„Hey, gib mir mal die Karte!" Diego grapschte nach dem Beutel mit der Visitenkarte, doch Five zog ihn blitzschnell außer Reichweite.
„Sag erst bitte! Aber höflich, wenn ich bitten darf!". Er grinste maliziös und wedelte mit der Karte vor Diegos Gesicht herum.
Ein leises Knurren kam aus Diegos Brust, dann explodierte er und warf sich raubkatzengleich und mit ganzer Kraft auf seinen Bruder, sodass sie beide zu Boden stürzten. Five entfuhr ein ächzendes Stöhnen, als er hart auf dem Steinboden aufschlug. Die Kieselsteine bohrten sich durch sein Schuljackett direkt in seinen Rücken. Das tat weh! Doch Diego schien der Sturz nichts ausgemacht zu haben, denn dieser verschwendete keine Zeit und nagelte ihn mit seinem ganzen Gewicht fest, sodass die Steinchen tiefer in seine Haut drangen. Five unterdrückte ein Wimmern.
„Her mit der Karte!", forderte er.
„Vergiss es! Geh sofort runter von mir, Diego!"
„Erst, wenn du Blödarsch mir die Karte gibst!"
„Ich habe gesagt, du sollst erst höflich ..."
Diego verstärkte den Druck auf Fives Brustkorb, trieb die Spitzen der Steine direkt in seine Haut. Zornig trat Five um sich, schlug mit den Beinen aus, um seinen Bruder abzuschütteln, aber gegen Diego hatte er in einem Mann gegen Mann Duell keine Chance. Tränen kämpften sich den Weg in Fives Augen, gleich würde er vor seinem Bruder als weinender Schwächling dastehen. Unbändiger Zorn brodelte in seinen Eingeweiden.
„ ¡Dios mío!, was ist nur los mit den Kindern heutzutage, eh? Warum müssen sie sich dauernd schlagen, ha? Ich dachte, ihr seid ... professionelle Unterstützung! ¡Qué tontería! Was für ein Unsinn! Vielleicht, wir sollten lieber jemand anderen rufen?" Ortiz sah missbilligend auf die beiden Kampfhähne hinab und gestikulierte anklagend mit seinen Händen.
„Das wird nicht nötig sein", zischte Sir Reginald Hargreeves in scharfem Ton. „NUMMER 1!"
„Schon zur Stelle, Dad!" Luther trat stechschrittartig auf seine Geschwister zu und mit einem einzigen, mühelosen Ruck zog er Diego von Five herunter. Five, endlich von dem Gewicht seines Bruders befreit, sprang auf der Stelle auf und wischte sich verstohlen die Tränen aus den Augenwinkeln. Dann schoss er Zornesblitze aus seinen Augen in Richtung Diego, den Luther jetzt gepackt hatte und in einer schraubstockartigen Umklammerung festhielt.
„Was soll ich mit ihm machen, Dad?", fragte er, auf weitere Anweisung wartend.
„Lass mich sofort los, du Affengesicht!", brüllte Diego aufgebracht und versuchte sich mit aller Kraft aus dessen Griff zu befreien. Er wand sich, versuchte Luther in seine empfindlichsten Teile zu treten, aber ebenso gut hätte eine Ameise gegen einen Elefanten kämpfen können. Luthers gewaltigen Muskeln hatte Diego absolut nichts entgegenzusetzen und an seine Messer kam er nicht, da Luther beide Arme eng an seinem Körper fixiert hatte. Five grinste hämisch, jetzt bekam Diego endlich die Abreibung, die ihm gebührte!
„Nummer 1, bring Diego in den Teambus, ich glaube, wir haben für heute genug von ihm gesehen!", befahl Sir Reginald Hargreeves und musterte den eingezwängten Diego verächtlich von oben bis unten.
„Nummer 2, ich bin überaus enttäuscht von dir! Solch ein Benehmen ist höchst unwürdig und eine Schande für die gesamte Academy! Ich entbinde dich mit sofortiger Wirkung von dieser Mission! Du wirst im Bus warten!"
Diegos Augen weiteten sich vor Schock. „Aber Dad! Das ist nicht fair! Nummer 5 hat angefangen, er ist an allem schuld! Dad, bitte! Schick mich nicht weg, ich kann helfen, Dad!"
Doch Sir Reginald Hargreeves schenkte Diegos Betteln und Flehen keinerlei Beachtung, sondern drehte ihm den Rücken zu.
„Pogo, du sorgst dafür, dass Nummer 2 die Ermittlungen nicht weiter stört!", wies er den Schimpansen an.
