Mit wissenschaftlichen Grüßen, Doktor Futurus, Teil 3
Five näherte sich zügig der Polizeikarawane, die vor dem Museum parkte. Zwar waren die Sirenen verstummt, doch das Blaulicht zuckte weiterhin über die Szenerie und belebte sie mit einem unsichtbaren Puls. Auch ohne den Lärm des Martinshorns lag eine spürbare Dringlichkeit in der Luft. Wie Motten, die vom Licht angezogen wurden, strömten immer mehr Menschen auf den Platz und reckten die Hälse, um ja keine Sekunde des Spektakels zu verpassen.
„Hast du die vielen Polizeiautos gesehen?" „Was da passiert ist?" „Vielleicht ist jemand umgebracht worden!" „Was hier? Im technischen Museum?" „Ich habe gehört, jemand soll eine Modellrakete geklaut haben, um daheim im Keller eine echte zu bauen!" „So ein Quatsch! Da ist eine Verschwörung im Gange, ganz sicher!" Das Raunen der Menge schwoll an.
Five schüttelte den Kopf, die Sensationsgier der Menschen schien keine Grenzen zu kennen. Sicherlich würde auch bald die Presse vor Ort sein und die ganze Einbruchssache zu einer riesigen Geschichte aufblasen. Das würde die Gerüchteküche erst richtig anheizen. Verdammt! Die Zeit lief ihm davon! Er musste sich mit der Aufklärung der Einbrüche beeilen, bevor es zu spät war.
Mithilfe seiner Ellbogen kämpfte er sich durch die Menge an Gaffern, – „darf ich mal? Zur Seite! Hey! Sie stehen im Weg!" - duckte sich unter dem Absperrband hindurch und hielt geradewegs auf die Museumsrückseite zu, als ihn einer der umstehenden Polizisten grob an der Schulter packte.
„Stehen bleiben, Kleiner!" sagte er in strengem Tonfall. „Das hier ist ein Tatort und kein Spielplatz für Kinder! Hast du die Absperrung nicht gesehen?" Der Polizist deutete auf das im Wind flatternde Band, hinter dem sich die Schaulustigen drängten.
Fives Augen verengten sich zu Schlitzen, ohne jede Vorwarnung packte er den Beamten an dessen Uniform und zog ihn am Kragen zu sich herunter. Der überrumpelte Polizist riss vor Schreck den Mund weit auf. „Was zum Teufel?!", keuchte er.
„Sie nehmen jetzt sofort ihre Griffel von meinem Arm!", zischte Five bedrohlich. „Und unterstehen sich gefälligst, mich Kleiner zu nennen! Mein Name ist Five Hargreeves. HARGREEVES! Verstanden? Ich und meine Geschwister sind im Auftrag von Detektiv Ortiz hier und das auch nur, weil Sie Einfaltspinsel ein Gehirn in Erbsengröße besitzen! Also hören Sie auf, meine Zeit zu verschwenden und gehen Sie aus dem Weg und zwar auf der Stelle!"
Mit einem Ruck ließ Five den Kragen des Polizisten los, der daraufhin ein paar Schritte zurücktaumelte. Verdutzt zog er sein Funkgerät aus seinem Gürtel und murmelte eine Reihe von Worten hinein. Das Gerät gab knirschende Geräusche zurück. Dann nickte der Polizist Five bestätigend zu, doch dieser kümmerte sich nicht weiter um ihn, sondern war längst auf dem Weg Richtung Museum.
Nachdem er den ausladenden Vorplatz hinter sich gelassen hatte, gelangte er zu der niedrigen Absperrung. Diese sollte die Besucher daran hindern, die gepflegte Grünfläche zu betreten, die das Museum umgab. Leichtfüßig sprang er über das Seil hinweg und hielt auf die Rückseite des Gebäudes zu. Hier schien ihm der optimale Startpunkt für die Suche nach Hinweisen zu sein, denn ein Einbrecher war hier vor Blicken geschützt. Sein Plan bestand darin, einmal um den gesamten Komplex herumzugehen und dabei sämtliche Zugänge auf Einstiegsspuren zu untersuchen.
