52. Wie in alten Zeiten – TEIL 1


Was zuvor geschah…

Nachdem Jacob gemeinsam mit Jess den Cullens die Nachricht über die Auflösung des Vertrages überbracht hat, wollen diese die Nachricht nicht ohne weiteres hinnehmen. Nicht nur Edward, Emmet und Bella wagen sich auf das Gebiet der Wölfe, sondern auch Renesmee begibt sich in diese Gefahr. Sie stellt Jacob zur Rede und unterstellt ihm, sich wegen Jess von ihr getrennt zu haben. Als er erneut klarstellt, dass er seine Entscheidung getroffen hat und das unabhängig von den Entwicklungen zwischen Quileuten und den Cullens, lässt sie ihn unter Tränen zurück. Auch vor Jess verteidigt Jacob, dass seine Prägung ihn dazu gebracht hat…und es kommt zu einem weiteren Kuss.


„Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich doch fast glauben, dass ihr meinetwegen gekommen seid.", lachte Emily sanft und versuchte, den Haufen halbnackter Männer mit ihrem Gebäck im Zaum zu halten. Sie hatte gerade erst den Teller auf den Tisch gestellt, da war der Großteil der Muffins bereits in gierigen Händen und hungrigen Mäulern verschwunden.

Umständlich ließ sie sich auf Sams Schoß nieder, der seine Hände um das bereits sichtbare Bäuchlein schloss.

Zugegeben, ich hatte all das mehr als nur vermisst: die Gesellschaft, die Entspanntheit. Das letzte Mal war eine viel zu lange Weile her. Aber es waren auch einige Dinge seither geschehen, die es beinahe unmöglich machten, sich so unbeschwert über etwas zu freuen.

Ich freute mich für Sam, wieso auch nicht. Man hätte sich fast schon fragen müssen, wann die nächste Generation wohl eingeläutet würde. Aber mindestens genauso sehr fragte ich mich, wie es dann weiterging. Wie sich Sam entscheiden würde. Denn darüber hatten wir noch nicht wieder sprechen können.

„Kann man denn schon was fühlen?", fragte Seth und streckte bereits die Hand danach aus wie nach einem Muffin. Sam schlug sie empört weg, lachte dann aber.

Emily erwiderte: „Ich hoffe ja, dass es ein Mädchen wird. Damit sie euch Kerlen mal etwas Respekt beibringt." Daraufhin ging ein Raunen durch die Menge, Jess sah mich an und ich sah sie an. Irgendetwas lag in ihrem Blick, aber ich konnte es nicht definieren. Der weiße Riss in ihrer Iris verlieh ihr einen Ausdruck, der schwer zu beschreiben war.

„Na, wenn du das schon nicht geschafft hast, wie soll es dann erst eine kleine Göre können?", stichelte Paul, der doch selbst schon längst mit der Nachwuchsplanung an der Reihe hätte sein können.

„Wie war das?"

Emily warf einen Muffin nach ihm, den er jedoch problemlos fing und gleich zu seinem Eigentum erklärte. Mampfend und spuckend sagte er: „Egal was es wird, wahrscheinlich müssen wir uns so oder so mit einem weiteren launischen Sammy herumschlagen." Weil Sam viel zu gut gelaunt war, sah er auch über diesen Scherz hinweg. Ich konnte ihn jedoch nur allzu gut nachvollziehen. Er hatte nun genug Dinge, um die er sich Gedanken machen musste, sodass solche Späße geradezu mickrig daneben aussehen mussten. Sie waren den Aufwand schlicht nicht wert.

Ich beobachtete im Augenwinkel, wie Embry Jess anstieß, woraufhin sie sich zu ihm umdrehte. Er flüsterte etwas und wollte scheinbar ihre Hand nehmen, aber sie gab sie ihm nicht.

„Oh, da bahnt sich wohl schon der nächste Junior an? Ich schätze, wir müssen einen Kindergarten eröffnen, wenn hier alle plötzlich anfangen zu werfen.", johlte jemand. Aber ich war so fokussiert darauf, was dort neben mir passierte, dass ich kaum mehr etwas mitbekam.

„Hast du einen Moment?", fragte Embry nun leise, aber geradeso über das Gerede der anderen hinweg hörbar.

