Kapitel 30 - …deswegen lebst du ewig.

„Du wolltest es nicht anders!"

BANG! BANG! BANG!

„Was…?"

Wiiiiieeee…

Hive starrte verwirrt auf das, was sich vor ihm abspielte. Auf der anderen Seite der Tür befand sich niemand. Stattdessen gingen die Treppen weiter, tiefer und tiefer hinunter.

„Nein, das… wie kann das sein?"

Normalerweise sollten die Treppen hier enden…

Sie befanden sich doch im dritten Untergeschoss, oder etwa nicht?

„War das der Junge?", murmelte er.

„Hive, steig ein, beeil dich!", rief Vermillion hinter ihm, die schon am Steuersitz ihres rot-braunen Wagens saß.

Hive trat vor und schaute die Treppen hoch. Ist der Junge abgehauen, oder versteckte er sich nur? Und warum gehen die Treppen weiter nach unten?

(„Jedenfalls haben wir keine Zeit und können hier länger nicht bleiben. Irgendjemand ist uns noch auf den Fersen.")

Das sagte Vermillion, bevor sie Kontakt mit dem Jungen gemacht hatten und sie wusste noch nichts von ihm.

Heißt also, dass der Junge nicht allein war…

Hive dachte nach.

Wenn das stimmt, dann müsste es jemand vom Weißen Lotus gewesen sein. Doch wer? Wer von ihnen hatte das Zeug dazu, so etwas zu vollbringen?

„Hive?!", rief Vermillion von hinten.

Gab es einen Verräter unter ihnen, von dem sie nichts wussten?

„Hive!"

„Ich kann grad nicht!"

„Die Schlüssel! Sie sind weg!"

„Was?"

„Sie sind weg!"

„Verarsch mich nicht und zünde den Motor!"

„Aber ich sag die Wahrheit!"

„Das kann doch nicht wahr sein!", sagte er genervt und verließ das Treppenhaus, indem er die Tür hinter sich schloss.

Ayumi schnappte auf. Sie hatte es nicht gewagt, auch nur zu atmen. Sie starrte auf ihre Hand. Conan's Kopf lag immer noch auf ihrer Schulter.

Was war das für eine Kraft? Irgendwie stand der Mann direkt vor ihnen und hat sie nicht gesehen…

So, als wären sie unsichtbar geworden…

Das weiße Nichts um sie herum verschwand und die Realität kehrte ein. Trotzdem piepste es immer noch im Ohr. Sie blickte hinter sich und sah Schusslöcher in der Wand. Anscheinend hat der Mann auf sie mehrmals geschossen. Wie konnte sie denn das überleben?

Plötzlich stach der Schmerz in ihrem Rücken ein. Einer der Kugeln hatte ihren Rücken gestreift. Ayumi stöhnte vor Schmerzen und tastete die Streifstelle ab. Sie blutete auch.

Mit aller Mühe versuchte sie aufzustehen und Conan auf ihre Schulter zu nehmen, als sie plötzlich Schritte von oben vernahm, die ihr immer näher kamen. Kommt hier jemand runter?

„Hallo? Ist hier jemand?", fragte die Person über ihnen und Ayumi erkannte die Stimme.

Ein Schuh zeigte sich auf den Treppen über ihr und hervor kam Takagi.

„Na sowas? Du blutest ja.", sagte er und eilte zu ihnen.

„Und der Junge auch…", fügte er besorgt hinzu, nachdem er mit der Hand über Conan's blutige Stirn strich.

Der Junge? Ayumi blickte verwundert in sein freundliches Gesicht.

„Ist etwas?", fragte er.

„Na-Nein, ich…"

„Na komm, steh auf. Deine Freunde warten oben auf euch.", sagte er und gab ihr seine Hand.

„Wie haben Sie uns gefunden?", fragte Ayumi und ließ sich von ihm hochhelfen.

