50. Das mit den Gefühlen ist so eine Sache. – TEIL 1
Was zuvor geschah…
Nachdem Jacob gemeinsam mit Jess den Cullens die Nachricht über die Auflösung des Vertrages überbracht hat und sie beide in ein Handgemenge mit Edward verwickelt wurden, will Sam die Wölfe auf einen eventuellen Angriff und dessen Verteidigung vorbereiten. Doch als ein durchdringendes Heulen im Wald ertönt, scheint sich diese Vorahnung in Wirklichkeit verwandelt zu haben: Edward, Emmet und Bella hatten Seth aufgesucht und waren schließlich von den Wölfen wieder aus ihrem Gebiet vertrieben worden. Als Jess daraufhin unauffindbar ist, macht sich Jacob sorgenvoll auf die Suche nach ihr. Viel zu nah am Haus der Cullens findet er sie – und kann sein Glück kaum fassen.
Ich fasste sie an den Oberarmen und atmete zittrig aus. Dann rutschten meine Hände ab. Ihren Hinterkopf umfassend zog ich sie zu mir heran und schloss die Augen, um endlich zu realisieren, dass sie hier bei mir war und in Sicherheit. Eine unerträgliche Wärme breitete sich in mir aus. Es war der Moment, in welchem mich ein merkwürdiger Gedanke ereilte. Noch niemals hatte ich darüber nachgedacht und auch jetzt schien es mir noch vollkommen unangebracht. Aber als sich das fliegende Schlagen ihres Herzens an meine Ohren drängte, spielte das keine Rolle mehr. Ich hielt sie etwas sanfter, um ihr in die klaren gelben Augen sehen zu können. Meine Wange streifte dabei die ihre, aber da war es schon passiert. Meine Lippen hatten ihre berührt, sich wie ein Hauch auf sie gelegt. Es war nicht genug. Ich verschloss ihren Mund mit meinem. Und fühlte mich so anders.
Es überraschte mich, als sie mich urplötzlich von sich stieß – auch, wenn das keine wirkliche Überraschung war. Meine Hände griffen ins Nichts und beinahe stolperte ich über meine eigenen Füße. Jess drehte sich wortlos um und ließ mich auf der Lichtung zurück. Mich, und all diese merkwürdigen Gefühle, die sie in mir weckte.
Sam beorderte mich gedanklich zum Haus der Clearwaters, wo er und einige wenige bei meiner Ankunft bereits mehr als nur ungeduldig zu warten schienen. Er sah mich an, als hätte ich ihn persönlich beleidigt – nicht, dass ich das nicht tun würde – oder als konnte er mir ablesen, was gerade passiert war. Wenn ich so darüber nachdachte, hörte es sich an wie ein Märchen. Ich war absolut durchgeknallt, ein Idiot, ein Spinner. Und ich hatte einen riesigen verdammten Fehler gemacht, noch dazu einen, der sich nicht richtiger hätte anfühlen können.
„Jacob!", blaffte Sam mich an und ich gesellte mich ins mickrige Wohnzimmer, wo sich außerdem noch Seth, Leah und Jenny tummelten. Besonders Jenny wirkte noch weniger begeistert, mich zu sehen. Ich konnte nur hoffen, dass sie nicht noch eine weitere geheime Verbindung mit ihrer Schwester hatte.
„Das wird ein Nachspiel haben.", erklärte Jenny mit einem viel zu ruhigen, analysierenden Seitenblick auf mich: „Eine andere Reaktion ist eher unwahrscheinlich. - Ihr habt nicht falsch gehandelt. Ganz im Gegenteil! Sie wussten, worauf sie sich einlassen, sie kannten die Gefahren." Leah schüttelte den Kopf.
„Ich fürchte, wir haben es nur schlimmer gemacht."
„Das glaube ich nicht.", stimmte ich Jenny zu: „Ihr habt gut reagiert. Und ihr wart erfolgreich." Seth und Leah wirkten niedergeschlagen und alles andere als glücklich damit. Gerade Leah hätte ich mehr Kaltblütigkeit zugetraut.
