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17. Februar 1977

Der Morgen kam viel schneller, als ihr lieb war. Stunden. Sie hatte nur noch Stunden in der Vergangenheit. Sie versuchte, sich zu trösten, indem sie sich daran erinnerte, dass sie alles getan hatte, was sie konnte. Das Gegengift war fertig, und sie war sich ziemlich sicher, dass sie alles getan hatte, was sie konnte, um Severus hoffentlich seinen Wert zu zeigen, und dass das Leben lebenswert war. Sie erzählte Severus ständig, wie brillant er sei, wie unglaublich sie ihn fand und wie sehr sie sicher sei, dass er eines Tages die Welt verändern würde. Sie sah die Auswirkungen ihrer Worte und wie er sich selbst anders verhielt als bei ihrer Ankunft.

Auch wenn Hermione sich selbst davon überzeugte, dass sie höchstwahrscheinlich ihre Aufgabe erfüllt hatte, für die sie in die Vergangenheit geschickt worden war, bedeutete das nicht, dass sie bereit war, zu gehen. Sie war nicht bereit, sich von Edgar, Sturgis oder Otto zu verabschieden. Sie war sicherlich nicht bereit, sich von Amelia zu verabschieden. Aber vor allem der Gedanke, sich von Severus zu verabschieden, machte sie körperlich krank. Sie dachte nicht, dass sie jemals dazu bereit gewesen wäre.

Als sie an diesem Morgen aufwachte, schlief Amelia noch. Rita, Dorcas und Alice waren alle nicht in ihren Betten. Es war fast halb acht Uhr morgens, also nahm sie an, dass sie zum Frühstück in der Großen Halle waren. Sie war dankbar, dass sie weg waren, denn so hatte sie die Möglichkeit, sich von ihrer Freundin richtig zu verabschieden.

Nachdem Hermione geduscht und sich für den Tag angezogen hatte, ging sie zurück in ihren Schlafsaal. Amelia musste gerade aufgewacht sein, denn sie saß im Bett und rieb sich den Schlaf aus den Augen.

„Morgen, Hermione" begrüßte Amelia sie mit einem Gähnen.

Hermione spürte, wie sich ein Kloß in ihrem Hals bildete. Sie wusste schon seit Monaten, dass sie Amelia sehr vermissen würde, aber jetzt, wo es Zeit war, sich zu verabschieden, wurde ihr erst richtig bewusst, wie sehr.

Neben Harry und Ron war Amelia die beste Freundin, die sie je hatte.

„Morgen", antwortete Hermione, ihre Stimme war voller Emotionen.

„Geht es dir gut, Hermione?" fragte Amelia.

Offensichtlich hatte sie Hermiones Tonfall bemerkt. Hermione schenkte ihr ein gezwungenes Lächeln.

„Nein", sagte sie wahrheitsgemäß. „Nicht wirklich."

Amelia rückte zur Seite, um Platz auf ihrem Bett zu schaffen, und tätschelte den leeren Platz neben sich.

„Setz dich", sagte sie. „Was ist los?"

Hermione setzte sich auf das Ende von Amelias Bett und drehte sich zu ihr. Das würde nicht einfach werden.

„Ich hatte gestern Abend ein Treffen mit meinem Onkel", begann Hermione und versuchte so gut es ging, ihre Tränen zurückzuhalten. „Ich – ich verlasse die Schule."

Amelias Augen weiteten sich.

„Was? Aber... Aber warum?" fragte sie.

„Meine Eltern", log Hermione. „Sie wollen, dass ich bei ihnen wohne. Sie haben mich in Ilvermorny eingeschrieben."

„Wo?" fragte Amelia, die verwirrt die Augenbrauen zusammenzog.

„Das ist die amerikanische Zaubereischule", erklärte Hermione.

Obwohl Amelia genauso fleißig war wie Hermione, wurde Hermione wieder einmal daran erinnert, dass nicht jeder alles über die Zaubereiwelt so gründlich recherchiert hatte wie sie.

Hermione beobachtete das Stirnrunzeln, das sich auf dem Gesicht ihrer Freundin bildete. Es tat wirklich weh, das zu sehen.

„Merlin, Hermione. Ich werde", schniefte Amelia. „Ich werde dich wirklich vermissen."

Hermione konnte nicht verhindern, dass die Tränen überliefen. Wenn der Abschied von Remus und jetzt von Amelia schon so schwer war, konnte sie sich nicht vorstellen, wie es sein würde, wenn sie sich von Severus verabschieden müsste.