„Ich bin mit euren Freunden zusammengestoßen und das Mädchen hat mir Bescheid gesagt. Danach bin ich so schnell wie möglich hierher gerannt."

Ai hat ihm gesagt, wo sie sich befand?

„Ich sehe, den Einschusslöchern nach hat man auf euch geschossen, hm? Hat einer der Schüsse euch getroffen? Tut es stark weh?"

„Ein wenig, ja…", sagte Ayumi und versuchte von alleine weiter zu gehen.

„Bist du dir sicher, dass ihr beide es auch alleine nach oben schafft?"

„Ich denke schon."

„Na gut, aber passt auf euch auf, ja?", sagte er und ließ Ayumi los, damit sie weiter gehen konnte.

„Und was ist mit Ihnen, Herr Takagi?"

„Ich habe mit dem Typen eine Rechnung offen. Ich kann ihn doch nicht einfach so laufen lassen, nachdem er euch beide angeschossen hat, richtig?"

Sie nickte.

„Ich danke Ihnen."

„Keine Ursache.", sagte er und lächelte.

Ayumi schaute ihm nach, als er die Tür öffnete und das Treppenhaus verließ und machte sich gemeinsam mit Conan auf ihrer Schulter auf den Weg nach oben.

—-

„Was heißt hier, du hast sie nicht?", fragte Hive, während die beiden im Auto saßen.

„Sie waren plötzlich weg, ich weiß nicht wie sie verschwunden sind, aber sie waren plötzlich weg!", erklärte Vermillion, die auf dem Steuersitz saß und immer noch fast wie fanatisch in ihrer Handtasche herumkramte.

„Sind sie dir nicht einfach beim Shoppen runtergefallen?"

„Nein, ich hatte sie noch in der Tasche, als wir den Aufzug gefahren sind."

„Hä?"

Tok! Tok! Tok!

Jemand klopfte an ihrer Türscheibe.

„Scheiße, was noch…", maulte Hive und zog mit einem Hebel das Fenster des Beifahrersitzes runter.

„Ja? Ist was?", murmelte er.

„Guten Abend, mein Name ist Wataru Takagi von der Tokioter Kriminalpolizei. Ich wollte Ihnen einige Fragen zum Mordfall stellen.", sagte der Polizist.

„Hören Sie, ich habe momentan keine Zeit für solche Gespräche.", erwiderte Hive genervt.

„Das verstehe ich, jedoch bin ich trotzdem verpflichtet, Ihnen diese Fragen zu stellen, um bei der darauf folgenden Untersuchung eine höhere Erfolgsquote zu erzielen."

„Geht mir am Arsch vorbei, wir müssen jetzt los."

Hive rollte das Glas am Fenster nach oben, doch der Polizist hielt seine Hand zwischen dem Glas und der Fensterrahmendecke.

„Sie müssen verstehen, dass, obwohl ich Ihre wertvolle Zeit sehr gewiss schätze, es dennoch Teil meiner Arbeit ist. Bitte, es sind doch nur ein paar Minuten."

Das Fensterglas quetschte langsam seine Finger ein.

„Lass seine Finger in Ruhe!", rief Vermillion und hielt ihn an der Schulter, doch Hive schüttelte ihre Hand ab und machte weiter.

„Es macht uns beiden nur noch schwieriger, unserer Tat nachzugehen. Deswegen bitte ich Sie, mit mir zu kooperieren."

„Verschwinden Sie!", rief Hive und drückte stärker auf den Hebel.

„Wenn Sie mir die Finger jetzt einquetschen und von der Blutzufuhr abtrennen, werde ich dies als Körperverletzung eines Beamten werten. Glauben Sie mir, das wollen weder Sie noch ich."

„Es tut mir wirklich leid für meinen Kollegen! Er hat in letzter Zeit zu viel getrunken.", erklärte Vermillion und versuchte, Hive davon abzubringen, den Hebel weiter runter zu drücken.

„Halt deine Fresse und starte den gottverdammten Wagen!", rief dieser ihr zu.

