Kapitel 32 - Der frische Duft der Erniedrigung

Es war 2:13 Uhr morgens, als Vermillion die Augen aufschlug. Der kalte nasse Boden hatte sie aufgeweckt. Es war still, sodass sie das ruhige Wasser des Meeres an den Hafen Beika's schlagen hören konnte.

Sie blickte für eine Weile auf den Mond, der sich über dem Wasser spiegelte. Ein tiefer Stich in ihrer Schulter brachte sie auf den Boden der Tatsachen zurück. Stimmt ja, einer der Männer hat ihr in die Schulter geschossen und die Wunde tat immer noch höllisch weh. Das Atmen empfand sie immer noch als kompliziert, also entschied sie sich kurzerhand, liegen zu bleiben. Trotzdem war es still. Was war passiert?

Die Erklärung kam ihr näher in Formen von Schritten.

„Vermillion…", sagte Hive hinter ihr.

„Hive, ich…", brachte sie mühsam von sich. Auch das Sprechen fiel ihr momentan schwer. Sie muss wohl sehr viel Blut verloren haben.

„Ja?"

„Ich habe nachgedacht und… und ich glaube nicht, dass ich es bereuen würde, dir vertraut zu haben."

Vermillion blickte weiterhin auf das weite Meer hinaus.

„Das bedeutet mir viel, danke."

„Du hattest Recht, ich war stur. Und…"

„Was noch?"

„Ich schätze es schadet nicht, wenn ich dir in Zukunft mehr zuhöre."

„Finde ich auch."

„Deshalb…"

„Vermillion, ich habe eine Bitte an dich."

„Was ist?"

„Bitte schau mir in die Augen, wenn du mit mir redest."

Vermillion errötete aus Verlegenheit und wagte es nicht, sich umzudrehen.

„Ich kann nicht."

„Warum nicht?"

Sie sagte nichts.

„Och, sie schämt sich.", sagte Hive und grinste hämisch.

„T-Tu ich nicht!"

„Tust du wohl!"

„Nein, tu ich nicht!"

„Doch, doch, dooooch!", sang er in einem fürchterlichen Ton.

„Da-das… Das hättest d-du wohl gerne!"

„Dadadadadadadas hättest dududududu wohl gernäääähhh!", ahmte er nach, wie ein kleines dummes Kind.

Jetzt platzten ihr alle Sicherungen.

„Na, hör mal!", sagte sie wütend, als sie sich rasch umwandte und direkt in die toten Augen eines abgetrennten Kopfes blickte.

„WAAAAAHHH!"

Beinahe zu Tode erschrocken, fiel Vermillion zurück, während Hive in ein schallendes Gelächter ausbrach.

„HAAAAHAHAHA! Mann, bist du urkomisch, der war so gut, ich kann nicht mehr!"

„DU… KRANKER VERSCHISSENER DRECKSACK!", rief sie, jetzt verstört und wütend zugleich. Sie wollte aufstehen, doch die Wunde in ihrer Schulter ließ sie wieder zu Boden sacken.

„ALTER, DEIN GESICHT SOLLTEST DU MAL SEHEN, MANN! HAHAHAHAH!"

„HIL… -agh HILF MIR INS AUTO, DU DÄMLICHES ARSCHLOCH!"

Erst dann erstarrte sie plötzlich und schaute auf die ganzen leblosen Körper vor ihr. Das scharlachrote Blut der toten Yakuza-Bande formte sich um die Leichen in mehreren kleinen Pfützen. Keiner von ihnen war noch am Leben.

„Warst…"

Hive hörte auf zu lachen und hielt inne.

„Hä?"

„Warst du das?"

„Ach das? Alsooo, ich denke schon. Kann sein, keine Ahnung.", murmelte er und stolzierte gelangweilt im Kreis.

„Lass deine Spielchen. Das warst du, oder?"

Hive blieb stehen.

„Und was, wenn doch?"

Vermillion starrte ihn sprachlos an.

„Was… war hier passiert?"

Sie zählte mindestens 16 oder 18 Leichen um die beiden herum. Mehrere lose Arme und Beine lagen hier verstreut, von manchen einzelne Finger oder sogar ganze Hände fehlten. Das waren 16 schwer bewaffnete Männer gegen einen!

Und trotz seiner fast komplett zerrissenen und verdreckten Kleidung stand er unversehrt vor ihr.

„Wie… wie hast du das überlebt?", fragte sie.