„Ich werde dich auch vermissen, Amelia. Wahrlich. Du warst eine der besten Freundinnen, die ich je hatte", sagte Hermione ihr aufrichtig.

Amelia lächelte durch ihre Tränen hindurch.

„Du auch, Hermione. Du hast es erträglich gemacht, ein Zimmer mit dieser Kuh Rita zu teilen."

Hermione schnaubte.

„Ich glaube nicht, dass irgendetwas das Leben mit ihr erträglich machen kann, aber ich weiß das zu schätzen", sagte Hermione.

„Wann reist du ab?" fragte Amelia.

Hermione sah zu Boden und rang die Hände.

„Heute Abend", antwortete sie flüsternd.

Sie hörte, wie Amelia scharf einatmete.

„Mensch! So bald ..." antwortete Amelia leise.

Ursprünglich hatte Hermione vorgehabt, sich von all ihren Ravenclaw-FreundInnen zu verabschieden, aber ehrlich gesagt, wusste sie nicht, ob sie es schaffen würde. Die Art und Weise, wie sich ihr Inneres anfühlte, als wäre alles verdreht, und die Art und Weise, wie sich ihr Herz schwer anfühlte, allein durch die Verabschiedung von Lily, Sirius, Remus und dann Amelia, sie glaubte nicht, dass sie es noch einmal tun könnte.

Nun, es gab noch einen Abschied, den sie würde durchstehen müssen. Severus.

„Würdest du", Hermiones Kehle schnürte sich wieder zu. Es fiel ihr schwer, weiterzusprechen. „Könntest du dich für mich von unseren anderen Freunden verabschieden?" fragte sie. „Ich glaube nicht, dass ich das kann", gab sie leise zu.

Amelia griff nach vorne, legte ihre Hand auf Hermiones Unterarm und drückte sie sanft.

„Natürlich", sagte sie ihr.

„Danke", sagte Hermione.

Amelia lächelte sie an, und dann schien ein kleines bisschen Glücklichsein in ihre Augen zurückzukehren.

„Aber es ist ja nicht so, dass du uns nicht wiedersehen würdest", sagte Amelia. „Wenn du mit der Schule fertig bist, kannst du uns immer wieder besuchen kommen. Sicher wird es eine Weile dauern, aber es wird nicht für immer sein."

Hermione musste alle Kraft aufwenden, um bei Amelias Worten nicht zusammenzubrechen. Was sie nicht wusste, war, dass dieser Abschied für immer war. Wenn Hermione nach Hause zurückkehrte, würde Amelia ermordet worden sein.

„Du hast recht", log Hermione.


Danach verbrachte Hermione den Rest des Vormittags mit Packen und beschloss, den Unterricht und die Mahlzeiten ausfallen zu lassen. Sie hatte nicht die Kraft, vor ihren MitschülerInnen so zu tun, als ob nichts wäre. Sie brauchte etwas Zeit, um allein zu sein, um sich mental auf das unvermeidliche Gespräch mit Severus vorzubereiten. Außerdem hatte sie sowieso keinen Appetit.

Sie hatte Amelia einen Zettel geschickt, den sie an Severus weitergeben sollte, um ihn zu fragen, ob er sie am Abend gegen acht Uhr in ihrem Klassenzimmer treffen würde. Sie sagte, dass sie im Laufe des Tages einige Dinge zu erledigen hatte und ihn erst dann sehen konnte. Ein Teil von ihr wünschte sich, sie hätte noch ein paar schöne Stunden mit ihm verbringen können, bevor sie gehen musste, aber sie wusste, dass sie nicht so tun konnte, als wäre alles normal, wenn sie zusammen waren. Und so ging sie ihm an diesem Tag aus dem Weg. Bis sie ihn unmöglich länger meiden konnte.

Hermione hatte sich seit Tagen, eigentlich seit Monaten, vor diesem Gespräch gefürchtet. Sie hatte keine Ahnung, wie sie sich von Severus verabschieden sollte.