Er war sich sicher, dass die Polizei etwas übersehen hatte, so schlampig, wie sie arbeitete, aber ihm würde das nicht passieren. Schließlich war er Five Hargreeves und kein dilettantischer Polizist! Er würde im Nu herausgefunden haben, wie der Einbrecher in das Gebäude gelangt war. Die Lösung des Falls würde er der Polizei und vor allem diesem Detektiv dann so richtig unter die Nase reiben, ha! Fives Herz flatterte vor Aufregung. Er war der geborene Ermittler!
Grinsend steuerte er auf die rückwärtige Außenmauer zu, legte seine Hände auf die Backsteine und überprüfte die Oberfläche sorgfältig auf Kratzer oder sonstige Einbruchsspuren. Mhh. Schade. Nichts zu sehen. An dieser Stelle war die Außenwand heil. Er ging weiter an der Mauer entlang. Ein Fenster, noch ein Fenster, ein weiteres. Alle waren unversehrt. Kein Zeichen eines gewaltsamen Eindringens. Mist! Erster Frust kam in ihm hoch, wieso war hier nichts zu finden?
Er arbeitete sich weiter an der Mauer entlang, bis er zum Lieferanteneingang kam. Konnte der Einbrecher hier ins Haus geschlüpft sein? Five untersuchte die Auffahrt, rüttelte probeweise an der Verriegelung des Rolltors. Fest verschlossen. Doch das bedeutete nicht, dass es nachts niemand geöffnet hatte. Er machte sich eine gedankliche Notiz.
Dann setzte seine Suche nach Hinweisen fort, seine Hand glitt über die rauen Backsteine und Fenstersimse. Hier war nichts Ungewöhnliches zu entdecken. Blieben noch die zwei letzten Fenster, die ... „Autsch!" Was zum Teufel? Ruckartig zog er seine Hand von den Steinen weg. Hatte die Mauer ihn eben gebissen? Ungläubig starrte er auf seine Handfläche, dann auf die Mauer, dann wieder auf seine Hand.
Er konnte nichts Besonderes entdecken, weder an seiner Hand, noch an der Mauer und doch ... irgendwas an dieser Stelle war seltsam. Five runzelte die Stirn und kniff seine Augen prüfend zusammen. Sein Blick glitt von rechts nach links. Dieser Teil der Außenmauer sah genau so aus wie der daneben Liegende. Kein Unterschied zu erkennen. Er hatte sich das doch nicht eingebildet? Vorsichtig legte er seine Handfläche nochmals auf die Stelle.
„Verdammte Scheiße!", fluchte er laut, als die Wand ihn erneut biss. Schnell zog er seine Hand abermals von der Mauer weg, seine Finger prickelten unangenehm, so als krabbelten tausend kleine Ameisen unter seiner Haut. Das fühlte sich nicht an wie ein Biss, eher wie ein ... Stromschlag? Er starrte ungläubig auf seine Handfläche. Da war nichts.
Wut kochte in Five hoch. Was stimmte bloß mit dieser verdammten Mauer nicht? Warum bekam er jedes Mal einen Schlag, sobald er sie berührte? Lief dort etwa Strom durch? Feindselig starrte er die Wand an.
Dass der Schmerz in seiner Hand von Stromschlägen kam, war ausgeschlossen. Backsteine leiteten keinen Strom, denn sie wurden aus gebranntem Lehm oder Ton hergestellt. Beide Materialien waren nicht leitfähig, so viel stand fest. Five war sich sicher, dass er sich nicht irrte, denn er hatte schon früh lernen müssen, was Strom gut leitete und was nicht. Menschliche Körper zum Beispiel waren durch ihren Wasser-, und Salzgehalt ziemlich gute Leiter.
Düstere Erinnerungen stiegen in seinem Kopf hoch. Sie waren noch Kleinkinder, da hatte ihr Vater Reginald bereits angefangen, mit Strom zu experimentieren. Nicht mit ihnen – an ihnen! Sie waren seine Versuchsobjekte! Wehrlos und schwach. In unzähligen Versuchsreihen hatte er ihre Kräfte angezapft und mit ihren Fähigkeiten experimentiert. In dieser Zeit hatten er und seine Geschwister gelernt, wer die wahren Laborratten im Hause Hargreeves waren ...
