III. Oikawa
Tooru hatte sich niemals für besonders kompetent gehalten, wenn es darum ging für andere Leute zu sorgen. Wenn er ehrlich war, dann musste er zugeben, dass es schwierig genug war auf sich selbst achtzugeben.
Er wusste, dass er keine einfache Person war (selbst Iwa-chan sagte ihm das immer wieder, und der – das hoffte er zumindest – empfand aufrichtige Zuneigung für ihn), und seine Gefühle hatten meistens das Kommando über ihn anstatt umgekehrt. Volleyball war für ihn Segen und Fluch zugleich, weil er einerseits seine komplexen Gefühle darin kanalisieren konnte, aber andererseits regelmäßig den Verstand über die Tatsache verlor, dass der Ushiwaka nicht besiegen konnte. Deswegen hatte er bereits alle Hände voll damit zu tun sich selbst im Gleichgewicht zu halten. Jetzt auch noch einen kleinen Mittelschüler zu umsorgen, der offenbar eine große Krise durchlitt, war keine Aufgabe für die er sich freiwillig gemeldet hätte - einfach deswegen, weil er denkbar ungeeignet dafür war.
Und doch hatte das Schicksal ihn mit der Aufgabe betraut Kageyama Tobio zu helfen. Nach dem katastrophalen Trip ins Museum sah er ein, dass sie ihre Strategie ändern mussten. Sie mussten subtiler vorgehen, nahm Tooru an. Sie gaben Kageyama erst einmal ein paar Tage Zeit sich zu erholen und versuchten sich dann auf natürlichere Art und Weise in sein Leben einzubringen.
Ihr eigenes Volleyball-Training durften sie ja auch nicht vernachlässigen, und Kageyama wäre der Erste gewesen, der ihnen das übel genommen hätte, wenn sie das getan hätten, also versuchten sie dieses mit der Aufgabe, ein Auge auf den Jungen zu haben, zu vereinen so gut es ging.
Doch es ging nicht immer. Kageyama konnte und wollte nicht ohne Volleyball sein, doch nach dem, was das letzte Mal passiert war, konnten sie ihn auch nicht so einfach trainieren lassen. Sie hatten allen erzählt, dass Kageyama krank war, was ihnen eine gute Ausrede dafür lieferte ihn dazu zu zwinge das Training früher wieder zu unterbrechen.
Tooru ließ sein eigenes Training sausen um Kageyama zu beschäftigen, nachdem Kunimi diesen aus dem Training entfernt hatte. Und dann überlegte er sich eine Lösung. Das Problem war nicht Volleyball an sich, es war das Training im Team, das wusste Tooru, also spielten sie mit Kageyama Volleyball und hielten ihn so zugleich davon ab einen weiteren Zusammenbruch vor seinen Teamkameraden zu erleiden.
Kindaichi und Kunimi wurden dazu eingeteilt ein Auge auf ihn zu haben, wenn er doch mit der Mannschaft trainierte, und rechtzeitig abzubrechen, wenn es nötig werden sollte. Ansonsten wechselten sie sich alle damit ab Kageyama nach dem Training zu betreuen und versuchten ihm zugleich auch seinen Freiraum zu lassen und nicht ständig an seiner Seite zu kleben.
Tooru hatte keine Ahnung ob ihre Bemühungen funktionierten. Kageyama hörte mit der Zeit auf überrascht und frustriert und wütend darüber zu sein, sondern schien sich damit abzufinden, dass sie ihn betreuten. Er schien es sogar zu erwarten. Ob es ihm recht war oder nicht war schwer festzustellen, doch zumindest brach er nicht mehr mitten im Training in Tränen aus. Für Tooru war das gleichbedeutend mit Erfolg, zumindest mit irgendeiner Art von Erfolg.
Und irgendein Erfolg war immer noch besser als gar keiner.
Mit der Zeit schien es - langsam aber sicher - tatsächlich besser zu werden. Oder vielleicht gewöhnten sie sich auch nur aneinander.