Merlin! Es war so ungerecht! Das Schicksal war grausam. Es warf sie in diese Zeit, in die sie nicht gehörte, nur um den einen Menschen zu finden, von dem sie nie wusste, dass sie ihn suchte. Es war grausam, weil es ihr die wahre Liebe schenkte, nur um sie ihr dann wegzureißen und vielleicht nie wieder zurückzugeben. Das Schicksal war grausam für das, was es Severus antat. Es gab ihm seine Person. Mit ihr gab es ihm eine Person, die ihn bedingungslos liebte und nie die Absicht hatte, ihn zu verletzen, die ihn aber mehr verletzen würde als jeder andere vor ihr. Das Schicksal waren grausam.

Nein, dachte sie sich. Es war nicht das Schicksal. Es war Dumbledore. Dumbledore war grausam, weil er ihnen das angetan hatte. Und wofür? Es gab nicht einmal eine Garantie, dass Severus überleben würde.

Hermione kam vor dem unbenutzten Klassenzimmer an, in dem sie und Severus viele Stunden verbracht hatten, und stellte sich vor die Tür.

Wie konnte sie das nur tun, fragte sie sich. Wie konnte sie ihm das Herz brechen?

Mit einem tiefen Atemzug, um sich zu beruhigen, schritt Hermione durch die Tür. Natürlich wartete Severus bereits auf sie.

„Hermione", begrüßte er sie mit einem seltenen Lächeln, das nur für sie reserviert war.

Er durchquerte das Zimmer und nahm sie in die Arme, beugte sich vor und drückte seine Lippen auf ihre.

Hermione reagierte sofort, schlang ihre Arme um seinen Hals und küsste ihn so heftig, dass sie fast gewalttätig wurde. In ihrem Kuss lag Verzweiflung, aber auch ein Abschied. Sie wusste nicht, wann sie wieder die Gelegenheit haben würde, dies mit ihm zu tun, oder ob sie es jemals wieder tun könnte, egal ob er überlebte oder nicht. Es war gut möglich, dass er über sie hinweg war, wenn sie ihn wiedersah, vorausgesetzt, er würde überleben.

Sie konnte die Tränen nicht zurückhalten, die ihr über die Wangen liefen. Severus zog sich zurück, und nachdem er sie genau angesehen hatte, wandelten sich seine Gesichtszüge von Freude zu Besorgnis. Eine Falte bildete sich zwischen seinen Augenbrauen.

„Hermione, was ist los?" fragte er. Hermione konnte ihn nicht ansehen. Sie konnte es nicht ertragen.

„Ich muss mit dir reden, Severus", sagte sie in einem toten, hohlen Tonfall.

Ihre Kehle fühlte sich eng an, und sie war sich nicht sicher, wie sie die Worte herauswürgen sollte. Sie war sich nicht einmal sicher, was sie sagen wollte. Ausnahmsweise war Hermione nicht vorbereitet.

„Hermione", sagte Severus, während er seinen Zeigefinger unter ihr Kinn legte und sie dazu brachte, ihn anzuschauen. „Bitte, du machst mir Angst. Was ist hier los?"

Als sie in seine sorgenvollen dunklen Augen blickte, verlor sie fast die Nerven. Einen Moment lang dachte sie daran, zu lügen und zu sagen, es sei nichts, dann würde sie einfach verschwinden. Aber das konnte sie ihm nicht antun. Sie konnte ihn nicht spurlos und ohne Erklärung zurücklassen. Sie musste ihm etwas sagen. Das war sie ihm schuldig.

„Ich – ich weiß nicht, wie ich es dir sagen soll", gab sie flüsternd zu. „Ich weiß nicht, wie ich das tun soll."

Sie sah wieder nach unten, unfähig, ihn anzusehen, während sie ihm das Herz herausriss.

Severus ließ sie los und trat einen Schritt zurück. Keiner der beiden sagte ein Wort, während Severus ihr Gesicht sorgfältig studierte. Sie war sich nicht ganz sicher, was ihr Gesichtsausdruck ihm zeigte, aber sie beobachtete, wie sich seine Augen langsam verengten.

„Du machst mit mir Schluss." Sagte er. Es war keine Frage.

Hermione konnte ihr Herz in den Ohren klopfen hören. Es war ganz typisch für ihn, dass er vorschnell die schlimmsten Schlüsse zog. Leider hatte er dieses Mal recht. Das war es doch, was sie tat, nicht wahr?

„Ja", sagte sie fast lautlos.

Er schwieg mehrere Herzschläge lang. Dann schnaubte er.

„Ich wusste, dass es zu schön war, um von Dauer zu sein. Nichts Gutes währt ewig", sagte er so leise, dass sie die Worte fast nicht verstehen konnte.