Five biss die Zähne zusammen und versuchte, die Erinnerungen abzuschütteln. Die Vergangenheit ließ sich nicht ändern und Selbstmitleid half ihm jetzt auch nicht weiter! Er musste sich auf die Lösung des Falls konzentrieren, Antworten auf die Fragen finden. Warum stahl Doktor Futurus ausschließlich wissenschaftliche Exponate? Wie war er ungesehen ins Museum gekommen? Hatte er einen Schlüssel? Oder einen Komplizen? Jemanden von den Angestellten? Aber wie war er dann in die anderen Gebäude gelangt? Der Diebstahl des Raketenmodells war ja nur der letzte Einbruch in einer langen Serie.
Wie bist du hineingekommen ... wie nur? Five legte die Finger auf seine Lippen. So sehr er auch grübelte, er kam zu keiner befriedigenden Antwort. Blieb nur zu hoffen, dass seine Geschwister etwas herausgefunden hatten. Missmutig machte er sich auf den Weg zum Treffpunkt.
Er traf seine Luther und die anderen am Vordereingang des Museums, wo sie bereits auf ihn warteten. „Bitte habt etwas gefunden, bitte!", flehte Five innerlich, als er sich der Gruppe näherte.
„Habt ihr etwas herausfinden können?", fragte er sofort, als er in Hörweite war.
Klaus und Ben schüttelten die Köpfe. „Keine Geister weit und breit!", sagte Ben. Klaus nickte bestätigend. „Ja, kein Spuk und nix. Habe ich selbst mit meinen Kräften überprüft", strahlte er, während Ben Klaus anerkennend auf die Schulter klopfte.
Five seufzte innerlich. Das war leider nichts, was sie im Fall weiterbrachte, aber er war unheimlich stolz, dass Klaus sich getraut hatte, seine Kräfte einzusetzen. Er schenkte ihm ein Lächeln, das zwar ein wenig gezwungen wirkte, doch das lag eher an der Gesamtsituation.
„Nun, gut, danke Ben und Klaus! Gute Arbeit! Allison und Luther, was habt ihr?"
„Ich habe den Wachmann mit meinen Rumor - Kräften noch einmal befragt", berichtete Allison. „Er weiß wirklich nichts über den Einbruch, er hat den Dieb auf seiner Runde weder gesehen noch gehört. Allerdings ..." Allison wurde rot und wandte den Blick ab.
„Was, Allison?", fragte Five genervt. „Nun rück schon mit allen Informationen raus, wir haben hier nicht den ganzen Tag Zeit."
„Nunja...", nuschelte sie Richtung Boden, „ich sollte vielleicht an meinen Rumor - Kräften arbeiten... ich sagte mehr sowas wie..." Allison beendete den Satz nicht, sondern versteckte ihr Gesicht an Luthers enorm ausladender Brust. Luther schloss sie in die Arme und streichelte sanft über ihr Haar.
Five starrte Luther und Allison mit gerunzelter Stirn an. „Sowas wie... und weiter?, verlangte er zu wissen."
„Naja...", sprang Luther für sie in die Bresche. „Ihre Rumour – Kräfte gingen ein bisschen daneben, wir wollten eben die Wahrheit vom Wachmann wissen und jetzt ... wissen wir sie", schloss er und errötete ebenfalls.
Five wedelte ungeduldig mit der Hand in Luthers Richtung. „Ja und was ist die Wahrheit?"
„Also er ... er hat eine Frau und drei Kinder und wohl auch eine sehr... ähm... innige Beziehung zu der Studentin, die sonntags hier an der Kasse arbeitet. Sie scheinen sich, ähm ... körperlich sehr gut... zu verstehen?" Luthers tiefer Bass war in ein schrilles Kicksen abgedriftet und seine Wangen hatten sich kirschrot gefärbt.
Five schlug sich die Hand vors Gesicht. Klaus brach in lautes Gekicher aus und Ben hatte Mühe, ein breites Grinsen zu unterdrücken.
Das durfte doch nicht wahr sein! War das Luthers und Allisons Ernst? Sollte das wirklich das Ende ihrer Ermittlungen bedeuten? Heißer Zorn kochte in Five hoch.