„Das braucht dich nicht zu kümmern. Und jetzt komm schon, ich helfe dir beim Aufstehen.", sagte er und reichte ihr die Hand. Vermillion zögerte, während ihr Blick zwischen ihm und dem Massaker wechselte, den er angerichtet hatte.

Sie war wirklich sprachlos. Keine Freude, keine Trauer, nur pure Verwirrung und Schock.

„Du hast von einem Code geredet, richtig?", fragte Hive, als er ihren schwachen Körper auf seine Schulter hievte und mit ihr das Schlachtfeld verließ.

„Einen Code.", murmelte sie, sichtlich mental abwesend.

„Sind die für die Container im Frachter?"

„Ja."

„Gut, dann bring ich dich schnell zum Wagen und kümmere mich drum. Du musst schleunigst zum Arzt."

„Hive."

„Spuck's aus."

„Machst… hhh… machst du dir Sorgen um mich? Sei bitte ehrlich."

Hive antwortete nicht. Er konnte es einfach nicht. Stattdessen wechselte er das Thema.

„Jetzt, wo ich darüber nachdenke…"

„Was jetzt?"

„Hat dir schon mal jemand gesagt, dass du nach Pisse stinkst?", bemerkte er.

Vermillion rollte genervt mit den Augen. Sie war zu erschöpft, um sich mit ihm zu streiten. Stattdessen schlug sie ihn leicht mit der Faust auf seinen Hinterkopf.

„Halt die Klappe, du Idiot.", murmelte sie leise.

Er war zwar ein Idiot, aber trotzdem…

Trotzdem…

In der Ferne waren Motorgeräusche zu hören. Mussten wohl mehrere Autos sein.

—-

Nein, er würde niemals so leicht draufgehen.

„Hive…", gab Vermillion von sich.

Im gesamten dritten Untergeschoss des Einkaufszentrums war es still. Das Display am Armaturenbrett zeigte 18:24 Uhr abends.

Ihr Partner lag auf dem Beifahrersitz mit einem tiefen Einschussloch im Schädel. Das Blut rann seine Stirn entlang nach unten.

„Wie fühlt es sich wohl an, jemanden zu verlieren, der dir wichtig ist? Was verspürst du gerade, hm?", sagte eine Stimme um den Wagen.

Vermillion blickte erneut um sich herum, konnte aber niemanden entdecken.

„Ist es etwa Trauer? Wut? Die Angst, einen Fehler gemacht zu haben? Du kannst problemlos mit mir reden, schließlich haben wir beide ja die gleichen Erfahrungen gemacht, nicht wahr?", fuhr die Stimme fort.

Sie blickte aus dem Fenster.

„Was willst du?", fragte sie und griff in die Tasche, nur um herauszufinden, dass auch ihr Gerät verschwunden war.

„Du suchst ja immer noch nach etwas, habe ich Recht?"

Plötzlich schlug eine unsichtbare Macht ans Fenster und zerstörte mit einer heftigen Kraft die Scheibe der Wagentür.

KRACKKS!

Eine weitere unsichtbare Macht packte ihren Hals und versuchte, sie aus der Scheibe herauszuziehen, doch Vermillion war schnell genug und hielt sich mit ihrer Hand am Fahrersitz fest.

„Komm schon, sei nicht schüchtern! Lass los und erzähl mir von deinen Gefühlen, du kleines Miststück!", sagte die Stimme und zerrte umso heftiger an ihr.

Sie sah sich nach der Pistole um und merkte, dass diese auch verschwunden war. Keine der Objekte, die sie benötigte, war momentan bei ihr, so als wurde sie beklaut, während sie sich in den Wagen gesetzt hatte.

Aber wie ist dies zu Stande gekommen? Das Gerät, wie auch Autoschlüssel und Pistole, waren bei ihr, bevor sie sich im Wagen befand und das hatte sie im Aufzug genauestens überprüft. Wie ist der Mann nur an die Teile gekommen, ohne dass sie es bemerkt hatte?

Konnte es sein, dass sich unter dem Weißen Lotus Verräter befanden? Wollte Hive sie etwa davor warnen?

Die Glasscherben stachen tiefer in ihre Wange ein. Mit letzter Kraft gab sie sich einen sofortigen Ruck und zog sich zurück, sodass der Arm, der sie noch am Hals festhielt, mitging und der unsichtbare Mann vor Schmerzen stöhnte, als die Scherben durch den plötzlichen Ruck tief in seinen Oberarm stachen.

„So leicht lasse ich dich nicht davonkommen!", rief der Mann.

„Oh doch, das wirst du.", sagte jemand.