Sie musste etwas sagen. Er musste wissen, dass es nicht ihre Entscheidung war.

„Ich – ich will das nicht tun, Severus!" sagte sie schnell und warf einen Blick auf sein Gesicht.

Sie wünschte, sie hätte nicht hingesehen.

Es war nicht ihr Severus, der sie in diesem Moment anschaute. Es war der Junge aus ihren ersten Wochen in der Vergangenheit. Seine Augen, die monatelang von Wärme und Liebe erfüllt gewesen waren, waren kalt und mutlos. Seine Hände waren fest an seine Seiten gepresst. Er war verletzt. Sie hatte ihn verletzt.

„Sieht Black für dich also endlich nach der besseren Option aus?" fragte er mit dem spöttischen Grinsen, das sie schon lange nicht mehr an ihm gesehen hatte.

Sie wich einen Schritt zurück, fast so, als hätte er sie geschlagen.

„Sei nicht grausam, Severus", flehte sie leise.

Sie hatte das halb erwartet. Sie kannte Severus ziemlich gut und wusste, dass sein Abwehrmechanismus, kalt und abweisend zu sein, einsetzen würde. Aber trotzdem hoffte sie, dass das nicht der Fall sein würde.

Er stieß ein freudloses Lachen aus.

„Das ist heuchlerisch, Hermione! Sei nicht so grausam", wiederholte er in einer piepsigen Imitation ihrer Stimme. „Du machst aus heiterem Himmel einfach so mit mir Schluss und hast die Frechheit, mir zu sagen, dass ich nicht grausam sein soll", spuckte er.

Hermione machte einen Schritt auf ihn zu und berührte seinen Arm. Er wich zurück und machte einen Schritt nach hinten.

„Fass mich nicht an!" zischte er.

Die Tränen flossen nun unaufhörlich aus ihr heraus. Sie spürte, wie ihr eigenes Herz in zwei Teile zerriss.

„Severus, bitte! Es ist nicht so, wie du denkst! Es gibt keinen anderen", schwor sie ihm.

Er schnaubte und wandte sich von ihr ab.

„Es ist wahr!" rief sie. „Ich – ich habe einen Brief von meinen Eltern bekommen", begann sie zu lügen. „Sie – sie wollen mich wieder bei sich haben. Sie wollen, dass ich zu ihnen nach Amerika ziehe."

Sie hörte, wie er erneut schnaubte und ‚genau' murmelte.

„Severus, ich lüge nicht, ich muss nach Hause!" Ihre Stimme brach bei dem letzten Wort.

Das war eigentlich keine Lüge. Sie ging nach Hause.

„Und", sie atmete tief und zitternd ein. „Ich reise heute Abend ab."

Severus drehte sich wieder um, und als er das tat, bemerkte sie, dass seine Augen rot gerändert und wässrig waren.

„Heute Abend?!" fragte er mit einer Stimme wie Sandpapier.

Hermione nickte. Ihre Unterlippe zitterte.

„Wie lange weißt du es schon? Warum hast du so lange damit gewartet, es mir zu sagen?" fragte er, ohne ihr in die Augen zu sehen.

Weil sie die begrenzte Zeit, die sie mit ihm hatte, genießen wollte. Denn sie wusste, wenn sie ihm früher gesagt hätte, dass sie ihn verlassen musste, hätte sie ihn nie wieder gesehen. Weil... weil sie ihm nicht die Wahrheit sagen durfte. Nicht einmal dann.

„Ich habe es selbst gerade erst erfahren", sagte sie ihm und klang dabei atemlos.

Einige Augenblicke lang war es still. Hermione wusste nicht, was sie noch hätte sagen können. Sie wusste nicht, ob irgendetwas, was sie sagte, hätte helfen können. Aber es gab etwas, das sie ihn wissen lassen musste.

„Severus, du musst wissen, dass ich dich wirklich liebe und -"

„Nicht!" schrie er.

Sein Gesicht verzerrte sich zu einem so schmerzhaften Ausdruck, dass Hermione sicher war, dass ihr Herz in ihrem Brustkorb zerbrach.

„Sag mir nicht, dass du mich liebst, ich will es nicht hören! Geh weg! Geh, wenn es das ist, was du tun willst!"

Hermione stand wie erstarrt. Sie nahm an, dass die Sache heute Abend schlecht ausgehen würde, aber trotzdem wollte sie ihn nicht so zurücklassen.

