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22. November 1976

Nachdem Severus sie geküsst hatte, hatte er es nicht wieder versucht. Offenbar versuchte er immer noch, Hermiones Wunsch zu erfüllen, die Dinge langsam anzugehen. Das gefiel ihr, aber sie musste zugeben, dass sie ein wenig beleidigt war, dass er es nicht wieder versucht hatte. Trotzdem hatten sie sich seitdem mehr wie ein Paar verhalten. Sie hielten nun ganz offen Händchen, während sie durch die Gänge gingen, und er hatte sich sogar angewöhnt, morgens am Fuße der Treppe des Ravenclaw-Turms auf sie zu warten. In der Schule kursierten Gerüchte über ihren Status, aber niemand hatte den Mut, einen der beiden direkt danach zu fragen, was beiden von ihnen gut passte. Nach knapp zwei Wochen hatte sich das Gerücht sowieso gelegt, und dann schien es, als würden die meisten Leute nicht einmal mehr mit der Wimper zucken, wenn die beiden zusammen waren.

Am Montagmorgen hatte Hermione unerwartet frei, weil McGonagall krank geworden war und die Verwandlungsstunde ausfallen ließ. Normalerweise hätte sie sich darüber geärgert, einen ihrer Lieblingskurse zu verpassen, aber nicht an diesem Tag. Hermione hatte noch etwas zu erledigen, aber bis dahin hatte sie keine Zeit dafür gefunden.

Den Mantel bis zum Kinn zugeknöpft und die Kapuze über den Kopf gezogen, eilte Hermione über das Schulgelände in Richtung des Verbotenen Waldes.

Sie hoffte, etwas zu finden, das sie für ihr Gegengift brauchte, und obwohl sie es wahrscheinlich im Zaubertränke-Klassenzimmer hätte finden können, wusste sie, dass es stärker wäre, wenn es frisch war.

Die Haut um ihre Nase und ihre Augen brannte von der Kälte, und die kleinen Haarsträhnen, die sich aus ihrer Kapuze lösten, wurden durch den Nebel, der in der Luft lag, feucht. Sie beschleunigte ihr Tempo und ihr Atem vernebelte sich vor ihr, während sie auf die Bäume hinter Hagrids Hütte zu joggte.

Als sie schließlich am Waldrand ankam, warf sie einen Blick über die Schulter zurück, um sich zu vergewissern, dass sie nicht erwischt worden war, denn der Wald war für alle SchülerInnen verboten. Bei Hagrid waren die Lichter aus, und aus dem Schornstein drang kein Rauch, also nahm sie an, dass er bereits im Schloss war. Die Luft war rein.

Als Hermione durch die Bäume trat, war sie gezwungen, ihren Zauberstab vor sich zu erleuchten, da das fehlende Sonnenlicht es so aussehen ließ, als wäre es fast Nacht. Um sie herum bildete sich eine silberne Lichtkugel, die ihr eine Sichtweite von etwa einem Meter verschaffte. Das Knacken von Ästen und das leise Zwitschern von Vögeln in der Ferne sowie unheimliche, unnatürliche Geräusche, von denen sie wusste, dass sie nur im Wald zu hören waren, erfüllten ihre Ohren. Ein Schauer durchlief sie, der nichts mit der Temperatur draußen zu tun hatte.

Zielstrebig bahnte sich Hermione ihren Weg durch die Bäume in Richtung ihres Ziels. Je weiter sie kam, desto ruhiger wurde es, bis die einzigen Geräusche ihr schweres Atmen und das Knistern der Blätter waren, die den Waldboden bedeckten. Nach weiteren fünf Minuten Fußmarsch trat Hermione durch ein Dickicht von Büschen und fand sich auf einer kreisrunden Lichtung wieder, auf der es zum Glück etwas heller war als zuvor.

Es war die Einhornlichtung, zu der Professor Grubbly-Plank sie während Hagrids Abwesenheit in ihrem fünften Jahr gebracht hatte.

