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3. November 1976
Nach der Halloween-Party hatte Hermione sich geschworen, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um sicherzustellen, dass Severus die Nacht der Großen Schlacht überleben würde. Sie war sich nicht sicher, ob das Jahr 1976 und die Tatsache, dass sie seine Freundin – oder was auch immer sie war – ausgereicht hätten, also hatte sie sich einen Ersatzplan ausgedacht.
Am Mittwochabend saß sie allein in der Bibliothek und recherchierte über Gegengifte, fest entschlossen, so gut wie möglich vorbereitet zu sein. Normalerweise wäre Severus bei ihr gewesen, aber sie war dankbar für das Nachsitzen, das er sich wegen eines weiteren Streits mit Sirius im gemeinsamen Zauberkunstunterricht von Gryffindor und Slytherin verdient hatte. Sie wollte ihn nicht darüber anlügen, was sie vorhatte. Zumindest jetzt noch nicht.
Ihre Augen wurden schwer, während sie verschiedene Zutaten und Methoden aufschrieb, die sie gefunden hatte, in der Hoffnung, etwas brauen zu können, das sich als nützlich gegen Naginis Gift erwies, falls es nach ihrer Anwesenheit in der Vergangenheit dazu kommen würde. An einige der Zutaten würde sie nur schwer herankommen, es sei denn, sie würde mit Slughorn sprechen und vielleicht Interesse an einer Zaubertränke-Lehre andeuten, dann könnte sie ihm vorgaukeln, dass sie an dem Zaubertrank für ihre Bewerbung in dem Programm arbeiten würde. Die Idee, zu stehlen, wie sie es in ihrem zweiten Jahr getan hatte, um den Vielsafttrank herzustellen, gefiel ihr nicht, da dies nun völlig andere Umstände waren.
Hermione beschloss, für heute Schluss zu machen, packte ihre Sachen und machte sich auf den Weg zurück zum Ravenclaw-Turm. Als sie durch die fast leeren Korridore ging, schweiften ihre Gedanken zurück zum Ende der Party am letzten Abend. Sie wusste, dass Severus sich darüber aufgeregt hatte, dass sie weggelaufen war, als sie einem Kuss so nahe gewesen waren, aber sie hatte ihn schließlich wieder in bessere Laune gebracht, als der Abend zu Ende war.
Sie hatte dieses flaue Gefühl im Magen, wenn sie daran dachte, wie er vor dem Eingang zu ihrem Gemeinschaftsraum ihre Hand genommen, sie langsam an seine Lippen geführt und ihr einen sanften Kuss auf den Rücken gedrückt hatte, bevor er ihr gute Nacht sagte. Auch die Tatsache, dass er darauf bestanden hatte, sie den ganzen Weg dorthin zu begleiten, rührte ihr Herz. Er erwies sich als viel süßer, als sie es je erwartet hatte.
Die kühle Spätherbstluft jagte ihr einen Schauer über den Rücken, als sie ging. Die Nächte waren in letzter Zeit viel kälter geworden, und sie verfluchte ihre Dummheit, ihren dickeren Mantel nicht mit in die Bibliothek genommen zu haben.
Als sie um eine Ecke bog, fluchte sie leise vor sich hin. Sirius und James kamen auf sie zu, wahrscheinlich auf dem Weg nach Gryffindor, nachdem Sirius nachsitzen musste.
„Alles klar bei dir, Devereux?" rief Sirius zu ihr hinunter, als sie sich näherten.
Hermione ermahnte sich selbst, ruhig zu bleiben und zu versuchen, ausnahmsweise ein kurzes und angenehmes Gespräch mit ihm zu führen.
„Black. Potter. Wie geht es euch?" fragte sie höflich.
„Hey, Devereux", sagte James mit einem echten Lächeln.
Auch wenn sie wusste, dass er manchmal ein Trottel sein konnte, mochte Hermione James Potter wirklich. Nicht, dass sie das Severus gegenüber jemals zugeben würde. Aber James war nie etwas anderes als nett zu ihr gewesen, also hatte sie keinen Grund, ihn nicht zu mögen. Außerdem sah er ihrem besten Freund so ähnlich, dass sie sich manchmal wie zu Hause fühlte, wenn sie ihn ansah
James blickte auf ihre Tasche hinunter und lachte.
„Schon wieder die Bibliothek?"
Hermione nickte.
„Ich mache nur ein paar Zaubertränkearbeiten fertig."
Was eigentlich keine Lüge war.