„Jawohl, Sir!" „Komm Junge, lass uns gehen." Luther ließ Diego los, der sich jetzt nicht mehr wehrte, sondern leise weinte, als Pogo ihn zurück zum Teambus führte.
„Musste das sein, Five?", fauchte Allison, die Diego und Pogo hinterher sah, bis Pogo die Bustüren hinter ihnen schloss. „Du weißt doch genau, wie leicht reizbar Diego ist! Und du forderst ihn noch absichtlich heraus!" Sie zitterte und Luther legte beruhigend den Arm um sie.
Five zuckte ungerührt mit den Schultern und schüttelte sein Jackett aus. „Es ist nicht meine Schuld, dass er nie gelernt hat, bitte sagen, er hätte nur höflich fragen müssen, dann hätte er die Karte haben können, aber wer keine Manieren hat..."
„Du kleines arrogantes As! Dieser Kampf war unsinnig und unnötig! Nur deinetwegen sitzt er jetzt im Bus und Dad ist sauer. Das ist alles deine Schuld! Du solltest von der Mission ausgeschlossen werden, nicht er! Wenn Luther dir vorher nicht geholfen hätte, dann..." Sie machte eine Halsabschneidergeste.
„Ey, nichts gegen ne gute Show, Allison!", grinste Klaus. „Aber in nem richtigen Kampf würde ich nicht auf unseren Five wetten, naja, außer vielleicht ... in nem Schachduell. Da würdest du sie alle plattmachen, stimmts Five? Warum haste dich eigentlich nicht einfach unter ihm wegteleportiert? Wolltest es spannend machen, wie?" Er lachte herzhaft.
Five rollte mit den Augen, klopfte den restlichen Staub von seiner Uniform und strich sein Jackett glatt. Niemals würde er zugeben, dass Diegos Attacke ihn so überrascht hatte, dass er seine Kräfte völlig vergessen hatte. Er würde vor Scham sterben, wenn seine Geschwister herausfänden, dass er nicht der kühle und logische Denker war, für den er sich immer ausgab.
Sicher, Klaus wusste, dass er auch schwache Seiten besaß, schließlich hatte er ihn mehr als nur einmal getröstet. Aber was Gefühle betraf, war Klaus einfach ... anders. Sein Bruder urteilte nie, machte sich auch nicht über seine Unzulänglichkeiten lustig, sondern war schlicht und ergreifend da, wenn Five ihn an meisten brauchte. Bei ihm konnte er er selbst sein, seine verletzliche Seite zeigen. Den anderen jedoch würde er diesen Teil von sich niemals verraten.
Genau aus diesem Grund hatte ihm Diegos plötzlicher Angriff solche Angst eingejagt. Ein paar Sekunden länger und jeder hätte gesehen, wie er weinte. Vor allen Augen wäre er bloßgestellt gewesen! Der Gedanke missfiel ihm zutiefst. Er schüttelte sich. Sein übliches Gefühl der Überlegenheit war verschwunden, doch jetzt, da sein Verstand wieder arbeitete, würde er es zurückgewinnen. Sein Moment der Schwäche gehörte der Vergangenheit an und er würde dafür sorgen, dass er genau da blieb.
Five bückte sich und hob das Beweisstück vom Boden auf. „Hier Detective." Er reichte Ortiz den Beutel mit der Visitenkarte, der beim Kampf arg in Mitleidenschaft gezogen worden war. Der Detektiv nahm ihn mit hochgezogenen Augenbrauen entgegen.„¡Gracias! Ich schätze, das ist jetzt nicht mehr zu gebrauchen, eh?" Vorwurfsvoll hielt er Five die zerknitterte Tüte vors Gesicht.
„Das werden wir auch nicht mehr brauchen", erwiderte Five selbstsicher. „Ich weiß genau, wie wir den Dieb zu Strecke bringen. Allein seine Visitenkarte verrät uns einiges."
Ortiz schaute verwirrt auf die zerknautschte Karte in seiner Hand. Seine Miene verdüsterte sich. „Was soll uns dieses Stück Papier verraten, he? Außer, dass sich der Dieb für einen Comic Superschurken hält? Was ist das überhaupt für ein Name, eh, Doktor Futurus? Erinnert mich an die unsinnigen Comics, die mein kleiner Bruder immer gelesen hat, als er ein niño, ein kleiner Junge war, da gab es auch einen Doktor, der gegen diesen Spinnenmann kämpfte, Doktor October, oder so ähnlich." Nachdenklich kratzte er sich am Bart. „Ist sowieso alles Unsinn, was in diese Heftchen steht,¡Qué estupidez!"
„Octopus, es heißt Doktor Octopus", murmelte Ben, ohne dabei die Stimme zu heben. Five sah seinen Bruder verblüfft an.