Tooru hatte sich nie etwas vorgemacht, er wusste, dass es Kindaichi und Kunimi leichter fallen musste Kageyama zu betreuen als ihm oder Iwa-chan. Und er wusste, dass Kageyama die Gegenwart jedes der drei anderen seiner vorzog, das wäre nur natürlich. Aber zugleich wusste er auch, dass er derjenige war, den Kageyama nun am Dringendsten brauchte. Was für keinen von ihnen beiden besonders angenehm war. Doch mit der Zeit wurde es schrittweise immer weniger unangenehm. Es wurde natürlicher, wenn man so wollte.
Tooru wusste es besser als Fragen zu stellen, aber zugleich mussten sie irgendetwas finden, das sie gemeinsam hatten, und das nicht Volleyball war, und worüber sie auch sprechen konnten. Doch Kageyama Tobio war nicht besonders begeisterungsfähig, wie es schien. Deswegen redete Tooru meistens auf den jüngeren Jungen ein und wartete ab, was hängen bleiben würde. Und lange Zeit schien nichts hängen bleiben, nicht wirklich zumindest, bis der Tag kam, an dem das alles keine Rolle mehr spielte, weil Kageyama von sich aus mit ihm sprach.
Sie waren gerade dabei sich einen Film anzusehen (einen den Tooru ausgewählt hatte natürlich), und Kageyama, der normalerweise kein großer Film-Fan war, schien dieses Mal ungewöhnlich gefesselt von dem Inhalt auf dem Bildschirm zu sein. Es war eine Trauerfeier zu sehen, und es wurde viel geredet, und Tooru fand das alles, wenn er ehrlich sein sollte, vor allem langweilig und hatte sich schon darüber geärgert, dass er sich dazu entschieden hatte ausgerechnet diesen Film hier mitzunehmen, den er auf Anregung von Iwa-chan (wem sonst?) ausgewählt hatte. Immerhin gehörte Iwa-chan ja zu den Leuten, die gezwungen pseudo-tiefsinnige Machwerke mit tatsächlicher filmischer Kunst verwechselten. Doch noch während er diesem Gedanken nachhing sagte Kageyama plötzlich: „Reden sie auf westlichen Trauerfeiern wirklich so viel? Bei uns tun sie das nicht. Zumindest haben sie das auf der Trauerfeier meines Großvaters nicht getan."
Tooru sah zu dem Jungen hinüber und wusste nicht was er antworten sollte – ob er überhaupt etwas antworten sollte. Dann meinte er vorsichtig: „Ich denke, dass sich an das Leben von jemandem zu erinnern dabei helfen soll sich klar zu machen, dass diese Person nun wirklich nicht mehr da ist. So paradox das auch erscheinen mag."
Kaum hatte er das gesagt fragte er sich, ob er Kageyama über die Bedeutung des Wortes paradox aufklären sollte oder davon ausgehen durfte, dass der Junge wusste was er meinte. (Große Worte waren soweit er wusste noch nie Kageyamas Stärke gewesen).
„Wenn jemand nicht mehr da ist, dann macht sein Fehlen klar, dass er weg ist", erwiderte Kageyama, „Und wenn jemand weg ist, dann erinnert man sich von selbst immer daran wie es war als es noch anders war."
Dem konnte Tooru nicht widersprechen. Doch Kageyama hatte ihm zum ersten Mal eine Möglichkeit offenbart wie er herausfinden konnte was mit ihm nicht stimmte, und die konnte er nicht ungenutzt verstreifen lassen, also fragte er: „Fehlt dir dein Großvater denn sehr?"
Kageyamas Blick schien in die Ferne zu streifen. „Momentan mehr", gab er dann zu, „Wenn ich nicht Volleyball spiele, dann habe ich nichts, was mich an ihn erinnert. Sie haben alles weggeworfen, als wollten sie nicht, dass auch nur irgendetwas von ihm bleibt. Und Miwa ist nach Tokyo gegangen. Sie interessiert sich nicht mehr für Volleyball."