Sirius schnaubte und trat ein wenig näher heran, als ihr lieb war.
„Du, Remus, Bones, Evans. Ihr seid alle viel zu verspannt", schimpfte er spöttisch.
James verpasste Sirius eine Ohrfeige, wovon Hermione annahm, dass sie auf die Beleidigung von Lily zurückzuführen war.
„He!" brüllte er. „An meinem Geburtstag, Krone?"
Hermione hatte das Datum völlig vergessen, aber sie hatte sich nicht allzu schlecht gefühlt. Es war ja nicht so, dass sie hätte wissen müssen, wann Sirius Blacks Geburtstag war.
„Herzlichen Glückwunsch", sagte sie ihm.
Sirius blitzte sie mit seinen Zähnen an und zwinkerte ihr zu.
„Danke, meine Schöne."
„Nun, ich will euch beide nicht aufhalten. Ich bin sicher, ihr habt heute Abend schon etwas vor, wenn man bedenkt…"
Sie gestikulierte zu Sirius und versuchte, sich zwischen den beiden Jungen durchzudrängen.
Sie knurrte fast, als Sirius ihr den Weg versperrte und den Kopf schüttelte.
„Ach komm schon, Devereux. Geh noch nicht", schmollte er. „Ich wollte dich sowieso etwas fragen."
Hermione schloss ihre Augen und stieß einen tiefen Seufzer aus. So viel zu einem kurzen angenehmen Austausch, dachte sie bitter.
„Was?", fragte sie mit zusammengebissenen Zähnen.
Sirius stieß ein Lachen aus, das so sehr nach seinem älteren Ich klang, dass Hermione kurz zusammenzuckte.
„Sei doch nicht so. Außerdem musst du nett zu dem Geburtstagskind sein. Das ist eine Vorschrift."
Sie konnte nicht anders und musste lachen.
„Ach? Muss ich das?" forderte sie mit einer hochgezogenen Augenbraue heraus.
James hustete schnell, um sein Lachen zu verbergen.
„Du verlierst dein Gespür, Kumpel."
„Verpiss dich, James", erwiderte Sirius spielerisch.
Es war, als würde sie Fred und George beobachten, stellte sie traurig fest. Das Wissen, dass drei der vier tot sein würden, wenn sie nach Hause zurückkehrte, ließ einen kleinen Kloß in ihrem Hals entstehen.
„Was wolltest du, Sirius?" fragte sie und wollte unbedingt gehen.
Sirius verlor den spielerischen Blick, den er aufgesetzt hatte. Er ließ seinen Blick über sie gleiten und schüttelte den Kopf.
„Hast du wirklich etwas mit diesem Idioten?"
Hermiones Nasenflügel flatterten. Sie holte tief Luft, um sich zu beruhigen. Was ging ihn das überhaupt an?
„Und wenn ich das habe?" antwortete sie mit einer eigenen Frage.
„Nun…", er senkte und hob seine Hand vor ihr. „Schau dich an. Und dann, sieh ihn an. Du könntest es besser machen."
Sie umklammerte ihren Zauberstab so fest, dass es wehtat, während sie versuchte, den Drang zu kontrollieren, ihn auf der Stelle zu verhexen.
Ein bitteres Lachen kam über ihre Lippen.
„Meinst du dich?" zischte sie.
Sirius' Blick huschte über ihre Zauberstabhand, bevor er sich wieder ihren Augen zuwandte. Sie sah, wie sich seine Wangen verfinsterten.
„Nun, ja, oder, ähm, nein. Ich meine – eigentlich jeder", stotterte er.
Hermione richtete sich zu ihrer vollen Größe auf und sprach laut und eindringlich.
„Erstens ist das unglaublich unhöflich. Und zweitens sehe ich nicht ein, warum dich das etwas angeht, Sirius Black. Mit wem ich meine Zeit verbringe, entscheide ich, und nur ich. Und um die Wahrheit zu sagen, Severus hat bewiesen, dass er doppelt so gut ist, wie du dich gezeigt hast."
Sirius war sprachlos, doch James hatte das Bedürfnis, sich einzumischen.
„Hermione", begann er sanft. „Du weißt nicht, was er getan hat und mit wem er sich herumtreibt."
Natürlich war ihr mehr als bewusst, welche Art von Menschen Severus kannte, aber das bedeutete nicht, dass er diese Menschen mochte. Hermione betrachtete diese Beziehungen eher als eine Sache der Bequemlichkeit. Eine Möglichkeit für ihn, unbehelligt in Slytherin zu leben. Je besser sie Severus kennen gelernt hatte, desto mehr war ihr klar geworden, dass er nicht wie diese Leute war, die Todesser waren oder werden würden.