„Du erteilst mir keine Befehle, hast du verstanden?", rief sie zurück und suchte weiterhin nach den Schlüsseln.

„Starte! Den! Wagen!"

„Hah, wie das denn? So ganz ohne Schlüssel…"

Plötzlich gab der Hebel mit einem Ruck nach und Hive landete mit der Nase auf dem Armaturenbrett.

„Ngggh…"

Moment, was?

Hive starrte verwundert auf das Fenster, nur um festzustellen, dass die Finger auf dem Fenster nicht mehr da waren. Genau wie der Polizist selbst…

Es wurde leise um sie herum.

„Wo ist er hin?", fragte Hive, als er langsam merkte, was passiert war und blickte aus dem Fenster hinaus.

„Hive, warst du das, der die Schlüssel soeben erwähnt hatte?", fragte Vermillion mit Anspannung in ihren Augen.

„Nein."

„Dann heißt es, dass…"

Weiter kam sie nicht, weil Vermillion plötzlich in die Mündung einer Pistole blickte, die auf der anderen Seite des Fensters auf sie gerichtet war.

„HIVE, RUNTER!"

DADADADADADA!

Das Glas zersprang in Sekundenbruchteilen in Stücke und flog samt Kugeln durch den ganzen Wagen. Nach einigen Sekunden hörten die Schüsse auf und es wurde wieder still.

„Hive?"

Vermillion hob den Kopf.

„Hive…"

Er lag vor ihr auf dem Beifahrersitz, mit einem massiven Einschussloch in seinem Kopf. Ein Volltreffer. Blut spritzte aus der Schusswunde und sickerte sein Gesicht runter. Neben ihm befanden sich weitere Schusslöcher, die seinen Körper knapp verfehlt hatten.

—-

In der Nähe des Beika Hafens, 17 Stunden zuvor…

Chhrrr…

„Hive…"

Chhrrr…

„Hive!"

Chhrrr…

„HIVE, WACH AUF, VERDAMMT!"

„Chr… huh?"

„Wie kannst du bei so einer wichtigen Mission nur einpennen?"

Die Uhr auf dem Display am Armaturenbrett zeigte 00:27 Uhr Mitternacht. Das Auto parkte nicht unweit vom Hafen, wo der Frachter mit der Ware ankommen sollte.

Vermillion schaltete die Lampen im Inneren des Wagens ein, damit Hive, der eben seelenruhig vor sich hin geschnarcht hatte, endlich mal aufwachte.

„Nnngghh…"

Er zwängte die Augen zusammen und hielt die Hand vor ihnen, bevor er etwas murmelte und sich auf die andere Seite drehte.

„Nicht dein Ernst.", sagte sie und zog gewaltsam an seiner Schulter.

Eine Weile später schaffte sie es doch noch, ihn zu wecken und Hive gähnte daraufhin. Das Licht und der Motor des Wagens waren ausgeschaltet und sie parkten vor einigen Containern in sicherer Entfernung vor dem Hafen.

„In ungefähr einer halben Stunde beginnt die Operation. Du weißt, was zu tun ist, richtig?", fragte sie.

„Keine Ahnung.", nuschelte er und streckte sich.

„Wie kann das sein? Wir sind doch den Plan mehrmals durchgegangen."

„Ich vergess eh Dinge, die vor 'n paar Tagen gesagt wurden, also macht das sowieso keinen Unterschied."

„Wir haben den Auftrag seit heute Morgen, also red keinen Stuss. Ich erklär's dir zum letzten Mal…"

Sie holte einen Schreibblock aus ihrer Tasche, auf dem der Hafen eingekritzelt war.

„Das hier ist der Hafen und unsere Aufgabe ist es, die Ware zu sichern, bevor die Familie Hondo es in die Finger bekommt."

„Wer sind die Hindu's nochmal?"

„Hondo!"

„Die Hondos, egal…"

Vermillion seufzte schwer.