„So erfolgreich, dass sie uns wieder mit einem Gegenschlag antworten werden? Wohin soll das führen? Das nächste Mal erwischen sie jemanden von uns auf einem nicht so guten Fuß und was ist dann?", fuhr Leah mich an. Ihre Bedenken waren mehr als gerechtfertigt. Aber wenn ich das richtig interpretierte, gab es zwei Möglichkeiten, wie diese Sache weiterging: „Entweder werden sie nun einsehen, dass es einen anderen Ansatz braucht, als diesen, oder sie wagen einen weiteren sinnlosen Versuch. Wie man sieht, sind wir bestens vorbereitet."
„Ich weiß nicht, ob wir alle darauf vorbereitet sind."
Leahs Blick streifte von Sam zu mir und was ich darin las, war ein einziger Vorwurf. Seth hingegen blieb stumm.
„Ihr habt gute Arbeit geleistet, es ist alles gut verlaufen. Das ist vorerst alles, was zählt.", antwortete Sam ihr mit demselben Blick: „Über alles weitere müssen erst einmal nur wir uns Gedanken machen." Ich stimmte Sam zu, aber die unerwartete Konfrontation schien Spuren hinterlassen zu haben. In der Theorie war immer alles leicht gesagt, nur praktisch musste man noch einmal anders an das Ganze herangehen. Es würde mir wahrscheinlich ganz genauso ergehen, wenn ich in diese Situation geraten sollte. Allerdings hoffte ich darauf, dass das der vorerst letzte Vorfall war. So wie ich Edward und Carlisle einschätzte, würden die beiden kein weiteres Leben riskieren wollen.
Ich klopfte Seth anerkennend auf die Schulter und schenkte ihm das beste Lächeln, das ich erübrigen konnte.
Beim Gehen erklärte Sam, dass es zu einer handfesten Auseinandersetzung gekommen war, weil Edward Seths Wesensänderung nicht akzeptieren wollte. Sie hätten sich zur Abschreckung verwandelt und die Verfolgung aufgenommen, als die Cullens sich in den Wald flüchteten. Kurz vor der Grenze erwischte Leah Bella (was mir ein nervöses Schlucken entlockte, denn ich hatte nicht damit gerechnet, dass sie dabei sein würde) und es kam zu einem Gemenge. Niemand war wohl ernsthaft verletzt worden und man hatte sie schlussendlich in die Flucht geschlagen. 0b und wie Jess daran eventuell beteiligt gewesen war, erwähnte er nicht.
„Also, hast du sie aufspüren können?", fragte er mich dann und ich antwortete ehrlich. Jegliche weitere Gedanken verbot ich mir.
„Wie ist ihr Ergebnis?"
Ich starrte ihn an. Mit einer Mischung aus Unglauben und Wut versuchte ich zu beurteilen, was genau er mir damit sagen wollte. Vorsichtig begann ich: „…was meinst du?" Sam wirkte unbeirrt.
„Ihre Fähigkeiten erlauben ihr wohl so einige Dinge, also habe ich sie etwas ermutigt, das auch entsprechend zu nutzen. Sobald sie die Gelegenheit bekommt. Seth meinte, sie wäre nur knapp nach deren Verschwinden vor Ort gewesen und konnte sofort die Verfolgung aufnehmen."
Ich musste in meinem Kopf sortieren, um herauszufinden, was Sam sich dabei gedacht hatte. Vielleicht aber hatte er auch gar nicht gedacht. Es passte zu ihm wie die Faust aufs Auge: er hatte sie damit beauftragt, weil er wusste, dass sie das tun würde. Sie wollte es, vor allem, um Jasper zu beschatten. Und Sam wusste ebenso, dass sie in der Lage dazu war – aber nicht, dass sie es genauso nicht war. Dass all diese schönen, nützlichen Fähigkeiten eine Seite hatten, die er nicht kannte. Und die er bei Gott nicht kennenlernte, wenn es nach mir ging.
„Warum hast du das nicht gesagt?"
Er machte auf mich nicht den Eindruck, als verstünde er, dass etwas daran falsch war: „Wir sind vorhin ja nicht dazu gekommen. Aber dass es so schnell zum Tragen kommt, damit konnte niemand rechnen." Währenddessen in mir eine rasende Wut heranwuchs, die ich weder kontrollieren konnte noch wollte, traten Sam und ich nach draußen. Mir war klar gewesen, dass da irgendetwas im Busch war zwischen ihm und den Schwestern. Sein Verhalten und das plötzlich gewonnene Vertrauen kamen ja nicht von ungefähr. Ich fragte mich nur, was Jenny wohl dazu zu sagen hatte? Oder wusste sie womöglich genauso wenig wie ich?