„Er gibt sich mit mir ab, James. Glaubst du, dass ich ein schlechter Mensch bin?" fragte sie herausfordernd.
„Natürlich nicht", versicherte James ihr sofort. „Remus hat nur Gutes über dich gesagt, also weiß ich, dass du okay bist. Ich weiß, dass wir uns nicht nahe stehen, aber eine Freundin von Remus ist auch eine Freundin von mir, und wir wollen nicht, dass dir etwas passiert."
Hermione musste die Loyalität bewundern, die James gegenüber seinen Freunden zeigte. Doch es machte sie traurig, dass diese Loyalität schließlich sein Leben beendete. Als sie in das besorgte Gesicht blickte, das dem ihres besten Freundes so ähnlich war, nur mit der falschen Augenfarbe, spürte Hermione, wie sich ihre Wut abbaute.
„Schau. Ich weiß deine Besorgnis zu schätzen, aber ehrlich gesagt, ist sie unangebracht. Ich bin durchaus in der Lage, auf mich selbst aufzupassen", sagte sie in einem sanfteren Ton als zuvor.
Sirius und James wollten darüber streiten, aber Hermione hob ihre Hand, um sie aufzuhalten.
„Sirius, James, ich bin todmüde, also wenn es euch nichts ausmacht, gehe ich jetzt zurück in meinen Gemeinschaftsraum."
Sie machte ein ernstes Gesicht, und beiden war klar, dass sie sich nicht streiten sollten. Widerstrebend wünschten sie ihr eine gute Nacht und ließen sie schließlich gehen.
Als sie wieder in ihrem Schlafsaal ankam, war sie wie stehend k.o. Sie konnte sich kaum daran erinnern, dass sie sich fürs Bett umgezogen oder mit Amelia gesprochen hatte. Hermione war in dem Moment eingeschlafen, als ihr Kopf das Kissen berührte.
4. November 1976
„Und vergesst nicht, dass ich bis Dienstag zwei Rollen Pergament über die als Gegengift dienenden Eigenschaften von Einhornhörnern haben will", rief Slughorn über das Getümmel der SchülerInnen hinweg, die am Donnerstagnachmittag den Unterricht verließen.
„Fertig?" fragte Severus, als das Klassenzimmer fast leer war.
Hermione trödelte einen Moment lang.
„Geh du nur", sagte sie. „Ich muss einen Moment mit Professor Slughorn sprechen." Sie sah, wie sich sein Gesicht verzog. „Es wird nicht lange dauern, wenn du draußen warten willst", fügte sie hinzu.
„In Ordnung. Ich warte einfach vor der Tür", sagte er und beäugte sie misstrauisch.
Es war das erste Mal, dass sie dies tat, seit sie gemeinsam zum Unterricht gingen. Jedes andere Mal, wenn sie zurückblieb, um mit ihrem Professor zu sprechen, tat sie dies in Anwesenheit von Severus. Hermione nahm seinem Tonfall nach an, dass er dachte, dass sie etwas verheimlichte, aber sie ließ sich davon nicht beunruhigen. Immerhin versuchte sie, sein Leben zu retten.
Nachdem Severus das Klassenzimmer verlassen hatte, sah Slughorn auf und bemerkte, dass Hermione zurückgeblieben war. Er lächelte sie freundlich an.
„Miss Devereux. Was kann ich für Sie tun, meine Liebe?"
„Sir, ich habe nachgedacht, und ich glaube, ich möchte meine Ausbildung in Zaubertränken fortsetzen, wenn meine Zeit in Hogwarts vorbei ist", log sie.
Slughorn sah mehr als erfreut über diese Nachricht aus. Er klatschte in die Hände und stieß ein Lachen aus.
„Das sind ja wunderbare Neuigkeiten, einfach wunderbar! Ich weiß genau die richtige Person für Sie, bei der Sie eine Ausbildung machen können, denn ich nehme an, das ist der Grund, warum Sie mir das erzählen", sagte er.
Er spielte ihr direkt in die Hände, genau wie sie wusste, dass er es tun würde.
„Das wäre sehr freundlich von Ihnen, Sir." Sie lächelte und versuchte, bescheiden zu wirken.