„Wie Nerve heute morgen schon erwähnte, ist die Hondo Familie eine Organisation, die Teil der in Japan vielseitig verbreiteten Yakuza-Clans sind. Viele von ihnen sind zwar freiwillige Arbeiter, aber nicht alle von ihnen passen sich den Gesetzen an. Unter ihnen befinden sich einige massive Verbrechersyndikate, in welchen Kreisen sich auch die Hondo Familie befindet."

„Aha…", sagte Hive und gähnte.

„Von allen Verbrecherbanden sind sie den Berichten zufolge am Gefährlichsten. Man könnte sogar meinen, sie sind sowas wie moderne Piraten."

„Gefährlich?"

„Nun, gefährlich in dem Sinne, dass sie überall verteilt sind. Die Hondo Organisation arbeitet wie wir und zwar verdeckt und untergetaucht. Wirklich jeder von ihnen könnte unser Gegner sein und sei es irgendeine nette Großmutter von nebenan."

„Also fast wie ein Kult, oder?"

„Ein Kult? Gut möglich, mehr kann ich dazu leider nicht sagen…"

„Na schön, dann bringen wir uns schon mal auf Position.", sagte er und wollte schon aussteigen, doch Vermillion hielt ihn zurück.

„Du bleibst schön hier, du weißt ja gar nicht, wo du hin musst."

„Doch, zum Hafen, wo sonst."

„Nein, du Vollidiot, ich rede hier von unserem Plan!"

Hive wandte sich um und warf ihr einen fragwürdigen Blick zu.

„Oh bitte, spar dir das. Wir gehen da rein, killen die Bastarde, sichern die Ware und gehen wieder raus. Ganz einfach…"

„Oh ja, natürlich. Wir zu zweit gegen 20 von denen. Super Idee. Am besten lass ich mich selber abknallen, damit es einfacher ist."

„Ich hätte kein Problem damit, nein."

„Hah, dann will ich sehen, wie du wie ein durchlöchertes Stück Käse zurückkommst."

„Da stimme ich dir zu, wäre schon witzig."

„Sag mal, hast du überhaupt eine Ahnung, was Sarkasmus ist?", fragte Vermillion wütend.

„Warum das jetzt?"

„Warum? 'Warum' fragst du?! Ich habe den Plan gemacht, damit wir beide hier lebend rauskommen, verdammt! Und wenn du nicht elendig verrecken willst, rate ich dir lieber dich an den Plan zu halten."

„Und wie ist es mit mir? Immer habe ich mich an deinen Plänen gehalten und mir hast du nie zugehört!"

„Hör mal, das hier ist wichtiger als alles andere."

„Das ist aber kein Unterschied zu den Aufträgen, die wir damals ausgeführt haben! Lüg mich nicht an."

Vermillion schwieg und warf ihm stattdessen einen beurteilenden Blick zu.

—-

00:53 Uhr

Beika Hafen

—-

„Siehst du die Wagen?", fragte Vermillion.

Hive nickte.

Beide befanden sich auf dem Dach eines Warenhauses und blickten durch Ferngläser auf das, was sich in diesem Moment abspielte. Der Frachter war im Hafen angekommen und bereit.

Drei Schwarze Wagen erreichten den Hafen von der Seite und hielten vor einem der Container an.

Mehrere Männer mit Schwarzen Brillen und Schutzwesten stiegen aus. Sie waren bewaffnet mit Langschwerten und Scharfschützengewehre, aber auch mit einfachen Handpistolen. Einige trugen Granaten um sich.

„Sie wissen, dass wir hier sind. Sonst würden sie sich nicht bis auf die Zähne bewaffnen.", erkannte Vermillion.

„Flammenwerfer…", murmelte Hive.

Einer von ihnen nahm einen Flammenwerfer aus dem Wagen.

„Ich zähle bislang 13 Personen. Nein, 14. 15, 16, 17, 18…", sagte Vermillion, während sie die Leute, die momentan aus den drei Wagen stiegen.