Sie wandte sich überrascht um und sah im Wageninneren zwei Beine nur ein paar Zentimeter weit von ihrer Nase entfernt mit einer unbeschreiblichen Wucht an ihr vorbei schnellen.

Die Schuhe trafen die Wagentür von innen, brachen sie gewaltsam von ihren Scharnieren und schleuderten sie aus dem Wagen, sodass sie einige Meter weit zurückflogen.

„AGHHH!"

Aus dem Wagen stieg niemand anderes als Hive, der trotz Einschussloch lebendig vor ihr stand. Es war genauso wie in der vorherigen Nacht. Sie verspürte eine komische Reaktion auf das Geschehen.

„Hive…"

Er hob seine Hand und wischte sich das Blut von seiner Stirn, das von der Einschusswunde zu seinem Gesicht herunter floss.

„Da warst du also die ganze Zeit, du verdammter Pisser.", sagte Hive und leckte das frische Blut auf seinem Finger.

Der Mann, der unter der abgetrennten Wagentür lag, wurde sichtbar und Hive erkannte, dass in nicht weiterer Entfernung eine kleine Box hinter ihm lag.

„Du hast dich an einen von uns bedient, habe ich Recht? Sag, wer hat dich dafür bezahlt?", fragte er und zündete sich eine Zigarette an.

Eine Hand kam unter der Wagentür hervor und schob sie beiseite. Die Gesichtsmaske, mit dem er sich anscheinend als einer der Polizisten namens Takagi ausgeben wollte, zeigte deutliche Risse und wurde kurzerhand von ihm abgezogen. Hervor kam ein junger Mann mit braunen kurzen Haaren, der mit Mühe versuchte aufzustehen.

„Wie…-?"

Er und Vermillion starrten direkt auf seine Kopfwunde und glaubten ihren Augen nicht.

„Huh?"

Der Schädel eines Menschen ist im Durchschnitt von 5 bis 10 Zentimeter breit, welches durch ihre Dicke mit etwas Glück und dem richtigen Winkel einen abprallenden Streifschuss möglich machen würde. Jedoch war dies nicht der Fall. Dies hier war ein glatter Volltreffer.

„WIE ZUM TEUFEL HAST DU DAS ÜBERLEBT?!", schrie er und suchte seine Umgebung nach dem Gerät ab.

„Schert dich 'n Dreck und jetzt raus mit der Sprache. Wer bezahlt dich und von wem hast du das Gerät?"

Der Mann traute zwar seinen Augen nicht, konnte aber seine Gelassenheit wieder zurückerlangen und stand auf, während er den Staub von seinen Schultern wischte.

„Ein wahrer Bruder verrät nie seine Familie. Und dafür würde auch ich über Leichen gehen. Wer mich bezahlt und von wem ich das Gerät habe, muss dich kaum jucken, denn ich bin nur hier, um dich und deine Partnerin zu töten.", sagte er.

„Schön für dich. Wer bist du?", fragte er monoton.

„Du erinnerst dich wirklich nicht an uns?"

„Hä?"

Der Mann lachte.

„Du bist wirklich ehrenlos. Du schlachtest erstmal unsere Leute ab und dann wagst du es nicht einmal, dir deren Namen zu merken?"

Hive sagte nichts. Der Mann fuhr fort.

„Shin Hondo, mein älterer Bruder und der Mann, dessen Kopf du als Trophäe vor uns geworfen hast. Du erinnerst dich wenigstens noch an ihn, oder?"

„Was gehen mich eure Namen an?"

Sein Gegner nahm das Gerät in die Hand und hielt es vor sein rechtes Ohr.

Wiiiiieeeee…

„Ich glaub's nicht.", murmelte er kopfschüttelnd.

Plötzlich stürzte er vor und führte einen gezielten Schwung in der Luft mit einem Taschenmesser aus. Dabei bewegte er sich nicht von der Stelle.

Hive schaute ihm dabei verwirrt zu.

„Was wird das?", fragte er.

Der Mann ignorierte es und führte einen Luftschlag mit der Faust aus.

Und dann einen weiteren.

Und noch einen.

„Kannst du mal aufhören, die Luft zu verprügeln?"

Wieder wurde er ignoriert.

„Hive, schließe deine Augen!", rief Vermillion, die selbst die Augen geschlossen hatte.

„Wozu, der Vollidiot macht doch nichts."

„Tu was ich sage, sonst-"

Blut tropfte aus Hive's Wange, als sich dort ein zentimetertiefer Riss bildete.

„Scheiße, was zum…?"

„Hive!"