„Hat dir dein Großvater Volleyball beigebracht?", wollte Tooru wissen.
Kageyama nickte. „Er hat mir gesagt, dass ich eines Tages jemanden finden werde, der besser ist als ich", sagte er. Sein Blick war glasig geworden. Und mehr war nicht mehr aus ihm herauszubekommen, aber es war ein Anfang. Besser als gar nichts. Und ausbaubar. Hoffentlich.
„Kageyamas Großvater? Ja, er …" Kindaichi verstummte und schien über die Frage nachzudenken, so heftig, dass er seine Stirn in Falten legte. „Ja, er trainiert irgendein Frauen-Team soweit ich weiß. Er war auf der Shiratorizawa. Kageyama hat letztes Jahr ständig davon geredet, dass sein Großvater so ein toller Spieler wurde, weil er auf der Shiratorizawa war. Man konnte beinahe Komplexe kriegen, wenn man ihm so zugehört hat; dort ist ja alles so viel besser, dort spielt man besser Volleyball… Kageyama wollte es zumindest unbedingt auf die Oberschule schaffen. Offenbar waren seine Noten nicht gut genug für die Mittelschule, und seine Familie hatte nicht genug Geld um ihn dort hineinzukaufen…. Ich meine, es stimmt ja schon, dass sie uns noch jedes Mal besiegt haben, aber…."
„Das war nur wegen Ushiwaka", unterbrach ihn Tooru, der wirklich nicht schon wieder ein weiteres Loblied auf die Qualität der Shiratorizawa-Akademie hören wollte. Noch dazu von einem Kouhai. „Dieses Jahr schlagt ihr sie sicherlich. Und wir schlagen Ushiwaka." Er sagte es so wie er es meinte: Mit vollkommener Überzeugung. Die Zeiten, in denen dieser arrogante Schnösel den Boden mit ihm aufgewischt hatte, waren vorbei. Der neue Oikawa Tooru würde zusammen mit seinem neuen Team von seiner neuen Schule beweisen, dass Ushijima Wakatoshi genauso wenig unbesiegbar war wie die Shiratorizawa-Akademie.
Auf jeden Fall sah es einem Ehrgeizler wie Kageyama ähnlich auf die Shiratorizawa-Akademie gehen zu wollen, aber vielleicht steckte ja mehr als reiner Ehrgeiz hinter diesem Wunsch. Wenn es eine Art Familientradition war, wollte Kageyama diese vielleicht einfach fortführen.
„Und wann genau ist sein Großvater gestorben?", wollte er von Kindaichi wissen.
Der blinzelte einen Moment lang verwirrt. „Gestorben? Nein, das kann nicht …." Kindaichi unterbrach sich und wirkte auf einmal sehr betroffen. „Kageyamas Großvater ist gestorben?", erkundigte er sich dann bei Tooru als ob dieser die Autorität zum Themengebiert Kageyama wäre (und offenbar war er das ja auch wohl wirklich).
Tooru nickte. „Das hat er mir selbst gesagt", bestätigte er, „Wusstet ihr das nicht?"
„Nein, ich meine, er hat ständig von seinem Großvater gesprochen. Als würde er noch leben, meine ich. Letztes Jahr musste er mal ins Krankenhaus, aber es ging ihm danach wieder gut, das weiß ich sicher", behauptete Kindaichi, „Ich meine, ich …. Er hätte uns doch gesagt, dass sein Großvater gestorben wäre. … Oder nicht?"
Tooru warf dem Jungen einen ernsten Blick zu. „Ich denke nicht, dass Kageyama Tobio jemand ist, der mit seinen privaten Tragödien hausieren geht", erwiderte er langsam, „Ich kann mich nicht erinnern, dass er von sich aus jemals über etwas anderes als Volleyball gesprochen hätte. Aber er ist euer Freund, nicht meiner. Ich bin sicher, dass euch ein so einschneidender Verlust in seinem Leben nicht entgangen wäre. Verlust verändert einen schließlich."