„Wie war das?", fragte Ortiz und richtete seine Aufmerksamkeit direkt auf Ben, der verschüchtert Schutz hinter Klaus suchte.
„Mein Bruder sagt, den Bösewicht, den sie meinen, heißt Doktor Octopus, nicht Doktor October!", wiederholte Klaus laut und deutlich Bens Worte. Ben flüsterte Klaus etwas ins Ohr. „Er sagt, dass liege an den Greifarmen, die ihn wie einen achtarmigen Oktopus aussehen lassen, deshalb der Name, . Er heißt nicht !"
„Octopus, October, was spielt das für eine Rolle, eh?", fragte Detektiv Ortiz ungeduldig. „Das hat nichts mit unserem Fall zu tun, no?"
„Das hat sogar eine ganze Menge damit zu tun!", erklärte Five, und warf einen dankbaren Blick in Bens Richtung. Sein scharfsinniger und Comicversessener Bruder hatte genau die richtigen Schlüsse gezogen! Jetzt musste er das Gesamtbild nur so präsentieren, dass es auch dieser schwachsinnige Polizist verstand. Five holte tief Luft.
„Unser Einbrecher leidet, genau wie der Comic Schurke, Dr. Octopus, an Größenwahn. Ein antikes Teleskop, wie Galileo Galilei es verwendet hat, ein Messgerät für Becquerel, entwickelt von Madame Curie und ihrem Mann", Five zählte an seinen Finger ab, „und jetzt noch eine Modellrakete der Explorer 1!
Der Einbrecher ist ohne jeden Zweifel ein Sammler, der sich auf wissenschaftliche Exponate spezialisiert hat und zwar auf ganz besondere. Alle markieren einen großen Sprung in der Geschichte der Wissenschaft und Dr. Futurus – was mit Sicherheit nicht sein richtiger Name ist – will sie haben. Die Rakete wird sicherlich nicht das letzte Ausstellungsstück sein, das er gestohlen hat, denn für Menschen, die unter Hybris, also Größenwahn leiden, gibt es kein Genug. Sie wollen mehr und immer mehr, das liegt in ihrer Natur.
Somit, Detektive, kommen wir zu meiner abschließenden Frage: Was passiert am Ende mit allen größenwahnsinnigen Schurken? Na, wissen sie das?" Five sah Detektiv Ortiz herausfordernd an.
Ortiz, der Fives Ausführungen stumm verfolgt hatte, zog ratlos die Schultern nach oben. „Ich ... eh ...habe keine Ahnung?"
Fives Augen funkelten triumphierend. Nichts anderes hatte er von dem Fettklops erwartet. „Ben, sag du unserem Detektiv doch, wie es überlicherweise für Comicschurken endet! Du bist hier der Experte für Comics!" Er nickte Ben, der sich noch immer hinter Klaus versteckt hielt, aufmunternd zu.
„Sie ... also sie werden von den Helden geschnappt, weil sie dumme Fehler machen...", murmelte Ben hinter Klaus Schulter hervor.
„Ganz genau, Ben! Danke!" Five schenkte Ben sein breitestes Lächeln und dieser strahlte zurück. Dann wandte er sich wieder dem Polizisten zu.
„Sehen Sie jetzt, wo das hinführt, Detektiv Ortiz? Dr. Futurus wird einen Fehler machen, genau wie alle Superschurken, und genau dann werden ihn überführen! Weil er uns direkt in die Hände spielen wird! Unser Fall ist demnach so gut wie gelöst!" Fives Gesicht hatte einen siegessicheren Ausdruck angenommen.
Detektiv Ortiz Blick wurde immer ungläubiger, seine Augen wanderten von der Karte in seiner Hand zu Five und wieder zurück. Argh! Hatte er es doch gewusst! Dieser kleingeistige Polizist hatte nichts von seinen und Bens Erklärungen verstanden! Da half wohl nur die direkte Methode. Five straffte seine Brust und trat einen Schritt nach vorne.
„Umbrella Academy, aufgepasst, wir sind gefragt! Luther! Allison! Ihr verhört noch einmal den Wachmann des Museums. Findet heraus, ob er der Polizei irgendetwas verschwiegen hat. Jedes kleinste Detail könnte wichtig sein, also quetscht ihn richtig aus! Lasst euch auch die Überwachungsbänder zeigen, okay? Allison, du setzt deine Rumour – Kräfte ein, wenn der Wachmann sich weigert zu kooperieren, klar? Und Luther, du hälst ihn in Schach, wenn er irgendeinen Blödsinn anstellen will. Benutz einfach, mhhh ... deine Muskeln!"