„Und wie soll uns diese Information jetzt weiterhelfen?", brüllte er frustriert. „Ihr solltet die Wahrheit über den Einbruch herausfinden, nicht den Idioten über sein Liebesleben ausquetschen! Kann man euch denn gar keine Aufgabe geben, ohne dass ihr es gleich vermasselt?"
Luthers Miene verdunkelte sich, er drückte Allison fester an sich. „Red nicht so mit uns! Es war keine böse Absicht von Allison und immerhin haben wir herausgefunden, dass der Wachmann der Polizei ganz sicher nichts verschwiegen hat!" Luther blickte Five böse an, bevor er fortfuhr.
„Außerdem hat der Nachtwächter uns nur dank Allisons Kräften das Überwachungsvideo gezeigt! Leider war darauf nicht sehr viel zu erkennen. Nur eine verschwommene Gestalt, die zwei Mal durch das Bild huschte, einmal mit leeren Händen und einmal mit der Modelrakete unterm er allerdings ins Museum rein und rausgekommen ist... tja, keine Ahnung. Sowohl die Bilder vom Vordereingang als auch die vom Lieferanteneingang zeigen, dass keiner in der Nacht des Diebstahls das Museum betreten oder verlassen hat." Luther zuckte mit den Schultern. „Das ist alles, was haben."
Five, der seine Wut im Bauch während Luthers Ausführungen nur mit Mühe zurückgehalten hatte, explodierte. „Ihr seid als Detektive vollkommen nutzlos! Ihr beide!", schrie er Luther und Allison an und stampfte mit dem Fuß auf den Boden.
„Aber Five, das ist doch nicht ihre Schuld!", wandte Klaus mit sanfter Stimme ein und legte seine Hand beruhigend auf Fives Schulter, doch Five schüttelte sie wütend ab.
„Natürlich ist das ihre verdammte Schuld! Hätte Allison ihre Kräfte unter Kontrolle und den Wachmann..." Allison schluchzte an Luthers Brust auf, woraufhin sich Luthers Miene weiter verdüsterte. Bedrohlich baute er sich vor Five auf.
„Du entschuldigst dich sofort bei Allison!" verlangte er in forschem Ton. „Sie hat ihr Bestes gegeben und das ist mehr als genug! Was hast du überhaupt rausgefunden, du Schlaumeier? Hast den Fall bestimmt schon gelöst, he? Du mit deinem Superhirn, das uns allen ja so überlegen ist!" Luther sprühte vor Zorn. Seine Muskeln waren bis zum Zerreißen gespannt, sein Blick hart.
Five erstarrte. Verlegen blickte er zu Allison, die an Luthers Brust weinte. Gespannte Stille senkte sich über die Gruppe.
„Na, mach schon!", flüsterte Klaus aufmunternd in Fives Richtung. „Ich weiß, dass du es kannst. Sag einfach: Allison, es tut mir schrecklich leid."
Five blickte betreten zu Boden. „Tut mir leid, Allison!", murmelte er lautlos.
„Gut gemacht!" lobte ihn Klaus „und jetzt umarmen wir uns alle!" Er strahlte und bevor die anderen lauthals protestieren konnten, zog er sie schon in eine riesige Gruppenumarmung.
„Aua! Du quetscht mich ein, Luther!" „Geh von meinem Fuß runter, Allison!" „Five, hiergeblieben, du kannst dich nicht drücken!"„Klaus, bitte geh öfter duschen, du riechst wie ein Stinktier!", schrien sie durcheinander.
„Ach ... Familie! Ist das nicht wunderbar?", kicherte Klaus. „Klebt an dir wie Glitzer, du kriegst sie einfach nicht los!"
Nachdem Five sich endlich aus Klaus' Klammergriff befreit hatte, zog er sich verschämt seine Kleidung zurecht. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht und er räusperte sich mehrmals, um den Frosch in seiner Kehle loszuwerden:
„Da ist noch etwas, das ich euch sagen muss. Ich habe ... nichts herausgefunden. Ich meine, als ich alleine unterwegs war und die Außenmauer abgesucht habe, da habe ich nichts entdeckt. Keine Spuren, keine Hinweise, kein gar nichts", gab er kleinlaut zu.