Hermione senkte ihren Zauberstab auf den Boden und ging langsam, während sie nasses Laub und Geröll beiseite kickte, in der Hoffnung, dass sie finden würde, was sie suchte. Nach fast zehn Minuten hatte sie die Hoffnung schon fast aufgegeben, bis ihr etwa sieben Schritte vor ihr ein silberner Schimmer auffiel. Sie spürte, wie ihr Herz einen Sprung machte, als sie herbeieilte und den Gegenstand vom Boden aufhob.

Triumph überkam sie, als sie das Horn des Einhorns in der Hand hielt. Als sie den dünnen Flaum bemerkte, der es bedeckte, hätte sie vor Freude fast laut aufgeschrien. Es war in der Tat selten, das Horn eines Einhornfohlens zu finden, aber wenn man das Glück hatte, eines zu besitzen, waren die heilenden Eigenschaften viel stärker, wenn sie von einem so reinen und unschuldigen Tier wie einem jungen stammten.

Es muss gerade vom Fohlen gefallen sein, stellte sie fest, als sie es in ihren Händen drehte, um es zu untersuchen. Die Tatsache, dass es immer noch einen schwachen, schillernden Glanz ausstrahlte und nicht so undurchsichtig war wie die, die man leicht im Laden kaufen konnte, sagte ihr viel. Sie musste zurück in die Schule und es so schnell wie möglich zerstampfen. Nichts anderes wäre so wirksam gewesen.

Hermione hob ihren Zauberstab und zauberte ein Taschentuch, in das sie das kleine Horn einwickelte und dann vorsichtig in die Tasche ihres Umhangs steckte. Das Adrenalin strömte durch ihre Adern, als sie merkte, dass sie in der Hoffnung, einen Trank zu brauen, der stark genug war, um Severus am Leben zu erhalten, einen gewaltigen Schritt nach vorne gemacht hatte.

Als sie wieder ins Schloss zurückkehrte, stieß sie fast mit Amelia zusammen, als diese auf dem Weg zum Ravenclaw-Turm war, um ihre Schulsachen für den Arithmantikunterricht abzuholen.

„Bei Merlins Socken, Hermione!" rief Amelia aus. „Was zum Teufel hast du da draußen gemacht? Es ist absolut schrecklich da draußen."

Hermione hielt einen Moment inne, während sie ihre Kapuze abnahm und sich orientierte.

„Ich brauchte nur etwas frische Luft", log sie und atmete schwer.

Amelia kniff die Augen zusammen und sah aus, als ob sie ihr nicht geglaubt hätte.

„Richtig. Nun, ist ja egal. Snape hat nach dir gesucht", sagte sie ihr.

Ihr wurde flau im Magen. Sie hatte völlig vergessen, ihm zu sagen, dass sie an diesem Morgen nicht zum Frühstück kommen würde.

„Verdammt. Na ja, schon gut. Ich sehe ihn ja sowieso gleich im Unterricht."

Hermione begann wieder zu gehen, Amelia neben ihr.

„Wirst du mir jetzt endlich sagen, was wirklich zwischen euch beiden läuft?" fragte Amelia.

Sie sah ihre Freundin aus den Augenwinkeln an und atmete laut aus.

„Um ehrlich zu sein, weiß ich nicht einmal, wie ich es beschreiben soll", gab sie zu. „Ich hätte es dir früher sagen sollen, aber ich wusste nicht, wie du reagieren würdest."

„Mir was sagen?"

Hermione blieb stehen und drehte sich um, um Amelia direkt anzusehen. Amelias Augen brannten vor Neugierde, während sie darauf wartete, dass Hermione fortfuhr.

„Er – ähm ... wir haben uns geküsst", murmelte sie.

Langsam bildete sich ein Lächeln auf Amelias Lippen, während Hermione sich mental darauf vorbereitete, dass ihre Freundin es missbilligen würde.

„Das ist toll, Hermione!" sagte Amelia und überraschte sie damit völlig.

Sie runzelte die Stirn.

„Aber ich dachte – ich meine – du magst ihn nicht?" stammelte Hermione.