„Es sind 24.", erkannte Hive.

„Was? Wie kommst du plötzlich auf 24?"

Hive zeigte mit dem Finger in weiter Entfernung im Dunkeln auf etwas Aufblitzendes.

„Da hinten, siehst du? Die haben etwas weiter weg noch einen Wagen versteckt."

„Du hast Recht…", erkannte sie und warf einen genaueren Blick mit dem Fernglas.

„Wahrscheinlich wollten sie uns überraschen und Verstärkung rufen, wenn's ernst wird."

„Shit, was machen wir jetzt…?"

„Kein Problem für uns."

„Dein Ernst? Die bringen uns um, bevor auch nur einer von ihnen tot ist."

„Du weißt doch, was der alte Cheng gesagt hat. Hab Vertrauen in mich.", versicherte er.

Vermillion seufzte.

„Du bist echt ein nerviges Häufchen Arbeit."

—-

01:02 Uhr

Beika Hafen

—-

„Shin.", sagte eines der Männer, als er einen der Wagentüren öffnete und ein dunkelhaariger Mann mit einem dunklen Anzug herausstieg.

—-

Shin Hondo

26 Jahre alt

Ältester Sohn der Hondo Familie

—-

„Sind alle in Position?", fragte Shin in das Mikrofon eines Funkgerätes.

„Jawohl."

„Klar."

„Sind wir."

„Jap."

„Das sind 375 Millionen Yen, die hier auf dem Spiel stehen, also vermasselt's nicht."

Er wandte sich um und schien an etwas zu ziehen.

„Ist das ein Leichensack…?", fragte Hive, als er den Mann beobachtete, wie er einen Sack aus dem Wagen holte, der sich sogar noch bewegte.

„Mmmmphh…"

„Zieht ihr den Sack vom Kopf.", befahl Shin.

„Ganz recht.", sagten zwei Männer.

Zum Vorschein kam eine blonde Frau, die mit Seilen zusammengebunden, mit einem Klebestreifen ihren Mund zugeklebt hatte und verängstigt um sich schaute.

„Nehmt ihm den Klebestreifen ab."

„Mmmphhhffaaahhh… ahh… was soll die Scheiße, Shin?!"

—-

Ryoko Hondo

21 Jahre alt

Kleine Schwester von Shin Hondo

—-

„Ich habe Vater geschworen, dass ich dich mitnehme und ich halte mein Wort. Du kommst gefälligst mit und beteiligst dich jetzt an der Sache."

„Darauf kann ich gerne verzichten, nein danke!"

„Das war kein Angebot, Ryoko. Entweder du machst jetzt mit, oder ich sag unserem Vater, was für eine Schande du für unsere Familie bist."

„Ich…"

„Du willst doch in meine Fußstapfen treten, oder?"

„Das will ich, aber…"

„Du hast Angst?"

Ryoko nickte verlegen. Shin kam ihr näher und kniete sich zu ihr.

„Hör mal, ich verstehe dich, aber du bist unsere einzige Schwester. Irgendetwas muss dich vor der grausamen Welt da draußen abhärten. Es wird gefährlich, das stimmt, doch du musst dir immer eines bewusst sein. Ich bin immer bei dir. Und nicht nur ich…"

Er zeigte mit dem Finger auf ihre Mitglieder.

„Yamada ist bei dir. Jirou ist bei dir. Gotou ist bei dir. Watanabe ist bei dir. Tenma ist bei dir. Kazuma ist bei dir. Karui ist bei dir. Izami ist bei dir. Okubo ist bei dir. Yusuke ist bei dir. Kotobe ist bei dir. Sasaki ist bei dir. Bunta ist bei dir. Hakari ist bei dir. Zuma ist bei dir. Nagare ist bei dir und viele, viele mehr… Seit deiner Geburt bist du nie alleine gewesen."

„Bruderherz…"

Er küsste sie auf die Stirn und befahl die beiden Mitglieder sie loszubinden.

