck abgeben, aber jede Stunde zählte. Nasuada erwartete Eragon, Nainar erwartete Ivren.

"Besser nicht. Je schneller du zu den Varden zurückkehrst, desto besser." Ohne Eragon, ohne einen Drachenreiter waren sie dem Imperium schutzlos ausgeliefert. Dazu wollte Ivren keine Nacht in einer kalten Höhle, mit harten Stein unter ihm, verbringen.

Saphira schlug kräftig mit den Flügeln und glitt zwischen den Wolken hindurch. Feuchtigkeit schlug auf ihren Schuppen nieder, funkelnd wie Juwelen im Sonnenschein. Weiter fort vom Meer wurde es wärmer und der Wind biss nicht mehr in sein Fleisch, doch mussten sie höher steigen als die Wolken sich in Dunst auflösten. Sie folgten dem Flusslauf des Jiet-Stroms hinab zu Surda.

Über dem Waldstück stürzte Saphira im Sturzflug hinab. Hoffentlich sah sie niemand. Sie setzte am Waldrank auf, Erde und Gras zerbarst unter ihren Krallen. Ivren sprang ab.

"Nun dann verlass ich euch wohl jetzt. Ihr musst zurück. Bis sich unsere Wege wieder kreuzten."

"Ich werde Nasuada von deinen Taten erzählen," versprach Eragon, "und wenn ihr bereit seit – ihr wisst wo ihr uns findet."

Ivren lächelte. "Ja." Er wandte sich zu Saphira. "Mögen die Winde dir stets wohlwollend sein, gramr."

Sie knurrte wohlwollend, laut und in seinem Geist. "Und deine Schwerter-Klauen-Zähne immer scharf bleiben."

"Mögen die Sterne dich immer leiten und der Sturm sich nie gegen dich wenden."

"Atra esterní ono thelduin," erwiderte Eragon. Er starrte Ivren noch einen Moment lang an. Saphira gähnte und schwang ihren Schwanz unruhig. "Ich werde hungrig."

Eragon lachte. "Bis bald, Ivren. Dann los!"

Bis sie von den Wolken geschluckt wurden schaute Ivren ihnen hinterher, dann wandte er sich um und verschwand im Wald. Tropfen fielen auf seinen Kopf, unter seinen Füßen nasses Moos. Zwischen Brombeere und Eiche erblickte er den Bachlauf, nun angeschwollen mit Regen. Ivren lief am Ufer entlang bis der Bach eine scharfe Wende nahm und auch schon sah er den großen Schatten über die Sträucher ragen. Er strich zärtlich gegen Nainar's Geist, immer noch umhüllt von Schmerz.

Ebenso sanft antwortete sein Freund ihm. Ivren kletterte die Anhöhe hoch und lies sich neben den Drachen rückwärts ins Gras fallen. Ein Wirrwarr von Bildern und Gefühlen umfing ihn. Ivren schloss die Augen.

"Ein bisschen langsamer, mein Lieber."

Der Druck in seinen Kopf lies nach.

"Die Jagd war erfolgreich." Ivren sandte Nainar den Geschmack von Blut-und-Schmerz, Feuer-Eisen-Licht und ein Bild von dem toten Ra'zac. Fremde Genugtuung und Blutgier erfüllte ihn. Die Erde zitterte, warmer Atem strich über seine Haut und er spürte die Wärme des Drachens als er sich um ihn herum wandte. Ivren öffnete seine Augen, streichelte unversehrte Schuppen und gab sich dem Schlaf hin.

Die Gruppe, die ihn gefangen hielt, war klein. Die drei Menschen waren leicht zu unterscheiden, der Vernarbte, die Heilerin und ihr Anführer. Am Anfang hatten sie noch versucht ihn zu überzeugen, so viele Versprechen und Angebote. Keines davon hatte er überhaupt erst ernst genommen. Warum auch? Nur ein bindender Schwur konnte ihn retten.

Ivren wusste nicht wie viele Tage vergangen waren, seitdem sie von Verführung zu Folter wechselten. Kein Körperteil war unversehrt. Seine Zunge war geschwollen seitdem er sie gebissen hatte, der Geschmack von Blut immer noch in seinem Mund. Er konnte nur noch auf dem Bauch schlafen, die Wunden auf seinen Rücken noch zu frisch. Immer frisch. Langsam wich die Verzweiflung der Apathie.