„Severus, bitte", flehte sie. „Das ist alles außerhalb meiner Kontrolle! Bitte lass es nicht so enden."

Ein humorloses Lächeln bildete sich auf seinen Lippen, als er den Kopf über sie schüttelte.

Ich bin nicht derjenige, der die Dinge beendet, Hermione. Du bist es. Also geh", sagte er in einem so kalten Ton, dass Hermione tatsächlich erschauderte.

Das war's dann, beschloss sie. Es hatte keinen Sinn mehr, sich mit ihm zu streiten. Es war klar, dass sie wirklich am Ende waren.

„Wenn du das willst", sagte sie.

„Was ich will, spielt offensichtlich keine Rolle", spuckte er. „Aber in diesem Fall, ja, möchte ich, dass du gehst."

„Ich – ich werde dann einfach gehen", sagte sie, ohne jegliche Emotion.

Severus starrte nur. Sein Gesicht war leer und unleserlich. Das schmerzte sie mehr als alles, was er zu ihr gesagt hatte.

Hermione drehte sich um und ging langsam zur Tür. Als sie die Klinke drückte, zögerte sie einen Moment.

„Ich liebe dich wirklich, Severus", sagte sie ihm. „Das werde ich wahrscheinlich immer tun. Ich hoffe... ich hoffe, du erinnerst dich daran, falls – falls wir uns jemals wiedersehen."

Er sagte nichts. Ehrlich gesagt, hatte sie das auch nicht von ihm erwartet.

Als sie auf den Korridor hinausging und die Tür hinter sich schloss, hörte sie unüberhörbar das Zersplittern von Glas.

Sie rannte, so schnell sie konnte, vom Klassenzimmer weg. Sie konnte es nicht mehr ertragen, noch mehr zu hören.

Kurz darauf kam Hermione in Dumbledores Büro an, ihre Augen waren vom Weinen geschwollen und ihr Gesicht war fleckig. Dumbledore warf einen Blick auf sie, als sie eintrat, und erhob sich von seinem Platz.

„Miss Granger", sagte er.

Das Mitgefühl in seiner Stimme ließ sie vor Wut schäumen. Er hatte kein Recht, so zu klingen, als ob es ihm leid tat. All das war seine Schuld!

„Warum?" fragte Hermione, ihre Stimme voller Gift. „Warum haben Sie mich das durchmachen lassen?"

Als Dumbledore sie wieder ansah, schien er das Funkeln verloren zu haben, das normalerweise in seinen Augen leuchtete. Sein Blick war düster. Er war auch fast bedauernd.

„Es tut mir leid, Hermione", sagte er und klang dabei aufrichtig. „Ich fürchte, ich habe im Moment keine Antwort für Sie."

Hermione machte ein Geräusch, das fast wie ein Knurren klang. Sie hatte genug von den unbeantworteten Fragen, den Lügen und der ganzen Geheimniskrämerei.

„Aber", fuhr Dumbledore fort. „Ich bin ganz sicher, dass ich eines Tages die Antwort haben werde. Und ich bin auch sicher, dass ich sie eines Tages mit Ihnen teilen werde."

„Ich werde Sie daran erinnern, Sir", versprach Hermione.

Das meinte sie ernst. Hermione hatte die feste Absicht, sein Porträt bei der ersten Gelegenheit zu befragen, die sich ihr bot.

Professor Dumbledore lachte leise.

„Davon bin ich überzeugt, meine Liebe."

Hermione hatte es nicht bemerkt, als sie hereinkam, aber auf dem Sessel, in dem sie normalerweise bei ihren Treffen mit dem Schulleiter saß, lagen das Sweatshirt mit Kapuze und die Jeans, die sie bei ihrer Ankunft in der Vergangenheit getragen hatte. Hermione nahm an, dass es Sinn machte, dass sie sich umzog. Sie konnte nicht einfach in Ravenclaw- Roben nach Hause kommen. Nicht, bevor sie Zeit hatte, alles zu erklären.

„Also", sagte Dumbledore und erschreckte sie wieder zur Aufmerksamkeit. „Wie wir gestern Abend besprochen haben, sollte der Zeitumkehrer Sie am zweiten Mai 1998 um halb zwei Uhr morgens in mein Büro zurückbringen, richtig?"

Hermione nickte.

„Richtig, Sir."

„Und sollte etwas schief gehen, werden Sie sofort versuchen, mich aufzusuchen", fügte er hinzu.