Weiter kam er nicht, da ein unsichtbarer Schlag in sein Gesicht landete und seinen Schädel gegen den Dachrahmen der Wagentür rammte.

DONK!

„Uagh-"

Kurz darauf kam der nächste und gab ihm einen unsichtbaren Schlag von rechts, der auf seinem Unterkiefer landete und einen Zahn aus seiner Hackfresse rausballerte.

Der dritte kam von links und war ein gezielter Treffer in seine linke Augenhöhle, sodass sein Augapfel im Inneren gequetscht wurde und er somit das Augenlicht verlor.

„Khaaarghh-"

Hive schrie vor Schmerzen auf und hielt sich die Arme vor sein Gesicht. Seine Sicht auf den Mann wurde von seinen Armen blockiert.

„Rechte Faust – Stirn.", sagte er.

Wie auf Befehl zementierte ein unsichtbarer Schlag Hive's Schädel tiefer in den Dachrahmen hinein. Gleichzeitig flog Vermillion's Kopf an das Fenster auf der anderen Seite des Wagens und schlug sich den Schädel am Glas ein, sodass sich leichte Risse bildeten.

Er hob die Pistole vom Boden auf.

„Es ist witzig, zuzusehen, wie sehr ihr euch hinter euren Händen versteckt. Wo ist denn eure Mordslust geblieben, häh?"

Hive öffnete seine Arme einen weiteren Spalt. Blut spritzte aus seiner Augenhöhle.

„Jetzt… jetzt erinnere ich mich…", brachte er heraus.

„Ach echt? Wow, ich fühle mich wirklich geehrt."

„Du bist doch Izami, oder? Du warst das Weichei, das mit dem Mädchen einfach abgehauen ist."

„Was?"

Hive lachte und hielt sich vor Schmerzen an seinem Auge.

„Ja, doch… ein Weichei, welches vom Schlachtfeld davongelaufen ist, nur um ein nutzloses Leben zu retten."

„Nutzlos? Ihr Leben war nutzlos, sagst du? Ist das dein Ernst?"

Der Mann starrte ihn mit einem tötenden Blick in die Augen.

„Sag, hattest du jemals eine Familie, die für dich durch die Hölle gehen würde, du Hundesohn?"

Vermillion merkte, dass es langsam Ernst wurde. Ihr Partner schwieg.

„Hattest du jemals Menschen um dich herum, die dich lieben, die dir wichtig sind? Hast du dich jemals gefragt, was nach deinen Missionen mit den Familien deiner Opfer passiert?"

„Noch ein weiteres Wort…", murmelte Hive angespannt.

„Nein, du wirst es nie wissen und weißt du warum?"

„Ich prügel die Scheiße aus dir raus, wenn du nicht dein Schandmaul hälst."

„Weil dir das Leben anderer Scheißegal ist, habe ich recht? Du siehst sie ja nicht einmal als Menschen. Der Fakt, dass du diesen Kopfschuss überlebt hast, ist nicht, weil du im richtigen Moment ausgewichen bist oder ähnliches, ganz und gar nicht, oh nein."

„WAG ES JA NICHT!", schrie Hive, wütend, wie noch nie zuvor. Vermillion schreckte bei der Lautstärke seiner Stimme zurück.

„Sie sind nicht deinesgleichen, weil du nicht einmal ein Mensch bist. Du lebst ewig, oder?"

„HALT DIE FRESSE!"

Hive sprang auf ihn zu, nur um einen festen Tritt im Gesicht zu kassieren.

Er lebt ewig? Hieß es, dass er unsterblich ist, fragte sich Vermillion. Dass sich in seinem Körper irgendetwas verändert hatte? Vielleicht hat er so jede vergangene Mission ohne einen körperlichen Kratzer überlebt. Aber was bedeutete dann seine Narbe in seinem Gesicht oder die Kratzer, die sie an seinem Arm vor zwei Nächten im Hotel gesehen hatte? Waren das nicht auch Wunden, die der Körper hätte heilen können?

Er landete auf dem Boden, konnte sich aber mit den Händen abstützen und den Sturz abfedern.

„Ihr seid agh-… nicht besser!", rief Vermillion, als Hive versuchte aufzustehen.

„Was redest du da?"

„Ihr tötet unschuldige Menschen, wie die Mannschaft an Bord von mehreren Frachtern in der Vergangenheit und wollt euch auch noch moralisch an die oberste Stelle setzten? Ihr seid nichts weiter als ein Witz!"

Der Mann seufzte und schüttelte den Kopf.

„Verstehe, das ist es also, was sie euch auftischen."