Kommentarlos standen beide auf und gingen nach draußen. Und meine Augen taten beinahe schon weh, so sehr drängte ich sie an den Rand meiner Augenhöhlen, um sie beobachten zu können. Ich konnte ein Wort vernehmen, vielleicht zwei, dann waren sie außer Reichweite und die Gruppe übertönte alles. Ich war so neugierig und wütend zugleich, dass es diesen doch friedlichen Moment für mich zunichtemachte.

Währenddessen sich Quil beschwerte, dass er aufgrund seiner Wolfstätigkeit keinen Urlaub mit der Liebsten machen konnte, und Ryan amüsante Geschichten über seinen kulerischen Vater erzählte, verging die Zeit. Mit dem frühen Abend brach bereits der ein oder andere auf, da bemerkte ich, dass Jess und Embry noch immer nicht zurückgekehrt waren. Es war schon ein Wunder, dass ich mich überhaupt davon hatte ablenken lassen.

„Und du, Jake?", fragte Emily an mich gewandt, als sie sich an die Zubereitung des Abendessens machen wollte.

Ich schüttelte den Kopf: „Nein, danke. Ich werde mich jetzt wohl erstmal nach meiner Mitbewohnerin umsehen müssen." Beim Aufstehen bemerkte ich ein leichtes Ziehen in der Schulter.

„Nicht, dass Embry sie in den Wald verschleppt hat."

Ryan lachte schallend und ein paar andere stimmten mit ein. Ich jedoch fühlte mich dadurch eher weniger erheitert. Die beiden waren wirklich viel zu lange alleine weg.

„Man sieht sich.", murmelte ich beim Gehen, die Gedanken schon wieder ganz woanders. Ich stapfte durch das hohe Gras in Richtung Auto, weil es für mich sowieso keinen anderen Weg nach Hause gab. Dass ich dort dann auch auf Jess traf, hatte mehr mit Glück als mit Verstand zu tun.

Langsam ging ich auf die beiden zu, die offensichtlich in ein Gespräch verwickelt waren. Jess lehnte an der Motorhaube, Embry stand vor ihr. Und noch immer hatte ich keinen Schimmer davon, was zwischen ihnen war. Allerdings, das musste ich ja zugeben, wusste ich über sie und mich genauso wenig.

Ob Ryan vielleicht doch eine Vermutung hatte?

„Wir gehen jetzt.", war das Erste, was ich von Jess vernehmen konnte, und es würde wohl auch das letzte in diesem Gespräch sein. Embry schien enttäuscht, aber gefasst. Ob es daran lag, dass er ihr nun keine Zeit mehr rauben konnte oder dass sie ihm etwas Unerwünschtes gesagt hatte, ließ sich nicht feststellen. Ohne Umschweife verabschiedete er sich und verschwand zwischen den Bäumen, noch bevor ich die beiden erreicht hatte.

Jess stieg in den Wagen und ich tat es ihr gleich. Aber als sie die Hand an den Schaltknüppel legte, ergriff ich sie. ‚Jetzt oder nie', dachte ich mir, obwohl es wahrscheinlich eine dumme Idee war und sie zu nichts führen würde. Aber ich konnte nicht anders: „Was ist da zwischen euch?"

Sie schüttelte meine Hand mühelos ab und startete den Motor. Schweigend fuhr sie los, wieder zurück nach Hause. Ich wartete und wartete, aber die ganze Fahrt über hielt sie es nicht für nötig, auch nur ein Wort zu sagen.

Entweder hatte Embry es mal wieder richtig versaut – womit auch immer – oder ich.

Beim Aussteigen hatte ich etwas Vorsprung und stellte mich an der Haustür in ihren Weg: „Würdest du bitte aufhören, mich zu ignorieren?"

„Und würdest du aufhören, dich in mein Privatleben einzumischen?", fuhr sie mich schnippisch an und ich hätte schwören können, diese Tonlage noch nie bei ihr gehört zu haben. Sie wirkte regelrecht…zickig. Meine Hand erneut abwehrend drängte sie sich an mir vorbei und ließ mich stehen.

Aber ich hatte noch lange nicht genug.

„Was hat er gemacht?"

Jess verdrehte nur die Augen und schlug mir beinahe die Badtür ins Gesicht, weil ich ihr auf Schritt und Tritt folgte. Sie sah mich an und ich konnte nicht ganz feststellen, ob ihr Blick wütend oder traurig war…oder eine Mischung aus beidem.