Kindaichi war sehr bleich geworden. „Willst du damit sagen, dass das alles unsere Schuld ist, weil wir so schlechte Freunde sind, dass wir nicht bemerkt haben, dass Kageyama um seinen Großvater trauert?!", wollte er dann wissen.
„Natürlich nicht, Kin-chan", erwiderte Tooru nur, „Ihr habt bemerkt, dass etwas nicht stimmt. Deswegen habt ihr mich doch hergeholt, oder nicht?"
Zu wissen was passiert war, half aber nicht wirklich dabei alles zu lösen. Nicht in diesem Fall, wie Tooru schnell feststellen musste. Trauer war nichts, das man einfach wegmachen konnte. Verlust nichts, das man schön reden konnte.
Und wenn Kageyama Volleyball vor allem mit dem Verlust, den er erlitten hatte, verband, Volleyball aber zugleich das war, was er am meisten liebte … nun, dann war klar, dass die Dinge schlechter werden würden, bevor sie besser werden könnten.
Tooru hatte nie darüber nachgedacht warum Kageyama Tobio von Volleyball so besessen war wie er es nun mal zu sein schien. Er hatte sich eigentlich noch nie jemals darüber Gedanken gemacht warum irgendjemand anderer Volleyball spielte.
Er nahm an, ohne je nachgefragt zu haben, dass Iwa-chan hauptsächlich deswegen Volleyball spielte, weil er es ebenfalls tat. Da sie einfach alles gemeinsam taten, war es nur logisch, dass sie auch gemeinsam Volleyball spielten. Seine restlichen Teamkameraden hatte er, sowohl in der Mittelschule, als auch in der Oberschule, eigentlich immer für selbstverständlich hingenommen, und sich nie darüber gewundert, dass sie mit ihm am Feld standen. Immerhin waren sie gut genug um es verdient zu haben dort zu stehen.
Und was seine Gegner anging, … nun, die waren einfach nur seine Gegner. Er machte sich Gedanken darüber wie sie spielten, nicht warum sie spielten. Dass jeder, der am Platz stand, auch gewinnen wollte, war so eine Art Grundvoraussetzung; er hatte sich nicht darüber Gedanken gemacht warum sie gewinnen wollten. Dass manche von ihnen vielleicht komplexere Gründe dafür haben könnten als den reinen Wunsch nach einem Sieg um des Sieges willen.
Für Kageyama war Volleyball offenbar mehr als nur ein Sport. Es war sein Erbe. Vielleicht auf mehr Arten als Tooru jemals begreifen könnte. Das bedeutete aber auch, dass er wieder dazu in der Lage sein musste zu spielen. Nicht zu spielen wäre keine Option für ihn.
Denn dann würde ihn der Verlust nur noch härter treffen. Er mochte Volleyball mit seinem Verlust verbinden, doch zugleich war es seine wichtigste Erinnerung an den, den er verloren hatte. Es aufzugeben würde zugleich bedeuten alles Positive, was er mit dem Verlorenen verband, zu verlieren.
Und außerdem war Volleyball in Kageyamas Fall irgendwie … das Einzige, was es in seinem Leben zu geben schien. Dieser Junge hatte keine Hobbys, keine Interesse, keine Leidenschaften, die nicht irgendetwas mit Volleyball zu tun hatten. Andere Sportarten waren für ihn minderwertig, und Dinge für die die sich Jungs in seinem Alter sonst interessieren könnten – Videospiele, Mangas, Filme, Mädchen – waren für ihn genauso uninteressant wie sämtliche Schulfächer, die er belegte.