Die meiste Zeit verbrachte er mit der Heilerin, wenn sie seine Wunden versorgte und mit sanften Worten auf ihn einredete. Sie tat ihm nie weh - und doch hasste er sie am meisten, denn sie behandelte ihn als wären seine Verletzungen von einer Schlacht und nicht von ihren Gefährten. Ein verzehrtes Spiegelbild von Aurora. Als würde er nicht wissen das sie Teil dieser Bande war!

Seine Verhörer waren die Wesen und der vernarbte Mensch, ein verdammter Magier! Wie sie es überhaupt geschafft hatten gleich zwei Angehörige ihrer seltenen Kunst zu finden wusste er nicht. Dazu waren die zwei auch noch erstaunlich stark, wenn auch mangelnd an Wissen. Es war ja nicht so als wurde man Magier in jeden Dorf finden. Die Städte und Burgen, Reichtum und Ruhm, das lockte Magier und ihre Schüler an.

Trotz allem war Ivren stärker. Sie versuchten seinen Geist mit Schmerz und Krankheit zu schwächen, doch seine Mauern waren alt und stark. Es war die erste Lektion die er gemeistert hatte. Niemals wieder würde jemand unerlaubt seine Gedanken kennen. Niemals.

Die Fragen hörten nie auf. Manche davon hätte er beantworten können, über die Alte Sprache, über Magie, Drachen und Reiter. Manche hätte er sogar beantwortet, wenn sie jemand anderes gestellt hätte. Manche Fragen verstand er nicht, über Magiergilden und Verträge mit Stadtherren. Manche Fragen, da fürchtete er sich. Was für Geheimnisse suchten sie? Was planten sie? Schatten und verbotene Magie, schlimmer noch als Rauthren.

Ivren wehrte sich nichtmehr als sie ihn aus der Zelle schleppten. Wie so oft war eins der Wesen dabei, welches wusste er nicht. Wenn er sie nicht einmal zusammen gesehen hätte, würde er immer noch denken es gäb nur eins. Die Steinplatte zu der sie ihn brachten war genauso vertraut wie der Schmerz. Ihr Anführer, in dem gleichen eleganten schwarz-goldenen Gewand wie jedesmal, wartete bereits. Unruhe kam in ihm auf. Erneut würden sie versuchen seinen Geist zu durchbrechen. Der Anführer war genauso stark wie der Vernarbte, aber weitaus charismatischer. Hätte er einfach versucht sein Vertrauen zu gewinnen anstelle ihn zu entführen – egal, er hatte es nicht.

Die Abläufe waren ihm schon vertraut. Sie banden ihn fest und versuchten erneut ihn zum aufgeben zu überreden, bevor sie ihn liegen lassen und sich auf die Folter konzentrierten. Niemand wollte das er aus versehen starb.

Doch heute, heute änderten sie den Rhythmus. Ivren beobachtete wie das Vernarbte ein gusseisernes Gefäß herbeitrug.

„Seid ihr sicher das dies nötig ist?" sprach der Anführer, sein Ton gespielt besorgt.

„Er ist zu hartnäckig."

„Wenn ihr meint. Doch ich fürchte hiervon wird es kein zurück geben. Wenn wir nur hätten was wir bräuchten . ." Er seufzte. „Ihr lasst uns keine Wahl."

Wenn sie nur still wären! Antworten lohnte sich nicht. Sie würden nur denken sie hätten plötzlich Fortschritte gemacht. Ivren könnte lachen. Keine Wahl! Oh, sie würden Aurora eines Tages treffen und damit auch Steorra und hoffentlich einen schönen schmerzhaften feurigen Tod sterben. Das Wesen nahm den Topf entgegen und öffnete ihn. Es roch sauer. Die beiden Menschen verschwanden aus seinen Sichtfeld. Ein Messer wurde in den Topf getaucht.

„Letzte Chance." sprach der Anführer hinter Ivren's Kopf.

Zuerst fühlte er die Kälte der Klinge, dann den Schnitt. Schmerz fraß sich durch Fleisch und Geist, bis er nichts anderes mehr fühlen konnte. Er wusste nicht wie lange er so dalag, sein Geist schwächer mit jeder Sekunde, nichts außer Schmerz und erlösende Dunkelheit, nichts bis Donnergrollen und Drachengebrüll ihn zurück ins Bewusstsein brachten.