„Du kannst kämpfen. Du hast jahrelang trainiert und ich glaube daran, dass du etwas ändern kannst. Dass du etwas auf die Beine stellen kannst. Wir alle glauben daran. Du bist und warst schon immer Teil unserer Familie, also bitte, steh auf und mach etwas aus dir."

Er half ihr beim Aufstehen. Seine Schwester schmollte.

„Hier."

Shin reichte ihr seine Pistole.

„Gib ihnen ordentlich Blei."

„Na gut, aber nur dieses eine Mal.", sagte sie und nahm entschlossen die Pistole in die Hand.

„Ein Mal allein wird dir nicht reichen, glaub mir."

„Hive, ich glaube die nehmen jetzt die Positionen ein.", sagte Vermillion, doch sie erhielt keine Antwort.

„Hörst du mir zu?"

Sie sah sich auf dem Dach um. Von Hive keine Spur.

„Verdammt!", fluchte sie, als sie zusah, wie der größte Vollidiot aller Zeiten das Warenhaus verließ und ins Licht der Straßenlampen tappte.

„Wer ist da?!", riefen die Männer, sobald sie bemerkten, dass sich jemand ihnen näherte und richteten ihre Waffen auf ihn.

„Sachte, sachte, meine Lieben…", sagte Hive und hielt seine Hände hoch.

„Seid ihr vom Weißen Lotus?", fragte Shin und einer seiner Leute richtete eine Maschinenpistole auf ihn.

„Wow, ihr seid wirklich vorbereitet, haha…"

„Rück's raus."

„Ich war nur spazieren. Ist alles."

Shin musterte ihn mit zusammengekniffenen Augen. Der Mann wirkte unbewaffnet, locker, fast schon gelangweilt und genau das machte ihn verdächtig. Kein normaler Mensch schlenderte nachts seelenruhig in einen schwer bewaffneten Haufen voller Yakuza-Mitglieder.

„Ein Spaziergang, also? Du hast die Eier, einfach so ganz alleine hier aufzutauchen?"

Hive grinste und kratzte sich nachdenklich am Kopf.

„Wird das ein Kompliment?"

Einige der Männer lachten verhalten, aber Shin blieb ernst.

„Ich gebe dir die Chance für eine Antwort, dann knallen wir dich ab. Du bist umstellt, gib es auf."

„Okay."

„Wo befinden sich deine Komplizen?"

„Meine Komplizin? Die ist da oben, sieh doch.", sagte er und zeigte auf das Dach des Warenhauses hinter ihm.

„Was? Hat dieser Arsch noch alle Tassen im Schrank?", fragte Vermillion, als sie sich zur selben Zeit zurückzog. Dieser Idiot hatte wirklich die Dreistigkeit, denen ihre Position zu verraten.

Alle sahen ihm nach und konnten noch rechtzeitig einen Blick auf sie erhaschen.

„Da oben ist jemand!"

„Da ist er!"

Shin zückte seine Pistole und zielte auf Hive…

„Hah, du bist ein größerer Vollidiot, als ich dach-"

…, als er an Stelle von Hive eine weiße Kugel auf sich zufliegen sah.

POFFFFF! SHHHHHHH!

„Das war eine Nebelgranate!", rief eines der Männer, während sich weißer dichter Rauch um den gesamten Hafen ausbreitete.

„Scheiße!", rief ein anderer.

„Alle beieinander bleiben, niemand trennt sich von der Gruppe!", befahl Shin.

Jeder der Männer blieb stehen und sah sich um. Als plötzlich irgendjemand anfing zu schreien…

„Das war einer von uns! Schießt!", rief er.

„Wohin denn, der scheiß Nebel ist viel zu dicht.", sagte einer der Männer hinter ihm.

„Verdammt!"

Trotz allem brach unter ihnen pures Chaos aus. Die Männer riefen durcheinander, einige feuerten blindlings ins Dunkel, während andere sich hektisch in kleinen Gruppen formierten. Shin blieb ruhig, seine Augen suchten die Umgebung ab, während sich der Rauch langsam, aber sicher legte.