„Natürlich müssten Sie einen ausreichend guten Trank brauen, um Ihre Hingabe zu beweisen, Miss Devereux." Er beugte sich vor und flüsterte: „Aber wir beide wissen, dass das für eine so begabte Schülerin wie Sie kein Problem sein dürfte."
Dies erwies sich als viel einfacher, als sie gehofft hatte. Sie hatte das Gefühl, dass sie vor lauter Freude jeden Moment in Gelächter ausbrechen könnte.
„Das ist der Grund, warum ich hier bin, Professor."
Er zog eine Augenbraue hoch. „Oh?"
„Sir, wenn Sie so freundlich wären, würde ich gerne wissen, ob Sie mir einen Zettel unterschreiben könnten, damit ich einige der Bücher in der Verbotenen Abteilung benutzen kann, denn es gibt da einen Trank, den ich schon zu brauen gedacht habe."
„Natürlich, natürlich! Ich tue alles, um zu helfen!" versprach er.
Hermione konnte das Lächeln nicht unterdrücken, das sich auf ihren Lippen bildete.
„Ich danke Ihnen, Sir. Und wenn es irgendwelche Zutaten gibt, die für mich schwierig zu finden sind, könnte ich dann vielleicht Ihre Hilfe in Anspruch nehmen?" fragte sie und hielt dann den Atem an.
Slughorn antwortete nicht sofort, denn er schien zu überlegen. Hermione wusste, dass sie nicht die erste Schülerin war, die seinen Wunsch, vielversprechenden SchülerInnen zu helfen, ausnutzte, um seine eigene Stellung in der Welt zu verbessern. Sie fragte sich, ob er sich an das letzte Mal erinnerte, als er die Regeln gebrochen hatte, um dies zu tun.
"Wenn die Zeit gekommen ist, werden wir sehen, was für Sie zu verwenden geeignet ist", sagte er in einem selten ernsten Tonfall.
Hermione hatte zwar nicht mit einem klaren Ja gerechnet, aber zumindest war es kein Nein gewesen. Und sie war sich sicher, dass er, wenn die Zeit gekommen war, mehr als bereit sein würde, ihr zu geben, was sie brauchte.
„Vielen Dank, Sir. Ich weiß Ihre Großzügigkeit sehr zu schätzen", sagte sie ihm und ließ ihren Charme spielen.
Slughorn kehrte schnell zu seiner jovialen Art zurück und winkte ab.
„Das ist gar nichts, meine Liebe. Gar nichts."
Dann kritzelte er einen Erlaubnisschein für die Benutzung der Verbotenen Abteilung auf und sandte ihn direkt in ihre Hände.
„Gab es sonst noch etwas für heute, Miss Devereux?"
Da sie wusste, dass ihre Stunde die letzte des Tages für ihn war, vermutete Hermione, dass er es kaum erwarten konnte, sich mit einem großen Brandy in sein Zimmer zurückzuziehen, wie er es normalerweise abends tat.
„Nein, Sir. Das war alles. Und nochmals vielen Dank."
Mit neuem Schwung drehte sich Hermione um und verließ das Klassenzimmer. Wie versprochen stand Severus im Flur und wartete auf sie, als sie herauskam.
„Was sollte das?" fragte er.
Hermione zeigte ihm den Zettel, den sie gerade von Slughorn erhalten hatte.
„Ich muss in die verbotene Abteilung für etwas, das mit Zaubertränken zu tun hat", gab sie zu.
Severus sah sie mit gerunzelter Stirn an.
„Wofür? Wir machen doch nichts im Unterricht, was das erfordern würde."
Sollte sie ihn anlügen, fragte sie sich? Vielleicht sollte sie ihm die Halbwahrheit sagen. Dass sie vorhatte, an Gegengiften zu arbeiten und ihn vielleicht sogar um Hilfe zu bitten. Wenn es Severus war, den sie zu retten versuchte, hätte es Sinn gemacht, wenn er auch gelernt hätte, wie man eines herstellt. Wenn alles gut ging, hätte sie ihn vielleicht davon überzeugen können, immer eine Ampulle bei sich zu tragen. Zum ersten Mal, seit sie hier war, verspürte sie echte Hoffnung. Vielleicht würde sie es doch noch schaffen.
„Ich möchte ein starkes Gegengift brauen, um mich für eine Zaubertränke-Lehre zu bewerben", sagte sie.
Severus' Augenbrauen hoben sich daraufhin. Er sah wirklich beeindruckt aus.
„Möchtest du mir vielleicht helfen?" fragte sie.