Als ich mich umsah, waren wir die einzigen beiden, die noch verblieben waren.
„Frag sie bei Gelegenheit danach, Jacob. Vielleicht hilft es uns weiter.", sagte er und verabschiedete sich. Und schon wieder ließ mich jemand sprachlos und ratlos zurück.
Als ich nach einem ungewollten, sehr ausgedehnten Spaziergang nach Hause zurückkehrte, war sie da. Jess erwartete mich nicht, aber ihr Geruch überwältigte mich regelrecht, als ich über die Schwelle trat. Klappernde Teller verrieten, dass sie in der Küche war, also beschloss ich, ihr vorerst nicht zu begegnen.
Im Bad entledigte ich mich meines verdreckten Oberteils und begann, mir den Wald aus dem Gesicht zu waschen. Beim vorsichtigen Versuch, auch meine schmerzende Schulter etwas zu säubern, zuckte ich jedoch zurück. Es gefiel mir nicht, dass sich Jess' Vorhersage bewahrheitete. Denn tatsächlich hatte ich ihre Warnung für mehr als übertrieben gehalten. Es war schließlich nur eine Schulter und ich war noch dazu übernatürlich genug, um selbständig zu heilen. Widerwillig wusch ich mich, um mir nicht die Blöße geben zu müssen, sie auch noch darum zu bitten. Es war vielleicht nicht das unangenehmste, aber auch nicht gerade das angemessenste Angebot, das ich ihr jetzt machen konnte.
Schließlich gewann meine Neugierde aber doch. Mit gemischten Gefühlen lehnte ich mich an den Türrahmen zur Küche und beobachtete sie. Versuchte, zu beurteilen, was ich sah und was ich fühlte. Es war schlichtweg merkwürdig. Jess war außergewöhnlich schön – aber das war es nicht. Sie war mir eine mehr als treue Schwester und enge Vertraute geworden, und zu beschreiben, wie wichtig sie für mich war, war beinahe unmöglich. Ich könnte darüber nachdenken und mich fragen, weshalb ich sie geküsst hatte. Aber da ich auf dem Weg hierher bereits daran gescheitert war zu ergründen, was genau ich überhaupt gerade fühlte, rechnete ich mir keine großen Erfolgschancen aus.
„Ist ja gerade nochmal gut gegangen.", versuchte ich krampfhaft, ein Gespräch zu beginnen, und kam mir dabei mehr als nur dumm vor. Jess antwortete schlicht mit einem einfachen ‚Ja' und spielte den Ball damit wieder zu mir.
„Glaubst du, dass mit Seth alles in Ordnung ist?"
„Er wird keine Probleme machen.", versicherte sie in einem so neutralen Tonfall, dass ich sie am liebsten packen und schütteln wollte. Ich wollte wissen, was sie dachte! Was sie nun von mir hielt oder…zumindest irgendetwas. Eine Reaktion, ganz egal, wie sie ausfiel.
Jess deckte den Tisch und erklärte: „Ich werde dafür sorgen, dass es ihm gut geht. Und dass nichts passiert. Das Risiko habe ich zu tragen." Sie wirkte völlig normal und doch auch wieder nicht. Ich verspürte das Verlangen, sie direkt zu fragen, was jetzt passierte.
Was nun mit uns war.
„Wo bist du gewesen?", umschiffte ich meine Gedanken vorerst, doch mein Herzschlag ließ sich davon nicht im Zaum halten. Zu meiner Überraschung antwortete sie ganz offen: „Ich habe meine Befehle befolgt. Sicherlich hat Sam mit dir darüber gesprochen." Ja, nur leider viel zu spät. Und nach meiner Meinung zu fragen, bevor etwas passieren konnte, war auch zu viel verlangt. Vielleicht wusste sie auch, dass ich nicht informiert war, aber es war ihr egal.
„Ich bin nicht damit einverstanden, was da gelaufen ist. Erklär mir das."