Hermione nickte erneut. Nur wenn sie irgendwann vor seinem Tod gelandet war, ergänzte sie in ihrem Kopf.

Dumbledore deutete auf ihre Kleidung auf dem Stuhl.

„Dann schlage ich vor, dass Sie sich umziehen, Miss Granger."

Er deutete auf eine Tür zwischen einem Schrank und der Treppe, die zu seinem Schlafbereich führte.

„Dort drüben ist ein Waschraum, den Sie benutzen können. Ich werde den Zeitumkehrer für Sie einstellen, sobald Sie wieder herauskommen."

Hermione hatte ein flaues Gefühl im Magen. Wie schnell war ihre Zeit hier vergangen. Es kam ihr vor, als wäre sie gerade erst angekommen, und nun würde sie nach Hause zurückkehren. Aber nicht genau das Zuhause, das sie verlassen hatte. Sie würde inmitten der schlimmsten Schlacht zurückkehren, von der sie sicher war, dass sie sie jemals in ihrem Leben erlebt hatte. Es würde nicht die ruhige, düstere Szene vom Morgen ihres Sieges sein.

Als sie sich umzog, tat sie dies fast wie von selbst. Dann holte sie ihren Zauberstab heraus und entfernte den Glamour-Zauber von ihrem Haar und ihren Narben. Sie blickte in den Spiegel und sah eine vertraute Fremde, die sie mit großen, emotionslosen Augen ansah.

Wie sehr hätte sie sich gewünscht, dass die Sache mit Severus anders ausgegangen wäre. Sie wünschte, sie hätten einen schöneren Abschied haben können. Aber hoffentlich konnten sie bald ein schönes Wiedersehen haben.

Hermione faltete ihren Ravenclaw-Umhang über ihren Arm und ging zurück in Dumbledores Büro. Sie sah fast genauso aus wie in der Nacht, als sie zum ersten Mal hier ankam. Die einzigen Unterschiede waren der Stimmungsring von Amelia an ihrer Hand und die Kämme von Severus in ihrem Haar. All ihre anderen Sachen ließ sie zurück, aber die würde sie ganz sicher nicht zurücklassen.

„Wenn Sie so weit sind, Miss Granger", sagte Dumbledore, als Hermione ihre Kleider auf den Sessel vor seinem Schreibtisch legte.

War sie bereit? Nein, natürlich nicht. Aber sie wusste, dass es Zeit war, zu gehen. Ihre Zeit in der Vergangenheit war nun wirklich zu Ende.

„Ich bin bereit, Sir", sagte sie.

„Sehr gut", sagte Dumbledore und reichte ihr den goldenen Zeitumkehrer.

Nachdem Hermione die Kette um ihren Hals gelegt hatte, reichte Dumbledore ihr den kleinen Perlenbeutel, den sie am Abend zuvor in seinem Büro vergessen hatte. Hermione griff hinein und holte ein kleines Fläschchen heraus. Es war das Gegengift, das sie in die Vordertasche ihrer Jeans steckte.

„Ich habe den Zeitumkehrer bereits für Sie eingestellt. Sie müssen nur noch auf ihn drücken, wenn Sie bereit sind."

Hermione nickte ihm als Zeichen ihres Verstehens zu. Sie griff nach unten und hielt die kleine Sanduhr in ihrer zitternden Hand.

„Sir, ich bin mir immer noch nicht sicher, was das alles gebracht hat, aber ich möchte Ihnen für Ihre Hilfe und Ihr Vertrauen in mich während ich hier war, danken", sagte sie zu Dumbledore.

Ja, ein großer Teil von ihr war verärgert über ihn, sogar wütend, aber er war immer noch Albus Dumbledore. Er war nicht perfekt, so viel hatte sie gelernt, aber er war immer noch einer der größten Zauberer, die sie je kennenlernen würde.

„Es war mir ein Vergnügen, Hermione Granger", sagte er ihr mit verbeugtem Kopf. „Ich werde mich nicht verabschieden, sondern sagen, dass wir uns bald wiedersehen." Er zwinkerte ihr zu.

Hermione erlaubte sich ein Lächeln.

„Bis bald, Professor", sagte sie und drückte auf die winzige Kurbel des Zeitumkehrers.

Der Raum um sie herum begann sich zu drehen. Unabhängig davon, ob sie dazu bereit war oder nicht, war es jetzt zu spät, um es rückgängig zu machen.