Sie beobachtete das Zucken seiner Lippen, als er sie aus den Augenwinkeln ansah. Wenn er zustimmte zu helfen, würde das bedeuten, dass sie beide noch mehr Zeit miteinander verbringen würden, als sie es ohnehin schon getan hatten. Sie hoffte, dass ihn das überzeugen würde, ja zu sagen. Es machte die Idee für sie noch reizvoller, als sie es ohnehin schon war, wenn sie ganz ehrlich war.
„Das könnte sich als vorteilhaft erweisen. Ja. Ja, das würde ich gerne tun", stimmte er zu.
Hermione hatte fast das Gefühl, dass sie den Rest des Korridors hätte überspringen können.
6. November 1976
Am Samstagmorgen klopfte Hermione an die Holztür, die zu Dumbledores Büro führte. Es gab etwas, das sie von ihm brauchte, und sie hoffte inständig, dass er es zu diesem Zeitpunkt hatte.
„Herein", rief Dumbledores Stimme.
Als Hermione das Büro betrat, richtete sich ihr Blick sofort hinter Dumbledore. Ihr fiel das Herz in die Hose, als sie nicht sah, wonach sie suchte. Doch sie gab die Hoffnung noch nicht auf. Vielleicht war es ja irgendwo anders.
Dumbledore legte seinen Federkiel weg und lächelte Hermione freundlich an.
„Miss Granger? Was für eine unerwartete und schöne Überraschung", begrüßte er sie.
Hermione machte einen zaghaften Schritt nach vorne.
„Es tut mir leid, dass ich unangemeldet komme, Sir. Aber ich hatte gehofft, mit Ihnen sprechen zu können, falls Sie Zeit haben."
Dumbledore blickte sie über seine Brille hinweg an und vermittelte ihr wieder das unangenehme Gefühl, als würde er durch sie hindurchsehen.
„Zufällig habe ich gerade ein paar Minuten Zeit", sagte er und wies auf die Sessel vor seinem Schreibtisch. „Bitte, nehmen Sie Platz. Ich hoffe, ich kann auf die Probleme eingehen, die Ihnen Sorgen bereiten."
Hermione setzte sich und legte ihre Hände auf die Oberschenkel, nicht ganz sicher, wie sie fragen sollte, ohne zu viel über die Zukunft zu verraten.
„Sir, ich weiß, es mag seltsam klingen, aber ich habe mich gefragt, ob Sie irgendwelche Haustiere haben."
Dumbledore verschränkte die Finger und lachte dann leise.
„Ja, das ist in der Tat eine seltsame Frage, aber ich bin sicher, sie hat eine gewisse Bedeutung", überlegte er laut. Hermione nickte.
„Das tue ich, Miss Granger, und ich bin mir sicher, dass Sie das wussten, aber sich nicht sicher waren, ob ich zu diesem Zeitpunkt bereits ein so seltenes Geschöpf erworben hatte."
Sie spürte, wie die Anspannung langsam von ihren Schultern wich. Er hatte Fawkes, genau wie sie es gehofft hatte.
„Genau, Sir. Ich habe mich gefragt, ob..." Sie biss sich auf die Lippe, weil sie sich nicht traute, zu fragen, was sie eigentlich fragen wollte.
Dumbledore sah ihr Zögern und sein Blick wurden weicher.
„Miss Granger, Sie sind aus einem bestimmten Grund hier. Wenn ich Ihnen bei irgendetwas behilflich sein kann, scheuen Sie sich bitte nicht, mich zu fragen", sagte er ihr aufrichtig.
Hermione lächelte. „Danke, Sir."
„Also, was wollten Sie unbedingt fragen?"
„Ich brauche eine Phiole mit Phönix-Tränen, Professor", sagte sie ohne weiteres Zögern.
Am Abend zuvor kam ihr eine Idee, als sie in der Verbotenen Abteilung las. In einem Buch gab es einen Abschnitt, in dem es um Versteinerung ging, was sie an den Basilisken aus ihrem zweiten Jahr denken ließ. Derselbe, der Harry gebissen hatte, der eigentlich ohne die Phönixtränen hätte sterben müssen. Wenn sie das Basiliskengift heilen konnten, würden sie sicher auch gegen Naginis Gift helfen.
Dumbledore ließ sich Zeit, bevor er antwortete. Er strich sich über seinen Bart, während er die junge Frau vor ihm musterte. Hermiones Hände zitterten ein wenig, da so viel von seiner Antwort abhing.