Amelia schnaubte, als die beiden Mädchen wieder zu gehen begannen.

„Es ist nicht so, dass ich ihn nicht mag, Hermione. Ich kenne ihn kaum. Ich mag nur einige der Dinge nicht, von denen ich gehört habe, dass er sie getan hat."

Hermione öffnete den Mund, um Severus zu verteidigen, aber Amelia hielt sie auf.

„Hey, ich vertraue auf dein Urteilsvermögen, und wenn du ihn magst, dann kann er nicht so schlecht sein." Sie grinste.

Hermiones Mundwinkel zuckten.

„Nein, ist er nicht", sagte sie.

Amelia nahm das Eingeständnis von Hermione als Einladung, über Jungs und Beziehungen zu sprechen, und erzählte Hermione, dass Remus sie an diesem Morgen endlich gefragt hatte, ob sie seine Freundin sein wollte. Hermione freute sich aufrichtig für die beiden und wusste aus der kurzen Zeit, in der sie mit den beiden befreundet war, dass dies längst überfällig war.

Ihr Gespräch hatte nicht lange gedauert, da Amelia auf die andere Seite des Schlosses eilen musste, um nicht zu spät zu ihrer Muggelkunde-Stunde zu kommen. Die Mädchen trennten sich in der Nähe des Ravenclaw-Gemeinschaftsraums, und Hermione eilte die Treppe hinauf zu ihrem Schlafsaal.

Drinnen angekommen, holte sie schnell ihren Mörser und Stößel und nahm dann das Einhornhorn aus ihrem Mantel. Als sie es zu einem feinen, bunten Pulver zermahlte, wurde ihr bewusst, dass sie zu spät zum Unterricht kommen würde. Severus hätte sich sicher Sorgen um sie gemacht, da sie den ganzen Morgen gefehlt hatte, aber sie würde sich eine Ausrede einfallen lassen, weil sie sich nicht wohl fühlte oder etwas in der Art. Sie hatte diese Kurse schon einmal belegt, es war also nicht so, dass sie für ihre Ausbildung von entscheidender Bedeutung waren.

Sobald das Horn vollständig zerkleinert war, zauberte sie eine Glasphiole und schüttete den Inhalt des Mörsers vorsichtig hinein. Als der Verschluss aufgesetzt war, legte sie einen Stasiszauber auf das Pulver, um sicherzustellen, dass es so frisch wie möglich blieb. Dann wickelte sie die Phiole in das Taschentuch ein, in dem sich das Horn zuvor befunden hatte, und legte sie unten in ihren Schulkoffer.

Als sie fertig war, sich umzog und ihre Sachen zusammensuchte, wäre sie fast eine halbe Stunde zu spät zum Unterricht gekommen. Da sie dachte, dass es sinnlos wäre, aufzutauchen, wenn die Stunde schon fast zu Ende war, ging sie stattdessen langsam zur Bibliothek, in der Hoffnung, die Leere dort auszunutzen, während die meisten anderen SchülerInnen ihren Unterricht besuchten.

Da sie wusste, dass Greifenkrallen in Kraftsteigerungslösungen verwendet wurden, wollte sie mehr über sie und ihre Verwendungsmöglichkeiten herausfinden, um zu sehen, ob die Verwendung einer Kralle von Vorteil wäre. Und um zu sehen, ob es irgendwelche negativen Reaktionen mit den anderen Zutaten geben würde, die sie bereits gesammelt hatte und zu mischen plante.


25. November 1976

„Verdammt! Verdammt, verdammt, verdammt! Ich werde das nie richtig hinbekommen!" schrie Hermione, während sie den Schlamm des verbrannten Zaubertranks aufsaugte, der aus dem Kessel explodierte und auf ihr selbst und dem halben Zaubertränke-Klassenzimmer landete.