„Shin, er ist weg!"

Tatsächlich, denn Hive war unter ihnen nirgends zu sehen.

„Dieser Mistkerl spielt mit uns.", murmelte er wütend, dann rief er: „Sucht nach ihm, er wird nicht weit gekommen sein!"

„Ich schlage vor, dass einige von uns in der Warenhalle nachsehen. Womöglich lauert er uns auf.", erwiderte einer der Männer.

„Genehmigt, aber seid vorsichtig.", sagte Shin.

„Shin, Okubo ist tot! Dieser Arsch hat ihm den Hals aufgeschlitzt!"

„Was?!"

„Okubo ist wirklich tot?"

„Diese verdammte Dreckssau!", kam es aus dem Funkgerät.

„Lass ihn vorerst noch liegen, Yamada, sonst bist du der nächste!"

„Okubo… ist tot?", gab Ryoko von sich. Shin gab weitere Befehle.

„Kazuma, Yusuke und Izami, ihr klettert aufs Dach und tötet den Komplizen."

„Shin, das ist eine Falle! Warum sonst hätte er seinen Standort verraten?", fragte Kazuma.

„Ich glaub diesem Bastard kein einziges Wort. Der lügt uns nur an.", antwortete Izami.

„Da könntet ihr wohl recht haben. Planänderung, also… bewegt euch stattdessen zum Frachter und untersucht ihn."

„Jawohl."

„Und ich kümmere mich um den Scheißkerl.", sagte Shin entschlossen und betrat das Warenhaus mit seiner Pistole, die auf alles gerichtet war, was sich bewegen könnte.

„Bruder…"

„Ryoko, du gehst mit Kazuma und den anderen mit."

„Aber Brud-"

„Tu was ich dir sage!"

„Blödmann…", schmollte sie und ließ zögernd die Hand ihres Bruders los, um den drei Männern hinterher zu laufen.

„Bunta und Pakko, ihr beide kommt mit mir."

„Ich kann immer noch nicht glauben, dass Okubo tot ist…", trauerte Bunta.

„Momentan gibt's Wichtigeres.", erklärte Shin.

„Sucht das Lager ab."

Das Warenhaus, welches sie betraten, war voller Holzboxen mit Frachtmaterial, die sich in die Höhe stapelten und so mehrere Wände bildeten. Von einigen 'Attention: Fragile' bis hin zu 'Attention: Inflammable' Aufdrücken konnte man sich vieles vorstellen, was sich in den Holzboxen befinden könnte. Auffallend waren die vielen Stapel Holzkisten, die überall verstreut auf dem Boden lagen. Es schien so, als würden ihre Aufstellungen einem Muster ähneln, als mit größerer Entfernung vom Eingang immer weniger Holzkisten auf dem Boden lagen. Und je tiefer sie das Lagerhaus untersuchten, desto mehr hatten sie das unausweichliche Gefühl, beobachtet zu werden.

„Er ist hier irgendwo, das bin ich mir sicher.", sagte Pakko und blickte angespannt zur Decke, wo die Holzbalken das Dach zusammen hielten.

„Da oben kann er unmöglich sein, kein Mensch kommt in so kurzer Zeit da hoch.", erwiderte Bunta.

„In so kurzer Zeit…", murmelte Shin nachdenklich.

„Kann es sein, dass es hier irgendwie süßlich riecht?", fiel Pakko auf.

„Süßlich, sagst du?"

„Stimmt, jetzt rieche ich es auch."

Pakko wandte sich Richtung Eingang und erblickte dort etwas im Mondlicht blitzen.

„Moment mal…"

Er verließ die Gruppe und näherte sich dem Glitzern.

„Ist das Wasser?"

Es floss langsam und wirkte zäh, beinahe dickflüssig.

„Pakko hat wohl etwas entdeckt.", gab Bunta bescheid.