Während sie wartete, schien sich alles zu verlangsamen. Seine tickenden Instrumente klangen viel zu laut, aber nicht laut genug, um ihr eigenes Herzklopfen zu übertönen.
Sie hielt den Blickkontakt mit dem Schulleiter und versuchte zu sehen, ob sie seine Entscheidung ablesen konnte, bevor er sie laut aussprach. Ein vertrautes Funkeln leuchtete in seinen Augen auf, und seine Lippen breiteten sich zu einem Lächeln aus.
„Ich werde sehen, was ich tun kann", sagte er, ging aber nicht weiter darauf ein.
Es war nicht genau die Antwort, die sie sich erhofft hatte, aber sie würde sich vorerst damit zufrieden geben.
„Danke, Professor Dumbledore."
7. November 1976
Am Sonntagnachmittag benutzten Hermione und Severus das Klassenzimmer für Zaubertränke, was Slughorn nur allzu gerne erlaubt hatte. Hermione hatte ihre Notizen aufgeschlagen, während sie eine Flamme unter ihrem Kessel entzündete und Severus Jobberknoll-Teile zerkleinerte.
„Hermione?"
Während sie ein paar neue Informationen aufschrieb, sah sie nicht auf, sondern summte leise zur Antwort. Sie hörte jedoch auf zu schreiben, als seine Hand sich sanft auf ihre legte und sie in sein besorgtes Gesicht blickte.
„Was ist los, Severus?"
Severus fuhr sich mit der Hand durch sein Haar. Er starrte sie mit einem fast schmerzhaften Ausdruck an und schüttelte dann langsam den Kopf. Ein gezwungenes Lächeln umspielte seine Lippen.
„Nichts. Ähm ... schon gut", sagte er mit sandpapierartiger Stimme.
Er kehrte zu seiner Zerkleinerung zurück, doch Hermione hielt ihren Blick auf ihn gerichtet. Was auch immer er fragen wollte, schien wichtig zu sein, und sie wollte ihm versichern, dass er mit ihr über alles reden konnte.
„Severus, bitte? Was wolltest du denn sagen?" fragte sie.
Als er wieder den Kopf schüttelte, griff Hermione über den Tisch und legte ihre Hand auf seinen Unterarm.
„Du weißt, dass du mir immer sagen kannst, was du denkst, oder?"
Er atmete laut aus und nickte.
„Das nehme ich an", sagte Severus unsicher.
„Nun, das kannst du", sagte sie ihm in einem sachlichen Ton.
Als er zu ihr aufblickte, sah sie die Unsicherheit und den Zweifel, die seine Augen trübten. Ihre Brust schmerzte, als sie sich fragte, was sie noch hätte tun können, um ihm ihre Loyalität zu beweisen. Was hätte sie tun können, um ihm zu verstehen zu geben, dass sie ihn nicht verraten oder ihm Schaden zufügen würde?
„Ich habe Black und Potter neulich Abend belauscht", sagte er schließlich.
Hermione spürte, wie die Luft aus ihrem Körper entwich. Jetzt wurde ihr klar, warum er in den letzten Tagen so ruhig und distanziert gewesen war. Natürlich hatte er es gehört, dachte sie verbittert.
„Mach dir darüber keine Sorgen, Severus. Sirius ist ein Trottel. Und es ist ja nicht so, dass das, was sie gesagt haben, etwas an meinen Gefühlen für dich geändert hätte."
Sie zuckte innerlich zusammen, nachdem die Worte ‚an meinen Gefühlen für dich' sie verlassen hatten. Vor allem, nachdem sein Mundwinkel bei ihrem Versprecher nach oben zuckte.
Als er sie dann ansah, hatte er eine neu gefundene Hoffnung in seinem Gesichtsausdruck.
„Das ist die Sache, Hermione. Was -", er hielt inne, sah zu Boden und begann, am Ärmel seines Umhangs zu zupfen. „Was empfindest du für mich?" fragte er so leise, dass sie die Worte kaum verstand.
Das war es, geriet sie in Panik. Sie hatte das Gefühl, als ob sie an einem Abgrund balancierte. Wochenlang hatten sie um das Thema herumgetanzt, aber sie hatte das Gefühl, dass sie es nicht länger hätten vermeiden können. Es war schmerzlich offensichtlich, dass sie beide Gefühle füreinander hatten, und wenn sie ihm diese Gefühle verleugnete, riskierte sie möglicherweise sogar, die Freundschaft mit ihm zu verlieren. Und das wollte sie einfach nicht zulassen.