Alles schien reibungslos zu verlaufen, bis sie den impulsiven Entschluss fasste, ein paar Tropfen Drachenblut in ihr Gebräu zu geben. In dem Moment, in dem der dritte Tropfen in die Mischung fiel, ging das Ganze in Flammen auf, brodelte und brach wie ein Vulkan aus dem Kessel aus. Abgesehen von ein paar versengten Haaren und ein paar Löchern in ihrem Gewand blieb sie glücklicherweise körperlich unversehrt. Geistig jedoch war das eine ganz andere Geschichte.

Als alles aufgeräumt war, stiegen ihr Tränen der Frustration in die Augen, und bevor sie sie zurückhalten konnte, liefen sie ihr über die Wangen. Sie hatte geglaubt, sie hätte es geschafft, aber sie war wieder ohne Ergebnis geblieben. Jede Nacht hatte sie an ihrem Gegengift gearbeitet, und jede Nacht wurde sie entmutigter. Sie musste es einfach richtig machen.

Es dauerte nicht lange, bis ihre Frustration in Trauer umschlug, als sie an die Folgen ihres Misserfolgs dachte. Die Bilder eines erwachsenen Severus, der aus mehreren Punktionswunden blutete, während er seine Worte gurgelte, schossen ihr durch den Kopf. Sie wäre fast unter der Last ihrer Angst zusammengebrochen, als sie diesen Moment noch einmal erlebte.

Hermiones Kopf schnellte hoch, als sie einen Arm um ihre Schultern spürte. Schnell wischte sie sich über das Gesicht und drehte sich um, um zu sehen, wer es war, obwohl sie es schon wusste.

Severus sah sie mit einer Falte zwischen den Augenbrauen an, während er ihr eine verirrte Träne aus dem Auge wischte.

„Was ist passiert?" fragte er.

Ihn dort zu sehen, jung, gesund und lebendig, nach den Bildern, die sie gerade hinter ihren geschlossenen Augen gesehen hatte, war zu viel für sie, um es in diesem Moment zu verarbeiten. Ihr ganzer Körper vibrierte, als neue Schluchzer ihren Körper durchzuckten. Severus zögerte kurz, bevor er beide Arme um sie schlang.

„Pst. Ist ja gut", versuchte er sie zu beruhigen und streichelte ihr Haar, während sie in seine Schulter weinte.

„Es – i – ist explodiert!" hickste Hermione in seinen Umhang.

Sie wusste, dass sie völlig albern aussah, als sie über ihren gescheiterten Versuch schluchzte, denn Severus konnte nicht begriffen, wie wichtig es für sie war, dass sie es schaffte. Für ihn war es nur etwas, woran sie für ihre Ausbildung arbeitete, nicht eine Frage von Leben und Tod, die es in Wirklichkeit war.

Hermione weinte fast zwanzig Minuten lang. Severus hielt sie die ganze Zeit über im Arm. Es war das erste Mal seit Monaten, dass Hermione endlich all die Angst, die Unsicherheit, den Stress und die Traurigkeit, die sie seit über einem Jahr empfunden hatte, herausließ. Es war das erste Mal, dass sie wirklich zusammenbrach, seit sie mit Harry allein auf der Jagd nach Horkruxen war. Jedes Mal, wenn sie dachte, sie sei fertig, tauchte ein anderes Bild von der Schlacht auf, oder von den Monaten auf der Flucht, oder als sie auf Malfoy Manor gefoltert wurde, in ihrem Kopf auf. Jeder Tod, jeder Unverzeihliche Fluch, die Vergessenszauber, die sie ihren Eltern auferlegt hatte, all das spielte sich immer wieder in ihrem Kopf ab. Alles war schließlich zusammengebrochen, nur wegen eines weiteren Rückschlags. Sie wusste, dass sie nicht aufgeben durfte, aber je stärker sie zusammenbrach, desto besser fühlte sie sich seltsamerweise.

Endlich hatte sie sich zusammengerissen und hob ihren Kopf von seiner Schulter. Seine Arme lagen noch immer um sie, und sie machte keine Anstalten, sich von ihm zu entfernen.

„Es tut mir l-leid", flüsterte sie mit einem kleinen Schniefen.

Severus' Augen waren groß und voller Sorge.