„Geht klar, Five! Wir regeln das! Auf die Babies hier ist Verlass", sagte Luther und ließ seine Muskeln spielen. Allison, die die Arme verschränkt hatte, setzte zum Protest an, doch zog Luther sie schon Richtung Tatort fort.
Five atmete erleichtert aus, die kratzbürstige Allison war er schon einmal los und den Dummkopf Luther gleich dazu. Doppel Bingo. Blieben noch zwei Geschwister übrig.
„Klaus! Du siehst dich in den Ausstellungsräumen um! Auch wenn es bei den Einbrüchen keine Toten gegeben hat, vielleicht nimmst du ja irgendwelche Schwingungen auf, die uns weiterhelfen könnten. Fahr einfach deine übersinnlichen Antennen ein wenig aus, möglicherweise entdeckst du ja etwas", wies er seinen Bruder an.
„Und Ben, du kommst mit mir, ja? Wir sehen uns mal draußen genauer um. Los geht's!"
Klaus sah ihn unglücklich an. Die ängstlichen Augen seines Bruders stachen ihn genau ins Herz, denn natürlich hatte Five nicht vergessen, dass Klaus ungeheure Angst vor seinen Kräften hatte. Die vielen gemeinsamen Nächte im Mausoleum brannten immer noch schmerzhaft in seiner Erinnerung. Die Schreie, die Tränen, seine eigene Verletzung am Bein. Die seelischen Wunden waren nicht verheilt und jetzt zwang er Klaus, seine Fähigkeiten erneut einzusetzen. Er kam sich vor wie ein seelenloses Monster, doch Klaus brauchte eine Aufgabe, er durfte ihn nicht vor ihrem Vater bloßstellen. Wer wüsste schon, was dieser mit ihm anstellen würde, sollte er herausfinden, dass Klaus es nicht einmal tagsüber wagte, seine Kräfte zu nutzen? Eine Lösung musste her, eine, die seinen Bruder in den Augen ihres Vaters nicht wie ein Häufchen Elend aussehen ließ ...
„Weißt du, was, Klaus? Besser du nimmst Ben mit, er soll dich unterstützen, in Ordnung? Ich komme alleine eh am besten klar, da stört mich wenigstens keiner beim Denken." Er zwinkerte Klaus unauffällig zu. Dieser hauchte ein stummes „Danke" und machte sich mit Ben an der Hand auf den Weg ins Gebäude.
„So, dann bleibe nur ich übrig.", stellte Five fest. „Ich werde mich auf dem Außengelände noch einmal umsehen. Sie sagten, dass es bei allen Diebstählen keinerlei Einbruchspuren gegeben habe, richtig?"
Detektiv Ortiz, der mit offen stehendem Mund beobachtet hatte, wie Five das Kommando über den Einsatz übernahm, nickte ihm zu.
„ ¡Cierto!, keinerlei Spuren, an keinem der Tatorte wurden Türen oder Fenster aufgebrochen, es ist, als könnte der Einbrecher einfach verschwinden und wieder auftauchen wie eine mago, wie sagt man, wie eine ... Zauberer! Einfach so, eh ?" Dabei schnippte er mit den Fingern.
„Dann wird es Zeit, dass wir diesem Zauberer mal seinen Zauberumhang entreißen!", sagte Five in entschlossenem Ton. „Und ich werde derjenige sein, der ihn enttarnt, verlassen Sie sich darauf! Five richtete seinen Blick auf das Museum.
Eins noch, Ortiz, machen Sie sich doch in der Zwischenzeit nützlich und finden Sie heraus, ob in letzter Zeit irgendwelche Wissenschaftler aus High Tech Firmen vermisst werden. Fragen Sie nach in Biolaboren, Robotikfirmen und vergessen Sie nicht die Firmen, die im Bereich der Mikroelektronik oder im Quantencomputing arbeiten. Klappern Sie einfach jede Firma im Umkreis ab, die etwas mit Technik und Entwicklung zu tun hat. Höchstwahrscheinlich stammt unser Doktor nämlich aus einer. Sie wissen ja, verrückter Wissenschaftler und so."
Five zog Richtung Museum los, einen verdatterten Detektiv Ortiz hinter sich lassend.
„¡Madre mía! Dieser Junge ist, eh... es muy extraño. ¡Todos están locos! Wer ... oder was sind diese niños ?", fragte Detektiv Ortiz stammelnd und bekreuzigte sich eilig.
„Das, Detektiv, ist die Eingangsklasse der Umbrella Academy!", sagte Sir Reginald Hargreeves mit stolzgeschwellter Brust und machte sich dann ebenfalls Richtung Tatort auf.