Iwa-chan hatte versucht in ihm Interesse am Kochen zu erwecken, ohne Erfolg. Tooru hatte versucht in ihm Neugierde auf irgendetwas anderes zu erwecken, was auch ohne Erfolg geblieben war – das Weltall, die Natur, Tiere, Geschichte, Medizin, Musik, Literatur – nichts davon schien Kageyama auch nur wahrzunehmen. Klar, er war zu höflich um rund heraus zu sagen, dass ihn das alles langweilte, aber … es langweilte ihn eindeutig. Kunimi hatte versucht ihn Doramas näher zu bringen, was auch nicht funktioniert hatte, und Kindaichi hatte es mit Shinto und Buddhismus versucht, was wenig überraschend noch erfolgloser geblieben war als alles andere. Nein, es musste Volleyball sein, so viel war klar.
Aber Volleyball war immer noch gefährlich und musste daher vorsichtig angegangen werden. Es wäre so viel einfacher, wenn er sich wie jeder andere Mittelschüler für Star Trek, Superhelden, Sushi und Basketball interessieren würde. Oder Skateboard., Amerikaner lieben die Dinger, ich weiß nicht warum, aber ich wünschte er würde sich zumindest für Skateboards interessieren. Doch natürlich interessierte sich Kageyama nicht für Skateboards.
„Ist in deinem Hirn denn wirklich nie was hängen geblieben, das nichts mit Volleyball zu tun hat?!", empörte sich Tooru irgendwann empört mitten in der Shogun-Verfilmung mit Richard Chamberlain, die zwar westliche Propaganda war, aber westliche Propaganda für Bushido-Werte, was Tooru schon immer verwirrt hatte und einen seiner komplexeren Versuche darstellte Kageyama etwas vorzusetzen, von dem er dachte, dass es den Jungen ablenken und interessieren könnte. Stattdessen hatte die ganze Unternehmung damit geendet, dass Tooru den Jungen über das Japan und das Europa des 17. Jahrhunderts aufklären musste, inklusive dem Unterschied zwischen Katholizismus und anderen christlichen Glaubensrichtungen. Kein Wunder also, dass er ein bisschen ungehalten reagierte, als Kageyama ihm eine Frage zu viel über die Handlung stellte.
Kageyama warf ihm einen kurzen nachdenklichen Blick zu und erklärte dann: „Alle sagen immer, dass ich nichts als Volleyball im Kopf habe. Vielleicht war wirklich für nichts anderes Platz darin."
Tooru seufzte. „Tobio-chan, es gibt so viel mehr im Leben", erklärte er, „Ich meine, du musst kein Experte für das 17. Jahrhundert sein, wirklich nicht, aber … stimmte es, dass du nicht mal einen einzigen J-Pop-Song kennst?"
Kageyama zuckte die Schultern. „Das hat mich früher nie interessiert", erklärte er, „Und als es mich interessiert hat … Nun, das ist alles noch nicht heraus gekommen."
Manchmal gab Kageyama solche unsinnigen Sachen von sich, und Tooru wusste dann nichts darauf zu sagen. „Ist auch egal." Letztlich war es seine eigene Schuld. Er hätte es besser wissen müssen als Kageyama Tobio historische Serien vorzusetzen.
Eine Sache könnte es geben, die Kageyama neben Volleyball doch interessierte, aber die war gelinge gesagt heikel. Und Tooru hatte nicht vor irgendetwas in dieser Richtung zu unternehmen, weil … es eben heikel war. Und nur Probleme machen würde, und von denen hatte Kageyama sowieso schon genug.
„Ich sage ja nur, dass wir mit ihm darüber reden könnten", meinte Iwa-chan.
„Als Aufklärungsgespräch, oder wie? Nein, danke. Ich meine, er ist praktisch noch ein Kind, und von mir aus kann er gerne weiterhin eines bleiben", gab Tooru zurück.
Iwa-chan warf ihm einen scharfen Blick zu. „Oder stört dich der Gedanke, dass du nicht mehr der Hahn im Korb sein könntest, wenn wir mit ihm darüber reden?", vermutete er dann.