Die anderen schauten Five ungläubig an. „Was meinst du mit ... nichts?", fragte Klaus und kratzte sich am Kopf.
„Naja, nichts eben!", gab Five verärgert zu. „Da gab es keine Hinweise, keine Einbruchsspuren, einfach gar nichts! Naja.." Er zögerte. „Nichts, außer ihr zählt eine Wand mit, der es offensichtlich Spaß macht, Stromschläge auszuteilen!" Er verschränkte die Arme vor seiner Brust. So, jetzt hatte er es gesagt!
„Jetzt ist er völlig verrückt geworden", murmelte Luther. „Erst hackt er auf Allison rum und nun..."
„Luther nicht", warf Klaus flehend ein. Five hat sich doch bei ihr entschuldigt!
Fives Augen brannten. Er hatte es gewusst. Gefühle zu zulassen war ein Fehler. Sie machten einen nur schwach und angreifbar, seine Entschuldigung war gar nichts wert. Luther und die anderen waren noch immer wütend auf ihn. Jetzt glaubten sie ihm nicht einmal die Sache mit der Wand. Warum hatte er das nicht für sich behalten? Nun war es zu spät.
„Wenn ihr mir nicht vertraut, versucht es doch selbst!" keifte er. „Kommt mit!" Ohne seine Geschwister zu warten, ging Five mit großen Schritten voran, bis er wieder an der Rückseite des Museums stand. Die anderen folgten ihm zögerlich.
„Seht ihr, hier, genau hier ist es!" verkündete Five und deutete auf die Außenmauer.
„Was ist hier genau?", fragte Luther verwirrt und starrte auf die Backsteine.
„Hier hat mir die Wand elektrischen Schläge gegeben!", erklärte Five in genervtem Ton. „Ich habe einfach nur hingefasst und dann hat sie mir einen Schlag verpasst! Diese Stelle steht unter Strom! Ich weiß zwar nicht, wie das möglich ist, aber es ist so!", sagte er verzweifelt.
Die anderen sahen sich ratlos an. „Five, ich glaube nicht, dass eine Wand einfach so elektrische Schläge verteilt", wandte Ben zögerlich ein.
„Ihr könnt es selbst gerne ausprobieren!", knurrte Five. „Dann werdet ihr schon sehen, dass etwas mit der Wand nicht stimmt!"
Betretenes Schweigen. Five sah seine Geschwister herausfordernd an. „Na, warum so zögerlich? Glaubt ihr mir nun doch?"
Luther trat einen Schritt nach vorne. „Ich glaube zwar nicht, dass eine Wand Stromschläge verteilt, aber falls doch, so ein bisschen Schmerz macht einem Muskelprotz wie mir doch nichts aus", grinste er und legte mutig seine riesige Hand auf die Stelle, auf die Five gezeigt hatte.
Five hielt gespannt den Atem an. Er wartete darauf, dass Luther aufschreien würde, seine Hand zurückziehen würde, wartete auf den verblüfften Gesichtsausdruck seiner Geschwister, wenn sie endlich begriffen, dass er (wie immer!) recht gehabt hatte, doch ... nichts dergleichen passierte. Luthers Handfläche ruhte still und ruhig auf der rauen Maueroberfläche.
„Five, hier ist nichts." Luther zog fragend die Augenbrauen hoch, strich in einem großen Bogen über die Wand, prüfte jede Stelle in der näheren Umgebung auf Strom.
Five wurde blass. Wie konnte das sein? Warum spürte Luther den Strom denn nicht?
„Das ... das kann nicht sein!", stammelte er verwirrt. „Eben war doch noch..."
„Lass es uns mal versuchen!", sagte Klaus und näherte sich mit den Ben der Wand. Zögerlich streckte er seine Hand aus, legte sie prüfend auf die Mauer, untersuchte sie genau, doch auch er schien keinen Schlag abzubekommen. Seine Hand zuckte nicht zurück.
Five, der seinen Augen nicht traute, stand nur da und sah wie versteinert zu, wie einer nach dem anderen die Wand abtastete. Kein Schlag. Bei niemandem. Sein Verstand fing an, an der Realität zu zweifeln. Was lief hier bloß falsch?