„Hermione, was ist passiert? So – so habe ich dich noch nie gesehen", sagte er und klang ein wenig erschrocken über ihren Ausbruch.

Sie spürte, wie sie errötete, und blickte auf seine grün-silberne Krawatte hinunter.

„Ich weiß nicht, was das war", log sie. „Ich schätze, als der Zaubertrank explodiert ist, hat mich der ganze Stress mit den Prüfungen und der nächtlichen Arbeit daran einfach übermannt. Das wird nicht wieder vorkommen."

Wieder kämmten Severus' Finger methodisch durch ihr Haar.

„Merlin, so wie du geweint hast, dachte ich, jemand sei gestorben", sagte er leise.

Hermione erstarrte. Damit lag er eigentlich gar nicht so falsch.

Langsam blickte sie von seiner Krawatte auf und sah wieder einmal die Sorge um sie in seinen Augen brennen. Sie war sich nicht sicher, warum sie getan hatte, was sie als Nächstes tat. Vielleicht suchte sie nach einer Möglichkeit, sich abzulenken, oder vielleicht suchte sie nach einer Möglichkeit, ihn abzulenken und ihn davon abzuhalten, weitere Fragen zu stellen. Oder vielleicht suchte sie, als sie sein Gesicht zwischen ihre Hände nahm und die Wärme seiner Haut spürte, nach dem unbestreitbaren Beweis, dass er am Leben und bei ihr war.

Langsam beugte sie sich vor und küsste ihn sanft. Seine Lippen waren warm und weich, und sie konnte das Salz ihrer Tränen schmecken, die über ihr Gesicht und auf ihrer beiden Lippen gefallen waren. Seine Arme legten sich enger um sie. Sie konnte das Lächeln spüren, das sich auf seinem Gesicht bildete, kurz bevor sie sich zurückzog.

„Danke", sagte sie.

Seine Wangen waren gerötet, als er ein leises Glucksen ausstieß.

„Wofür?" fragte er und klang dabei so erschöpft, als wäre er gerade ein ganzes Quidditchfeld lang gelaufen.

„Dafür, dass du hier bist", sagte sie ihm.

Als seine schwarzen Augen weicher wurden und bevor Severus antworten konnte, sprangen Hermione und er auseinander, als sich jemand hinter ihnen räusperte. Ihr Herz sprang ihr fast aus der Brust.

„So sehr es mich auch freut, dass meine beiden besten Schüler so ineinander verliebt sind, so hatte ich mir das nicht vorgestellt, als ich Ihnen beiden den Zutritt zu meinem Klassenzimmer nach den Unterrichtsstunden gestattete", tadelte Professor Slughorn die beiden mild.

Hermiones Gesicht wurde rot, als sie zu ihrem Professor aufsah, der den Kopf schüttelte. Seine Schultern hüpften vor stillem Lachen.

„Es tut uns leid, Professor", sagte Severus leise, Hermione nickte neben ihm.

Slughorn stieß ein lautes Lachen aus.

„Oh, jung und verliebt zu sein", sagte er mit verträumter Stimme.

Hermione wollte sich am liebsten in ein Loch verkriechen, als er das Wort verliebt gesagt hatte. Sie war sich ziemlich sicher, dass sie sich noch nie in ihrem Leben so beschämt gefühlt hatte.

„Sie werden es kaum glauben, aber ich weiß noch, wie es war, so alt wie Sie zu sein", fuhr Slughorn fort.

Jeder Teil von Hermione wünschte sich sehnlichst, dass er aufhören würde.

„Aber als Ihr Lehrer muss ich darauf bestehen, dass so etwas nicht noch einmal passiert."

„Ja, Sir", murmelten Hermione und Severus beide gemeinsam.

Vielleicht würde sich der Abend als Albtraum erweisen, flehte Hermione in ihrem Kopf.

Ohne sie weiter in Verlegenheit zu bringen, schlug Slughorn vor, dass sie beide Feierabend machen sollten, und entließ sie aus seinem Klassenzimmer. Hermione war mehr als froh, gehen zu können, und wäre fast aus der Tür gesprintet.