„Was?"

Mehr sagte er nicht, als Hive auf ihn zurannte und den ersten Schlag auf seiner rechten Wange landete. Die Wucht schleuderte ihn auf einen gegenüberliegenden Wagen, auf dessen Tür er sich den Kopf stieß.

„Ich habe dich gewarnt.", sagte Hive und spuckte einen losen Zahn aus seinem Mund.

Sein Gegner wollte sich wieder aufrappeln, doch er gab nicht nach und holte zum Schlag aus. Aber anstatt seine Fresse zu treffen, schoss seine Faust durch ihn hindurch und traf das Fenster, dessen Glas er durchbrach.

Das überraschte Hive zuerst, jedoch verstand auch er langsam, was es mit seinem plötzlichen Verschwinden auf sich hatte.

Eine Klinge fuhr tief durch die Hose und seine Kniescheiben, sodass seine Knochen unter seinem Gewicht zusammenbrachen und er kollabierte.

Beim Fall zog Hive seinen Arm aus dem Wagenfenster, drehte sich instinktiv herum und kriegte etwas Unsichtbares bei der Landung in die Hand, woran er sich festhielt und kurz mitgeschliffen wurde. Als Izami wieder sichtbar wurde, merkte er für eine Teilsekunde, dass er seinen Fuß umfasste.

Hive zog daran und sein Besitzer verlor das Gleichgewicht und stürzte zu Boden, konnte sich aber rechtzeitig mit seinen Händen abstützen und bei der Landung seinen Körper mit ihnen in die Luft katapultieren.

Es folgte ein brutaler Volltreffer mit der Rückseite seines Schuhs in seinen Schädel, so heftig, dass sein Kopf beim Aufprall auf den harten Asphalt wie ein Flummi hüpfte. Selbst der Boden zeigte einen kleinen Riss vor und Blut floss aus seinem Mund.

„Ghhh..."

Doch selbst das reichte nicht aus, denn jetzt hielt Hive sein Bein umso fester umschlossen.

„Was zum-? STIRB ENDLICH, VERDAMMT!", rief Izami.

„Isch weisch jetscht, wasch deine Fähigkeit ischt, du dreckiger Schmarotscher.", lispelte Hive angeschlagen. Ihm fehlten mehrere Zähne, die allesamt mit ein paar kleinen Blutpfützen auf dem Boden zerstreut waren. Das zerquetschte Auge baumelte samt Sehnerv aus seiner Augenhöhle auf seiner Wange hin und her.

„Fa-Fass mich nicht an!", schrie er sichtlich verstört. Ohne zu zögern zog er seine Pistole heraus und wollte feuern, verlor plötzlich den Halt und stürzte erneut zu Boden.

„Meine Beine! Was ist-?"

„Wasch ischt losch? Kannscht wohl nischt mehr schtehen, wasch?", sagte Hive.

„WAS HAST ZUR HÖLLE DU GETAN, DU SCHEIẞKERL?!"

BANG! BANG! BANG!

Izami drückte mehrmals ab, traf ein paar Mal seine Schulter und zog seine Hand weg, als er bei weiteren Klickgeräuschen der Pistole merkte, dass das Magazin leer war.

Klick! Klick!

„Verdammt!", murmelte er und versuchte schnell in seine Brusttasche zu greifen, worauf Hive seinen Arm packte und ihm gewaltsam die Handknochen brach.

„Hive, tu es nicht!", flüsterte Vermillion laut. Ihre Mühen zahlten sich ohnehin aus, da auch Izami bemerkte, dass sie nicht alleine waren.

Er wollte vor Schmerzen aufschreien, hielt sich jedoch den Mund zu. Jetzt verstand auch Hive, was los war. Eine Familie näherte sich ihnen und sie waren in der offenen Parkgarage im Untergeschoss, um sich gegenseitig zu Tode zu prügeln. Zum Glück befanden sich mehrere Autos hinter ihnen, wobei sie nur darauf hoffen konnten, dass keiner von ihnen den Autos zu Nahe kommt.

Die Familie bestand aus einem Jungen und einem Mädchen, beide im Kindergartenalter, zusammen mit dem Vater und der Mutter.

„Auch dasch noch…", murmelte er genervt und hielt Izami den Mund zu, während er ein Messer aus seiner Hosentasche herausnahm.

„Papa, ich will später mit dir ins Kino gehen!", sagte der Junge.

„Was für einen Film willst du denn anschauen?", fragte der Vater neugierig.