Ivren schreckte aus dem Schlaf auf. Neben ihm bewegte sich Nainar's Flanke. Der Drache blinzelte ihn an, bevor er den Kopf wieder fallen lies und erneut in Träumen versankt. Noch lag sanfter Morgennebel über dem Wald, die ersten Vogelstimmen erhoben sich erst im Gesang und zart rote Wolken bedeckten den Himmel. Er stand auf. Wenn er jetzt weiterschlief würden die Albträume, die Erinnerungen nur erneut ihn heimsuchen.

Acht Tage lang sprach er Zaubersprüche über die Wunden seines Bruders und jagte Beute für sie beide, übertrug Energie in all seine Edelsteine und entwarf neue Zauber, übte den Schwertkampf und durchzog den Wald bis er selbst die tiefsten Schatten kannte. Schafsgarbe, Günsel und Scharbockskraut sammelte und trocknete er, folgte dem Bach bis er zum Teich wurde und fang sich ein paar Fische. Doch dann trieb es Ivren fort.

Als er aufbrach stand die Sonne bereits hoch am klaren Himmel. Hoffentlich waren Eragon und Saphira heute nicht unterwegs. Zwischen grünen Feldern floss ein Bach, erfüllt von Sommerblumen und Gerstentrieben, bis hin zu einer einsamen Holzbrücke. An dem Ufer lag ein Städtchen, ein traumhafter Ort, trotz des Krieges. Wahrhaftig eine Schande das es im Imperium lag.

Ivren wanderte entlang des Ufers durch einen Trampelpfand. Er bestaunte das hohe Schilfgrass und die gelbe Schwertblumen, beflogen von schwirrenden Insekten. Eine neugierige Libelle flog ihm um den Kopf. Sie war klein und rot, im Gegensatz zu den handgroßen schillernden Exemplaren die er von zuhause kannte. Ivren hielt inne. Die Libelle flog noch einmal um ihn herum und verschwand dann im Schatten der Brücke. Ein Fisch schnappte nach einer Mücke. Der glänzende Körper hob sich fast ganz aus dem Wasser und fiel mit einem lauten Platschen wieder hinein. Ivren wandte sich ab. Er wollte nicht den ganzen Tag am Wasser vertrödeln, so gerne er es auch hatte. Noch ein letztes Mal blickte er in den Bach und kontrollierte das seine Haare seinen Ohren auch ganz bedeckten. Die Opalkette hatte er unter sein Hemd gesteckt und die Ohrringe ausgezogen.

Die Brücke knarzte unter seinen Füßen, zu klein um zu einer bedeutenden Straße zu gehören. Trotzdem durchzogen Wagenspuren den Boden. Die Geister der Menschen um ihn flüsterten mit Misstrauen, Unruhe und ein Hauch von Angst.

Doch for den Moment war er einer von ihnen. Ein Markplatz lag in der Mitte, gepflastert aber mit geringer Auswahl im Vergleich zu den Küsten seiner Heimat.

„Ihr seid nicht von hier." sprach eine Frau. Ihre Haaren waren grau, aber wie alt sie war konnte er nicht sagen. Er schluckte.

„Ja. Ich besuche meine Schwester, wisst ihr? Vater stimmte ihre Ehe nicht zu, aber jetzt da sie ihr drittes Kind bekommt -"

Die Frau nickte. „Die Jugend."

Plötzlich erhoben sich Stimmen. Ivren zuckte. Eine Menschenmasse versammelte sich am anderen Ende des Platzes, eine Masse die genauso schnell verschwand wie sie aufgetaucht war. Händler ließen ihrer Stände unbemannt stehen. Mütter schnappten ihre Kinder und verschwanden in Häuser, Männer griffen zu alten Schwertern oder Heugabeln. Leuchtend rotes Haar erhob sich über all andere Menschen als ein hochgewachsener Mann auf den Platz trat, vor dem ein jeder zurücktrat. Was sie fort trieb war mehr als einfache Angst. Ivren konnte den Geist der Gestalt nicht fühlen.

Die Frau berührte seinen Arm. „Misch dich da nicht ein, Junge. Es endet nie gut."

Und dann flüchtete auch sie.

Ivren blieb stehen, eine Hand bereits am Schwert. Er musste den Geist nicht berühren um zu wissen wer da vor ihm stand, was da vor ihm stand. Der Schatten schritt zuwards ihm, bewusst langsam. Eine Herausforderung. Flucht oder Kampf.