Nachdem alle die Wand gründlich abgesucht hatten, wandte sich Klaus mit mitleidiger Miene an ihn. „Five? Ich sage nicht, dass du lügst, aber... Luther hat Recht. Hier ist absolut nichts. Es ist einfach eine ganz normale Wand. Tut mir Leid." Er zuckte mit den Achseln.
In diesem Moment fühlte Five etwas in sich zerbrechen. Er wusste nicht mehr, was Traum und was Realität war. Die Wand hatte ihm einem Stromstoß versetzt, aber seine Geschwister glaubten ihm kein Wort. Nicht einmal Klaus, der sonst stets zu ihm hielt, schien von seinen Worten überzeugt. Und das tat Five am meisten weh. Er schaute seine Geschwister einen nach dem anderen an.
„Ich lüge euch nicht an! Genau hier war es!", beharrte er. „Seht doch!" Zum Beweis legte er beide Hände auf die Stelle, nur um sie eine Sekunde später mit schmerzverzerrtem Gesicht zurückzuziehen. Tränen trübten seine Sicht, als er den vertrauten Schmerz und das Kribbeln spürte. Five schüttelte seine Hände, bis das taube Gefühl verschwunden war. Die Schläge waren so schmerzhaft. Wie konnten die anderen sie nicht bemerken? Was stimmte nicht mit ihnen? Oder ... stimmte etwas mit ihm nicht?
Zurück im Teambus setzten sie Diego über alles in Kenntnis, was sie bisher herausgefunden hatten, was – zu Fives Bedauern – herzlich wenig war. Dementsprechend wortkarg saß er auf seinem Platz und schmollte vor sich hin. Auch ließen ihm die Gedanken an die seltsame Wand keine Ruhe. Immer wieder ging er im Kopf alles durch, nur am Ende noch verwirrter und frustrierter zu sein.
„Ihr hättet mich mitkommen lassen sollen, ich hätte bestimmt etwas gefunden", grollte Diego und warf einen vernichtenden Blick Richtung Five. „Nur weil sich unser Intelligenzbolzen wieder einmal so aufspielen musste, wurde ich von der Mission ausgeschlossen! Obwohl ich mit Abstand der beste Detektiv von allen bin! Mit mir wäre das komplett anders gelaufen, ist doch logo!" Er ballte die Faust und schlug gegen den Vordersitz, was ihm einen wütenden Blick und ein gezischtes „ Hör sofort damit auf!" von Allison einbrachte.
„Deine Wutausbrüche helfen hier niemandem," stellte Luther sachlich fest.
„Und auch wenn du mitgekommen wärst, hätte das nichts geändert, es gab einfach keine Hinweise, da war nichts am Tatort, naja, von der magischen Mauer, die Five Stromschläge verpasst hat, mal ganz abgesehen." Luther lugte zu Five, der eine „ich – erwürge – dich – gleich – Geste" mit seinen Händen machte.
„Eine was, die was genau gemacht hat?", fragte Diego, die Ohren gespitzt, den Mund zu einem breiten Grinsen verzogen.
Luther biss sich auf die Unterlippe und sagte keinen Ton mehr.
„Unser Five hat behauptet, die Mauer des Museums hätte ihm Stromschläge versetzt. Aber wir haben nichts gespürt, nur er!", sagte Allison hämisch und zeigte auf Five. Aus ihren Augen blitzte die Schadenfreude. Five hasste sie in diesem Moment aus tiefstem Herzen. Nie mehr würde er sich bei dieser hinterhältigen Ratte von Schwester entschuldigen, darauf konnte sie Gift nehmen!
Diegos Gesicht leuchtete auf. „Man, wie konnte ich das verpassen?", stöhnte er und ließ sich in den Sitz zurückfallen. „Unser Klugscheißer bekommt eins auf den Deckel und ich war nicht live dabei!"
Five biss die Zähne so fest zusammen, dass sie knirschendes Geräusch von sich gaben. Es kostete ihn all seine Willenskraft, Diego nicht sein großes Maul zu stopfen. Und Allisons am besten gleich dazu.