„Ich bin mir schicher, dasch du dir im Klaren bischt, in welscher Schituatschion wir unsch befinden, rischtisch? Heischt alscho, wenn isch auch nur einen Mucksch von dir höre, dasch die Leute in unschere Richtung lockt, schneide isch dir den Halsch auf, haben wir unsch verschtanden?", flüsterte Hive in sein linkes Ohr und hielt ihm das Messer an die Kehle. Der Mann handelte instinktiv und hielt seine Hand vom Hals weg. Ein Kräftemessen zwischen den beiden fand nun statt.

„Tsumura sieht doch immer nur dieselben Filme an, Papa. Bitte sag ihm, dass es schon langweilig wird.", maulte das Mädchen. Der Vater lachte.

„Isch wiederhole misch ungern. Haben wir unsch verschtanden?", zischte Hive mit aggressivem Unterton.

Er drückte die Klinge näher an seinen Hals. Izami erhöhte den Druck seines gesunden Armes. Der Kraftunterschied war so niedrig, sodass beide Hände, die die Waffe fest umfassten, zu zittern begonnen.

„Was denkst du, Schatz?", fragte der Vater seine Frau.

„Wenn du willst, kann ich mitkommen. Was hältst du davon, Hana?", fragte sie ihre Tochter. Sie schmollte genervt.

„Wenn du nicht gleich mit mir schaust, was ich will, halte ich die Luft an, Mama."

Die Familie kam zu einem der Autos einige Meter vor ihnen stehen und der Vater öffnete den Kofferraum, während sie Kinder in den Wagen stiegen.

„Jetscht verrätscht du mir mal, wo du die Autoschlüschel verschteckt hascht. Schpuck's ausch.", forderte Hive leise.

Izami schüttelte den Kopf.

„Mmmpf…", kam es aus ihm heraus.

„Wag esch ja nischt, rumtschuschreien, du kleiner Baschtard, oder isch reisch dir perschöhnlich den Arsch auf."

Beide lagen ineinander verkeilt auf dem kalten Asphalt und ein brutales Tauziehen zwischen Messer und Kehle entbrannte bei ihnen. Sie wussten, dass eine falsche Bewegung das Ende bedeuten konnte. Nicht nur für sie, sondern auch für die ahnungslose Familie, die sich mit jedem Schritt näherte.

„Welchen Film willst du dir denn gerne ansehen, Hana?", fragte die Mutter.

„Der Film heißt 'Das Haus im Winter.' Ein echt super Film, den ich mir mit meinen Freundinnen angeschaut habe."

„Das Haus im Winter?"

„Tsk. Wo wir gerade von Langeweile reden…", warf der Junge ein.

„Hey!", rief das Mädchen wütend und schubste ihn. Überrascht, konnte er sich noch fangen und schubste sie zurück. Daraufhin schlug sie ihm mit der Faust auf den Kopf.

„Hana!", rief die Mutter empört.

Der Vater schritt schnell ein und hielt seine Tochter zurück.

„Hör auf damit! Man schlägt nicht seinen eigenen Bruder!"

„Aber Tsumura macht sich über meinen Lieblingsfilm lustig! Sag ihm, dass er es lassen soll!", maulte sie.

„Hana, entschuldige dich bei deinem kleinen Bruder."

Tsumura landete unsanft auf dem Boden und begann zu flennen. Die Mutter kam ihm hinterher und half ihm aufzustehen.

„Tut es sehr weh?"

Eine Beule formte sich auf seiner Stirn.

„Ich hasse dich, Hana!", rief der Junge wütend und riss sich von seiner Mutter los.

„Tsumura, komm zurück!"

„Tsumura!", rief ihn der Vater hinterher.

Die Mutter versuchte ihn einzuholen, doch er war flink genug, um ihren Händen auszuweichen und sich hinter einem der Autos zu verstecken. Seine Wut verließ ihn, als ihn etwas erschrecken und auf das starren ließ, was sich hinter dem Auto befand.

„Uwaaah…"

Vater und Mutter sahen sich kurz überrascht an, dann gab er ihr die Hand von seiner Tochter.

„Ich regel das schon. Geh mit Hana ins Auto, ja?"

„Bist du dir sicher?"

„Klar, mach dir keine Sorgen."

„Na gut. Komm, Hana, wir gehen."

Das Mädchen sah ihrem Vater schmollend hinterher.

Tsumura betrachtete verwirrt einen Mann mit dunklen Haaren und einer braunen Jacke, der auf dem Boden lag und unter dem Wagen neben sich nach etwas zu suchen schien.