Vielleicht hätte er die Chance nutzen sollen. Doch Ivren wartete und starrte dem Schatten still entgegen, denn er kannte sein Gesicht.

„Welch Überraschung." Rauthren neigte seinen Kopf zur Seite. Kaum eine Armlänge von ihm entfernt blieb er stehen und flüsterte einen Zauberspruch, gerade laut genug für seine Ohren, und niemand um sie herum konnte ihnen zuhören.

„Welch Überraschung," erwiderte Ivren, „dich hier anzutreffen. Ich dachte du währst auf einen ganz anderen Kontinent."

Rauthren hatte unmöglich einen Drachen überzeugt ihn zu fliegen. Sein temporärer Tod könnte ihn wohl kaum nach Alagaesia bringen. Magie? Konnten Schatten sich doch ihn Raben verwandeln?

„Ich bin ein Meister vieler Künste."

„Unter anderem ein Lehrmeister."

Der Schatten lachte. „Nur für dich. Nach welch dunkler Magie sehnst du dich dieses mal? Welch Beute treibt dich unter Sterbliche, so ganz ohne deinen Bruder?"

„Keine Beute. Ich kam erst von der Jagd zurück. Was bringt dich hierher?" Eine klare Antwort würde er nie bekommen, aber jeder Hinweis war Gold wert.

„Kann ich keinen alten Freund besuchen?" Auf einmal war der Schatten hautnah. „Wir sind doch Freunde, Ivren?"

„Immer." Er wiederholte das uralte Versprechen und würde es noch eintausendmal sagen.

„Bist du sicher? Ich habe von einen Jungen gehört, einem Jungen wie deine geliebte Mutter, und ein Kopfgeld das jeden verlockt."

„Selbst dich?" Die Idee war genauso verängstigend wie unmöglich.

„Was würde er nicht geben für seinen Drachenreiter? Er hat seinen letzten Schatten getötet. Pläne durchkreuzt. Gleich zwei auf einmal, wär das nicht etwas?"

„Du weißt was er tun würde. Er würde sie versklaven, ihre Geister verwüsten und ihre Wahren Namen stehlen."

Jeder andere wäre schon längst vor Lachen zusammengebrochen, an dem Versuch an das Gewissen eines Schatten zu appellieren, doch Ivren kannte Rauthren genauso gut wie seine Narben. Vor einem Jahrhundert waren sie gemeinsam gefangen und gemeinsam entkommen. Auch wenn Ivren damals viel zu jung war um zu helfen. Damals war der Schatten zugleich einen Tag, vierzehn Jahre und eine Ewigkeit alt, tödlicher als Ivren es je sein könnte und trotzdem erstaunlich verletzlich.

Ivren hatte den Moment seiner Entstehung miterlebt, hörte die Schreie seines Zellengefährten und dann die Schreie der Magier als der Schatten sie auseinander riss. Nur einen Geist hatten sie gebunden doch es war genug um sie alle zu töten. Oder so dachten sie, für lange lange Zeit.

Vielleicht war er ein Narr, einem Schatten zu vertrauen. Vielleicht aber auch nicht. Als Kind fiel es ihm leichter. Wie konnte sein Retter nicht sein Held sein?

„Und Galbatorix wenn er mit ihnen fertig ist, mit Alagaesia fertig ist, dann würde er nach dem Rest der Welt greifen."

Rauthren atmete tief ein und trat zurück. „Deinen Jungen werde ich verschonen."
„Sein Name ist Eragon."

„Ich weiß."

Ivren seufzte. „Danke, Rauthren."

„Aber den Rest -" der Schatten lachte „Du wirst nicht um alle betteln können."

„Natürlich. Aber ich bin sicher ein Drache wird dich überzeugen können ja? Die haben hier auch welche."

Rauthren knurrte: „Halte deinen übergroßen Feuerspeier von mir fern! - Ich werde dieses Land nicht in Blut tränken, aber die Magier," er lächelte, "werden Angst kennen lernen."

Und mit diesen letzten Worten drehte er sich um und verschwand zwischen den Häuser. Für einen Moment starrte Ivren ihm hinterher, nicht sicher was er fühlte, dann zwang er sich wegzuschauen und verschwand ebenfalls. Besser fort, bevor die Dörfler auf Ideen kamen. Besser fort, bevor er auf Ideen kam. Hoffentlich blieb Rauthren fern von den Varden. Hoffentlich blieb er fern von Oromis. Er wollte nicht sein Versprechen brechen.