„Das ist absurd", gab Tooru sofort zurück, „Ich will nicht der Hahn im Korb sein, ich wusste bis vor kurzem nicht einmal, dass ich der Hahn im Korb war – das ist eine Theorie auf die du dich eingeschossen hast, neben bei bemerkt – und will vielleicht einfach nicht über das Liebesleben eines Kouhais nachdenken."
„Du bist derjenige, der herumgejammert hat, dass sich Tobio nicht wie alle anderen auch für Mädchen interessiert", rief ihm Iwa-chan in Erinnerung.
„Ja, und damit meinte ich im allgemeinen Sinn eines Mittelschul-Zweitklässlers: Verknallt in Idols, pervers interessiert an der Körbchen-Größe von One Piece-Charakteren, und zu schüchtern seinen weiblichen Lieblings-Senpai ein Geständnis zu machen. Mädchen sind in dem Alter harmlos. Das andere … ist nicht so harmlos", verteidigte sich Tooru.
„Soweit ich mich erinnern kann, hattest du kein Problem deinen weiblichen Lieblings-Senpai sehr genau zu gestehen wie sehr du sie magst. Es war Valentinstag … Oder war es White Day? Ich weiß nur noch, dass Schokolade involviert war und Yuki-san aus irgendeinem Grund – ich glaube immer noch, dass sie eine Wette verloren hat – zugestimmt hat mit dir auszugehen", behauptete Iwa-chan, „So harmlos war das also wohl doch nicht."
„Ah,. Yuki-san, die zwei glorreichsten Wochen meines Liebeslebens, abgesehen von allen mit dir natürlich, Iwa-chan. Aber es war harmlos, wir haben nicht mal Händchen gehalten. Und ihre genauen Worte beim Schlussmachen waren: Du bist süß, aber ein Kind, Tooru-kun. Denn, auch wenn du das nicht wissen kannst, ältere Mädchen sind harmlos, ältere Jungs sind es nicht. Genau darum geht es doch", erinnerte sich Tooru.
„Ich will nichts über diese älteren Jungs hören", warf Iwa-chan ernüchtert ein.
„Ich will auch nichts darüber sagen", beruhigte ihn Tooru, „Aber ich will auch nicht, dass Tobio-chan meine Fehler wiederholt."
„Es müssen keine älteren Jungs sein", warf Iwa-chan ein.
„Wer sollte es sonst sein? Weißt du eigentlich wieviel Glück wir hatten einander zu finden? Willst du auf der Kitagawa Daiichi Mittelschule eine Umfrage starten und so einen passenden Gefährten für Tobio-chan finden, oder wie stellst du dir das vor? Außerdem wurde sein Herz gebrochen, ich glaube nicht, dass er überhaupt jemand neuen finden will…" Tooru schüttelte den Kopf. „Und ihm zu sagen: Hey, es wird besser, sieh nur uns an, wäre kein Freundschaftsdienst, das wäre einfach nur gemein, so als würden wir ihm unsere Liebe unter die Nase reiben, während er…"
„… dir immer noch nachtrauert?", schlug Iwa-chan vor.
„Ich sage nur, dass man seine erste Liebe nicht vergisst. Aber darum geht es nicht. Es geht um diesen anderen Jungen", erklärte Tooru.
„Von dem du nur annimmst, dass es ihn gibt. Weil niemand seinen Namen kennt oder weiß wer es ist oder wie wann und wo Tobio ihn kennengelernt haben soll. Vielleicht gibt es diesen Jungen gar nicht." Immer wenn ihm nichts Besseres einfiel, kam Iwa-chan mit Logik daher.
„Es gibt ihn. Ich weiß, dass es ihn gibt", widersprach Tooru. Es war nicht so einfach alles was Kageyama so von sich gab zu übersetzen und zu verstehen, aber das, das hatte er sehr genau begriffen, von Anfang an.