„Komm bitte mit, Tsumura.", sagte der Vater, bevor auch er bemerkte, was da ablief. Eine Fensterscheibe, die aussah, als hätte jemand mit einer Faust auf sie eingeschlagen. Eine lose Wagentür, die aus den Scharnieren abgebrochen wurde. Eine dicke, tiefe Delle im Autodachrahmen. Nicht zu vergessen das ganze Blut auf dem Boden.

„Hallo? Sind Sie verletzt?", fragte der Mann hilfsbereit.

Hive hob seinen Kopf nicht.

„Papa, was macht der Mann da?"

„Er schläft nur, nichts weiter. Und jetzt geh zurück zum Auto, wir fahren gleich ins Kino, okay?"

Tsumura nickte unwohl und leicht verängstigt, lief zum Auto und ließ die beiden Männer alleine.

„Entschuldigung, hören Sie mich noch?", fragte er erneut.

Vermillion sah sich um. Noch hatte der Mann sie nicht bemerkt, da sie sich im Hintersitz versteckt hielt und den nächsten Schritt plante.

Hive hob den Kopf. Keine Schramme, keine Verletzungen. Als hätte der Kampf mit Izami nie stattgefunden. Beide Augen waren an ihren Plätzen. Bloß seine Hose war bei den Kniescheiben eingeschnitten.

„Ja, wie kann ich Ihnen weiterhelfen?", fragte er gelassen. Er sah sich um. Von Izami keine Spur, wahrscheinlich hat er sich wieder unsichtbar gemacht.

„Was macht das ganze Blut auf dem Boden? Und vor allem Ihre Stirn… was ist mit Ihrer Stirn passiert?"

„Oh, das… tut mir leid, ich habe mir den Kopf gestoßen.", sagte er und zeigte auf die Delle am Dach des Autos.

„So tief?"

„Ja, muss wohl ausgerutscht sein, haha…"

„Soll ich den Krankenwagen rufen?"

„Nein, schon gut, ich schaffe das ohnehin, danke."

Der Mann schüttelte ungläubig den Kopf und seufzte.

„Haben Sie etwa die Scheibe eingeschlagen? Und warum liegt bei Ihrem Wagen eine lose Tür?"

„Oh tut mir leid, ich ähh… Ich suche gerade nach meinen… meinen Autoschlüsseln."

Der Mann hob unbeeindruckt seine Augenbraue.

„Autoschlüssel?"

„Jap."

„Und dafür schlagen Sie die Scheibe eines anderen Wagens ein?"

„Verstehen Sie mich nicht falsch. Das hier ist mein Wagen."

Plötzlich zog ihm etwas die Hose runter, sodass Hive in Unterwäsche vor ihm stand.

„Was zum? Alles okay bei Ihnen?"

„Hä, was denn?"

„Ihre Hose ist heruntergerutscht."

Erst jetzt bemerkte er es. Wie peinlich.

„Stimmt, da haben Sie recht.", sagte er und versuchte mühevoll, sich ein verlegenes Lächeln aufzusetzen, ohne dass er aussah wie ein komplett behämmerter Vollidiot.

Wann immer er es schaffte, seine Hose hochzuziehen, gab es immer etwas, das sie wieder runter zerrte.

„Du… verdammter Arsch… lass los…", fauchte er leise.

Das Ganze ging dann so für eine Weile, während der Vater ihn verwirrt dabei beobachtete.

„Sorry, das ist jetzt… schwierig.", murmelte er, als die unsichtbare Kraft endlich von seiner Hose losließ und er sie wieder anziehen konnte.

„Damit ich das richtig verstehe… Das ist Ihr Wagen?", fragte der Vater skeptisch.

„Klar ist das mein Auto. Tun Sie bei solchen Fällen etwa nicht Ihre Scheibe einschlagen?"

„Was? Nein, tu ich nicht.", antwortete er verwundert.

„Aber das tut doch jeder, oder lieg ich falsch?"

„Wollen Sie mich für Dumm verkaufen? Nein, das macht niemand."

„Und was ist, wenn man sich aus Versehen ausgesperrt hat und der Schlüssel noch im Wagen liegt?"

„Wie bitte? Dann rufe ich meinen Anbieter an."

„Ach sooo… oh…"

Beide standen vor dem Wagen und schauten sich für eine Weile das zerbrochene Glas an. Der Vater versuchte die Situation zu verstehen.

„Nun gut, aber was ist mit der Wagentür? Wenn das hier Ihr Auto ist, dann haben Sie wohl eine fremde Tür abmontiert, oder?", fragte er.