„Nun, das war..." Severus brach ab, als er sie nach Ravenclaw begleitete.

„Das war das Peinlichste, was ich je in meinem Leben erlebt habe", beendete sie für ihn.

Severus sah sie aus den Augenwinkeln an, während er neben ihr herging. Hermione blickte zu ihm auf und bemerkte, wie sich ein kleines Lächeln auf seine Lippen schlich. Ihr wurde klar, was gerade passiert war und wie lächerlich es gewesen war. Sie wurden von einem Lehrer beim Knutschen erwischt. Hermione Granger, für die Leute dort Devereux, und Severus Snape, zwei Leute, die für so etwas am wenigsten zurechtgewiesen worden wären.

Ehe sie sich versah, brach sie in ein Kichern aus. Severus antwortete mit einem tiefen Glucksen. Plötzlich hatten sie sich beide über die ganze Situation amüsiert. Vor allem darüber, wie Slughorns Mund sich komisch öffnete und wie seine Augen fast aus den Höhlen traten. In nur wenigen Minuten hatte sich die Situation von der beschämendsten Erfahrung, die sie je gemacht hatte, in die lustigste verwandelt, die sie je erlebt hatte. Und egal, was passierte, sie wusste, dass es etwas war, an das sie sich beide für den Rest ihres Lebens erinnern würden.

Als das Lachen endlich verklungen und auch das übrige Kichern verstummt war, nahm Severus Hermiones Hand und die beiden gingen weiter durch die Gänge.

„Hermione?"

Sie liebte es so sehr, wenn er ihren Namen sagte. Es hatte immer noch nicht seinen Charme für sie verloren. Der tiefe Bariton seiner Stimme klang selbst als Teenager wie eine wunderbare Symphonie in ihren Ohren. Ein reflexartiges Lächeln umspielte ihre Lippen.

„Ja, Severus?"

„Was hast du in den Ferien vor?" fragte er hoffnungsvoll.

Hermione drückte seine Hand.

„Ich bleibe hier bei meinem Onkel", log sie halb.

Er drückte im Gegenzug ihre Hand.

„Ich schätze, das ist ein Glücksfall, denn ich werde auch hier sein."

„Nun gut. Dann verliere ich in der Pause nicht meinen Zaubertränkepartner", scherzte sie, während sie ihm spielerisch ihre Hüfte in die Seite stieß.

Severus lachte leise.

„Das ist der einzige Grund, aus dem du mich magst. Meine unvergleichliche Brillanz."

„Ja, natürlich", scherzte sie, ohne mit der Wimper zu zucken.

Wie immer, wenn sie mit ihm spazieren gingen, erreichten sie den Fuß der Treppe zu ihrem Gemeinschaftsraum in einer Zeit, die wie im Flug verging.

Als sie stehen blieb, um ihm gute Nacht zu sagen, überkam sie eine riesige Welle von Gefühlen. Ihr wurde bewusst, wie dankbar sie an diesem Abend für ihn war. Wegen Severus hatte sie eine völlige Kehrtwende vollzogen, als er zum ersten Mal den Zaubertränkeraum betrat und sie schluchzend vor einem leeren Kessel fand. Für jemanden, den sie die meiste Zeit ihres Lebens als zurückhaltenden, kalten und manchmal grausamen Menschen kennengelernt hatte, hatte er sich als viel freundlicher, offener und tröstender erwiesen, als sie es sich je hätte vorstellen können.

War er tatsächlich so, tief im Inneren, als Erwachsener? Oder hatte er so viel erlebt und gesehen, dass er für immer anders sein würde? Wäre es für sie überhaupt möglich gewesen, irgendeine Art von Beziehung fortzusetzen, wenn sie in ihre Zeit zurückkehrte? Wenn er überlebte, natürlich.

Als sie sich auf die Zehenspitzen stellte und ihm einen sanften Kuss auf die Wange drückte, bevor sie sich verabschiedete, hoffte sie das inständig.