So sehr Diego und seine Angeberei auch hasste, in einem hatte er leider recht. Er hatte heute etwas auf den Deckel bekommen, und das nicht nur von der Mauer. Auch ihr Vater, Sir Reginald Hargreeves, hatte ihn wütend und zugleich enttäuscht angesehen, als sie ihm die mageren Ergebnisse ihrer Spurensuche präsentiert hatten. „Gerade von Dir, Nummer 5, hätte ich mehr erwartet!", hatte er gesagt, bevor sie in den Bus eingestiegen waren.
In diesem Augenblick glaubte Five, der schlimmste Teil des Tages läge hinter ihm. Aber da wusste er noch nicht, was zu Hause auf ihn wartete.
Kaum war die Haustür hinter den Kindern ins Schloss gefallen, zitierte Sir Reginald Hargreeves Five in sein Büro. Was darauf folgte, war das Schmerzhafteste, das Five bisher zu spüren bekommen hatte. Er hatte keine Chance gehabt, sich zu wappnen, denn sein Vater kam direkt auf den Punkt.
„Nummer 5! Ich habe dich hergerufen, um mit Dir eine einzige Sache mitzuteilen: Ich, Sir Reginald Hargreeves, bin überaus enttäuscht von dir und deiner heutigen Leistung. Wie sich gezeigt hat, warst du zu keinem Zeitpunkt fähig, der Verantwortung, die dir anvertraut worden war, gerecht zu werden. Du bist bei der heutigen Mission in allen Belangen gescheitert!"
Five blickte betreten zu Boden. Es stimmte, was sein Vater sagte. Die Academy hatte versagt und es war einzig und allein seine Schuld. Er war der Anführer gewesen, unter seiner Leitung war die Mission gescheitert. Ein dicker Kloß steckte ihm im Hals, er fühlte sich wie ein absoluter Versager. Five hoffte, dass das Gespräch damit zu einem Ende käme, aber sein Vater war längst nicht mit ihm fertig.
„Das Problem, Nummer 5, sind hierbei nicht deine Fähigkeiten!" fuhr Reginald fort. „Das Problem ist einzig und allein dein grenzenloses Ego. Deine Hybris. Sie bringt dich zu Fall."
Rumms! Der Schlag kam aus dem Nichts. Er hatte ein Problem mit seinem Ego? Aber er wollte doch nur zeigen, was er konnte, wollte, dass seine Familie stolz auf ihn war! Was war er denn schon ohne seinen Verstand? Ein gewöhnlicher und magerer 12 – jähriger Junge, den niemand gern hatte.
„Das ist jedoch nicht das einzige Problem!" heischte Reginald und kniff die Augen um sein Monokel zusammen.
„Die Polizei hat mir von deinem äußerst respektlosen Umgang mit ihr berichtet. Lass dir eins gesagt sein! Die Umbrella Academy rühmt sich nicht nur, eine Institution für Superhelden zu sein, nein, sie zeichnet sich auch durch das tadellose Benehmen ihrer Schüler und Schülerinnen aus! Ein Benehmen, dass du weder heute noch in der Vergangenheit gezeigt hast, Nummer 5! Es mangelt dir an Respekt und ich dulde keinen solchen Mangel, weder mir gegenüber noch anderen!" Sein Vater taxierte ihn von oben bis unten.
„Aber... aber ich wollte nicht..." Fives Unterlippe bebte.
„Was du beabsichtigt hast oder nicht spielt keine Rolle! Du hörst mir jetzt genau zu, denn ich wiederhole mich nicht!" Das Gesicht seines Vaters war jetzt nur Zentimeter von seinem entfernt.
„Sollte mir ein solches Fehlverhalten noch einmal unterkommen, schicke ich dich in das armselige Loch zurück, aus dem ich dich geholt habe! Hast du das verstanden?"
Tränen rannen über Fives Wangen, er wagte es nicht, aufzublicken. „Ja...das...das habe ich."
Ohne ein weiteres Wort an ihn zu richten, schob Sir Reginald Hargreeves Five aus seinem Büro und schloss die Türe hinter sich. Als Five mit tränenverschmiertem Gesicht in sein Zimmer rannte, kollidierte er beinahe mit Diego, dem sein Kommentar im Halse stecken blieb, als er Fives Tränen sah.