„Nun ja, fremd würde ich nicht sagen. Dieser Wagen gehört meiner… meiner Freundin."

„Ihrer Freundin? Wohe-?"

„Sehen Sie, sie liegt ihm Wagen.", erklärte er und ging an die Scheibe ran, um daran zu klopfen.

„Komm raus, Schatzilein."

„Nenn mich nicht so, du Idiot.", sagte Vermillion, als sie die Tür öffnete und ausstieg.

„Ist das hier Ihr Wagen?"

„Ja, warum fragen Sie?"

„Wenn das wirklich Ihr's ist, dann müssten Sie auch die Schlüssel zum Wagen haben, oder?"

Diese Frage hatte Vermillion mehr oder weniger erwartet, doch ihr war im Rücksitz nichts eingefallen. Wie sollte sie ihm antworten, jetzt da die Schlüssel verschwunden sind. Hilflos warf sie einen flüchtigen Blick auf Hive, der genauso wenig Ahnung zu haben schien wie sie.

„Oh, die Schlüssel habe ich-", wollte sie anfangen, aber Hive war schneller.

„Klar.", antwortete er ruhig und hielt seine geschlossene Hand vor ihm.

Vermillion sah ihn verwirrt an. Was plante er?

„Hier."

Er öffnete die Hand.

Ein hellrosarner kleiner Kasten mit ein paar Knöpfen kam hervor.

„Was ist das denn?", fragte der Mann.

Auch Vermillion war verblüfft. Hive drückte auf einen der Knöpfe und ein weißer, dünner, komisch geformter Schüssel sprang heraus. Es sah aus, als hätte ein miserabler Töpfer diese Monstrosität von Töpferkunst aus den tiefsten Tiefen der Hölle erschaffen.

„Ist das… ein Knochen?"

Er packte den Schlüssel wieder ein und legte ihn in die Hosentasche.

„Das muss doch als Beweis ausreichen, oder?"

„War das gerade eben ein Knochen?"

„Was? Nein, warum denken Sie überhaupt an so etwas?"

„Aber da war doch etwas Weißes, so… so etwas wie ein Knochen, oder bilde ich mir das nur ein?"

„Liegt wahrscheinlich am Hersteller des Wagens.", sagte Vermillion.

Der Vater stand zunächst nachdenklich da, dann seufzte er.

„Nun, da könnten Sie wahrscheinlich Recht haben. Heutzutage versuchen viele Hersteller mit irgendwelchen Designs und was weiß ich noch. Geht ziemlich schnell heutzutage.", antwortete er und lächelte verlegen.

„Freut mich. Wenn weiter nichts is, dann würde ich gerne nach Hause fahren, ja? Na komm, steig ein, Schatzi.", sagte Hive und kehrte ihm den Rücken zu.

Sichtlich genervt stieß Vermillion ihm an den Hinterkopf.

„Ugh-"

„Ich sagte, nenn mich nicht so."

„Eine Sache noch.", gab der Vater von sich.

Hive seufzte.

„Was'n?"

„Verzeihen Sie meine Neugierde, aber ist es nicht einfacher, den Wagen in eine Werkstatt zu fahren und die Tür dort abzuschrauben?"

„Genau, das dachte ich mir auch gerade.", antwortete Hive, jetzt mit deutlichem Sarkasmus.

„Warum haben Sie stattdessen die Tür hier abgeschraubt?"

Stille. Der Mann blickte ihn an, als würde er eine weitere Antwort erwarten.

„Was mach-"

„Ich bitte Sie, wenn Sie uns beiden einen Gefallen tun, dann wären Sie uns sehr verbunden.", begann Hive mit gereiztem Unterton.

„Wie bitte?"

„Wieso fahren Sie jetzt nicht einfach ins Kino? Der Film, den ihre Tochter angesprochen hat, muss wohl sehr gut sein, nicht wahr?"

„Was fällt Ihnen ein, so mit mir zu reden?"

„'Das Haus im Winter', oder wie es noch gleich heißt, richtig? Lassen Sie sich nicht von uns aufhalten, wir sind beschäftigt."

„Hive, lass uns gehen.", flüsterte Vermillion leise.

Der Vater murmelte leise etwas („Vollidiot.") und machte sich bereit zu gehen, doch die beiden Auftragskiller hielten sich bereit. Noch war es nicht vorbei. Ihr Gegner war nirgends zu sehen.

Wiiiiieeeee…

Eine Stimme flüsterte ihnen ins Ohr.

„Mescherschtich – Hertschschlagader."

– Kapitel 32 ENDE –