„Das ist eine Sache zwischen ihm und mir.", erklärte sie knapp.

„Und was für eine Sache soll das sein?"

Sie zögerte, dann änderte sich etwas in ihrem Gesicht. Ich realisierte, dass ich keinerlei Anspruch darauf hatte, dass sie mir auch nur irgendetwas aus ihrem Privatleben erzählte. Nur hatte ich bisher den Eindruck gehabt, dass es vor allem aus unserer gemeinsamen Zeit bestand. Zu wissen, dass es nicht so war…machte etwas mit mir. Ich fühlte mich für sie verantwortlich und –

„Nun, was ist das denn für eine Sache zwischen uns?"

Ihre Aussage verwirrte mich. Wollte sie damit sagen, dass sie da auch eine Veränderung sah in unserer…Beziehung? Oder war das ein direktes Geständnis, dass sie etwas mit Embry am Laufen hatte? Oder dass mit uns beiden etwas lief?

Mein Gesichtsausdruck musste genau widerspiegeln, was ich dachte, denn nun wirkte sie ebenfalls verwirrt. Mit einem nichtssagenden Schnaufen wandte sie sich halb ab, dann hob sie abwehrend die Hände: „Vergiss es einfach, in Ordnung?" Sie drehte sich um, doch ich erkannte meine Chance, nun doch noch das erhoffte Gespräch mit ihr führen zu können.

„Ich will es nicht vergessen."

Jess bliebt abrupt stehen und wirkte wie versteinert. Unsere Blicke verschraubten sich ineinander. Doch sie antwortete: „Du musst." Ich verstand nichts davon. Ich wusste nicht einmal, ob wir hier tatsächlich über das sprachen, was ich dachte. Ich wusste nicht, ob das jetzt eine Frage zwischen Embry und mir war. Oder ob es für sie um etwas ganz anderes ging.

Sie drehte sich zu mir herum, kam auf mich zu und nahm mein Gesicht in ihre warmen Hände. Wir sahen uns an und in diesem Moment glaubte ich, auch ihre Gefühle einmal sehen zu können. Ihre Daumen streichelten meine Wangen und in mir erwuchs eine zunehmende Wärme. Sie hatte die schönsten Augen, die man sich nur vorstellen konnte. Und trotz der Schärfe und Härte war ihr Gesicht grazil, ihre Haut weich und ihr Körper hatte etwas so Weibliches. Ich fühlte mich zu ihr hingezogen, aber nicht nur deswegen. Als sie wieder sprach, war es nur noch ein Flüstern: „Bitte…du musst es mir versprechen." Ich schmeckte ihren Atem auf meiner Zunge und vergaß beinahe, dass sie überhaupt etwas gesagt hatte. Ihre Augen fesselten mich und aus irgendeinem Grund erkannte ich, dass was immer sie gerade tat, meinen Willen untergraben sollte. Ich bemerkte, dass sie mich zu beeinflussen versuchte, nur wusste ich nicht warum.

Da ich meine Augen nicht abwenden konnte, legte ich meine Hände auf ihre. Sie zuckte zurück und dieser kurze Augenblick reichte aus, um ihr Vorhaben zumindest weiter hinauszuzögern.

Ich kam weiter auf sie zu, da versuchte sie ihre Hände wegzuziehen. Ich hielt sie so fest, wie ich nur konnte, doch ihr Widerstand war so zaghaft, dass ich mich nicht weiter bemühen musste.

„Lass es uns herausfinden.", forderte ich, schob ihre Hände in Richtung meines Nackens und legte ihre Arme um meinen Hals. Meine Hände berührten ihre Taille und unsere Blicke verschränkten sich ineinander. Ich schob meine Finger unter ihr Oberteil und die bloße, hauchdünne Berührung ihrer Haut trieb uns weiter aufeinander zu. Ich war wie gefangen in einem Netz, ganz willenlos und wehrlos, so als ergab ich mich den Trieben einer Prägung. Nur wussten wir beide, dass ich ebendiese Prägung längst durchlebt hatte und sie mich dazu zwang, meine letzte Liebe hinter mir zu lassen. Oder war es nun genau das? Frei und ungezwungen, ganz und gar losgelöst von Prägung oder Trieb?