„Wäre es dann nicht einfach die beste Lösung diesen Jungen zu suchen und ihm zu sagen, dass Tobio ihn braucht? Ich meine, wir nehmen an, dass sein Großvater nach der Trennung gestorben ist, oder? Also weiß er das vielleicht gar nicht. Und wenn er es wüsste, nun sie müssten ja nicht wieder zusammen kommen – falls sie das je waren – aber vielleicht würde dieser Junge für Tobio da sein wollen. Ich würde für dich da sein wollen, das weiß ich zumindest, egal wie verärgert ich vorher gewesen wäre, egal ob wir zusammen wären oder nicht, Freunde oder verbitterte Exen, oder sonst was."
Tooru spürte bei diesen Worten Wärme in sich aufsteigen. Mein Iwa-chan. Wieso wollte ich je jemanden wie Yuki-san? „Iwa-chan, du hast ein gutes Herz", begann Tooru langsam, „Aber … nicht jeder ist wie du. Nicht alle sind wie wir. Tobio-chan redet schon so kaum mit uns. Willst du wirklich all seine Wunden wieder aufreißen, indem du ihn nach einem Jungen fragst, der sein Herz gebrochen hat, nur um dann festzustellen, dass alles umsonst war und die Dinge durch deine Versuche zu helfen nur noch schlimmer geworden sind?"
Doch dann geschah das Wunder. Volleyball und die andere Sache verbanden sich zu Kageyama Tobios Rettung.
Tooru hatte nicht damit gerechnet, dass so etwas passieren könnte. Zu dem Zeitpunkt hatte er die Hoffnung mehr oder weniger aufgeben und gedacht, dass der beste Plan darin bestünde Kageyama und Volleyball langsam und behutsam wieder zu vereinen. Schritt für Schritt sozusagen.
Sie waren eigentlich zum Kino unterwegs und kamen am Weg zum Bus, der sie dorthin bringen sollte, an einem Übungsplatz vorbei, auf den Tooru kaum achtete. Sie waren einen Umweg gegangen, weil Iwa-chan für Kin-chan irgendeinen ganz speziellen Jogurt-Drink, den es nur in gewissen Supermärkten gab, hatte mitnehmen wollen, und waren deswegen eigentlich spät dran und würden den Film eventuell sogar verpassen. Tooru starrte deswegen düster auf seine Uhr, und ihm fiel erst auf, dass sie Tobio-chan verloren hatten, als er sich prüfend umdrehte und nur Iwa-chan hinter sich entdeckte und keine Spur von dem jüngeren Schüler entdeckten konnte. „Moment, wo ist Tobio-chan?"
Da Kageyama ein ungewöhnlich braver Junge war, der nicht einfach so weglief, konnte er nicht allzu weit weg sein. Vermutlich hatte ihn irgendetwas abgelenkt und zum stehen bleiben gebracht (so was kam öfter vor) und sie würden ihn in Gedanken versunken irgendwo nicht weit von hier vorfinden.
Und so war es auch. Sie fanden ihn beim Volleyball-Übungsplatz. Er sah einem kleingewachsenen orangehaarigen Jungen beim Spielen zu. Der Junge schlug Bälle (bzw. versuchte sie zu schlagen), die ihn von einem anderen Jungen zugeworfen wurden, über das Netz. Die meisten seiner versuchten Schläge gingen daneben – entweder gingen die Bälle meterweit ins Aus, oder er schlug sie hinunter ins Netz statt darüber hinweg, oder er verfehlte sie in der Luft ganz – doch er konnte verdammt hoch springen, das musste Tooru ihm lassen.
Dann drehte er sich zu Kageyama um und sah den Gesichtsausdruck des dunkelhaarigen Jungen. Oh.
Und da wusste er, dass die Dinge nun vielleicht doch endlich besser werden würden.
A/N: Durch Krankheit und Ostern hat es länger gedauert zum updaten zu kommen, aber da es offenbar Leute gab, die daran interessiert waren wie es weiter geht, ist hier das nächste Kapitel.
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