„Was ist?"

„Shin, aus einem Regenrohr scheint Wasser zu fließen! Aber es ist ziemlich zäh und riecht bitter."

Regenrohr? Zähflüssig? Bitter? Jetzt dämmerte es ihm.

„PAKKO, FINGER WEG VON DER FLÜSSIGKEIT, DAS HIER IST KEIN WASSER, DAS IST…!"

Blaues Feuer entfloh aus dem Regenrohr und breitete sich in Sekundenschnelle vom Zeigefinger zum Rest des Körpers, sodass Pakko plötzlich samt Kleidung nun vollständig in Flammen aufging.

„OOAAAAGGHHH-"

„PAKKO!"

„DIESER ARSCH HAT UNS IN EINE FALLE GELOCKT!"

Pakko, der panisch schreiend umher rannte, stieß einen der herumliegenden Holzkisten um und fiel mit ihnen zu Boden, als er begann, sich wie wild auf dem Boden zu wälzen.

„AGGHHHH-!"

Die Flüssigkeit strömte derweil weiter, bis sie die Mitte des Tores erreichte. Momentan hatte sich dort schon eine brennende Hochexplosive Pfütze gebildet, die bereits eine der Holzkisten anzündete.

WAAAMMMM!

„Das ist… Das ist ein Minenfeld!", rief Bunta, während er seinem Komplizen voller Panik bei der Feuerlöschung half und dabei versuchte, das Feuer auszutreten.

„Bunta, was ist passiert?!", fragten einige der Mitglieder, die sich momentan in der Nähe befanden und wollten ihm zu Hilfe eilen, doch Shin hielt sie davon ab.

„KOMMT NICHT NÄHER! SUCHT DEN FRACHTER AB!"

„Alles klar, Bruder!"

„Bunta, lass ihn liegen!", befahl er, doch Bunta versuchte immer noch, ihn von der Stelle wegzuziehen. Pakko hingegen bewegte sich schon nicht mehr.

„Aber, Pak-!"

„ICH SAGTE, LASS IHN LIEGEN! PAKKO IST SCHON TOT!", schrie er und zerrte gewaltsam an seiner Kleidung.

Er zögerte für eine Weile.

„JETZT! BEWEG DICH!"

„Verdammt!", fluchte er und ließ ihn auf dem Boden vor sich hin brennen.

Um sie herum explodierte eine Holzkiste nach der anderen und das Feuer war ihnen dicht auf den Fersen. Die Explosionen ähnelten eher diesem Muster, als wenn man wahllos irgendwelche Kisten hochjagen würde, was Shin auch bemerkt hatte, während er sich und Bunta in Sicherheit bringen wollte.

„Bunta, die Holzkisten sin…"

KRRRAAAACK!

„Ögkkhh…"

Eine Hand brach aus einem der Holzboxen an der Wand neben ihnen und stach mit einem Messer von unten in das Kinn seines Komplizen, der auf der Stelle starb. Blut strömte aus dem Kinn und seinem Mund, als Bunta plötzlich tot zu Boden fiel und mit seinem Gesicht ein paar Zentimeter den Boden entlang schliff.

„WAS ZUM FI…?"

In einer der Holzboxen an der Wand des schon lichterloh brennenden Lagerhauses befand sich ein Loch aus dem sich diese Hand gewaltsam herausgeschlagen hatte.

„DA WARST DU ALSO!", schrie Shin und rannte mit geladener Pistole auf ihn zu.

Die Boxen brachen in sich zusammen und heraus stapfte Hive mit einem blutigen Messer in seiner rot verschmierten Hand.

„ICH BRING DICH UM, DU WICHSER!"

„Wie schon gesagt,…", begann Hive kühl.

Shin sah das dreckige Grinsen in seinem Gesicht. Der Mann leckte voller Vorfreude das Blut seines Messers.

„…nur ein Spaziergang."

– Kapitel 30 ENDE –