„Five! Was ist denn mit dir los?", fragte er ungewohnt besorgt, doch Five schubste ihn schluchzend aus dem Weg, knallte seine Zimmertür hinter sich zu und verriegelte die Tür. In den nächsten Stunden klopfte es wiederholt, aber Five ignorierte alle Kontaktversuche, er ertrug es nicht, jemanden zu sehen. Im Grunde war es ihm egal, ob er seinen Vater verlor, sollte der Alte doch zur Hölle fahren, aber die Vorstellung, seine Geschwister zu verlieren, ganz allein zu sein, machte ihm schreckliche Angst.
Tränen strömten in sein Kissen, er schluchze und schrie, bis er erschöpft in einen unruhigen Schlaf fiel. In den darauffolgenden Nächten wurde Five immer wieder von demselben Albtraum gequält. Er war allein, weit weg von seiner Familie. Reginald hatte ihn wie ein unliebsames Haustier ausgesetzt und war dann mit dem Auto auf und davon gebraust, während er dem Wagen verzweifelt nachrannte, bis er nicht mehr in Sichtweite war. Jeden Morgen wachte er schweißgebadet in seinem Bett auf, tränenüberströmt und in manchen Nächten quälten ihn die schrecklichen Bilder so, dass er schreiend aus dem Schlaf fuhr.
Doch er vertraute sich niemandem an, nicht einmal Klaus. Tagsüber setzte er ein tapferes Gesicht auf und nachts verschloss er vorsichtshalber seine Türe und stopfte seine Decke in den Türschlitz, damit keiner seiner Schreie nach draußen gelangte.
In den nächsten Wochen brütete Five unentwegt über einem Plan, wie sie Doktor Futurus endlich das Handwerk legen konnten. Unzählige Ideen kreisten in seinem Kopf, aber eine schien im undurchführbarer als die andere, und so wurde seine Verzweiflung und Frustration von Tag zu Tag größer. Wenn sie nicht bald etwas unternahmen, würde Reginald seine Drohung womöglich in die Tat umsetzen, und das war Fives größte Furcht.
Es kam zu weiteren Einbrüchen in der Stadt, neue Ausstellungsgegenstände verschwanden, doch die Umbrella Academy wurde zu keinem einzigen Tatort gerufen. Five befürchtete, dass dies seine Schuld war. Er hatte die Polizei verärgert, sie vorgeführt und belehrt und hatte dann nicht einmal den Fall aufklären können. Seine große Klappe hatte ihnen diese Misere eingebrockt. Selbst Detektiv Ortiz hatte sich abgewandt, wie ein Anruf auf dem Revier zeigte.
„Hilfe von Academy? Brauchen wir nicht! Habe ich doch gewusst, dass das nix bringt! Seid eben doch nur niños, einfache Kinder! Habt keinen Respekt vor der Polizei und unserer Arbeit!¡No tienen ni pizca de respeto! Um diesen Fall zu lösen, braucht es die richtige policía, no!", hatte er gesagt und den Hörer auf die Gabel geknallt.
Fives Laune erreichte ihren endgültigen Tiefpunkt an einem Mittwochmorgen, als er beim Frühstück die Zeitung aufschlug und ihm ein Artikel ins Auge sprang: „Umbrella Acadamy - Superheldenschmiede oder doch nur ein löchriger Regenschirm?"
Neuesten Insider Berichten zufolge hat die „Umbrella Academy", die unter der Schirmherrschaft des exzentrischen Milliardärs Sir Reginald Hargreeves steht, einen weiteren verheerenden Tiefschlag einstecken müssen. Trotz ihrer herausragenden Erfolge in der Vergangenheit lassen jüngste Ereignisse vermuten, dass diese Institution ihren Zenit überschritten hat, und in Notfällen genauso hilfreich ist wie ein löchriger Regenschirm bei Windstärke 12. Detektiv Ortiz von der örtlichen Polizei ... (Weiter auf S. 15)
Five knallte die Zeitung auf den Tisch, dass die Milch in Diegos Müslischüssel nur so spritzte.
„Hey, was soll denn...?", knurrte Diego wütend, aber Five ließ ihn gar nicht erst ausreden.
„Krisensitzung, im Wohnzimmer, jetzt SOFORT!", brüllte er und stürmte aus der Küche.
